19

Hastig schlug ich die Seite auf und sucht die Stelle wo ich vor dieser lästigen Unterbrechung gewesen war.

„Sebastian du musst mir helfen!" Martha blickte mich großen, verschreckten Augen an. Noch immer fiel es mir schwer an einen Fluch zu glauben, aber sie tat es und sie hatte große Angst. Ich stand auf und kam um den Schreibtisch herum und setzte mich zu ihr.

„Gut, erzähl mir einfach alles von Anfang an." Mehr Aufforderung brauchte sie nicht, aus ihr sprudelten die Worte nur so hervor.

„Ich ging von Paris aus zurück nach Ungarn und lebte dort recht gut. Ich nahm mir einfach was ich brauchte und mehr." Hier stockte ihre Stimme.

Ich bekam so eine Ahnung, was passiert war. Martha hatte eine Neigung zum Exzentriker und das war ihr zum Verhängnis geworden.

„So lebte ich die nächsten Jahre sehr gut, zu gut. Doch vor vier oder fünf Jahren kamen die Sinti und alles wurde anders. Ich….sagt dir der Name Bathory etwas?" Stumm schüttelte ich meinen Kopf.

„Sollte er?"

„Die Bathorys sind ein mächtiges Herrschergeschlecht in Ungarn und meine Familie. Dort kennt jeder diesen Namen, aber vor allem wegen einer Nachfahrin von mir –meine Großcousine Erzsebeth, genannt die Blutgräfin. Du hast nie von ihr gehört?" Mir war so als hätte ich eine dunkle Erinnerung daran.

„Nein, nicht wirklich, aber erzähl weiter."

„Nun jeder kennt die Bathorys, auch die Sinti. Ich hatte vom einfachen Volk nichts zu befürchten, im Gegenteil sie gaben mir alles, wonach mir verlangte. Doch dann wollte ich unbedingt einen schönen jungen Mann aus der Gruppe der Sinti und zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wurde mir dieser Wunsch verweigert. Ich versuchte es mit dem uns so eigenen Charme, doch durch den Schutz der Alten, waren sie dafür nicht empfänglich.

Ich wurde wütend, nein rasend und so holte ich mir einfach, wonach mich verlangte. Ich schlich mich in der Nacht ins Lager, packte ihn und brachte ihn fort. In meinem Schloss, ja ich hatte mir das Schloss von Elzsebet als Zuhause auserkoren, machte ich ihn zu einem von uns. Er flehte mich an ihn zu verschonen, doch ich lachte ihn nur aus. Dann verwünschte er mich und sagte mir auf den Kopf zu, dass ich dafür büßen würde. Sein Volk würde ihn, Nikolai, rächen, so wahr er hier stehe. Doch auch das kostete mich nicht mehr als ein Lächeln, was mir wie du sehen kannst gründlich vergangen ist."

Martha atmete tief ein, etwas was wir nur zum Schein oder in Moment größter Erregung tun.

„Nun ich biss ihn und verwandelte ihn in einen Vampir. Wie schnell er sich mit seinem Schicksal abgefunden hat! Die kleine Dienstmagd, die ich ihm als Nahrung anbot, nahm er ohne Federlesens an. Ich beschloss ihn zu behalten. Er würde mir, nachdem ich ihm Bildung beigebracht hatte, ein guter Gefährte sein, denn er war von außergewöhnlicher Schönheit. Er hatte das schwarzes glattes Haar und genauso schwarze Augen, in seiner Statur wirkte er sehr stolz, wenn er aufrecht da stand und er besaß das feurige Temperament eines Ungars.

Sei mir nicht böse, wenn ich dir das sage, aber ich hab eine große Schwäche für Männer aus meinem Volk."

Ich war ihr nicht böse, denn alles was ich jemals für sie gefühlt hatte, war lange vorbei und da war noch Madeleine, sie hatte ich immer noch nicht aus meinen Gedanken getilgt. Es verging kein Tag, an dem ich nicht an sie dachte und manchmal wurde der Schmerz so übergroß, dass ich daran zu ersticken glaubte, obwohl ich nicht atmete.

