Nachdem ff. net nun endlich willig ist (ich war es längst) kommt hier das neue Kapitel.
Liebe Grüße,
Kira
12. Kapitel
Wut
An diesem Abend ging Hermine mit Harry gemeinsam zu Bett. Sie wollte bei ihm sein. Wollte ihn still um Vergebung bitten. Doch vor allem wollte sie nicht allein sein und in Grübeleien verfallen. Die Erkenntnisse aus ihren Erinnerungen hatten sie wie ein Keulenschlag getroffen. Man erfuhr nicht jeden Tag, dass ein Mensch, dem man allenfalls Respekt entgegenbrachte, einen zu einer anderen Zeit zum willenlosen Sexsklaven hatte werden lassen. Sie ahnte, dass da noch viel mehr gewesen war - Szenen, die ebenso gewalttätig anmuteten, wie die, wo er sie auf dem Tisch genommen hatte. Der Gedanke war so unglaublich. Wie hatte sie Vergnügen an seinen Spielchen finden können? Rücksichtslos hatte er sie immer wieder in Besitz genommen. War er auch nur einmal zärtlich gewesen?
Hermines Blick wanderte zu Harry. Sein schwarzes Haar glänzte im Mondschein. Harry war zärtlich beim Liebesspiel. Sanft, dennoch ungeduldig - eigentlich sogar sehr auf sich fixiert, seit er bemerkt hatte, dass er ihr keinen Orgasmus verschaffen konnte. Verdammt, sie hatte doch nicht grübeln wollen, dennoch wanderten ihre Gedanken automatisch wieder zu Snape. Wie abscheulich sie sein Verhalten auch fand - es hatte sie eindeutig erregt. Auch jetzt ließ sie der Gedanke, ihm willenlos ausgeliefert zu sein, am ganzen Körper erschaudern. Das Pochen zwischen ihren Beinen nahm zu, als sie daran dachte, wie er sein Glied bis zum Schaft in sie geschoben hatte. Hermine drehte sich auf die andere Seite und befahl sich, diese Gedanken endlich ruhen zu lassen. Sie versuchte sich auf die Dinge zu konzentrieren, die Snape ihr hatte weismachen wollen, nachdem er so schändlich auf eigene Faust ihren Geist durchstöbert hatte. Er hatte nach etwas gesucht. Dass er so plötzlich darauf bestand, sie solle gehen, kam ihr mehr als merkwürdig vor. Ebenso die Tatsache, dass er ihr sagte, da wäre nichts gewesen. War ihre Beziehung von damals wirklich so nichtsbedeutend gewesen, dass sie keiner weiteren Erklärung bedurfte?
Je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie, dass er eine ganze Menge vor ihr verbarg. Doch was? Außerdem kam sie zu dem Schluss, dass er nur sehr schlecht die Rolle des Ignoranten gespielt hatte. Das, was er gesehen hatte, musste ihn selbst so schwer getroffen haben, dass er verwirrt gewesen war - diese Erkenntnis machte sie nervöser als alles andere. Warum sollte sie nicht wissen was geschehen war? Hatte sie selbst etwas so Schreckliches getan, dass sie es erfolgreich verdrängt hatte? Nach dem, was sie inzwischen über sich selbst wusste - über ihre abartigen Vorlieben beim Sex; über ihre mehr als zweifelhafte Wahl des Partners für diese Spielchen - war ihr klar, dass es vieles geben konnte, was sich noch in ihrem Geist verbarg.
Unruhig drehte sie sich abermals zur anderen Seite. Das Mondlicht warf die Schatten der Bäume vor ihrem Fenster an die Wand. Wie lange dunkle Finger griffen sie in den Raum, tasteten umher und wären dennoch am nächsten Morgen verschwunden, als hätten sie niemals die übernächtigte Phantasie zu angsteinflößenden Gedanken angeregt.
