18. Kapitel
Schuld und Schicksal
Als habe Snape mit nichts anderem, als Hermines Bereitschaft für den Orden zu arbeiten gerechnet, überreichte er ihr ein Pergament, mit einer Auflistung von Namen.
Sie überflog es kurz und stellte fest, dass es circa ein Dutzend Leute waren, die sie überprüfen sollte. Unweigerlich kam ihr in den Sinn, dass dies viel Arbeit für nur eine Person sei. Als habe Snape ihre Gedanken erraten, sagte er: "Diese Liste habe ich aus dem Kopf erstellt. Ich kann Ihnen keine Garantie geben, dass diese Namen alle richtig sind. Wie ich Ihnen bereits sagte, kann ich den Lord schlecht nach den Einzelheiten fragen, daher muss ich mich in erster Linie auf das verlassen, was ich höre. Wenn Sie Probleme haben, den ein oder anderen Muggel ausfindig zu machen, dann versuchen Sie es einfach mit dem nächsten."
Hermine faltete die Liste und steckte sie in ihre Tasche. Nachdem sie das getan hatte, griff sie zu ihrer Tasse. Snape hob die Hand und sagte: "Warten Sie - der ist inzwischen kalt - ich gebe Ihnen neuen."
Perplex reichte sie ihm ihre Tasse und sah zu, wie er sie erneut füllte. Nachdem er auch seine gefüllt hatte, setzte er sich ihr wieder gegenüber.
"Professor Snape", sagte Hermine, dann zögerte sie, offensichtlich nach Worten suchend.
Er trank an seinem Kaffee und wartete geduldig.
"Ich verstehe Sie nicht. Ich kann nicht begreifen, wie Sie all diese Dinge mitansehen können. All das Leid und die Grausamkeiten."
Er hatte wohl mit einer Frage zu ihrem Auftrag gerechnet und so schienen ihre Worte ihn ohne Vorwarnung zu treffen. Das Endergebnis war eine versteinerte Miene und eine Antwort, die so kalt klang, dass Hermine tatsächlich zu frösteln begann.
"Glauben Sie ernsthaft, dass es mit Zusehen von meiner Seite aus getan ist? Glauben Sie, dass meine Rolle bei Voldemort passiv ist?"
In dieser Küche, in der die Zeit ohnehin stillzustehen schien, fühlte Hermine sich plötzlich wie in der Hölle. Die Hölle ist grausam und immerwährend. Die Zeit hing fest in der schrecklichsten aller Dimensionen.
Als Snape schließlich wieder sprach, durchbrach er damit dieses Gefühl der Gefangenschaft und der Klang seiner Stimme schien von unendlich weit her zu kommen.
"Nur wenn ich meine Rolle gut spiele, kann ich das Spiel zu ende führen. Ich habe diesen Part zu erfüllen - egal was ich dabei empfinde, und auch wenn dies alles etwas ganz anderes als ein Spiel ist."
"Was empfinden Sie dabei?", hakte Hermine nach.
Er schüttelte den Kopf: "Das ist völlig unwichtig."
"Nicht für mich."
Snape schickte ihr ein ironisches Lächeln.
"Es schockiert Sie doch schon, wenn ich Sie nach einer misslungenen Prüfung hart rannehme. Wir sollten das Thema wechseln, Miss Granger!"
Hermines Stimme blieb völlig ruhig, als sie erwiderte: "Was Sie mir vorwerfen ist lange her. Ich habe mich geändert."
Nun lachte er unverholen.
"Das sehe ich anders. Aber gut, Sie wollen wissen, was ich empfinde? Ohnmacht, Wut, Hass, Selbsthass und Trauer. Irgendetwas dabei, was Sie überrascht? Wie wäre es dann mit Gleichgültigkeit, Freude oder Lust? Suchen Sie sich einfach aus, was Sie in mir sehen wollen."
"Das ist nicht fair", erwiderte Hermine und bemühte sich, emotional nicht auf seine Provokation einzugehen.
"Nicht fair?", fragte Snape erstaunt.
"Sie geben vor zu antworten, aber Sie geben kein Stück von sich preis. Nicht einen Hauch."
"Dann können Sie sich in Zukunft das Fragen sparen", erwiderte er scheinbar leichthin.
