13. Kapitel

Wahrheit

"Ich werde nicht eher gehen, bis Sie mir die Wahrheit gesagt haben. Ich weiß, dass da noch mehr war - ich weiß es einfach. Und das was zwischen uns war...ich muss es wissen - verstehen Sie das nicht?"

"Nein!", gab er unwirsch zurück. Dann stieß er die Tür auf, machte einen Schritt in seine Wohnung und drehte sich mit finsterer Miene zu ihr herum.

"Machen Sie, dass Sie wegkommen - und kommen Sie niemals wieder auf den Gedanken mich aufzusuchen."

Gerade als er die Tür schließen wollte, fragte sie: "Warum haben Sie solche Angst vor mir? Gibt es etwas das ich getan habe, und das so schrecklich war, dass ich es verdrängt habe?"

Ein ironisches Lächeln huschte über sein Gesicht. "Reicht nicht das was Sie gesehen haben aus, um zu erkennen, dass Sie etwas Schreckliches getan haben? Sie hatten Sex mit mir - etwas Schrecklicheres kann es doch wohl kaum geben, nicht wahr, Professor Granger?"

Die Bitterkeit in seiner Stimme irritierte sie.

"Das habe ich nicht gesagt", erwiderte Hermine hilflos und versuchte Zeit zu gewinnen, weil er dabei war seine Tür zu schließen. Er riss sie erst wieder auf, als er ihre Hand einklemmte, die sie eilig dazwischen geschoben hatte.

"Sind Sie verrückt?", blaffte er sie an.

Hermine verzog vor Schmerz das Gesicht und hielt ihre pochende Hand mit der anderen fest.

"Noch nicht - aber ich werde es, wenn Sie mir nicht endlich reinen Wein einschenken. Lassen Sie mich rein - wir müssen einige Dinge klären. Der Flur scheint mir dafür unpassend, also...darf ich eintreten?"

Snape stieß die Tür so weit auf, dass sie an die Wand knallte.

"Der Flur ist also unpassend? Wie wäre es dann mit dem Tisch, Professor Granger?", spie er ihr entgegen.

Hermine betrat, seine Anzüglichkeit ignorierend, den Raum. Hinter ihr knallte die Tür ins Schloss, als Snape sie auch schon anknurrte: "Warum können Sie nicht auf mich hören? Was muss ich denn noch tun, damit Sie es begreifen? Es gibt kein Geheimnis. Sie sind nur ein dummes Gör, das seine Nase in Dinge steckt, von denen es lieber die Finger lassen sollte." Er hatte so weit Abstand von ihr genommen, wie seine Räume es zuließen.

Hermine versuchte ruhig zu bleiben. Doch sie bemühte sich nicht, die Verzweiflung aus ihrer Stimme zu verbannen. "Können Sie sich überhaupt vorstellen wie es für mich ist? Wie furchtbar ich mich fühle? Ich habe immer noch diese Träume, und jetzt weiß ich nicht, was davon wirklich nur ein Traum, und was davon Erinnerung ist. Ich kann mich nur an Sie wenden - denn es gibt etwas, das uns verbindet - das waren Ihre eigenen Worte!"

Ehe sie recht wusste wie ihr geschah, kam Snape mit großen Schritten auf sie zu. Als er ihre Handgelenke packte, ließ sie vor Schreck die Tasche fallen, in die sie den Feuerwhiskey und das Buch gesteckt hatte. Die Flasche zerbarst und der Geruch von Alkohol erfüllte den Raum. Die Merlinbiographie saugte sich mit der Flüssigkeit voll. Snape schien wie von Sinnen. Er drängte Hermine gegen die Wand und presste seinen Körper dicht gegen ihren.

Seine Stimme war ein verzerrtes Flüstern: "Ja, es gab etwas das uns verband. Sex! Ist es das, was Sie wollen? Soll ich Sie erst ficken, damit Sie gehen? Wo wollen Sie's? Tisch? Boden? Bett? Los, reden Sie - Sie waren doch sonst nicht so schüchtern!"

"Bitte...", wimmerte Hermine.

"Was, bitte? Bitte nehmen Sie mich hier und sofort, oder bitte lassen Sie mich los?"

"Bitte...lassen Sie mich los."

Augenblicklich gab er sie frei.

"Gehen Sie", wiederholte er dann erschöpft.

"Warum bringe ich Sie plötzlich so in Rage?", fragte sie atemlos.

Er ignorierte ihre Frage und wies auf die Tür.

Stumm und ohne sich vom Fleck zu rühren, begann Hermine ihr Kleid aufzuknöpfen.

Snapes Augenbrauen zogen sich zusammen und er schüttelte entgeistert den Kopf.

"Was soll das werden? Wollen Sie mich tatsächlich verführen, um Ihren Willen zu bekommen."