Hermine kuschelte sich an Harry, der kurz erwachte und ein brummendes Geräusch von sich gab. Als er wieder eingeschlafen war, begann Hermine lautlos zu weinen. Was hatte sie für Dinge hinter sich? Was immer Snape gesagt hatte - was immer er auch je getan hatte - sein letzter Rat an sie war der Beste gewesen, den er wohl je in seinem Leben erteilt hatte.
Hermine würde alles vergessen was gewesen war. Sie würde nicht weiter in einer Vergangenheit stochern, die selbst einem Snape Angst zu machen schien. Sie würde die erotischen Bilder in ihrem Kopf bekämpfen, bis nichts mehr von ihnen übrig war. Sie war jetzt Harrys Frau und sie würde ihm eine gute Frau sein. Mit diesem Gedanken schlief sie ein.
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Blut drang aus Snapes Mundwinkel. Sein Körper war gekrümmt. Mit der rechten Hand versuchte er seinen Kopf zu schützen, doch die Tritte hatten ihm bereits mehrere Finger gebrochen. Die Platzwunde an seiner Stirn blutete heftig und verklebte seine Haare zu einem grausigen Geflecht. Er sprach mit letzter Kraft. Die Worte wurden von einem Schwall Blut begleitet. Hermine hörte einen schrillen Schrei, der einfach nicht enden wollte. Erst als Snape von seinen Angreifern auf den Rücken gedreht wurde, hörte der schrille Schrei auf und statt dessen hörte sie wie er in Weinen überging - ihr Weinen. Snapes leblose Augen blickten in den Himmel.
Hermine schreckte hoch und sah sich panisch um. Die tastenden Schattenfinger schienen jetzt fast eine beruhigende Wirkung auf sie zu haben. Der Schrecken den man kannte, war immer noch besser als der unbekannte Schrecken. Ihr Atem beruhigte sich nur langsam. Trotz ihrer Furcht war sie froh, dass Harry diesmal nicht erwacht war. Denn obwohl sie immer noch unter dem schrecklichen Einfluss des Traumes stand, wies sie sich selbst zurecht. Sie musste Nachdenken. Hermine spürte eine stille Verzweiflung darüber, dass ihre Gedanken sich nicht richtig in eine Reihe bringen ließen.
Snape.
Ihre Träume.
Ihre Erinnerungen.
All dies war eine Einheit.
Sie hatte ihre Traumsequenzen als Bruchstücke ihrer Erinnerungen identifiziert.
Doch was war mit Snapes Tod?
Snape war nicht tot!
Er lebte.
In ihrem Kopf drehte sich alles.
"Keine Geheimnisse - nur ein Unfall - nichts als ein dummer, schrecklicher und dennoch stinknormaler Unfall", sagte sie leise zu sich selbst.
Snape hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass sie sich aufführte wie eine hysterische Ziege. Inzwischen schien diese Bezeichnung immer mehr zu ihr zu passen.
Erschöpft ließ sie sich wieder in die Kissen sinken.
Mit offenen Augen starrte sie zur Decke. Die Schatten machten ihr längst schon keine Angst mehr. Was ihr wirklich Angst machte war der Gedanke, dass sie es vermutlich selbst war, die Snape diesen grausamen Tod wünschte. Warum sonst sollte sich dieses Bild so lebhaft vor ihren Augen ausbreiten? Dann fiel ihr ein, was er zu ihr gesagt hatte. Er hatte ihr erklärt, dass eine Verbindung zwischen ihnen bestand - inzwischen wusste sie, dass sie eine sexuelle Verbindung gehabt hatten - den Begriff 'Hörigkeit' unterdrückte sie willentlich. Und er hatte ihr ebenfalls gesagt, dass es ihm seltsam bekannt vorkam, als sie ihm von ihren Träumen erzählt hatte. Und nun wollte er plötzlich, dass sie aus seinem Leben verschwand. Er wollte ihr einreden, dass sie sich alles nur einbildete.
