10.
Einblicke
Auf dem Weg zum Schloss erging Hermine sich in Selbstvorwürfen. Wie hatte sie diesem Plan nur zustimmen können? Ein heimliche Verabredung mit Snape war nicht gerade das, was sie sich unter einem Schritt in die Normalität vorstellte. Er hatte ihr vorgeschlagen, dass er sie erneut in ihrer Wohnung aufsuchen würde, doch Hermine hatte dies kategorisch abgelehnt. In Gedanken hatte sie ein Szenario vor Augen, das ihr eine Gänsehaut überlaufen ließ. Snape, der in mentaler Verbindung mit ihr stand - eine auffliegende Wohnungstür - ein tobender Harry - ein ebenfalls tobender Snape...und sie mittendrin...schuld an dem ganzen Desaster.
Sie hatte Snape gegenüber darauf bestanden, erneut nach Hogwarts zu kommen. Es sollte nicht schwer sein, einen passenden Zeitpunkt zu finden, denn Harry war oftmals von früh morgens, bis spät abends im Büro. Zudem wollte Hermine noch einmal mit Dumbledore sprechen und ihn zumindest teilweise einweihen und sich für seine Diskretion bedanken. Sie hoffte, dass er verstand, dass sie diesen Weg gehen musste; auch wenn sie selbst es am allerwenigsten verstand. Wie hatte es so weit kommen können, dass Snape und sein indiskreter Akt, in ihre Gedanken einzudringen, plötzlich den einzigen Weg zu ihrer geistigen Gesundung darstellten? Ihr einziger Trost war der Vorsatz, es ihn nur ein einziges mal tun zu lassen. Sie wusste, dass dies ein kindischer Gedanke und eine schlechte Rechtfertigung für die Verdrängung ihrer Schuldgefühle gegenüber Harry war. Dennoch musste sie an solchen kleinen Dingen festhalten, denn das was hier geschah, erschreckte sie bis ins Innerste.
Snape hingegen hatte äußerst zufrieden ausgesehen. Kein Wunder, hatte er doch letztendlich seinen Willen bekommen. Hermine fühlte sich miserabel wenn sie daran dachte, dass er Zugriff auf alles in ihrem Kopf haben würde. Aber er hatte ihr sein Wort gegeben, dies nicht gegen ihren Willen auszunutzen. Doch reichte dies? Vertraute sie den Worten dieses Mannes? Mit wütender Verzweiflung gestand sie sich ein, dass sie darauf angewiesen war ihm zu vertrauen. Wenn er sein Wort brach, würde er teuer dafür bezahlen - dies zumindest schwor sie sich.
Als sie sich mit kurzen Worten von Snape verabschiedet hatte, nickte er nur still. Sein Blick hatte auf dem See gelegen. Es war fast so, als suche er dort etwas, das einfach nicht zu finden war. Hermine hatte sich irritiert abgewandt und abermals war ihr bewusst geworden, dass der Mann mit dem sie jetzt diesen Deal hatte, inzwischen alles andere als ihr Lehrer war. Sie erkannte Nuancen an ihm, die sie früher nie entdeckt hatte. Denn welche Eigenschaften sie ihm auch immer hatte zuordnen können, eine melancholische Ader hatte mit Sicherheit nie dazu gehört.
Im Schloss angekommen entdeckte sie schon Harry, der mit McGonagall und einem Gryffindorspieler in der Eingangshalle stand. Der Schüler hatte gerötete Wangen und offensichtlich waren die drei gerade in ein Gespräch über das Spiel vertieft. Hermine gesellte sich dazu. "Wie ist es gelaufen?" erkundigte sie sich.
"Gryffindor hat gewonnen", erklärte Harry begeistert, worauf der Spieler noch etwas mehr errötete. Auch Professor McGonagall sah überaus zufrieden aus, dennoch war ihre Stimme ein wenig tadelnd: "Es war ein Freundschaftspiel - aber etwas Übung kann nie schaden."
"Wo ist denn Professor Dumbledore?" erkundigte sich Hermine.
Harry antwortete ihr: "Oh, er hat mich gebeten dich noch einmal zu grüßen und dich daran zu erinnern, dass wir hier stets willkommene Gäste sind. Leider musste er schon nach der Hälfte des Spiels ins Schloss zurückkehren, weil die Pflichten rufen, wie er so schön sagte. Ich denke wir machen uns nun auch auf den Heimweg, oder?"