Hermine verschränkte die Arme vor der Brust: "Das werde ich", sagte sie bestimmt.
"Gut, ich schlage vor, wir treffen uns am Ende der nächsten Woche erneut und Sie berichten mir, ob Sie Fortschritte erzielen konnten."
Hermine nickte knapp und erhob sich. Als Snape sich nicht ebenfalls erhob, fragte sie so neutral wie möglich: "Kommen Sie nicht mit zu den anderen?"
Er sah sie nicht an, als er erwiderte: "Gehen Sie schon. Ich komme gleich nach."
Hermine wandte sich zur Tür und verließ den Raum. Auf dem Weg durch den Flur blieb sie plötzlich stehen und musste ein paar mal tief durchatmen.
Sie wusste, dass das was ihr durch den Sinn schoss vermutlich völlig unsinnig war. Dennoch konnte sie nicht anders. Leise schlich sie zur Küche zurück und öffnete die Tür geräuschlos.
Snape hatte sich nicht von seinem Platz gerührt, doch seine Haltung hatte sich verändert.
Mit beiden Händen stützte er seinen Kopf, die Fäuste auf die Augen gepresst. Er gab keinen Laut von sich. Hermines Herz jedoch schlug so heftig, dass sie fürchtete, er könne es hören. Schnell ließ sie die Tür wieder geräuschlos zugleiten, und hastete leise den Flur entlang, bis sie vor der Tür zum Wohnzimmer angekommen war. Sie konnte es jedoch nicht betreten, denn ihre Gedanken wirbelten so schnell herum, dass ihr ganz schwindlig wurde.
Warum war Snape nicht in der Lage, über das zu sprechen was ihn bewegte? Hermine musste bei diesem Gedanken plötzlich über sich selbst den Kopf schütteln. Wie kam sie nur darauf, dass er dies ausgerechnet bei ihr tun würde? Wie abwegig dies war, kam ihr erst richtig in den Sinn, als sie über seine Worte nachdachte. Sie sollte ihn sehen wie sie wollte - ihm war es völlig gleichgültig. Doch das was er beim Lord tat, schien ihm keineswegs gleichgültig zu sein. Er litt darunter. Aber was hatte er im Café zu ihr gesagt? Es gab Wege, die konnte man nicht mehr beschreiten, wenn man einmal die falsche Gabelung genommen hatte.
Ebenso hatte er ihr eben mitgeteilt, dass er das Gefühl hatte, sie habe wegen ihm genau eine solche falsche Gabelung genommen und er wollte sie zurückholen auf den Weg, den er für sie richtig fand.
Eine tiefe Trauer ergriff sie bei dem Gedanken, dass sie und Snape wohl niemals auf dem gleichen Weg gehen würden.
Dann betrat sie das Wohnzimmer, in dem die anderen mitten in eine Diskussion verstrickt waren.
"Ich verstehe das ja, aber begreift denn niemand, dass ich mein Leben zumindest teilweise so führen möchte, dass es mich glücklich macht?" Diesen Satz hatte Harry gerade gesprochen, als Hermine das Zimmer betreten hatte. Hermine sah zu ihrem Freund aus Kindertagen und erkannte seine Verzweiflung und seine Wut. Lange hatte sie ihn so nicht mehr erlebt. Dies war nicht der Harry, den sie in den letzten Jahren erlebt hatte. Dies war der Harry aus ihrer Schulzeit, in der er sich gegen sein unabänderliches Schicksal gestellt hatte.
Hermine setzte sich so unauffällig wie möglich wieder in die Runde und konnte Dumbledore seufzen hören. "Natürlich, Harry. Wenn es nach mir ginge, dann sollte absolut jeder sein Leben so führen, wie es ihm gefällt. Doch leider liegt es nicht in meiner Hand. Bis die Gerüchte sich als wahr erweisen, sehe ich auch keinen Grund, warum du dein Leben nicht fortführen solltest wie bisher. Wenn es allerdings den Tatsachen entspricht, dann musst du dich aus dem Rampenlicht zurückziehen."
"Aber Quidditch ist mein Leben", sagte Harry ernst.