Hermine wusste, dass diese Sache für sie noch lange nicht erledigt war. Jeder Versuch sich nur auf das hier und jetzt zu konzentrieren war zum Scheitern verurteilt. Es gab keine Möglichkeit die Vergangenheit zu ignorieren. Sie musste die Dinge mit Snape zu ihrer Zufriedenheit klären. Sie musst Frieden finden. Doch dann fragte sie sich insgeheim, ob es der sexuelle Reiz war, der sie auf den Gedanken brachte, ihn unbedingt wieder aufsuchen zu müssen. Gleichzeitig empfand sie jedoch auch ein brennendes Gefühl der Scham. Er hatte gesehen, was sonst nur ihr Ehemann sah. Er hatte Dinge mit ihr gemacht, die ihr Ehemann niemals mit ihr getan hatte - und auch niemals tun würde.
Hermine spürte die Hitze auf ihrem Gesicht - und die Hitze, die sich zwischen ihren Schenkeln bildete. Erneut rief sie sich zur Ordnung. Nein! Snape hatte nicht gesehen was Harry gesehen hatte. Ihre Narben hatte er niemals erblickt. Hätte er es getan, wäre ihm jegliche Lust an ihrem Körper vergangen. Erneut betrachtete sie ihren Mann. Harry liebte sie - er hatte etwas Besseres verdient, als eine Frau, die sich in erotischen Fantasien mit einem anderen erging.
Erst als die Morgendämmerung hereingebrochen war, war Hermine endlich wieder eingeschlafen. Inzwischen kam es ihr manchmal so vor, als würde sie mit jeder durchwachten Nacht auf einen Schlag um Jahre altern. Doch wenn sie sich bisher immer noch hatte aufraffen können, um Harry am Frühstückstisch Gesellschaft zu leisten, so fiel es ihr an diesem Morgen denkbar schwer. Zudem fühlte sie sich gereizt und unausgeglichen. Sie wies jeden Gedanken über den Auslöser ihrer Unzufriedenheit weit von sich. Dennoch war ihr klar, dass es alles andere als befriedigend war, Sklave der eigenen unerfüllbaren Fantasien zu sein.
Ihr Morgengruß war nur genuschelt und sie griff sofort zur Kaffeekanne. Harry warf ihr einen kritischen Blick zu. "Was wirst du heute machen?", fragte er und ließ seinen Blick auf ihr haften. Hermine ärgerte sich. Seit wann interessierte er sich so intensiv dafür? Bislang hatte es gereicht, wenn sie ihm am Abend von ihrem Tag erzählt hatte. Sie zuckte unschlüssig mit den Schultern. Harry atmete tief durch und stellte seine Kaffeetasse im gleichen Moment ab, wo Hermine ihre zum Mund führte.
"Hör zu - der Besuch in Hogwarts sollte dir klar gemacht haben, dass es noch ein anderes Leben gibt, als diese ständige Melancholie in der du offensichtlich versinkst. Hat die Schule dich nicht daran erinnert, dass du ebenfalls Teil einer solchen Einrichtung bist? Du solltest zu Uni fahren und deine Rückkehr bekanntgeben"
Hermine stellte ihre Tasse kräftig auf dem Tisch ab und funkelte Harry wütend an. "Was hältst du davon, wenn du diese Entscheidung mir überlässt"
"Vergiss es einfach", murmelte Harry resigniert, dann sah er sie mit einem Ausdruck an, den sie lange nicht bei ihm gesehen hatte. Sie erkannte ihn als seine Mimik wann immer er Snape in seiner Schulzeit über den Weg gelaufen war. Eine Mischung aus Zorn, Angst und Sturheit. Sie war irritiert, dass sie nun diese Emotionen bei ihm auszulösen schien. Seine Stimme klang nur mühsam beherrscht.
