17

Das Ende.

Heulend brach Madeleine am Boden zusammen.

„Ich will Nachhause." Jammerte sie. Ich konnte sie nicht verstehen, dass war jetzt ihr zuhause.

„Liebes du bist zuhause." Sprach ich mit sanfter Stimme zu ihr.

„Das ist die Hölle und du bist der Teufel!" Schrie sie mich hysterisch an.

„Ich kann hier nicht bleiben. Ich muss hier raus!" hektisch kam sie wieder auf die Beine und begann ruhelos hin und her zu gehen.

Panisch strich sie sich dabei mit den Händen über ihre Arme. Ihr Blick flackerte unruhig durch den Raum, so als suchte sie einen Ausgang und konnte ihn nicht entdecken.

„Sei vernünftig, Madeleine. Dir kommt nur alles ein bisschen fremd vor, dass wird sich bald legen und wir werden für immer glücklich sein." Ich war so blind, ich hatte immer noch nicht verstanden.

Die Frau die vor mir stand, hatte mit Madeleine, so wie ich sie kennen gelernt hatte, nichts mehr gemeinsam. Mit meiner überstürzten Tat hatte ich ein unschuldiges, reines Wesen in den Wahnsinn getrieben. Doch noch dachte ich sie beruhigen und auffangen zu können. Ich hatte noch viel zu lernen. Madeleine war für ein Leben als Vampir nicht geschaffen.

Sie wirkte wie ein gehetztes Tier, das man jeden Ausweg genommen hatte. Langsam um sie nicht zu erschrecken, ging ich auf sie zu. Ich streckte meine Hand aus und hoffte, dass sie sie ergriff. Doch sie wich, obwohl kaum möglich noch weiter zurück.

„Fass mich nicht an! Lass mich!" Kreischte sie. Sie war nicht sie selbst. Traurig ging ich ein paar Schritte rückwärts, ich wollte ihr nicht den Rücken zudrehen, ich hatte Angst um sie.

„Komm zu mir." Versuchte ich sie zu locken, doch sie nahm mich gar nicht mehr wahr. Ich fühlte wie sich ihr Geist von ihr immer weiter entfernte.

„Madeleine hör mir zu, alles ist gut. Du brauchst keine Angst zu haben. Beruhige dich doch." Flehte ich sie an.

„Wo bin ich?" Fragte eine Stimme hinter mir.

Der Junge! Ihn hatte ich völlig vergessen. Vor Wut und Schmerz warf ich mich auf ihn und tötete ihn. Dann packte ich seinen leblosen Körper und beförderte ihn zur Tür hinaus. Ich dachte, wenn Madeleine ihn nicht mehr sieht, würde sie sich schon beruhigen. Doch ihre starr gehweitenden Augen belehrten mich rasch eines Besseren. Sie hat mir zugesehen und ihr Zustand hatte sich statt zu bessern, sofern das noch möglich war, verschlimmert. Sie begann zu würgen und übergab sich.

„Du bist die grässlichste Scheußlichkeit, die die Menschheit je gesehen hat!" Schrie sie mich an.

In ihren Augen war jeder Funke von Liebe erloschen, nichts mehr war geblieben. Ich hatte sie verloren. Resigniert ließ ich meine Schultern sinken. Warum habe ich alles falsch gemacht? Sie hat mich doch geliebt! Ich hatte immer noch nicht begriffen, was so offensichtlich vor mir lag. Madeleine wollte kein Vampir sein, sie wollte einfach nur ein Abenteuer erleben und hat sich dafür den wohl denkbar schlechtesten Partner gewählt, denn es in diesem Universum für sie gab. Mich! Doch das ließ sich nun nicht mehr ändern. Was geschehen war, war geschehen. Es gab kein zurück.

„Madeleine sei doch vernünftig! Du wirst lernen dein neues Leben zu lieben. Du musst mir nur vertrauen." Versuchte ich erneut mein Glück, zu ihr durchzudringen. Um sie nicht noch mehr zu erschrecken, setzte ich mich aufs Bett und gab ihr die Chance mit der Situation zurecht zu kommen.

„Du verstehst das nicht. Ich will dieses Leben nicht! Ich will dich nicht! Ich verabscheue dich, du bist ein Mörder!" Warf sie mir an den Kopf, dabei fuhr sie sich mit den Händen fahrig durch die Haare. In ihrer Aufregung kamen ihre Fangzähne zum Vorschein.

Sie spürte die Veränderung und fasste sich an die Zähne. Sie schnitt sich mit ihren Fingern daran. Erstaunt blickte sie auf ihr Blut, dass von ihren Fingern ran. Ich konnte sehen und spüren, wie Entsetzen und Begierde in ihr stritten. Das Entsetzen gewann. Hastig wischte sie sich ihre Hand in ihr weißes Kleid, um so das Blut nicht mehr sehen zu müssen. Nun verlor ich die Geduld, das war albern.

„Finde dich damit ab, du bist kein Mensch mehr, nie mehr!" Herrschte ich sie zornig an.

