15
Schon am nächsten Abend sah ich sie wieder, dieses zauberhafte Geschöpf. Wir wanderten durch die Nacht und ich wünschte sie würde ewig dauern. Jedes Wort lass ich ihr von den Lippen. Madeleine war die Tochter eines reichen Kaufmannes und einer verarmten Adeligen, sie hatte noch zwei Schwestern, die bereits gut verheiratet waren. Auch für sie hatte ihr Vater bereits einen Gemahl erkoren. Sie liebte gelbe Rosen und den Ruf der Nachtigal, ich wertete das als gutes Zeichen. Auch ihre Vorliebe für dunkele und düstere Orte machte mich glücklich. Sie schien für ein Leben mit mir wie geschaffen. Ich tanzte mit ihr über den leeren Dorfplatz, rund um den Brunnen. Lief mit ihr durch die Nacht, ohne Angst folgte sie mir. Sie war für mich bestimmt. Wir ruhten uns auf einer Mondbeschienen Wiese aus. Wir lagen Seite an Seite im Gras und betrachteten den Sternenübersäten Himmel. „Ich wünschte diese Nacht würde ewig währen. Ich wünschte ich könnte immer bei dir sein und müsste nicht den schrecklichen Gion Morrell heiraten." Seufzte mein Engel.
„Das musst du nicht, nicht wenn du nicht willst. Ich kann dir einen Weg öffnen, der dich von allem unabhängig macht und du wärst unsterblich." Sie rollte sich auf die Seite und betrachtete mich aufmerksam. „Ich verstehe dich nicht, was meinst du? Du sprichst in Rätseln.." Nun bekam ich es mit der Angst, was wenn sie für die Wahrheit noch nicht bereit war? Ich könnte sie für immer verlieren. Hätte ich ein schlagendes Herz, so würde es in meiner Brust heftig flattern, so Bange war mir im Gemüt. Ich umschlang meine Finger fest mit ihren und schwieg. Es war nicht gut alles zu überstürzen. „Sebastian! Sprich mit mir. Du verschweigst mir was." Wie gut sie mich schon kannte, dabei war das doch erst unser zweiter Abend. „Vertrau mir, es ist nichts. Irgendwann werde ich dir alles erzählen, doch heute lass uns einfach die Nacht in ihrer ganzen Schönheit genießen."
Sanft drückte ich ihre Hand an meine Lippen und spürte wie ihr Herz schneller schlug. Auch sie hatte große Gefühle für mich, ich war so glücklich wie nie zuvor, nicht einmal als ich noch am Leben war. Die Nacht verging viel zu schnell und am Horizont graute der Morgen. Hastig drängte ich sie zum Aufbruch. Ich ließ es mir trotz der Gefahr, der Sonne mein tödlichster Feind, nicht nehmen sie bis zu ihrer Haustür zu geleiten. Sie schlang schüchtern ihre Arme um mich und küsste mich. Diese sanfte schmetterlingsgleiche Berührung ließ mich bis in die Zehenspitzen vibrieren. Stürmisch riss ich sie an mich und vertiefte den Kuss. Doch sie erstarrte in meinen Armen, noch nie zuvor war sie so geküsst worden. Schnell ließ ich sie los und bat sie, ob meines schlechten Benehmens, um Verzeihung. Wie schön war sie mit den sanft geröteten Wangen und dem verlegenen Lächeln. Sie hatte mir Verziehen. Freudenstrahlend lief ich durch die Strasse Nachhause. Ich schaffte es gerade mal so, zog mir aber die schlimmsten Verbrennungen zu die ich jemals hatte. Von meinem Gesicht begann sich das Fleisch zu lösen und meine Hände hatten sich zu verkohlten Klauen verwandelt, aber das war es wert gewesen. Was für ein kleiner Preis für so ein holdes Geschöpf.
Schön langsam wurde mir diese Madeleine unsympathisch. Ich konnte es mir selber nicht erklären, doch ich hatte so ein Gefühl, dass sie es mit Sebastian nicht ganz ehrlich meinte. Was mich noch zusätzlich erstaunte, war sein jugendliches Verhalten, es war als wäre er nie zuvor verliebt gewesen, komisch wen man bedenkt wie alt er da schon war. Das Ganze war irgendwie Merkwürdig.