"Ich habe mich bemüht - das habe ich wirklich, Hermine. Aber es ist jetzt an dir, auch mal einen Schritt zu machen. Liegt dir überhaupt etwas daran, was ich denke? Liegt dir etwas an uns"
Hermine schluckte und nickte schließlich. Er fuhr sanfter fort: "Du weißt, dass ich die Schulferien über viel werde arbeiten müssen. Noch ein paar Wochen, dann werde ich dir einen lang gehegten Wunsch erfüllen"
Auf Hermines Gesicht bildete sich ein warmes Lächeln: "Ein Kind? Wir werden ein Kind haben"
Sie konnte zusehen, wie Harrys freundliche Miene zu Eis erstarrte.
"Ich meinte einen ausgedehnten Urlaub"
Hermine machte sich nicht die Mühe ihre Enttäuschung zu verbergen.
"Ein Urlaub? Ich sollte wohl mit dem zufrieden sein, was ich bekomme, oder?" Ihr Lächeln war an Bitterkeit kaum zu überbieten.
"Ja, in diesem Falle solltest du das", gab er bestimmt zurück.
Der Rest des Frühstücks verlief schweigend. Hermine fragte sich immer wieder, ob Harry diese entsetzliche Enttäuschung in ihrem Inneren nicht nachfühlen konnte. Konnte er nicht verstehen, dass der Wunsch, ein Baby zu bekommen, übermächtig war? Sie wusste, dass es ihn bereits viel Überwindung kostete, diesen Urlaub mit ihr zu planen. Eigentlich hatte er für so etwas keine Zeit. Harry hatte vielleicht keinen Ruhm gewollt, doch sein Ehrgeiz ließ sie manchmal an der Aufrichtigkeit dieser Bescheidenheit zweifeln.
Die Klingel riss sie aus diesen Gedanken.
Harry öffnete und nur wenige Augenblicke später stand Wilbur im Raum.
Hermine zog ihren Morgenrock enger, obwohl es für dieses Kleidungsstück ohnehin viel zu warm war. "Ich hole nur schnell die Unterlagen, Wilbur", sagte Harry und eilte in sein Arbeitszimmer.
Wilbur Haines lächelte Hermine an. In seinem blonden Haar leuchteten einige rote Strähnen in der Morgensonne. Hermine mochte ihn nicht sonderlich. Sie empfand seine hellen Augen als stechend und auch jetzt lag sein Blick unangenehm auf ihr. Hermine fiel auf, dass ihr Morgenrock sich an den Beinen geteilt hatte und die Sicht auf ihr rechtes Bein frei gab. Schnell deckte sie den Stoff wieder darüber und sah Wilbur mit einem gewissen Trotz an.
Seine Stimme klang gedämpft, was wohl Diskretion vermitteln sollte, Hermine kam es jedoch so vor, als wolle er ihr suggerieren, dass sie nun ein gemeinsames Geheimnis hätten: "Ich habe einen Onkel, der ist Medi-Magier. Du kannst dich natürlich nicht an ihn erinnern, aber Harry hat ihn damals zu dir ins Muggelkrankenhaus reingeschmuggelt. Sein Name ist Dr. Darius Vornholt"
Hermine nickte kurz und Wilbur fuhr fort: "Er konnte dir damals, als du im Koma lagst, nicht helfen - aber jetzt...vielleicht könnte er versuchen, die Narben zu beseitigen - teilweise zumindest, damit es nicht mehr so schlimm aussieht"
Hermine spürte Zorn in sich aufsteigen: "Wenn es jemanden stört, dann soll er mich eben nicht ansehen", stieß sie wütend hervor.
Im gleichen Moment bemerkte sie Harry, der im Türrahmen stand und die Unterhaltung still verfolgt hatte. Er sah sie einen Moment tadelnd an, bevor er sich an seinen Arbeitskollegen wandte.
