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Ich machte mich für die Nacht zurecht, schlüpfte unter die Decke und schlief fast sofort ein. Soviel zu meiner Angst um mein Leben. Diese Nacht verlief ohne jede Störung und so erwachte ich am nächsten Morgen sehr früh. Ich versuchte noch einmal einzuschlafen, doch ich war wach und dachte augenblicklich an Sebastian. An die Ereignisse von gestern Abend und davor. Mir wurde ganz heiß im Gesicht, als ich mich daran erinnerte, wie ich ihm das Hemd förmlich vom Körper gerissen habe.
Und dann musste ich an seine Küsse denken. Mir wurde das Herz schwer. Wieso kann er kein ganz normaler Mann sein? Ausgerechnet ein Vampir! Als wäre mein Leben nicht ohnehin kompliziert genug gewesen. Nein, eigentlich war es im Vergleich zu jetzt, ziemlich langweilig. Entschlossen sprang ich aus dem Bett und stellte überrascht fest, dass meine Vorhänge noch immer offen waren. Also hatte er es letzte Nacht nicht gewagt mein Zimmer zu betreten. Was sagt das wohl aus?
Da ich ihn heute sowieso einiges Fragen wollte, kann ich diese auch gleich mit dran hängen. Ich schlüpfte in meine Kleidung und ging ins Bad. Nach dem Zähne putzen, kehrte ich zurück ins Zimmer und sah aus dem Fenster. Wie Angekündigt regnete es heute in Strömen, ein typischer Tag für England. Ich hob meine Hand und zog die Vorhänge zu. Als ich damit fertig war, wurde mir erst Bewusst was ich tat. Ich schloss das Licht aus. Das konnte ich nicht einmal vor mir rational erklären.
Ich verließ mein Zimmer und ging nach unten. Im Flur war es durch die fehlende Sonne noch dunkler und düster als sonst. Je weiter ich nach unten kam, um so mehr verstärkte sich der Eindruck. Mein erster Weg führet mich ins Speisezimmer. Wie schon gestern, fand ich auch heute ein Frühstück vor. Nur war dieses mal keine Nachricht von Sebastian dabei. Wozu auch ich kannte sein Geheimnis. Ich setzte mich und frühstückte ausgiebig. So gestärkt machte ich mich auf die Suche nach meinem Vampir, wie ich ihn für mich nannte.
Mir war klar, wo ich mit der Suche zu beginnen hatte – im Keller. Vorsichtig öffnete ich die Tür, ich wollte keinen Lärm machen, denn schlafende Hunde sollte man nicht wecken. So leise wie möglich schlich ich die Treppe nach unten und fand mich wieder in dem leeren, von Kerzenlicht erhellten Raum wieder. Der Kandelaber war an der Wand befestigt und spendete nur schattiges Licht. Zögernd trat ich an die Holzkiste heran, ich erwarte fast das Sebastian heraussprang und mich zur Rede stellte. Obwohl, wenn er es wie gestern macht, hätte ich nichts dagegen.
Schnell schob ich die erotischen Bilder, die vor meinem Auge auftauchten, beiseite, das brachte mich hier nicht weiter. Ich taste die Kiste zu beiden Seiten ab und entdeckte einen kleinen Hebel auf der linken Seite. Bevor ich es mir anders Überlegen konnte, zog ich daran. Die Kiste sprang auf und gab eine weitere Treppe nach unten frei. Auch hier war der Weg mit Kerzenlicht erhellt. Mein Puls begann zu rasen und die Angst schnürte mir die Kehle zu. Ich wusste ich sollte und dürfte nicht hier sein. Er würde toben vor Wut, wenn er mich sehen könnte. Aber das tut er nicht, flüsterte mir eine innere Stimme ins Ohr. Und so machte ich mich auf den Weg nach unten.
Unten sah ich ihn. Er lag auf einem gewöhnlichen Bett, unter die Decke gekuschelt und schlief. Ich trat näher und sah mich um. Der Raum, obwohl Raum das falsche Wort war, es war eher eine Höhle. Die Wände waren grob aus dem Stein gehauen worden und der Fußboden bestand aus glattgetretenem Stein. Es gab auch noch einen andere Tür. Wahrscheinlich war das ursprünglich ein Fluchtweg aus dem Haus gewesen. Ganz früher, zu Zeiten des Adels, ließen diese häufig solche Fluchttunnel anlegen. Nun diente er als Schlafkammer für einen Vampir.