Hermines Lächeln war voller Schmerz.

Ohne auch nur einen Moment inne zu halten, knöpfte sie ihr Kleid bis zum Bauchnabel auf und ließ es dann herabgleiten. Nur mit Unterwäsche bekleidet stand sie vor ihm.

Sie beobachtete ihn genau.

Snapes Augen wanderten über ihren Körper. Hielten einen Moment länger inne beim vernarbten Ansatz ihrer Brüste. Nahmen die Narbe in Augenschein, die quer durch ihren Bauchnabel verlief und wanderten schließlich zu ihren Beinen, die am schlimmsten entstellt waren.

Langsam und so würdevoll wie möglich, bückte sich Hermine und zog ihr Kleid wieder hoch. Sie hatte schon begonnen es zuzuknöpfen, als sie zu ihm sagte: "Jetzt wissen Sie, warum ich Ihnen sagte, dass es Ihnen nicht gefallen würde was sich unter meiner Kleidung verbirgt. Und jetzt wissen sie auch, warum es mir so wichtig ist, mehr über den Unfall zu erfahren."

Snape wich ihrem Blick aus. Er zog seinen Zauberstab hervor und reparierte die Flasche Feuerwhiskey, trocknete das Buch und ließ beides auf den Tisch schweben. Als ihre Blicke schließlich wieder aufeinander trafen, durchfuhr es Hermine wie ein Blitz. Sie sah Trauer in seinen Augen. Es war keine Abscheu - es war Traurigkeit. Doch gleichsam sah sie noch etwas anderes. Eine Entschlossenheit ging von ihm aus, die ihr Angst einflößte. In dem Moment wo er seinen Zauberstab auf sie richtete, war ihr klar was er vorhatte. Er wollte ihr die Erinnerungen nehmen, die sie so schmerzvoll gemeinsam erarbeitet hatten. Die Spitze des Stabes war auf sie gerichtet und seine Augen wurden unnachgiebig und dunkel wie die Nacht. Hermine erkannte, dass er glaubte, dies sei die einzige Chance die ihm noch blieb. Er hatte sie so oft gebeten zu gehen. Hatte ihr befohlen ihn in Ruhe zu lassen. Hatte Sie durch seine körperliche Bedrohung vertreiben wollen. Doch dies alles hatte nichts genutzt. Und nun griff er zu dem einzigen Mittel, das ihm dauerhaft Ruhe vor ihr verschaffen sollte. Einen Moment kam ihr in den Sinn, dass sie ihn gewähren lassen sollte, um endlich wieder Frieden zu finden. Doch dann dachte sie darüber nach, dass sie wieder allein wäre mit ihren Träumen, von denen Sie dann nicht mehr wüsste, dass sie teilweise Realität waren. Eine furchtbare Angst befiel sie, dann wieder ohne seine Hilfe zurechtkommen zu müssen.

Und als sie schon sah, wie er den Mund öffnete um den Vergessenszauber über sie zu sprechen, hörte sie ihre eigene Stimme, die nur ein Flüstern war: "Severus."

Von dieser vertraulichen Anrede völlig überrascht, ließ er den Zauberstab kraftlos sinken.

Hermine erkannte seinen Zwiespalt.

"Lass mich nicht wieder allein", sagte sie flehend. Mit diesen Worten schien sie etwas in ihm auszulösen, das ihn so schwer traf, dass seine Augen verräterisch glänzten. Und auch sie selbst fühlte plötzlich die starke Verbindung zu ihm. Er war nicht länger Snape für sie - er war zu Severus geworden. Zu einem Mann, den sie einmal so gut gekannt hatte, und von dem sie jetzt nur noch vage Erinnerungen hatte - dennoch war er ihr plötzlich so vertraut. Selbst seine Stimme klang, in ihrer sanften Art, urplötzlich sehr bekannt in Hermines Ohren.

"Ich will dir nicht weh tun - und doch habe ich nichts anderes in der Vergangenheit getan", sagte er leise.

Hermine war völlig verwirrt über seine Worte, aber sie erkannte ihre Chance zu ihm durchzudringen.

"Wenn du mir jetzt meine Erinnerungen nimmst, dann tust du mir weh. Bitte, lass mich teilhaben. Egal was du getan hast - ich werde es überleben."

Sein Schauben klang gequält. "Da wäre ich mir nicht so sicher", erwiderte er und seine Augen glänzten erneut.

Hermine spürte wie ihre Kehle sich zuschnürte. Jedes Wort das sie nun hervorbrachte, schien Schwerstarbeit zu sein.