Der Direktor nickte verstehend und Minerva schaltete sich nun ein: "Sie haben hart dafür gearbeitet, dorthin zu kommen wo Sie jetzt stehen - wir alle bewundern dies. Aber..."
"Ich will keine Bewunderung", begehrte Harry auf, "ich will nur nicht aufgeben müssen, was mein ganzes Dasein ausmacht!"
Für einen Moment herrschte ein unangenehmes Schweigen, dann sprach Dumbledore mit fast schon tadelnder Stimme: "Ich fürchte, dass dir eine andere Aufgabe in die Wiege gelegt wurde, als Quidditch zu spielen. Wir können uns alle nicht aussuchen, welche Aufgaben wir zu erfüllen haben, und oft genug ist es genau das Gegenteil von dem, was wir tun wollen. Einige von uns haben ebenfalls ihr ganzes Leben geopfert, um für die gute Seite zu kämpfen. Professor Snape riskiert ständig sein Leben, um uns mit Informationen versorgen zu können. Was glaubst du, wie oft er nach seinen Wünschen gefragt worden ist?" Dumbledore sah Harry nun mit einem milden Lächeln an. Der junge Mann schwieg und schien über eine Antwort nachzudenken.
Hermine fühlte sich alles andere als wohl. Harrys Verzweiflung war für sie absolut nachvollziehbar. Andererseits hatte er immer gewusst, welche Rolle er im Kampf spielen würde; sie war ihm sozusagen schon im Babyalter auf die Stirn gebrannt worden.
Doch was Hermine wirklich eine Gänsehaut bescherte, war die Tatsache, dass sie tatsächlich bei ihrem gemeinsamen Cafébesuch Snape nach seinen Wünschen gefragt hatte. Natürlich hatte er unwirsch reagiert, denn Dumbledore hatte Recht - in Wahrheit hatten Snapes Wünsche noch nie jemanden interessiert.
Harry schien jedoch so in Rage, dass er den Vergleich zwischen ihm und Snape nicht so stehenlassen wollte.
"Professor Snape ist freiwillig zu den Todessern gegangen. Ich jedoch bin unschuldig. Ich habe mich nie auf die falsche Seite gestellt und willentlich anderen Menschen Leid zugefügt. Er soll seine Schuld sühnen...aber ich habe nichts zu sühnen!"
Harry hatte die letzten Worte beinahe geschrien. Aller Augen waren auf Harry gerichtet gewesen, so dass ihre Blicke nun überrascht zu Snape glitten, der leise den Raum betreten hatte und mit versteinerte Miene seinen Platz neben Harry wieder einnahm. Hermine war klar - genau wie jedem anderem im Raum - dass er Harrys Worte gehört hatte. Er schien sie gleichmütig hinzunehmen und Hermine dachte still, dass er ihr jetzt wieder eine Reihe von Emotionen anbieten würde, die sie ihm nach freier Willkür zuordnen dürfte. In keinster Weise ließ er sich anmerken, ob Harrys Worte ihn beschämt hatten; ob er wütend darüber war, oder ob er vielleicht sogar belustigt war. Nichts - gar nichts!
Harry hingegen hatte einen Blick, der besagte, dass man ihn besser nicht ansprechen sollte. Im Stillen fragte sich Hermine, ob es Harry sehr schwer gefallen war, all die Jahre bei ihren Treffen und in den Briefen, die sie sich geschrieben hatten, nicht einmal über seine Arbeit beim Orden zu berichten.
Ein Teil von ihr wünschte sich fast, sie hätte ihn weiter mit den Augen einer Uneingeweihten gesehen. Egal was Harry sagte - egal ob man ihm Snape bezüglich Recht gab oder nicht - Dumbledore hatte mit seiner Aussage Recht, dass Harrys Weg bereits vorbestimmt war. Vielleicht hatte er tatsächlich geglaubt dem entgehen zu können, wenn er sich hart genug um seine Sportlerkarriere kümmerte; doch es war wohl ein Fall eingetreten, der auch Harrys Leben völlig auf den Kopf stellen würde. Was genau geschehen war, begriff Hermine nicht und sie fühlte, dass es unklug wäre, in der jetzigen Situation danach zu fragen. Sie würde auf einen günstigeren Zeitpunkt warten, um sich in die Vorgänge innerhalb des Ordens einweihen zu lassen.
