19. Kapitel
Im Reich des Gefürchteten
Snapes nächste Worte ließen Hermine erschaudern. "Kommen Sie mit in den Kerker", war seine knappe Anweisung, als sie gemeinsam appariert waren und den restlichen Weg schweigend bis zum Schloss zurückgelegt hatten. In der Eingangshalle waren sie niemandem begegnet und Hermine sah sich fast hilfesuchend um.
Sie wollte etwas einwenden, als Snape auch schon die Stufen hinab stieg.
"Danke für die nette Einladung", zischte sie wütend und folgte ihm mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch..
Unten angekommen öffnete er seine Tür, ohne dass Hermine auch nur ansatzweise sein Passwort gehört hätte. 'Er macht das nur mit der Kraft seiner Gedanken', durchfuhr es sie, laut sagte sie jedoch: "Ich wollte gerne heute noch nach hause, wie ich Ihnen schon mitgeteilt habe - könnten Sie sich also bitte kurz fassen?"
Er nickte wortlos und wies auf die geöffnete Tür. Hermine ging zögerlich hindurch und stand einen Moment in dem dunklen Raum. Nur eine Sekunde später entzündeten sich die Kerzen an den Wänden wie von selbst und ein mehrarmiger Kerzenleuchter auf einem Wohnzimmertisch ließ diesen Teil des Raumes am hellsten erstrahlen. Hermine nahm es zum Anlass, sich in diese Richtung zu begeben, während Snape seinen Reiseumhang ablegte und sich erst dann wieder ihr zuwandte.
In dem Bestreben keinesfalls neugierig zu wirken, richtete sie ihren Blick nur auf ihn. Ein Fehler, wie sie sofort erkannte, denn ein mildes Lächeln seinerseits zeigte ihr, wie schnell er ihre Neugierde durchschaut hatte.
"Bücher werden Sie in diesem Raum vergeblich suchen, Miss Granger. Diese befinden sich in der Bibliothek nebenan - und bevor Sie fragen...Nein, Sie dürfen sie nicht begutachten!"
Hermine schluckte unwillkürlich und blitzte ihn wütend an: "Warum sollte ich das wohl wollen, Sir!"
Erneutes Lachen von ihm: "Weil Sie Sie sind", antwortete er lapidar und machte eine Geste, dass sie sich setzen solle.
Hermine schwankte zwischen der Möglichkeit seiner Aufforderung nachzukommen und dem Wunsch, diesem Raum ohne ein weiteres Wort zu verlassen.
"Es wird nicht lange dauern", sagte er leise und seine Worte hatten tatsächlich fast einen bittenden Unterton, als er erneut auf den Sessel zeigte.
Hermine setzte sich schließlich.
Snape hingegen blieb stehen und sah für einen Moment an einen Punkt knapp über ihrem Kopf, bevor er sich wohl gesammelt hatte und ihr in die Augen blickte.
Seine Stimme klang so distanziert, wie sie es von ihm zu Genüge kannte.
"Ich möchte, dass Sie Ihren Auftrag vergessen! Sie werden nicht für den Orden arbeiten!"
Hermine öffnete fassungslos den Mund, doch kein Wort brachte sie über die Lippen.
"Sie können jetzt gehen", fügte er dann noch unwirsch an.
Nichts hielt Hermine jetzt noch auf ihrem Platz. Wütend sprang sie auf und ihre Körperhaltung drückte ihren ganzen Zorn aus, als sie die Hände in die Hüften stemmte und sie ihn anzischte: "Glauben Sie etwa, dies wäre Ihre Entscheidung? Glauben Sie ernsthaft, Sie könnten nach Lust und Laune über mich verfügen? Was soll das für ein merkwürdiges Spiel sein? Geht es Ihnen darum, Macht zu demonstrieren? Nicht mit mir, Snape! Nicht mit MIR!"
"Es wäre gut, wenn Sie sich an meine korrekte Anrede halten", erwiderte er unbeeindruckt.
"ES WÄRE AUCH GUT, WENN SIE NICHT SO VERDAMMT SELBSTHERRLICH WÄREN!"
Snape machte eine Drehung und wies auf die Tür.
"Ich mag es nicht, wenn meine Gäste schreien - gehen Sie jetzt bitte!"
Hermine rührte sich nicht vom Fleck, ihre Stimme triefte vor Spott.
"Gäste? Sie wissen doch gar nicht wie man dieses Wort schreibt. Für Sie sind alle Eindringlinge, die sich auch nur ansatzweise in Ihre Nähe begeben! Sie sollten wissen, dass ich dies nicht freiwillig tat - Sie wollten, dass ich Sie begleite und nun behandeln Sie mich wie einen Störenfried! Können Sie mir erklären, warum ich hier bin Professor? Warum konnten Sie mir Ihren Sinneswandel nicht im Fuchsbau mitteilen?"