Hermine stimmte ihm zu und beobachtete amüsiert das Gesicht des Gryffindorspielers, der wohl auf eine kleine Feier im Beisein des prominenten Gastes gehofft hatte. Minerva McGonagall lächelte Hermine und Harry an, dann sagte sie: "Es war schön, dass ihr uns besucht habt. Ich kann mich Albus' Worten nur anschließen - ihr seid jederzeit willkommen."
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Als Harry und Hermine wenig später im Hogwarts-Express saßen, um die Heimreise anzutreten,
erzählte Harry ihr noch einmal begeistert von sämtlichen Spielzügen und ließ es sich auch nicht nehmen, einige Quidditchgeschichten aus seiner eigenen Schulzeit aufzuwärmen.
Hermine genoss die unbeschwerte Unterhaltung und gewann dem inzwischen ungeliebten Sport auf diese Art ganz neue Seiten ab. Harrys Augen funkelten bei den Erzählungen und Hermine empfand ein tiefes Gefühl der Zuneigung. Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn zärtlich, was ihn wohl etwas überraschte. Über sein Gesicht huschte ein verblüfftes Lächeln: "Wofür war denn das?" Hermine lächelte zurück. "Es hatte keinen besonderen Grund", gab sie schulterzuckend zu. Dann sah sie, wie sich in seinen Augen ein begehrliches Funkeln bildete. Sie wartete darauf, dass auch sie dieses Begehren ihm gegenüber empfinden würde, doch das ersehnte Gefühl blieb aus. Als sie schließlich wieder in ihrer Wohnung angelangt waren, war Harry inzwischen zu müde um sein Verlangen erneut aufleben zu lassen. Es war spät geworden, da sie ursprünglich viel früher von Hogwarts hatten aufbrechen wollen. Gemeinsam nahmen sie ein schnelles Nachtmahl ein, bevor Harry zu Bett ging.
Hermine kuschelte sich in einen Sessel und dachte über den Tag nach. Vorsichtig zog sie die Kette hervor, die Dumbledore ihnen geschenkt hatte. Sie betrachtete den gläsernen Anhänger genau. Der Direktor hatte Recht - man konnte rein gar nichts sehen. Ob bereits jetzt etwas in ihm gesammelt war? Vorsichtig öffnete sie den Verschluss und konzentrierte sich auf das Gefühl, das sie durchdringen würde. Eine kurze, aber intensive Welle von Wärme und Begehren durchströmte sie. Dann war das Gefühl vorbei. Harrys Emotionen für sie waren tatsächlich greifbar gewesen. Es war schön, seine Empfindungen so nah zu spüren. Hermine schloss den Anhänger wieder und schwor sich, ihn erst viel mehr Gefühle sammeln zu lassen, bevor sie ihn erneut öffnen würde.
Ihre Gedanken schweiften ab. So sehr sie sich auch bemühte, nicht an ihren Deal mit Snape zu denken - ihre Erinnerung an jedes einzelne Wort zwischen ihnen zeigte ihr, dass dies ein wichtiges Ereignis für sie gewesen war. Sie sah genau seine Gesichtszüge vor sich, als er ihr den Vorschlag gemacht hatte. Seit wann war er so zugänglich? Was versprach er sich selbst davon? Sollte sie sich ihm wirklich so völlig ausliefern? Hermine bekam eine Gänsehaut bei diesem Gedanken. Doch was viel schlimmer war, als die Vorstellung, dass er diese Macht über sie haben würde, war die Erkenntnis, dass es sie erregte wenn sie an ihn dachte. Es lag vielleicht an den Emotionen, die der Anhänger ihr eben übermittelt hatte - eine späte Resonanz auf Harrys Begehren. Sie umfasste das gläserne Schmuckstück - ja, so musste es sein!
Harry fand sie früh morgens zusammengekauert in dem Sessel vor. Die Decke war zu Boden gerutscht und Hermine schien sich selbst zu wärmen, indem sie die Arme fest um sich geschlungen hatte. Die Morgensonne schien auf ihre nackten Beine und schickte dem durchgefrorenen Körper die erste Wärme des Tages. Bevor Harry sie vorsichtig wecken konnte, erwachte sie blinzelnd und sah ihn überrascht an. Verwirrt sagte sie: "Ich muss wohl hier eingeschlafen sein. Wie spät ist es?"
Harry sah kurz auf die Uhr: "Es ist halb acht - ich muss mich beeilen. Kommst du klar?"