Sie zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Sie hatte große Angst vor mir. Aber ich wollte die Hoffnung noch nicht aufgeben. Alles was sie brauchte, war ein bisschen Ruhe und Zeit zum Nachdenken. Sie würde schon noch merken, dass ihr neues Leben nicht so schlecht war, wie es ihr im Moment erscheinen mochte.

„Hör zu, schon bald geht die Sonne auf. Wir werden uns zur Ruhe begeben und dann wirst du am nächsten Abend die Welt mit ganz anderen Augen sehen." Redete ich auf sie ein. Sie runzelte die Stirn. Vielleicht hat sie mich nun doch endlich gehört.

„Die Sonne?" Fragte sie.

„Die Sonne ist nicht gut für unsereins. Wir sterben im Sonnenlicht." Erzählte ich ihr und ohne es zu wissen hatte ich mit meinen Worten ihr und mein Schicksal besiegelt.

„Die Sonne" Wiederholte sie. Ihre Augen waren glasig und ein eigentümlicher Glanz stand in ihnen, den ich nicht deuten konnte.

„Ich liebe die Sonne." Redete sie zusammenhangslos weiter und starrte dabei ins Leere.

„Ja die Sonne ist schön, aber nicht mehr für dich und auch nicht für mich." Versuchte ich sie am Reden zu halten.

„Ich möchte die Sonne sehen." Sprache sie, ohne mich zu beachten, monoton weiter.

„Nein Liebes, du kannst die Sonne nicht sehen." Auch das ging ungehört an ihr vorbei.

„Ich werde jetzt nachhause gehen." Sie war völlig isoliert von dieser Welt, ihr Geist hatte sie, wie es aussah, aufgegeben.

Vorsichtig bewegte ich mich auf sie zu und leget meinen Arm um sie. Dieses mal schrak sie nicht mehr vor mir zurück, sie nahm mich nicht wahr. Sanft dirigierte ich sie zur Tür.

Es wurde Zeit, schon glaubte ich die ersten Strahlen des kommenden Morgens zu spüren. Wir mussten, um etwaigen Verbrennungen zu entgehen, nach unten in den Keller. Stufe für Stufe ging es nach unten. Ich glaubte, nun wird alles gut. Ich dacht, dass war der Schock über die plötzliche Veränderung.

Doch ich irrte mich, so sehr, dass es selbst jetzt, wo ich es aufschreibe schmerzt. Sie war verzweifelt und verwirrt. Ich hatte ihr soviel ungefragt in meiner Euphorie und Verblendung genommen. Nur weil ich damals nicht gefragt worden bin und mein Schicksal ohne klagen angenommen hatte, wie konnte ich da in meiner Arroganz annehmen, dass es Madeleine genauso sah? Das war dumm, sehr, sehr dumm. Mich quälen noch immer Selbstzweifel und Schuldgefühle, wenn ich nur daran denke.

Mit dieser Schuld werde ich leben müssen, bis das ich ein zweites mal sterbe. Wir hatten die letzten Stufen erreicht und nur noch wenige Schritte trennten uns von der rettenden Dunkelheit, als sie sich plötzlich mit einem heftigen Ruck los riss.

„Ich kann nicht, ich muss hier raus!" Mit diesen Worten stürzte sie wieder nach oben.

Ich versuchte sie zu fassen zu bekommen und eilte hinter ihr her. Beinahe berührte ich den Saum ihres Kleides, bald würde ich sie haben. Schon bekam ich eine handvoll Stoff zu fassen und wollte meine Hand darum fest schließen, doch sie drehte sich rasch ein Stück zur Seite und ich griff ins Leere.

„Madeleine" Rief ich. „Bleib stehen!"

Doch weder wurde sie langsamer, noch blieb sie stehen. Sie hatte die letzte Stufe noch oben überwunden und rannte durch den Flur. Ich war ihr immer noch dicht auf den Fersen. Hätte ich sie vor ein paar Stunden noch mühelos zu fassen bekommen, so war sie mir an Schnelligkeit, durch ihr neues sein, fast gleich und blieb dadurch immer ein paar Schritte vor mir. Für mich außer Reichweite.

„Madeleine!" Flehte ich sie an.

„MADELEINE!" An der Tür drehte sie sich zu mir um. Tränen standen ihr in den Augen.

„Du hast mich zu einem Leben verdammt, dass ich nicht will. Was du mir angetan hast, kann ich dir nie verzeihen. Leb wohl."

Mit einem Ruck riss sie die Tür auf und sprang nach draußen. Mitten auf der Strasse blieb sie stehen und drehte sich zu mir um. Zuerst passierte nichts, die Sonne kam gerade über die Dächer und Madeleine stand noch im Schatten dieser.

„Madeleine, komm zurück, ich flehe dich an!" Doch sie stand einfach da und wartete. Sie musste nicht lange warten.

Die ersten wärmenden Strahlen des Tages fielen auf sie. Ein gellender Schrei durchdrang die Stille. Madeleine schrie vor Schmerzen. Ihre Haut verbrannte zur Asche und fiel auf den Boden. In wenigen Minuten war von ihr nichts mehr übrig.

Der Wind nahm sich des kleinen Häufchens Asche an und vertrieb es in alle Richtungen.

Ich sank auf meine Knie zu Boden und weinte zum ersten mal seit beinahe 300 Jahren.