Hermine blickte sich kurz im Raum um und fing Ginnys Blick auf, die heftig an ihrer Unterlippe kaute. Moody schien an die Decke zu schauen, doch bei ihm konnte man immer nur Vermutungen anstellen und Hermine sah schnell wieder weg, bevor sie seine Aufmerksamkeit erregte. Minerva hatte sich zu Molly Weasley gebeugt und besprach leise etwas mit ihr, während Arthur zum Kamin ging und einige Stücke Holz in der kalten Asche stapelte. Hermine schloss daraus, dass das Treffen bald beendet wäre, denn er bereitete wohl alles für die Abreise seiner Gäste vor.
Dumbledore meldete sich erneut zu Wort: "Nun, nachdem dieses Treffen mit Sicherheit nicht zu unseren angenehmsten gehörte, darf ich dennoch daran erinnern, dass wir ein wichtiges Mitglied unserer Gemeinschaft wieder in unseren Reihen begrüßen durften. Miss Granger - ich freue mich sehr, dass Sie sich uns wieder angeschlossen haben."
Alle lächelten ihr freundlich zu, nur Harry und Snape waren weit davon entfernt - und während Harry den Eindruck machte, als wolle er sagen: "Du bist es selbst Schuld - du hättest es dir aussuchen können - ich hatte diese Chance nie", schien Snape in tiefes Grübeln verfallen zu sein.
"Sind Sie über Ihre Aufgaben informiert?", hakte der Direktor nach.
Hermine nickte und ihre Stimme kam ihr viel zu leise vor, als sie sagte: "Ja, Professor Snape hat sie mir erläutert."
"Dann sollten wir das Treffen nun auflösen. Molly, Arthur, ich danke euch für eure Gastfreundschaft. Wir sollten spätestens in zwei Wochen unsere Ergebnisse austauschen. Alastor, sorgen Sie bitte dafür, dass DeMille möglichst auch an dem Treffen teilnimmt. Ich würde gerne persönlich mit ihm sprechen." Der ehemalige Auror nickte und sagte: "Er ist ein harter Hund...ein Einzelgänger...aber ich werde sehen was sich machen lässt."
Als Dumbledore sich schließlich erhob, wurde die Runde nach und nach aufgelöst. Alle Gespräche die jetzt noch folgten, beschäftigten sich mit belanglosen Themen und auch die anderen dankten den Weasleys. Ginny stand auf und setzte sich auf den Platz neben Hermine.
"Oh Mann, Harry ist echt sauer. Ich würde auch ausrasten, wenn man mir vorschreiben würde, was ich zu tun und was ich zu lassen hätte. Wusstest du, dass er nicht einmal eine Freundin haben kann, ohne dass Dumbledore darüber informiert sein möchte?"
Hermine sah beklommen zu Harry, der sehnsüchtige Blicke in das eben entfachte Kaminfeuer warf. Die Flammen waren jedoch noch zu klein, um als Flohnetzwerk zu dienen. Offensichtlich wollte Harry am liebsten sofort abreisen. Er drehte sich schließlich zu den beiden jungen Frauen um und kam mit großen Schritten auf sie zu.
"Hermine, Ginny, ich werde jetzt apparieren...wir sehen uns." Damit rief er noch einen kurzen Abschiedsgruß durch den Raum und verschwand durch die Eingangstür. Hermine sah ihm traurig nach. Er tat ihr unendlich leid. Plötzlich fühlte sie sich beobachtet und sie erkannte, dass Snape sie unverwandt ansah.
"Miss Granger - ich muss noch einmal mit Ihnen reden...unter vier Augen."
Molly hatte sich sofort umgewandt und sagte: "Wollt Ihr wieder mit der Küche vorlieb nehmen?"
Snape schenkte ihr ein sekundenschnelles Lächeln und sagte dann bestimmt: "Nein danke! Wir werden nach Hogwarts gehen."
Hermine konnte es nicht fassen. Schon wieder überrumpelte dieser Mann sie einfach. Natürlich hätte sie nein sagen können - und damit offenbaren, dass sie Angst vor einem Gespräch unter vier Augen mit ihm hatte. Sie hatte das letzte überlebt - sie würde auch das nächste durchstehen!
tbc