"Ja, ja - natürlich", murmelte Hermine und streckte vorsichtig ihre steifen Glieder.
"Das sollte nicht zur Gewohnheit werden", mahnte Harry mit kritischem Blick.
"Ganz sicher nicht - dafür ist der Sessel eindeutig zu unbequem", erwiderte Hermine mit einem schiefen Lächeln. Hermine verabschiedete sich schon einmal von Harry und verschwand im Bad. Lange Zeit stand sie vor dem Spiegel und sah sich selbst an. Sie sah der Frau in die Augen, die letzte Nacht zum ersten mal bewusst an Snape gedacht hatte, als sie sich selbst befriedigte. Sie suchte nach Scham über dieses Benehmen. Sie suchte nach dem schlechten Gewissen, das einem doch angeblich ins Gesicht geschrieben stehen konnte. Sie suchte nach Schuld, weil sie vorsätzlich ihren Ehemann betrogen hatte. Betrogen? War es Betrug, wenn die Gedanken bei einem anderen weilten, während man sich Lust verschaffte? Oder war es schon alleine Betrug, weil man sich selbst Lust verschaffte? Aber Snape? Hermine dachte einen Moment verzweifelt nach. Es war ja nicht die Person selbst, der sie Zugang zu sich gestattet hatte. Es war nur der Snape aus ihren Träumen - ein erfundener Snape also, den es in Wahrheit nicht gab. Also war er so gut oder schlecht, wie jede andere erfundene Figur.
Doch was sie ansonsten vorhatte...sie würde ihm Zugang zu sich gewähren...zu ihrem Geist. Dies schien ihr ein gleichwertig intimer Akt zu sein, wie eine geschlechtliche Vereinigung. Aber halt! Er hatte es auch bei Harry getan - er war in Harrys Geist eingedrungen - also war eine geistige Verbindung etwas völlig anderes, rief sie sich zur Ordnung. Hermine legte die Hände vor die Augen und rieb sie so kräftig, bis Sterne hinter ihren geschlossenen Lidern tanzten. 'Heute?', schien ihre innere Stimme zu fragen. Laut und bestimmt antwortete sie: "Nein, nicht heute! Renn doch nicht zu ihm, als wärst du auf ihn angewiesen."
'Aber du bist auf ihn angewiesen', erklärte ihre innere Stimme vorsichtig.
"Das bin ich nicht! Ich werde gehen...aber nicht heute!"
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Gegen Mittag des gleichen Tages traf sie auf Hogwarts ein.
Hermine hatte einen langen und auch äußerst langweiligen braunen Rock gewählt. Die beige Bluse war hochgeschlossen und für die Hitze viel zu warm. Doch das Statement war eindeutig und sie bereute es keine Sekunde Snape zu demonstrieren, wie ernst es ihr gewesen war, dass er nie erfuhr was sich unter dieser Kleidung verbarg. Gleich nachdem sie angezogen war, hatte sie einen Zettel für Harry geschrieben. Sie teilte ihm mit, dass sie einige Kontakte aktivieren wollte, die ihr helfen würden in Zukunft wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Dies war keine Lüge, wie sie befriedigt feststellte. Auf nähere Nachfragen von Harry würde sie allerdings Studienkontakte vorschieben. Doch er würde ohnehin nicht weiter nachbohren. Alles was darauf abzielte, dass sie wieder ihr normales Leben aufnahm, wurde von ihm mit Zufriedenheit zur Kenntnis genommen - hinterfragt hatte er die Dinge noch nie intensiv.
Hermine atmete tief durch, als sie jetzt in das Schloss eintrat. Die Schule empfing sie mit pulsierendem Leben. Das Mittagessen war wohl in vollem Gange und Hermine hörte Stimmengewirr aus der Großen Halle. Sie wusste, dass ihr erster Weg sie zu Dumbledore hätte führen müssen. Es wurde langsam Zeit, ihm die Sache zu erklären. Doch was genau sollte sie ihm eigentlich erklären? Dass sie Harry nach Strich und Faden belog? Dass sie nicht das für ihn empfinden konnte, was eine Frau für ihren Mann empfinden sollte? Dass sie statt dessen unzüchtige Träume und Gedanken von ihrem ehemaligen Lehrer hatte? Sie würde dem Direktor diese Dinge mit Sicherheit nicht erklären, doch die Notwendigkeit, dass Snape ihr half, Zugang zur ihren Erinnerungen zu erlangen, dies würde sie ihm erklären.