Snape zog die ausgestreckte Hand zurück und rieb sich über die Augen.
Seine Stimme klang nun nicht mehr ganz so kalt, als er erwiderte: "Weil mir bewusst ist, dass der Orden meine Entscheidung nicht verstehen wird."
"Da ist er nicht der Einzige", knirschte Hermine wütend.
"Ich möchte, dass Sie Professor Dumbledore sagen, es sei Ihre Entscheidung den Auftrag abzulehnen."
Hermine ließ ein verblüfftes Lachen hören.
"Ihnen geht es wohl nicht mehr ganz gut! Ich soll für Sie lügen?"
"Nein!", er hob unterbrechend die Hand, "Sie sollen für sich selbst lügen. Es ist mir erst nach Potters Worten klar geworden, dass ich viel zu leichtsinnig gehandelt habe, als ich Sie vorschlug. Ich möchte nicht die Verantwortung dafür übernehmen, dass Sie Ihr Leben völlig umkrempeln. Sie haben es sich so eingerichtet, dass Sie zufrieden sind. Wer bin ich, dass ich komme und Sie in Gefahr bringe?"
"Wer sind Sie, dass Sie glauben die Entscheidung für mich treffen zu können, ob ich meinen Freunden helfen will, oder nicht?", konterte sie.
Tatsächlich schien er einen Moment über ihre Worte nachzudenken.
Hermine wurde plötzlich klar, wie ungewohnt es für ihn sein musste, einen Fehler einzugestehen - und wie ungewohnt es für sie war, ihn derart selbstkritisch zu erleben. Ihre Stimme war versöhnlich, als sie jetzt sprach.
"Hören Sie zu - ich mache doch gar nichts Gefährliches. Würde es Sie beruhigen, wenn ich Ihnen versichere, dass ich mich keinem Risiko aussetzen werde?"
Jetzt ließ Snape sich in den Sessel sinken, der dem gegenüberstand, in dem eben noch Hermine gesessen hatte. Sie beobachtete den grübelnden Snape einen Moment, dann ließ sie sich ihm gegenüber nieder.
Er hatte eine Hand an die Schläfe gelegt, als wäre ihm plötzlich jedes Denken zuviel.
"Nehmen Sie zu keinem auf der Liste Kontakt auf. Beobachten Sie nur!", sagte er schließlich knapp.
Hermine nickte und täuschte Zustimmung vor. Im Grunde war ihr jedoch vollkommen klar, dass sie so wohl kaum an brauchbare Informationen gelangen würde.
Er schien nicht wirklich beruhigt.
Hermine wurde nervös, als er weiterhin in dieser nachdenklichen Pose verharrte.
Als er dann sprach, verstörten seine Worte sie zutiefst.
"Ich werde dafür sorgen, dass Professor Dumbledore, oder Minerva McGonagall Ihre Kontaktperson in dieser Sache wird."
"Warum?", fragte sie und beobachtete ihn genau.
Snape beschränkte sich auf ein Kopfschütteln und eine vage Geste mit der Hand. Sie begriff, dass er nicht weiter darauf eingehen würde - im Gegenteil, er schien mit den Gedanken meilenweit weg zu sein.
Hermine kam die folgende Stille erdrückend vor. Erst jetzt fiel ihr auf, wie still dieser Raum war. Dunkel und still - genau so, wie sie sich die privaten Räume von Severus Snape immer vorgestellt hatte. Nur besagte Bücher fehlten. Sie hätte geglaubt, jedes Regal sei damit vollgestopft. Doch Tatsache war, dass es überhaupt keine Regale gab - zumindest nicht in diesem Raum. Wenn er nebenan eine eigene Bibliothek hatte, so war der Umstand, dass dieser Raum nur einige Gemälde enthielt wohl nicht weiter erstaunlich. Hermine gab es auf, die Darstellung eines Ölgemäldes an der hinteren Wand erkennen zu wollen. Das Bild wurde von keinerlei direktem Kerzenschein erhellt und der Halbschatten schien es regelrecht zu verschlingen.
"Es trägt den Titel 'Übergang in die Hölle' und würde Ihnen sicher nicht gefallen, Miss Granger", sagte er, als er ihr Interesse allzu leicht durchschaut hatte.
Hermine versuchte nicht ertappt zu klingen: "Das hört sich wirklich nicht gerade schön an, Sir."
Plötzlich lag ein schmerzvolles Lächeln auf seinem Gesicht. "Wenn eine Seele dem Teufel anheim fällt, so hat dies nie etwas mit Schönheit zu tun. Es hat ausschließlich mit Macht zu tun. Mit Macht, die der Teufel einem bietet - und letztendlich doch nur mit der Macht, die er selbst aus der neuen, noch lebensfähigen Seele zieht. Den Schmerz und die Zerstörung, die der verlorene Mensch daraufhin erfährt, ist das Thema dieses Bildes. Manche würden die Darstellung wohl als zu grausam bezeichnen."
