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Das war also das Ende von Madeleine. Sachte legte ich das Tuch wieder zurück, zwischen die Seiten. Was für eine Tragödie! Am liebsten wäre ich zu ihm gefahren und hätte ihn geschüttelt. Wie konnte er nur so dumm sein? Aber hatte ich das Recht ihn zu verurteilen? Tat er das nicht selber schon zu genüge? Bei jeder geschriebenen Zeile von ihm konnte ich spüren, dass er sich nicht geschont hatte.

Offen und ohne seine Rolle zu beschönigen, hatte er seine Schuld eingestanden. Er hatte dieses Mädchen aufrichtig geliebt, war es da nicht das natürlichste der Welt, wenn auch er mit ihr für immer glücklich sein wollte? Ich war so durcheinander. Was war er wirklich. Ein Vampir mit Gefühlen oder ein rohes Monster?

Ich hatte nach alle dem was ich bisher gelesen hatte keine Lust mehr auch noch den Rest zu lesen, aber war ich ihm das nicht schuldig? Immerhin hatte ich das Buch ungefragt entwendet. Müde streckte ich mich, heute würde ich es nicht mehr zu ende lesen, soviel stand fest. Ernest, der neben mir lag, sprang auf sobald er sah, dass ich mich dazu bequemte aufzustehen. Sah er doch seine Chance gekommen von mir eine extra Portion zu erbetteln, die ich ihm selbstverständlich gewährte. Nicht umsonst brachte er stolze 12 kg auf die Waage.

Er hatte mich um seine Pfote gewickelt, ich konnte ihm nichts abschlagen. Das Buch in einer Hand und die Tasse in der Anderen marschierte ich, verfolgt von Ernest, in die Küche, wo ich sobald ich alles aus den Händen gelegt hatte, für Ernest wie immer nicht schnell genug, er strich mir betteln um die Beine, endlich seine Futterschüssel auffüllte. Erst da merkte ich, dass ich den ganzen Tag nichts gegessen hatte und wie zur Bestätigung begann mein Magen heftig zu knurren.

Da ich ein paar Tage nicht da war, gab mein Kühlschrank nicht viel her. Also ging ich zum Telefon und bestellte mir eine Pizza. Auf die Pizza wartend, setzte ich mich zu Ernest in die Küche. Unruhig klopfte ich mit den Fingern auf das Buch. Genervt von mir selber schlug ich es schließlich auf. Ich musste einfach wissen wie es weiter ging. Was hatte er gemacht danach?

1803 Endlich zurück in England!!

Noch in der folgenden Nacht verließ ich Romille´ und machte mich auf den Weg zur Küste. Mein Schmerz war grenzenlos, ich überlegte mir das Leben zu nehmen. Welches Recht hatte ich noch darauf? Madeleine war tot und ohne sie erschien mir alles so sinnlos. Ich suchte mir ein passendes Schiff und erreichte England kaum eine Woche nachdem Madeleine sich das Leben genommen hatte.

Ich erinnerte mich an ein kleines Dorf mit dem schönen Namen Heaven, vor vielen Jahren war ich hier zufällig durchgekommen und hatte abseits ein wunderschönes Herrenhaus entdeckt. Das sollte mein Ziel werden. Ich war wieder in London von Board gegangen, doch diesmal war die Mannschaft gesund geblieben. Nur ich wurde von Tag zu Tag schwächer. Mir graute davor einen Menschen beißen zu müssen, ich konnte es nicht mehr. Wobei ich früher Spaß empfand, davor graute mir heute. Aber noch war ich nicht bereit dazu, zu verhungern. Ich bezahlte einen Schlachter gut dafür mir Tierblut zu überlassen.

Es schmeckte zugegebenermaßen scheußlich, doch reichte es um zu überleben und das genügte mir. Ich fiel immer mehr und immer tiefer in ein Loch. Mir war alles egal geworden, bis ich Heaven erreichte. Zu meinem Erstaunen und zu meiner Freude stand das Haus leer und zum Verkauf. Noch am selben Tag erwarb ich es und zum erstenmal seit Tagen fühlte ich mich für einen winzigen Augenblick gut.

Es gab viel zu tun, bei den meisten Sachen legte ich selber Hand an. Ich renovierte die alten Möbel, die zurück geblieben waren. Strich Wände, erneuerte Böden. Wie groß war mein Erstaunen, als ich den Keller mit dem geheimen Gang entdeckte, dieses Haus war für einen Vampir wie geschaffen. All das lenkte mich von meinem Kummer ab. In der Nacht durchstreifte ich die Wälder, die das Haus von drei Seiten her umgaben. Die Bäume standen dermaßen dicht, dass man nur nach wenigen Schritten vollkommen von ihnen umschlossen war. Ich genoss meine nächtlichen Ausfüge, waren sie meine einzige Freude in meinem, mir nun so trostlosen, Leben und das Haus. Zimmer für Zimmer machte ich mich daran, den alten Glanz neu erstehen zu lassen.

Besondere Aufmerksamkeit widmete ich der Bibliothek. Um sie so zu gestalten, wie ich sie haben wollte, ließ ich die Decke darüber entfernen und hatte somit einen doppelt so hohen Raum geschaffen. Ich ließ auf drei Seiten Regale einbauen und fühlte sie Fach für Fach mit allen möglichen Büchern. Lesen zählte ich nun auch zu meinen großen Leidenschaften. Ich wurde mit der Zeit sehr einsam, da ich mich von allem und jedem zurückgezogen hatte, sprach ich oft Wochen mit keiner Menschenseele und auch Vampire verirrten sich nicht in diese abgeschiedene Gegend.