Einen Moment lauschte sie auf die Stimmen, die aus der Halle zu ihr drangen. Dann seufzte sie leise und schalt sich selbst eine Närrin. Wie eine Diebin schlich sie sich die Treppe zu den Kerkern hinab. Die Düsternis umfing sie samtig. Nie hatte sie das Zwielicht, das hier herrschte, als so erleichternd empfunden. Ob sie Snape antreffen würde? Vielleicht war auch er in der Großen Halle - zumindest wäre dies sehr wahrscheinlich. Dennoch klopfte sie beherzt an die Tür, von der sie wusste, dass dahinter seine Privaträume lagen. Mit pochendem Herzen lauschte sie auf Geräusche von drinnen. Nichts geschah. Die Stille machte sie nervös. Erneut klopfte sie an. Doch das Ergebnis war das selbe. Unschlüssig, was sie nun tun sollte, stand sie noch einen Moment im dunklen Gang, als sie plötzlich Stimmen hörte, die sich näherten. Erschreckt kam ihr in den Sinn, dass sie sich in eine Falle begeben hatte. Natürlich würde hier Unterricht stattfinden. Kaum hatte sie das gedacht, erschienen schon die ersten Schüler auf dem Gang und sahen sie mit großen Augen an.
Hermine verfluchte sich immer noch still, doch ihre Stimme bekam den Professorenklang, den sie sich im Laufe der Zeit angewöhnt hatte.
"Ich bin auf der Suche nach Professor Snape. Habt Ihr die nächste Stunde bei ihm?"
Die Schüler stimmten dem mit wenig Begeisterung zu. Doch Hermine erkannte auch Hoffnung in deren Augen, offensichtlich glaubten einige, ihre Anwesenheit könnte bedeuten, dass der Unterricht ausfiel, oder sich wenigstens verzögerte. Doch schon teilte sich die Schülerschar, um ihrem gefürchteten Lehrer den Weg zu bahnen, damit er den Klassenraum öffnen konnte. Im ersten Moment bemerkte er die Besucherin gar nicht, die dort im dunklen Flur stand und deren Herz doch so laut pochte, dass es ihr vorkam, als würde das Geräusch den ganzen Kerker erfüllen. Erst als Snape den Blick seiner Schüler bemerkte, wandte er den Kopf in ihre Richtung und seine Augenbrauen hoben sich erstaunt.
Ohne das Wort an sie zu richten scheuchte er seine Schüler in den Klassenraum und befahl ihnen, sich ruhig zu verhalten. Dann schloss er die Tür hinter ihnen und ging einige Schritte auf Hermine zu. "Professor Granger - ich hätte nicht erwartet, Sie so schnell wiederzusehen", sagte er bedeutsam.
"Ich...bringe die Dinge nur gerne schnell hinter mich", erwiderte sie bemüht ruhig.
"Das bin ich von Ihnen eigentlich auch nicht anders gewohnt - doch ich muss Sie enttäuschen - ich habe Pflichten. Wie Sie sehen, erwarten mich Schüler, damit sie all das wertvolle Wissen aufnehmen können, welches Sie bereits partizipieren durften."
"Wofür ich Ihnen zutiefst dankbar bin", erwiderte Hermine spöttisch.
"Davon gehe ich aus", gab er ebenso spöttisch zurück.
"Wie lange müssen Sie heute noch unterrichten?", fragte Hermine schließlich versöhnlich.
"Diese Drittklässler dürfen sich eine Doppelstunde lang an einem Lähmungstrank versuchen. Wollen Sie zusehen? Um der alten Zeiten willen?"
"Sie lassen mich als Besucher an Ihrem Unterricht teilnehmen?"
"Sie können sich auch solange an den See setzen - mir ist es gleich."
Hermine nickte bedächtig. Dann sagte sie bestimmt: "Ich werde meine Zeit anders nutzen. Dennoch danke ich Ihnen für das Angebot. Wir sehen uns dann nach dieser Doppelstunde?"
Snape schien es nur recht zu sein, dass sie sein Angebot ablehnte: "Ja, nach der Doppelstunde habe ich frei - kommen Sie wieder her, dann sehen wir weiter."