Hermine sah kurz wieder zu dem Bild, das ihr nach wie vor nur schattenhafte Umrisse offenbarte, und schließlich sah sie zurück zu Snape, der wieder in Gedanken versunken war. Sie schreckte ihn offensichtlich daraus hoch, als sie sagte: "Sie selbst mögen es scheinbar auch nicht so sehr. Warum haben Sie es aufgehangen, wenn Sie es nicht ansehen möchten?"
Auf seinen verwirrten Blick hin erläuterte sie: "Sie haben es in den dunkelsten Bereich ihres Wohnzimmers gehangen."
Diesmal war es Hermine, die erschrak, als er plötzlich ein kehliges Lachen von sich gab.
"Kann man Ihnen eigentlich irgendetwas vorenthalten?", fragte er kopfschüttelnd.
"Wenn es ein Geheimnis ist, dann behalten Sie es ruhig für sich", erwiderte Hermine schnell.
"Ich habe es nie als Geheimnis betrachtet...das Bild dient mir als Erinnerung. Es ist so etwas wie eine Warnung an mich selber. Dies wird Sie wohl nicht sonderlich schockieren, da Sie um die Rolle meines Lebens wissen."
Hermine war selbst überrascht, wie sehr seine Worte sie trafen. Nach all seinen Bemühungen sie im Unklaren über seine Empfindungen zu lassen, hatte er hiermit eine so deutliche Stellungnahme bezogen, dass es sie geradezu erschütterte. Sie hatte geahnt, dass er unter seiner Rolle beim Lord litt und eigentlich sollte es sie nicht verwundern, dass er zu solch einer Form der Selbstgeißelung griff. Ein Bild täglich zu sehen, dass einen an seine Sünden erinnert, hatte schon fast etwas Tiefgläubiges. Tragisch jedoch war das Ausmaß, in dem Severus Snape an seine eigene Schuld glaubte und wie besessen er daran festhielt.
Dennoch, er hatte das Bild im Dunkeln gelassen. War dies ein Zeichen dafür, dass er selbst das Gefühl hatte in Dunkelheit gestürzt zu sein, oder bedeutete es, dass seine Schuld zwar immer da war, jedoch seinen Blick für die anderen Dinge nicht zu sehr trüben sollte. Hermine war klar, dass sie ihm eine solche Frage unmöglich stellen konnte. Im Gegenteil - hatte er ihr nicht noch früher am Abend deutlich klar gemacht, dass jegliche Fragen zu seinem Gefühlsleben absolut Tabu seien?
"Ich würde es gerne richtig sehen", hörte sie sich selbst sagen und augenblicklich erschrak sie über diese Worte, die sie doch eigentlich nur hatte denken wollen.
Sofort schnellte eine seiner Augenbrauen in die Höhe und sein Gesicht hatte einen verwirrten Ausdruck angenommen.
Ohne etwas zu sagen, wies er auf den Kerzenleuchter und machte ein vage Geste, die Hermine als Einverständnis interpretierte.
Mit klopfendem Herzen griff sie nach den Kerzen, erhob sich und machte sich langsam auf den Weg zu der hinteren Wand. Als sie Snape in der Dunkelheit zurückließ und statt dessen immer mehr von dem schrecklichen Bild erkennen konnte, wurde ihr klar, dass der Snape den sie kannte, ebenso verschwand, wenn er in den Schrecknissen dieses Bildes gefangen war.
Es zeigte nackte Männer und Frauen, die sich gegenseitig so tief ins Fleisch bissen, dass blanker Knochen sichtbar wurde. Sehnen hingen aus den klaffenden Wunden und blutige Bäche ergossen sich aus ausgekratzten Augen. Über diesen Menschen zeigte sich ein Augenpaar, das so kalt und zufrieden glänzte, dass Hermine klar war, dass nur der Teufel leibhaftig sich an einem solchen Grauen erfreuen konnte. Aber das Schrecklichste war der Ausdruck auf den Gesichtern der Gefolterten. Sie schienen allesamt in einem Glückstaumel zu schweben. So, als wäre Schmerz und Zerstörung die höchste Erfüllung die sie erreichen konnten.
Hermine schlug die Hand vor den Mund und bekämpfte die aufsteigende Übelkeit.
"Zufrieden jetzt?", erklang Snapes Stimme aus der Dunkelheit und Hermine bekam eine Gänsehaut.
"Das ist schrecklich", stieß sie hervor.