"Das ist nett von dir, Wilbur, aber ich habe alle Möglichkeiten ausgeschöpft - die besten Medi-Magier haben sich bereits daran versucht, leider vergeblich - und ich fürchte, dass dein Onkel auch nicht mehr ausrichten kann"
Hermine konnte nicht glauben, was er da sagte. Er hatte alle Möglichkeiten ausgeschöpft? Hatten sie dies nicht gemeinsam getan? Doch schlimmer noch war die Erkenntnis, dass er ihr gar nicht zugehört hatte. Dass er nicht bemerkt hatte, wie sehr sie die Einmischung eines Außenstehenden verletzte. War ihre Meinung denn egal? Natürlich war sie ihm egal, stellte sie verbittert fest. Sie war eine entstellte Frau, die nicht nur ihre Schönheit, sondern scheinbar auch ihren klaren Verstand eingebüßt hatte. Wie paralysiert sah sie, wie Wilbur Harry ansah und bedauernd mit den Schultern zuckte. Sein Mitgefühlt galt offensichtlich dem Ehemann, der mit dieser Entstellung seiner Frau leben musste. Harry beugte sich zu Hermine und drückte ihr einen Kuss auf den Mund, den sie nicht erwiderte. Als er dies bemerkte sagte er leise: "Er hat es doch nur gut gemeint", dann lauter: "Bis heute Abend, Schatz - es wird spät werden." Beide verließen die Wohnung, wobei Wilbur nur kurz winkte, ohne sich zu ihr umzuwenden.
Es dauerte scheinbar eine halbe Ewigkeit, bis ein Marmeladenglas von innen gegen die Tür krachte. Hermine stand laut atmend da und betrachtet mit Genugtuung die Zerstörung und die rote Sauerei, die ihr Ausbruch an der Tür und auf dem Boden hinterlassen hatte. "Schlimm?", schrie sie den Männern nach, die längst das Haus verlassen hatten, "ich sehe schlimm aus?" Dann imitierte sie Harrys Tonfall: "Er hat es doch nur gut gemeint - verdammte Bastarde"
Mit einem Schluchzen sank sie auf den Teppich und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Es dauerte lange, bis sie sich beruhigt hatte. Im Badezimmer versuchte sie ihr verweintes Gesicht in Ordnung zu bringen. Aus roten, verquollenen Augen blickte ihr ihr Spiegelbild entgegen. "Macht ja nichts - du siehst ja ohnehin schlimm aus", fauchte sie sich selbst an. Sofort unterdrückte sie die neu aufflammende Wut. Sie konnte hier stehen und sich selbst beschimpfen - sie konnte allerdings auch den Weg nach Hogwarts antreten und Snape in die Mangel nehmen, damit er ihr endlich die Wahrheit sagte. Er hatte sie belogen, soviel stand fest, und sie war überzeugt, dass er sich emotional sehr getroffen gefühlt hatte. Dies war zumindest die einzige Erklärung dafür, dass sie seine Worte so leicht als Lüge durchschaut hatte; denn sie war sich sicher, dass er unter anderen Umständen ein hervorragender Lügner war.
Hermine entschied, dass es Zeit wurde sich wie eine Hexe zu verhalten - sie würde nicht Stunden im Hogwarts-Express verbringen. Sie würde apparieren. Zögerlich griff sie nach dem Zauberstab. Harry wäre nicht begeistert davon, da Hermine ihre eigenen Grundsätze über den Haufen schmiss. Sie war es gewesen, die sich soweit in die Muggelwelt begeben hatte, dass sie gleichzeitig ihre zauberischen Fähigkeiten auf ein Minimum beschränken wollte. Aber Harrys Meinung war ihr egal. Die Meinung der Hermine von gestern war ihr egal. Sie würde von jetzt an ihre Identität als magische Person nicht mehr ignorieren. Sie war eine sehr fähige Hexe - und fragte sich nun, warum sie all die Monate darauf verzichtet hatte, das zu sein was sie nun einmal war? Sie hatte scheinbar so vieles vergessen in letzter Zeit und irgendetwas in ihr, schien ihr diese Tatsache mit Gewalt ins Gedächtnis rufen zu wollen.
'Warum hast du vergessen, dass Snape dich auf einem Tisch gevögelt hat?', fragte ihre innere Stimme erbarmungslos. Und obwohl sie spürte, dass ihr Gesicht von einer Röte überzogen wurde, antwortete sie ihrer inneren Stimme laut: "Ich weiß nicht warum ich es vergessen habe - denn es war eindeutig zu gut, um es freiwillig zu vergessen!"