Hermine sah zu, wie er im Klassenraum verschwand. Dass die Schüler mucksmäuschenstill waren, obwohl sie doch unbeaufsichtigt gewesen waren, wunderte Hermine nicht im geringsten. Schließlich war es Snape, der da vor der Türe stand und jedes Vergehen ohne Gnade ahnden würde, wie ihnen allen klar gewesen war.
Hermines Weg führte nun doch zu Dumbledores Büro.
Der Direktor empfing sie mit einem überraschten Blick.
"Hermine, welch eine Freude Sie so schnell wieder begrüßen zu dürfen."
Ihr Lächeln wich schnell einem ernsten Ausdruck. Nachdem er ihr einen Platz angeboten hatte, begann sie zögerlich zu sprechen.
"Professor Dumbledore - Sie haben sich sicherlich darüber gewundert, dass ich Sie bat, meinen ersten Besuch in Hogwarts vor Harry geheim zu halten. Nun, das liegt vor allem daran, dass er sich so große Sorgen um mich macht - zu große Sorgen. Es geht mir gut. Aber es gibt etwas, das mich in letzter Zeit sehr beschäftigt hat. Meine Erinnerungen an die Zeit vor meinem Unfall sind vollständig verloren gegangen. Zudem hatte ich einige seltsame Träume von Professor Snape." Bevor er Gelegenheit finden konnte, diese Träume näher zu hinterfragen, erklärte Hermine schon: "Es waren Träume, in denen ich ihn sterben sah. Dies war der Grund warum ich ihn aufsuchte. Ich sagte Harry nichts davon, weil es ihn nur beunruhigt hätte und er mit Sicherheit keinen Grund sehen würde, warum ich mit dem Professor Kontakt aufnehmen sollte, denn es sind nicht die ersten Albträume, die ich hatte. Aber mir war diese Sache dennoch wichtig und nun bin ich hier, weil Professor Snape mir helfen möchte, mich an die Dinge vor dem Unfall zu erinnern. Ich denke, ich bin Ihnen diese Erklärung schuldig - und ich danke Ihnen für Ihre Verschwiegenheit." Hermine atmete tief durch, nachdem sie dies alles so schnell wie möglich erzählt hatte.
Der Direktor faltete die Hände und sah sie durchdringend an.
"Also muss ich davon ausgehen, dass Harry auch diesmal keine Kenntnis darüber hat, dass Sie sich hier aufhalten?"
Hermine nickte zögerlich und das schlechte Gewissen lag wie ein schwerer Stein in ihrem Magen.
"Ja, doch auch wenn wir verheiratet sind, so bin ich schließlich immer noch ein eigenständiger Mensch, nicht wahr?"
Dumbledore lächelte jetzt ein schiefes Lächeln. "Natürlich sind Sie das. Dennoch wäre es mir lieber, wenn Sie Harry davon erzählen würden. Ich verspreche Ihnen jedoch, dass ich ihn nicht von mir aus über Ihre Besuche unterrichten werde - ich werde jedoch auch nicht lügen - können wir uns darauf einigen?"
"Natürlich! Ich würde nie von Ihnen verlangen, für mich zu lügen!", sagte Hermine nachdrücklich.
Dumbledore nickte zufrieden und sein Lächeln wurde herzlicher.
"Es ist nett von Professor Snape, Ihnen seine Hilfe anzubieten", sagte er deutlich erstaunt.
"Ja", erwiderte Hermine leise, "das ist wirklich nett von ihm."
Der Rest des Gesprächs verlief in neutralen Bahnen, wofür Hermine unendlich dankbar war. Um so mehr wurde ihr jedoch bewusst, wie sehr Dumbledore es begrüßen würde, wenn sie Harry endlich reinen Wein einschenken würde.
Als es schließlich Zeit wurde, verabschiedete sie sich vom Direktor und ging erneut zu den Kerkern. Ihre Nervosität wuchs mit jedem Schritt. Snape schien sie schon zu erwarten und bedeutete ihr, seine Wohnräume zu betreten. Kaum hatte sie einen Fuß hinein gesetzt, ließ er die Kerzen an den Wänden entflammen und deutete unwirsch auf eine Sitzgruppe vor dem Kamin.
"Ich hoffe, Sie erwarten keine Führung. Die fällt nämlich heute leider aus. Setzen Sie sich und zügeln Sie Ihre Neugier, sonst wird das hier ein schnelles Ende finden."
Hermine musste innerlich lachen. War es dem Tränkemeister etwa unangenehm, dass sie so unverhofft in sein Privatreich vordrang? Mit Sicherheit, entschied sie dann.