Auf zwei Seiten verteilt standen auf Regalen unzählige Bücher. Lesen schien eine seiner Lieblingsbeschäftigungen zu sein. Außerdem stand auf einem Schreibtisch davor ein Laptop, der wirkte total fehl am Platz, nahm ihm von seiner Mystik. Daneben lagen lose Blätter und ein Stapel Zeitungen. Ich hatte genug gesehen, all das interessierte mich nicht. Ich trat an das Bett heran. Nur er interessierte mich. Ich betrachtete seinen schönen bleichen Züge. Atmete ein Vampir?
Vorsichtig streckte ich meinen Arm aus und hielt meine Hand über seinen Mund. Kein Luftzug war zu spüren. Ich beugte meinen Kopf zu ihm hinunter und lauschte dicht über seinen Lippen, doch nichts war zu hören. Vampire atmen nicht. Was trug eigentlich ein Vampir im Bett. Pyjama, Unterwäsche oder nichts? Ob ich es wagen konnte? Ich sah wieder auf ihn herab, er rührte sich nicht. Warum nicht. Mit zwei Fingerspitzen faste ich die Decke und hob sie ein Stück nach oben. Enttäuscht ließ ich sie wieder sinken. Er trug Boxershorts und ein T-Shirt. In meiner verklärten Vorstellung war er ohne allem gewesen.
Einen Augenblick blieb ich noch neben dem Bett stehen und betrachtete ihn. Dann wandte ich mich ab und stieg langsam die Treppe hoch, ein letztes mal drehte ich mich zu ihm um und in einer dunklen Ecke einen Kühlschrank! Schnell sprang ich die Stufen wieder nach unten. Wozu braucht ein Vampir einen Kühlschrank? Erst jetzt bemerkte ich das Kabel das am Boden entlang zur Treppe verlief und da sehr gut verborgen nach oben ging.
Ohne zu Überlegen riss ich die Kühlschranktür auf und erblickte ein halbes Duzend Blutkonserven. Von wegen er tötet nur Menschen um zu überleben! In mir keimte der Verdacht auf, dass er mich in einigen Punkten belogen hatte. Er war gar nicht so eiskalt, wie er mir glauben machen wollte. Vielleicht ist das auch ein perverses Spiel, dass er da mit mir treibt.
Auf jeden Fall warf dieser Fund wieder einige Fragen über ihn auf. Ich schloss den Kühlschank nicht, sondern ich warf die Tür voller Wucht zu. Dann zuckte ich erschrocken zusammen. Mir war wieder eingefallen, wer hinter mir so friedlich schlummerte. Vorsichtig lugte ich über meine Schulter zurück. Doch er lag immer noch tiefschlafend da. Erleichtert stieß ich die Luft aus. Ich merkte erst jetzt das ich sie angehalten hatte. Entschlossne trat ich den strategischen Rückzug an, in der Meinung ich sollte mein Glück nicht überstrapazieren.
Oben angekommen, ich hatte alle Türen hinter mir wieder sorgfältig geschlossen, ich wollte ja nicht schon wieder von ihm erwischt werden, sah ich erst mal auf meine Uhr. Es war noch immer sehr früh. Vor mir lag ein langer, langer Tag. Mir fiel ein das ich auch meinem Chef noch Bescheid geben musste. Leise probierte ich ob sich die Eingangstür öffnen ließ. Sie ließ. Entweder war er ein lausiger Geiselnehmer oder hinter seinen hitzigen Worten steckte sehr viel heiße Luft. Auch so eine Sache, er sagte im Zorn sehr viele Dinge, die bei näherer Betrachtung nicht ganz so ernst zu nehmen waren.
Ich verließ das Haus und informierte meinen Chef, dass das Haus nicht zum Verkauf stand. Außerdem bat ich ihn um ein paar Tage Urlaub. Da ich aus den vergangen Jahr noch einen Resturlaub hatte und er mich in den nächsten Tagen sowieso nicht sehen wollte, er gab mir die Schuld für das geplatzte Geschäft, wenn der wüsste, erwies er sich gnädig und ich hatte eine Woche frei. Frei um meinem Reiszahn auf den Zahn zu fühlen.