Manchmal glaubte ich der Einzige meiner Art zu sein. Was ich eigentlich ganz gut fand, solche wie mich sollte es nicht geben, ich war ein Fehler, ein Unglück für die Menschheit. Nach nur wenigen Monaten waren die Arbeiten an dem Haus soweit abgeschlossen und ich hatte wieder nichts zu tun um die Leere meines Seins auszufüllen. Erneut sann ich über die Möglichkeit mir das Leben zu nehmen nach. Immer und immer wieder dachte ich über die Ereignisse in Romille´ nach. Madeleine, warum habe ich es nicht erkannt? Warum konnte ich es nicht sehen? Ich verfiel in eine dumpfe Trauer und verschloss mich immer mehr. Selbst den Wald mied ich. Ich verließ das Haus nur mehr um mir Blut zu holen. So brachte ich die nächsten vier Jahre zu.

1807 Martha lebt!

Ich saß in meiner Bibliothek, mein liebstes Zimmer in diesem Haus. Tief brütete ich über eine neu erworbene Chronik des Empires, als plötzlich die Tür aufflog und Martha im Rahmen stand.

„Hallo Geliebter!" Ihr Anblick versetzte mir einen Schock, ich hatte sie vor 18 Jahren zuletzt unter sehr dramatischen Umständen gesehen und war davon ausgegangen sie hätte diese Nacht nicht überlebt.

„Wie?" Brach es aus mir völlig verblüfft heraus.

„Wie was? Das ich noch lebe? Das ich hier bin?" Glockenhell lachte sie auf. Sie war wie immer.

„Nun es war schwierig der aufgebrachten Menge zu entkommen, aber ich habe noch ein paar Geheimnisse, die ich keinem verraten habe, auch dir nicht." Irgendwie verstand ich gar nichts.

„Wie, ich meine was, ach egal, erzähl mir wie ist dir die Flucht gelungen und was hast du dazwischen gemacht?" Schwungvoll warf sie sich in einen der Stühle, die vor dem Schreibtisch standen.

„Wo soll ich beginnen? Nachdem wir getrennt wurden, gelang es mir mich in die Katakomben durchzuschlagen. Dort verbarg ich mich bis es auf den Strassen wieder ruhiger wurde. Erst dann wagte ich mich heraus. Ich habe dich gesucht, mein Schatz, aber du warst und bliebst wie vom Erdboden verschluckt. Von Paris aus kehrte ich zurück in meine Heimat Ungarn. War nicht meine beste Idee, muss ich sagen."

Hier lachte sie gezwungen auf. Irritiert betrachtete ich sie.

„Die Menschen dort sind sehr abergläubisch und glauben an die alten Zauberformeln. Ich kann dir sagen diese alten Verwünschungen sind sehr mächtig." Von ihrer vorrangegangenen Fröhlichkeit war nichts geblieben, sie wirkte genauso niedergeschlagen wie ich.

„Was ist passiert?"

Sie blickte auf ihre Hände und erst da wurde mir ihr Aussehen bewusst. Früher gab es keine Stunde des Tages wo sie nicht perfekt ausgesehen hatte. Doch heute wirkte ihre Kleidung hastig übergeworfen. An ihrem blutrotem Kleid saß die Schleife schief und war schlecht gebunden. Ihre Schminke war zu stark und grell aufgetragen, so als hätte sie es verlernt. Selbst ihr Haar wirkte zerzaust und ungekämmt bei näherem hinsehen. Und ihre Nägel waren eingerissen oder abgebrochen.

„Martha was ist los?" Nun machte ich mir wirklich Sorgen.

„Auf mir lastet ein Fluch! Ich….mir bleiben nur mehr wenige Tage und dann …." Hier brach ihre Stimme und verzweifelt sah sie mich an.

„Was geschieht dann?" Ich legte mein Buch weg und rückte näher.

„Der Fluch!" Beinahe hätte ich ob ihrer dramatischen Worte aufgelacht. Kein Mensch und auch kein anderes Wesen konnte jemanden Verfluchen.

„Du machst dich lustig über mich." Ängstlich schüttelte sie ihren Kopf. „Du verstehst das nicht. Die Alten in meinem Land sind sehr mächtig und ich habe einen schweren Fehler begannen. Ich hätte nicht dort zurückkehren sollen. Mir wurden alle meine Taten angelastet und ich wurde für schuldig befunden und verurteilt.."

Ich glaubte immer noch an einen schlechten Scherz.

„Wie hast du mich gefunden?" Nun begannen ihre Augen wieder zu leuchten. „Ich habe mich erinnert, wie du mir irgendwann einmal von diesem Haus erzählt hast und als ich in London war kamen mir zufällig Gerüchte zu Ohren, dass es hier nicht mir rechten Dingen zu geht, da wusste ich du hast es auch geschafft. Sebastian du musst mir helfen!"

Das Läuten an meiner Tür ließ mich erschrocken aufspringen. Völlig gefangen von der Geschichte, brauchte ich ein paar Sekunden bis mir wieder einfiel, dass meine Pizza gekommen war. Hastig eilte ich in die Diele und drückte den Türsummer. Zugleich fasst ich in meine Tasche und kramte mein Portmonee heraus.

Schnell bezahlt ich den Lieferanten und eilte zurück in die Küche, wo ich die Pizza achtlos auf den Tisch knallte. Ich wollte nichts essen, ich wollte wissen wie es weiter ging. Was war mit Martha, das interessierte mich brennend.