Dennoch setzte sie sich artig auf einen Sessel und sah ihn schließlich unsicher an. Er ignorierte sie und verblüfft bemerkte sie, wie er seinen Umhang auszog. Hermine schluckte unwillkürlich und sah in eine andere Richtung. Gegen ihren Willen bemerkte sie die Hitze in ihrem Gesicht. Als er sich schließlich ihr gegenübersetzte, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich ihm wieder zuzuwenden.
"Könnten wir bitte direkt anfangen?", fragte sie nervös.
Ein belustigtes Lächeln huschte über sein Gesicht und seine Stimme klang anzüglich: "So eilig, Professor Granger?"
Hermine spürte Wut aufflammen. "Hören Sie - Sie waren es, der dies angeboten hat. Wenn Sie nicht mehr möchten, dann lassen wir es. Doch wenn wir es tun...gemeinsam...ich meine, wenn Sie in mich eindringen...in meine Gedanken, meine ich...dann... - wir haben eine Vereinbarung, vergessen Sie das nicht!" Hermines Kopf schien inzwischen in Flammen zu stehen, doch sie wich seinem Blick nicht aus, der amüsiert ihren Ausführungen Respekt gezollt hatte. Mit jeder Zweideutigkeit, die sie unbeabsichtigt von sich gegeben hatte, waren seine Augen etwas belustigter geworden und auch um seine Mundwinkel lag ein amüsiertes Lächeln.
"Sie sind äußerst reizvoll, wenn Sie sich über sich selbst ärgern", sagte er herausfordernd.
"Schön! Dafür ist an Ihnen rein gar nichts reizvoll - wollen wir jetzt anfangen, oder was?"
"Natürlich, wo Sie mich doch so nett gebeten haben", sagte er ironisch, dann wurde er plötzlich sehr ernst und wie zur Unterstreichung seiner Worte beugte er sich ein Stück zu ihr vor.
"Ich gebe Ihnen mein Wort, nur in den Bereich Ihrer Erinnerung vorzudringen, der Ihnen selbst verwehrt ist. Und nun lassen Sie uns beginnen."
Hermine wusste nicht recht, was sie erwartete. Harry hatte es immer als höchst unangenehm beschrieben, wenn Snape in seine Erinnerungen eingedrungen war. Hermine hingegen sah ihm in einem Moment noch in die Augen, als sie auch schon spürte, wie er sich behutsam einen Weg in ihren Kopf bahnte. Es war nicht so gewaltsam wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Doch vielleicht lag es daran, dass sie sich nicht dagegen wehrte. Wie ein Schwimmer, der das Wasser um sich herum verdrängt, bahnte er sich den Weg zielstrebig immer weiter hinein in ihren Kopf hinein. Hermine bemerkte, dass er die angeschnittenen Erinnerungen ignorierte und sich statt dessen immer schneller fortbewegte. Kein Widerstand ging von ihr aus und sie war beruhigt, denn sie sah, was er sah. Dies gab ihr Sicherheit, dass er Wort hielt und sie entspannte sich immer mehr.
Nach scheinbar endloser Zeit hielt er inne. Hermine spürte, dass er nun mehr Kraft aufwandte. Der Schutzwall in ihrem Kopf war für sie fast ebenso greifbar wie für ihn. Eine träge Masse aus stahlblauem Eis, scharfen Splittern und treibenden Schollen, die unter der sichtbaren Oberfläche scheinbar endlos in die Tiefe reichen konnten , erstreckten sich vor ihrem geistigen Auge und symbolisierte auf diese Art ihre Gegenwehr, in diesen Bereich einzudringen. Hermine wusste, dass dies ein visuelles Bild war, das in Wahrheit Gedanken und Emotionen in ihrem Geist versiegelt hatte. Snape machte sich daran, die erste wackelige Eisscholle zu betreten und prüfte scheinbar, ob sie ihn tragen würde. Das visuelle Bild verschwand und statt dessen zeichnete sich mit erschreckender Genauigkeit eine Erinnerung vor ihren Augen ab.