„Sein stolzes Herz, dass wollte ich für mich gewinnen. Nikolai sollte mich lieben. Aber es kam ganz anders. Als der folgende Tag anbrach, stürmten seine Leute das Schloss und suchten uns. Sie fanden uns unten in den Kellerräumen. Nachdem sie entdeckten, was ich Nikolai angetan hatte, töteten sie ihn. Anschließend packten sie mich um auch mich zu meucheln. Halt, rief eine Stimme hinter ihnen und ehrfürchtig traten sie zur Seite, machten Platz für eine alte Frau. Sie trat dicht an mich heran.

Später sollte ich erfahren, dass sie die Großmutter von Nikolai war und in ihrer Gruppe die Älteste. Dir soll genommen werden was du genommen hast. Sagte sie zu mir und packte dabei eine Strähne meines Haars und schnitt es mit einem alten Dolch ab. Triumphierend hielt sie mein abgeschnittenes Haar hoch und zeigte es ihrem Volk, dann wandte sie sich mir wieder zu. Sobald der Mond voll ist wirst du altern und beim nächsten sterben! Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging fort. Die Männer die mich gepackt hielten, ließen mich einfach fallen und innerhalb kürzester Zeit waren sie alle fort."

Hier machte sie eine Pause und ich wartete bis sie soweit war fortzufahren. „Zuerst hielt ich das auch so wie du für einen dummen Scherz. Wir altern nur wenn wir keine Nahrung finden und dieser Prozess kehrt sich sofort wieder um, wenn wir welche haben, aber ansonsten sind wir unsterblich." Sie sagte mir damit nichts neues, das sind Dinge die jeder Vampir weiß.

„Vor fünf Nächten war der erste Vollmond und sieh mich an, ich beginne zu altern!" Ich betrachtete sie genauer und tatsächlich.

In ihrem Gesicht zeigten sich erste kleine Fältchen und vereinzelt woben weiße Fäden in ihrem Haar. Diese Zeichen waren noch sehr gering, aber ich konnte ihre Aufregung verstehen. Auch wenn sie noch so gering da waren, sie dürften überhaupt nicht da sein.

„Wie kann ich dir helfen?" Schön langsam begann ich zu glauben. Zu intensiv erzählte mir Martha ihre Geschichte und ich konnte die Anzeichen selber sehen.

„Es gibt eine Möglichkeit den Fluch zu brechen. Ich muss mein Haar zurückbekommen, dann und nur dann ist er gebrochen." Dramatisch sah sie mich an.

„Sie sind hier! Ich bin ihnen bis nach London gefolgt und habe dann ihre Spur verloren!" hektisch sprang sie vom Stuhl hoch und lief unruhig hin und her.

„Beruhig dich! Wir werden sie finden. Ich helfe dir." Das war genau was ich brauchte- eine Aufgabe. Ich würde ihr helfen und nebenbei noch meinen Gedanken entfliehen.

„Du verstehst nicht! Wie soll ich mich beruhigen? Fünf Tage sind bereits vergangen und in 13 ist der nächste Vollmond und ich habe keine Ahnung wo die Sinti hingegangen sind! Es kann Tage, wenn nicht Wochen dauern sie wieder zu finden!" Ich musste nachdenken und lehnte mich zurück.

„Erzähl mir genau wo du sie zuletzt gesehen hast?" Sie hielt in ihrem Lauf inne.

„Bei den Docks! Wieso?" Das half uns nicht wirklich weiter, aber das wollte ich ihr nicht sagen.

„Nun vielleicht finden wir gemeinsam einen Ansatzpunkt, wohin sie sich gewendet haben. Ich werde meine Sachen packen und noch heute mit dir nach London fahren. Dort hast du sie zuletzt gesehen und dort werden wir eine Spur von ihnen finden." Sagte ich Zuversichtlicher, als ich mich fühlte. Martha hatte Recht, sie konnten praktisch überall sein.

Tröstend legte ich ihr einen Arm um die Schultern und zog sie mit mir durch die Tür.

„Komm, schnappen wir sie uns!" Das entlockte ihr endlich wieder ein kleines Lächeln.

„Ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe."

Noch in dieser Nacht erreichten wir die Docks und ich befragte jeden Mann, jede Frau und auch jedes Kind ob sie die Sinti gesehen hatten. Doch überall bekam ich die gleiche Antwort, niemanden waren sie aufgefallen. Was mich nicht weiter erstaunte, die Docks waren gefährlich und dort kümmert sich jeder nur um seine Angelegenheiten.