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"Was ist mit ihr los"
"Sie ist nur etwas empfindlich, weiter nichts"
"Bist du dir sicher, dass es nur das ist"
"Natürlich, was sollte es wohl sonst sein"
Wilbur sah Harry skeptisch an, doch er schwieg.
Diesmal wusste Wilbur, wann er zu schweigen hatte.
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Hogsmeade wirkte geradezu leer. Die nahende Mittagshitze sorgte dafür, dass kaum jemand auf den Straßen war. Hermine war direkt in das Zaubererdorf appariert. Diesmal wollte sie nicht mit leeren Händen bei Snape erscheinen. Sie bezweifelte zwar, dass die Flasche Feuerwhiskey, die sie im Eberkopf gekauft hatte, ihn ernsthaft davon abhalten würde sie hochkant rauszuschmeißen, aber wenn er das tat, würde sie die Flasche kurzerhand wieder mitnehmen und sie selbst leeren. Sie sah auf die Uhr. Er hatte noch Unterricht. Dabei hatte sie sich ohnehin schon viel Zeit mit dem Apparieren gelassen. Es war wohl an eine volle Stunde gewesen, die sie vor dem Kleiderschrank verbracht hatte. Was trug man, wenn man dem Mann begegnete, der einem scheinbar einst das Hirn rausgevögelt hatte, der einem aber jetzt so fremd war, dass man ihm nicht einmal Sicht auf ein Knie gewähren wollte. Die Antwort war eigentlich simpel gewesen. Ein schwarzes, knöchellanges Kleid mit halblangen Ärmeln. Hermine hatte fast schon vergessen, dass es in ihrem Schrank hing. Es war nicht unbedingt ein Kleidungsstück, das ihr gute Laune verlieh. Doch gute Laune wäre bei Snape ohnehin fehl am Platze. Im Gegenteil, sie musste hartnäckig sein, soviel war ihr klar.
Hermine vertrödelte die Zeit in den Geschäften des kleinen Ortes und war bald um eine bibliophile Ausgabe einer Merlinbiographie reicher. Schließlich beschloss sie ihr Grübeln einzustellen, das sie die ganze Zeit über begleitet hatte. Snape hatte es selbst gesagt, was sollte jetzt noch schlimmer sein als das, was sie bereits hinter sich hatten?
Wie einige Tage zuvor, schlich Hermine nach Betreten des Schlosses die Stufen zu den Kerkern hinunter. Sie wartete im Schatten einer Säule und sah wie Blinky, Snapes Hauself, eilig dessen Wohnräume verließ. Offensichtlich wollte er nicht Gefahr laufen, dass sein Herr ihn noch vorfand, wenn er heimkehrte. Hermine unterdrückte jede Wut über die Behandlung der Hauselfen. Schließlich war es nicht wirklich Snape, dem sie hier den Vorwurf machen konnte - er hatte ihn aufgedrängt bekommen und war damit alles andere als glücklich. Als der Elf verschwunden war dauerte es noch geraume Zeit, die Hermine damit verbrachte, sich ihre Worte immer wieder genau zurecht zu legen. Nach scheinbar endloser Zeit näherten sich Schritte. Als Snape mit einem gemurmelten Spruch seine Tür öffnete, trat sie aus dem Schatten heraus. Sofort wirbelte er zu ihr herum und seine Hand zückte bereits den Zauberstab. Sie erwartete einen Ausdruck der Erleichterung auf seinem Gesicht zu sehen, wenn er erkannte, dass ihm keine Gefahr drohte, sondern dass sie lediglich ein unwillkommener Besucher war. Sein Blick änderte sich jedoch nicht und wie unwillkommen sie wirklich war, erkannte sie an seinem drohenden Zischen: "Verschwinden Sie von hier - sofort!"
tbc