Ich nutzte den Tag um mich wieder vollkommen zu regenerieren und am folgenden Abend war von meinen Blessuren nichts mehr zu sehen. Da liebte ich es wieder zu sein, was ich war. Kaum verschwanden die letzten Strahlen der Sonne hinter dem Horizont, lief ich auch schon los. Wie lange konnte ein Tag sein, wenn man sich so nach Madeleine sehnte wie ich. Erst vor ihrer Tür blieb ich stehen. Da stand sie und wartete bereits auf mich. Sie streckte ihre Arme aus und zärtlich schloss ich sie in meine. Tief atmete ich ihren Duft ein. Ich war in ihren Armen Zuhause. So standen wir engumschlungen beieinander, ich wünschte dieser Moment würde ewig währen. Ich wünschte ich hätte die Macht die Zeit anhalten zu können. Aber das konnte ich ja in gewisser Weise. Ich konnte ihre Zeit anhalten, nie würde sie altern und sie könnte für immer bei mir sein. Ich trat ein Stück zurück und streckte meine Hand aus, ohne zu zögern gab sie mir die ihre und schon liefen wir los. Die Nacht war noch jung, aber wir wollten keinen Augenblick vergeuden. Sie zeigte mir all ihre Lieblingsplätze und beschrieb sie mir wie schön sie erst im Sonnenlicht waren. Ich konnte es mir lebhaft vorstellen. Sie konnte so lebendig erzählen, so fantastisch mit Worten umgehen. Sie zauberte mit ihrer sanften und melodischen Stimme die schönsten Bilder in meinen Kopf.
Wir waren bei einer Wegkreuzung angekommen, wo ein besonders schöner Bildstock an die Pest erinnerte. Sie erzählte mir, dass viele ihrer Familie dieser Seuche zum Opfer gefallen waren, dass der Ort Romille' davon stark betroffen gewesen war. In allen Familien gab es große Opferzahlen. Für sie war dieser Ort, ein Ort des Friedens geworden, immer wenn sie traurig war oder einen anderen Kummer hatte, kam sie hier her. „Ich will nicht sterben. Ich will nicht, dass mein Fleisch in der Erde verfault. Kannst du das verstehen?" Ich lauschte ihren Worten und sie machten mich glücklich. Ob ich sie verstehe? Mehr noch, ich konnte ihr das ewige Leben, die Jugend und immerwährende Gesundheit geben, ich hatte die Macht dazu. Ich fasste mir ein Herz und beschloss ihr über mich die Wahrheit zu sagen. Mir war klar, dass wir uns kaum kannten, doch uns blieb die Ewigkeit einander kennen zu lernen.
„Da gibt es etwas in meinem Leben, eigentlich geht es um mein Leben, dass ich dir gerne sagen möchte. Madeleine ich liebe dich und ich möchte mit dir für immer zusammen sein." Hoffnungsvoll blickte ich auf sie herab. Sie war noch so jung, gerade mal zwanzig, ich hoffe, sie konnte mich verstehen. Scheu sah sie hoch zu mir. „Ich liebe dich auch, Sebastian. Aber wie du weißt, hat mich mein Vater Gion versprochen." Tränen glitzerten in ihren schönen Augen, mir brach schier mein totes Herz. „Wenn du bei mir bleibst, kann uns nichts auf der Welt trennen, dass verspreche ich dir." Voller Inbrunst sprach ich diese Worte. „Wer bist du?" Hauchte sie mit sanfter Stimme. „Du solltest mich fragen, was ich bin. Ich bin unsterblich und ich kann auch dich unsterblich machen. Bleib bei mir, sei meine Gefährtin für immer."
Hier hielt ich inne, dass konnte doch nicht sein Ernst sein. Er hat vor sie zu verwandeln, ohne sie wirklich zu kennen. Wie grausam konnte er den noch sein. Sie war noch so jung, fast ein Kind. Sie weiß noch gar nicht was sie wirklich will und von der Liebe hatte sie noch weniger Ahnung. Ich konnte das Fiasko auf das er Gnadenlos zusteuerte schon beinahe bildlich vor mir sehen. Du Narr, welches Mädchen träumt nicht von ihrem Helden, der kommt und sie befreit. Nur diese Art von Freiheit will nicht jeder. Am liebsten wäre ich zu ihm gefahren und hätte ihm die Leviten gelesen, ob seiner Dummheit. Doch er hat schon selber erkannt, wie sehr er sich bei ihr überschätzt hatte. Das arme Kind. Irgendwie konnte ich nicht weiterlesen. Seufzend griff ich nach meiner Tasse und musste feststellen, dass mein Tee mittlerweile eiskalt war. Es war auch Zeit für eine kurze Pause. Ich eilte in meine Küche und brühte mir neuen Tee. War mir Madeleine am Anfang unsympathisch gewesen, so hab ich beim weiterlesen erkannt, wie jung und unerfahren sie noch war. Sie war einem alten Vampir in Nichts gewachsen. Er würde sie mit Haut und Haaren fressen und verschlingen, bevor sie es merken würde. Ach Sebastian was hast du bloß getan? Warum hat dich niemand aufgehalten, niemand gewarnt? Wo waren nur ihre Eltern, warum haben sie es nicht verhindern können?