Hermine war in eben jenem Raum, in dem sie sich jetzt befanden. Snape war bei ihr. Seine Augen waren auf ihren Körper gerichtet. Sie war nackt. Er hingegen war vollständig bekleidet. Hermine erkannte entsetzt die Fesseln, die ihre Hände gefangen hielten. Er drängte sie zu dem Tisch, von dem sie wusste, dass sie gerade jetzt und in diesem Moment davor saßen. Hermines Arme waren, an den Händen gefesselt, über ihren Kopf ausgestreckt. Sie konnte auf seltsame Weise sich selber sehen, wie sie wehrlos vor Snape lag. Er hielt ihren Blick eisern mit seinen Augen gefangen, während seine Hände ihre Schenkel auseinander schoben. Ihr Körper wand sich unter diesem Druck und bäumte sich auf, doch ohne etwas dagegen unternehmen zu können spürte sie, wie er einen Finger in sie schob und gleich darauf noch einen.
Hermine war sich bewusst, wie intensiv er sie erkundete und dabei gleichzeitig seine Hose öffnete. Immer noch hielt er sie fest. Nachdem er die Finger aus ihr zurückgezogen hatte, zog er sie mit einem Ruck noch ein Stück näher an die Tischkante und sah ihr direkt in die Augen, während er langsam in sie eindrang. Hermine sah sich selbst, wie ihre Arme weit über den Kopf gestreckt waren; wie sie mit makelloser Haut, die nicht eine einzige Narbe aufwies, wie auf dem Präsentierteller vor ihm lag. Sie sah ihre Brüste, die sich im Takt seiner Stöße bewegten. Und sie sah ihre weit gespreizten Schenkel, die Snape nun mit Nachdruck noch weiter auseinanderschob, um so tief in sie dringen zu können, wie es ihm gefiel. Hermine hörte ihr Wimmern und Flehen. Doch er schenkte ihr nur ein kaltes Lächeln. Sie sah, wie die Hände ihres Ebenbildes sich verkrampften; wie sie versuchte sich aufzubäumen, doch er drückte sie nieder, stieß kräftig in ihren Schoß und zwang sie so zurück auf den Tisch. Hermine sah, wie die andere Hermine ihm die Nägel in die Arme bohrte, mit denen er sie festhielt um sie auf diese Art nehmen zu können.
"NEIN!" schrie sie, "HÖREN SIE AUF! WEG! GEHEN SIE WEG!" Hermine sprang auf und stieß den realen Snape vor die Brust, was ihn aus dem Gleichgewicht brachte, weil er sich so schnell nicht aus ihren Gedanken hatte zurückziehen können.
Er sah sie in einer Mischung aus Verblüffung und Zorn an. Doch ehe er etwas sagen konnte, schrie sie: "Was haben Sie mir angetan? Dies war keiner meiner Träume...dies war eine Erinnerung - eine Erinnerung an...oh, mein Gott! Was haben Sie nur getan!"
Hermine schlug die Hände vor das Gesicht und riss sie schon im gleichen Moment wieder weg. In unbändiger Wut begann sie auf ihn einzuschlagen.
Snape wehrte die Schläge nicht ab. Erst als sie schluchzend zusammenbrach, hielt er ihre Hände fest und drängte sie auf die Couch zurück.
"Was jetzt?" schluchzte sie, "wollen Sie mir wieder Gewalt antun?"
Er schnaubte auf, dann zwang er sie, ihm in die Augen zu sehen.
"Nein, das will ich nicht! Und das tat ich nie! Beruhigen Sie sich! Hören Sie in sich hinein, Hermine - was empfanden Sie bei diesen Erinnerungen? WAS?"
Sie schüttelte wild den Kopf.
"Was empfanden Sie?" wiederholte er leise.
Hermine schloss die Augen und brach erneut in haltlose Tränen aus.
"Ich will das nicht - ich will das nicht...", wiederholte sie immer wieder.
Ihr war bewusst, dass er immer noch auf ihre Antwort wartete. Es hatte keinen Zweck zu leugnen. Er hatte nicht nur diese Erinnerung mit ihr geteilt, sondern gleichsam ihre Empfindungen. Und nun verlangte er, dass sie es aussprach.
Das Wort klang wie ein verzweifeltes Aufheulen, als Hermine es förmlich heraus schrie: "Lust! Ich habe Lust dabei empfunden!"
Snape zog sie an sich heran und hielt sie in seinen Armen. Hermines Gegenwehr erlosch, als er ihr beruhigend über den Kopf strich.
"Wir werden diesen Weg nun zu ende gehen", sagte er mit rauer Stimme und Hermine erkannte, dass ihm dies genauso schwer fiel wie ihr.
tbc