Seine Stimme war völlig ruhig, als er erwiderte: "Das sagte ich Ihnen ja - aber Sie wollten nicht hören. Vielleicht sollten Sie endlich anfangen Warnungen ernst zu nehmen, statt immer Ihren Kopf durchzusetzen."
Ohne eine Erwiderung darauf zu geben, kehrte sie mit dem Kerzenleuchter zu Snape zurück. Als sie näher kam, wandte er den Kopf ab und Hermine erkannte, dass er die plötzliche Helligkeit in seinen Augen als schmerzlich empfand.
"Sie sollten jetzt gehen, Miss Granger", hörte sie ihn murmeln.
Und dann sah sie es. Feuchtigkeit schimmerte unter seinen Augen - eine verräterische Spur aus Tränen.
Der Kerzenleuchter schwankte heftig in ihrer Hand, bevor sie ihn auf dem Tisch abstellen konnte. Sie fühlte sich schwach und eine Frage kreiste in ihrem Kopf, die ihr selbst völlig unsinnig erschien.
Reagierten seine Augen tatsächlich so empfindlich auf das Licht, das der Dunkelheit gefolgt war?
Sie fühlte sich schuldig, obwohl es keinen nennbaren Grund dafür gab.
"Sir...", sagte sie sanft.
"Raus", kam seine Erwiderung sofort.
"Was habe ich getan? Was habe ich falsch gemacht?"
Hermines Stimme hatte verzweifelt geklungen. Sie versuchte zu ergründen was gerade vorging. Warum stellte sie diese Fragen? Warum, um alles in der Welt, ging sie nicht einfach?
'Weil er geweint hat', erklärte ihre innere Stimme. 'Er hat nicht geweint - zu so etwas ist er gar nicht fähig - er mag kein Licht...er mag einfach kein Licht', erklärte eine andere Stimme in Hermines Kopf mit trotzigem Klang.
Immer noch stand sie da, unfähig eine Entscheidung zu treffen. Schließlich erhob Snape sich und sie schreckte zusammen, als er auf sie zukam. Für einen Moment glaubte sie fast, er wolle sie umarmen, doch stattdessen packte er sie bei den Schultern und schob sie zur Tür.
Hermine wehrte sich nicht. Viel zu überrascht war sie über seinen plötzlichen Körpereinsatz um sie loszuwerden. Erst als er zischte: "Gehen Sie - sofort!", stemmte sie sich gegen ihn, um zu beweisen, dass er nicht alles mit ihr machen konnte. Snape blickte überrascht auf ihre Hände, die gegen seinen Oberkörper drückten und für einen Moment glaubte sie, er würde ihre Hände einfach wegschlagen. "Ich bleibe!", sagte sie so atemlos, dass es nur ein Flüstern war.
Als er nach ihren Oberarmen griff, stellte sie sich darauf ein, dass er sie wegstoßen würde, doch als er sie völlig unerwartet stattdessen an sich heranzog, krallte sie sich vor Überraschung an seinem Hemd fest.
Seine Augen waren ihr jetzt so nah, dass das Dunkel sie fast zu verschlingen schien. Dann verschwanden diese Augen aus ihrem Blickfeld und sie spürte seinen Mund auf ihren Lippen. Hermine spürte seine Hitze, die sie zu verbrennen schien. Und plötzlich setzte dieses Feuer auch sie in Brand. Wie selbstverständlich öffnete sie die Lippen und hieß seine Zunge Willkommen. Während er von ihrem Mund Besitz ergriff, spürte sie, wie er ihr noch näher kam. Automatisch schmiegte sie sich an ihn und nahm wie in Trance seine Erregung zur Kenntnis. Snape löste seine Hände von ihren Armen und als er den Kuss beendete, packte er gleichzeitig nach ihren Handgelenken und löste ihre krallenden Finger von seiner Brust. Hermine sah ihm wiederum direkt in die Augen und wusste, dass er das Gleiche in ihren las, wie sie in seinen. Für einen Moment glaubte sie, dass er sie erneut küssen würde, doch als er sie schließlich von sich schob, keimte Verzweiflung in ihr auf.
Snape trat einen Schritt zurück und seine Stimme klang völlig fremd, als er sagte: "Es tut mir leid! Gehen Sie jetzt!"
Hermine spürte immer noch den Druck, den er an ihren Armen hinterlassen hatte. Sie spürte, wie ihr Mund sich nach seiner Zunge sehnte, sie spürte die Wärme seines Körpers und seine Erektion an ihrem Schambein. Doch all dies war nur noch in ihren Gedanken, denn der Mann, der sie so überraschend in Erregung versetzt hatte, wandte sich ab und seine Stimme klang voller Ekel, als er sagte: "Ich gebe Ihnen genau eine Minute um zu verschwinden!"
tbc