"Wir hatten eine sexuelle Beziehung, die recht...intensiv war. Ich bin mir dessen inzwischen bewusst. Wenn ich mehr davon sehe, dann wird es mich nicht mehr so schockieren wie zu Anfang. Mir ist bewusst, dass es ziemlich...heftig zuging. Aber diese Erinnerungen sind es nicht, die ich sehen muss um wieder zu mir selbst zu finden. Ich muss wissen was vor meinem Unfall geschehen ist und wer unsere Erinnerungen beeinflusst hat. Du weißt es, Severus - das ist mir klar - du darfst mir dieses Wissen nicht vorenthalten! Wenn uns jemand manipuliert hat, so müssen wir ihn zur Rechenschaft ziehen...er soll dafür bezahlen!"

Snape sah sie einen Moment bewegungslos an, dann hob er die Arme ergeben zu beiden Seiten seines Körpers an und seine Stimme klang kraftlos als er sagte: "Du willst ihn bezahlen lassen? Dann fang an - nimm deinen Zauberstab zu Hilfe - ich werde mich nicht wehren."

Es dauerte ein paar Sekunden bis Hermine die Bedeutung dieser Worte verstand.

"Nein...nein...du? Du selbst warst es? WARUM?"

"Glaube mir, dass ich gute Gründe dafür hatte. Ich weiß, dass du Zorn in dir trägst...und ich habe ihn mehr verdient als du es dir vorstellen kannst. Doch wenn du fertig mit mir bist, dann geh - und komm niemals wieder."

"Was soll ich mit diesen Informationen anfangen? Was glaubst du, was ich jetzt tue? Dir Flüche auf den Hals hetzen? Ich weiß ja nicht einmal was du mir getan haben sollst!"

Snape lachte freudlos. "Du willst eindeutige Gründe? Gut - von mir aus! Ich habe dein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Ich habe aus dir einen anderen Menschen gemacht!"

Hermine sah ihn abwartend an. Als er nicht fortfuhr sagte sie: "Du hast mich sexuell an dich gebunden. Das ist in der Tat nicht die Hermine, wie ich mich selbst kenne. Soll das heißen, du hast mich mit einem Fluch belegt, damit ich dir auf diese Art gefügig bin?"

Snape sah sie einen Moment irritiert an, dann lachte er entgeistert auf: "Bei Merlin - das glaubst du? Du glaubst dies wirklich, nicht wahr, Hermine?"

Sie senkte den Blick und es dauerte einen Moment, bis sie ihn trotzig wieder hob.

"Ich weiß nicht was ich denken soll. Du hast mir gesagt, du hättest dich schuldig gemacht. Du sagtest, du hättest einen anderen Menschen aus mir gemacht. Ich habe all diese Erinnerungen gesehen und ich weiß, dass es noch mehr davon gibt - viel mehr, wie mir scheint...was also soll ich sonst denken, wenn nicht das?"

"Ja, so war es! Ich habe dich mit einem Fluch belegt und deine Hilflosigkeit ausgenutzt. Und jetzt bezahle ich dafür." Erneut hob er zum Zeichen seiner Wehrlosigkeit die Arme.

"Hör auf damit! Hör endlich auf!", schrie Hermine wie von Sinnen. "Wann bist du zu einem so elendig schlechten Lügner geworden, Severus Snape?"

Er ließ seine Arme wieder sinken und rieb sich die Augen.

Dann sah er sie eingehend an, als wolle er sie genau studieren.

Hermine wartete auf seine Antwort. Sie wusste, dass er nachgeben würde. Irgendetwas sagte ihr, dass er nicht länger gegen sie ankam. Und tatsächlich begann er zu sprechen.

"Ich hätte es ahnen müssen. Vom ersten Augenblick an, als du zu mir kamst und mir von deinen Träumen erzähltest. Aber ich habe die Zeichen nicht erkannt. Ich habe versagt - mehr, als ich es schon damals befürchtet hatte."

Hermine schnaubte ungeduldig. "Bitte - sag es mir!"

Snape sah sie noch einen Moment an, dann wies er auf den Sessel und Hermine kam seiner Aufforderung nach, indem sie sich ihm gegenüber setzte.

Seine Stimme klang schleppend, als er jetzt zu ihr sprach.

"Nicht die Hermine in deiner Erinnerung ist die beeinflusste - die Hermine die du jetzt bist ist es."

Sie sah ihn zweifelnd an.

Er lachte freudlos und wurde gleich darauf etwas ungehaltener.

"Es ist eine komplizierte Geschichte...sie wird dir nicht gefallen."

"Ich muss sie dennoch hören - es ist mein Leben, oder nicht?"
Snape sah sie einen Moment an, als wolle er über den tieferen Sinn dieser Worte nachdenken. Schließlich nickte er leicht.

"Ich nahm dir die Erinnerungen, damit du ein Leben in Frieden führen kannst - doch wie ich schon sagte - ich habe versagt."

"Ja, das sagtest du bereits. Aber warum? Inwiefern hast du versagt?"