Doch der Zufall arbeitete für uns, eine kleiner Junge fiel uns zufällig in die Hände, als er an uns vorbei laufen wollte, er hatte bei einer Schenke einen Gast beraubt und ich weiß nicht warum, aber ich half ihm zu entkommen. Als Gegenleistung verriet er uns wohin die Sinti gegangen sind.

Sie waren auf dem Weg nach Cambridge. Martha wäre am liebsten gleich losgestürmt, ihnen hinterher, doch die Morgendämmerung zwang uns, uns schleunigst ein Quartier zu suchen. Wir würden warten müssen bis die Nacht hereinbrach. Ich konnte Martha nur schwer bändigen, doch hätte ich sie nicht zurückgehalten, hätte es keine 13 Tage bis zu ihrem Tot gebraucht.

12 Tage bis Vollmond

In der nächsten Nacht besorgten wir uns die schnellsten Pferde und ritten als wäre der Teufel hinter uns her. Wie liebte ich dieses Freiheitsgefühl das mich durchdrang. Nichts hörte ich als die donnernden Hufe unter mir und den Wind über mir in den Ohren. Wir kamen gut voran und erreichten Cambridge bevor der Morgen zu dämmern begann. Auch hier war eile geboten, denn sonst wären wir beide tot. Wir suchten uns einen unterirdischen Unterschlupf, was in dieser traditionellen Stadt leicht war, hier gab es viele unterirdische Gänge und Keller.

11 Tage bis Vollmond

Kaum war die Nächste Nacht herein gebrochen, wollte Martha sich sofort auf die Suche machen. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass sie in diesen zwei Nächten enorm gealtert war. Wäre sie eine Menschenfrau, man würde sie jetzt so um die Vierzig schätzen. Die Falten um die Augen und den Mund hatten sich vertieft und ihr wunderschönes schwarzes Haar war von unzähligen weißen Strähnen durchzogen. Nur mit Mühe konnte ich meine Gefühle verbergen, hätte sie gesehen was ich sah wäre sie in Tränen ausgebrochen. Wir brachten die nächsten Stunden damit zu jeden der uns begegnete nach den Sinti zu befragen, doch es war wie in London, keiner konnte oder wollte uns Auskunft geben. Diese Nacht kehrten wir unverrichteter Dinge in unser Lager zurück. Martha tobte und weinte vor Angst, ihr rann die Zeit durch die Finger. Ich schlug ihr vor in der folgenden Nacht getrennt auf Suche zu gehen.

10 Tage bis Vollmond

Ich machte mich alleine auf die Umgebung zu durchstreifen. Da wir sie nicht direkt in Cambridge gefunden hatten, mussten sie sich irgendwo außerhalb aufhalten. Naheliegend waren für mich die Wälder rund um Cambridge. Also konzentrierte ich meine Suche dort und wurde tatsächlich fündig. Schon von weitem sah ich durch die Bäume den Schein eines Lagerfeuers. Ich lief darauf zu und als ich schon fast da war, prallte ich zurück. Zuerst dachte ich, ich sei gegen einen Ast gelaufen oder ein anderes Hindernis, doch da war nichts und dennoch konnte ich nicht weitergehen. Verblüfft versuchte ich herauszufinden warum, als wie aus dem Nichts plötzlich eine alte Frau vor mir stand. Sie ging auf einen Stock gestützt und ihr Gesicht war von unzähligen Falten übersäht. An ihrer Kleidung konnte ich erkennen, dass sie zu den Sinti gehörte.

„Du kommst hier nicht durch. Das ist ein Bannkreis. Nur den Lebenden ist es gestattet hier vorbei zu gehen." Ich streckte meine Hände aus um die Barriere zu fühlen.

„Wer bist du und warum bist du gekommen?" Fragte mich die Alte.

„Ich komme für eine Freundin. Ihr habt etwas was sie zurück haben möchte." Sie sah zu mir hoch und versuchte mir, wie ich glaubte, auf den Grund meiner Seele zu blicken.

„Bevor ich dir Antworte, werde ich dein Schicksal lesen." Mit diesen Worten kniete sie sich auf den Boden nieder und schüttelte einen kleinen Beutel, den sie bei sich trug, aus. Viele kleine Knochen purzelten daraus hervor. Ich sah nur ein Häufchen alter bleicher Knochen, doch sie betrachtete diese äußerst Konzentriert, dann sah sie mich an.

„Das ist ja Merkwürdig. Kann das sein?"