"Alles was von jetzt an geschieht ist gefährlich. Es lässt Vergangenheit und Zukunft aus dem Gleichgewicht geraten und bedroht so unser beider Existenz. Hätte ich mich besser konzentrieren können...hätte ich mehr Kraft aufbringen können, dann säßen wir jetzt nicht hier gemeinsam."

"Aber wir sitzen gemeinsam hier! Und dies ist das reale Leben! Ich verstehe nicht, inwiefern du es beeinflusst haben willst." Hermine hatte soviel Zweifel in ihre Stimme gelegt, wie ihr möglich war.

"Doch, das weißt du...du ahnst es...du spürst es."

Sie sah ihn leicht kopfschüttelnd an, und schien seine Worte erst nach geraumer Zeit zu verinnerlichen.

"Harry...meine Gefühle für ihn...meine...Ehe!"

Ohne zu Antworten senkte Snape den Kopf.

"Nein! Willst du mir sagen, dass du mir diese Gefühle für ihn eingeimpft hast? Willst du mir sagen, dass du mich gezwungen hast dich zu vergessen und ihn statt deiner zu lieben? Das ist dir verdammt schlecht gelungen, Severus Snape! Ganz schlecht!", wiederholte sie dann noch einmal wutentbrannt.

Er lächelte bitter. "Ich weiß - besser habe ich es in der Situation nicht hinbekommen. Es war ein mächtiger Zauber...leider war ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr mächtig genug, ihn so wirksam auszusprechen wie es nötig gewesen wäre. Es tut mir leid."

Hermine spürte wie Tränen in ihre Augen stiegen. In ihrem Kopf drehte sich ein Karussell, eine monoton klimpernde Melodie unterstrich dieses Bild und ließ ihren Geist von den bunten Farben und Klängen gefangen nehmen.

Mühsam riss sie sich los. Denken - sie musste nachdenken.

"Mein Traum von deinem Tod...", sagte sie schleppend.

"Das war kein Traum. Es ist wirklich geschehen. Dies ist auch der Grund, warum ich selbst keine Erinnerungen habe. Erst als ich deine Erinnerungen sah, wurde mir bewusst, dass diese Vergangenheit stattgefunden hat - und dass ich dir die Kenntnis davon nahm. Ich sprach diesen Zauber kurz bevor ich starb. Aber ich hätte ahnen müssen, dass du äußerst verbissen an einem ähnlichen Zauber gearbeitet hattest. Und nun...Hermine...wir unterliegen beide jeweils dem Zauber des anderen. Wir haben nicht nur unsere Realität beeinflusst, sondern auch die der Welt um uns herum. Es ist gefährlich sich jetzt auf die Spuren der Vergangenheit zu begeben. Niemand kann voraussagen was geschehen wird. Darum fordere ich dich nun erneut auf...nimm die Erklärungen die ich dir gab und geh!"

"Nein! Ich will nicht diese Ehe führen, die nur auf Lügen basiert. Ich will sehen was du gesehen hast - will verstehen wie es soweit kam."

Snape nickte, als hätte er ohnehin nichts anderes erwartet.

"Du sollst sehen was ich sah. Nur so wirst du verstehen, warum du danach dein jetziges Leben wieder aufnehmen musst - versprich mir, dass du das tun wirst!"

Hermine erkannte, dass es ihm unendlich ernst war. Dennoch zögerte sie mit ihrer Antwort.

"Wenn es sich als nötig erweist, so werde ich gehen und mein Leben wieder aufnehmen. Aber um dir dieses Versprechen zu geben, muss ich erst sehen, was uns in diese Lage gebracht hat."

Snape schien diesem Kompromiss nur äußerst ungern zuzustimmen, denn er sagte mit ernster Stimme: "Du wirst sehen was ich sah. Unsere Vergangenheit, den Unfall - alles. Es wird dir vorkommen als würdest du alles erneut erleben, jede Kleinigkeit - obwohl in Wirklichkeit nur wenige Minuten vergehen. Bist du bereit?"

Hermine nickte und sah ihn entschlossen an.

Snapes Augen begegneten ihr, und die Verbindung machte sie einen Moment schwindelig, ehe er sie mitnahm in die eisige Landschaft, die sich vor ihr ausbreitete.

tbc

Liebe Leser, wie Ihr seht, treten wir hier in eine neue Phase der Geschichte ein. Dies ist für mich ein guter Anlass, Euch um Eure Meinung zu bitten.

Ich danke allen, die bislang treu reviewt haben und möchte Euch versichern, dass ich mich sehr über Eure Meinungen und Spekulationen freue!

Zudem würde ich mich gerne auch an diejenigen wenden, die sich bislang noch nicht zu Wort gemeldet haben...habt Ihr noch Lust?

Liebe Grüße,

Kira