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Dann löste ich mich aus seinen Armen und schickte ihn endlich zum Anziehen, denn solange er so unbekleidet in meinem Schlafzimmer stand, war er für mich eine zu große Ablenkung.
„Ich werde meinen Job aufgeben und für Ernest muss ich auch ein gutes Plätzchen finden. Am Besten bringe ich ihn zu meinen Eltern, meine Mum hat sowieso eine Schwäche für ihn", zählte ich ihm auf.
Sebastian schlüpfte gerade in seine Jeans und streifte sich das Hemd über, ohne es zuzuknöpfen, er sah unglaublich sexy aus. Er kam auf mich zu und schloss mich in seine Arme.
„Willst du das auch wirklich? Mit mir ist es nicht leicht und du hättest einen besseren verdient." Ich wusste nicht sollte ich lachen oder ihn schimpfen.
„Besser als dich? Für mich gibt es nichts Besseres als dich, wie oft muss ich dir das noch sagen?"
Er drückte mir einen Kuss in mein Haar und flüsterte: „Wohl nicht oft genug, Liebes."
Dann löste er sich von mir. Ich hielt ihn zurück.
„Und du? Willst du wirklich versuchen wieder ein Mensch zu werden? Du bist schon so lange ein Vampir. Als Mensch hast du nicht soviel Kraft und du wirst krank und du bist wieder sterblich." Darüber zuckte er nur mit den Schultern.
„Ich lebe seit 1476 und ich habe soviel gesehen, aber ich war die meiste Zeit alleine. Um bei dir sein zu können, würde ich das alles mit Freuden aufgeben." Ich spürte, dass er es ehrlich meinte.
„Noch was, wie kommst du auf die Idee, dass das Ding, das dich gebissen hat, in Rumänien ist?" Gespannt blickte ich ihn an.
„Es war etwas, was Martha einmal zu mir gesagt hatte. Sie meinte es gäbe nur zwei wirklich gute Plätze für Vampire auf der Welt – Ungarn und Rumänien, naja Russland gehört da auch dazu. Aber Rumänien gilt als die Wiege aller Vampire und als die Zeiten immer moderner wurden, zogen sich viele in den Osten zurück." Jetzt fing das wieder an, er gab mir wieder nur halbe Informationen.
„Und woher weißt du, dass sich viele Vampire in den Osten Europas zurückgezogen haben?" Er runzelte die Stirn.
„Ich war dort", sagte er schlicht.
„Was du warst dort? Wann?" Er lächelte über meine Neugierde.
„Erledige zuerst deine Sachen hier und dann las uns zu mir fahren und dann, versprochen, erzähle ich dir alles."
Also rief ich meinen Chef an, der die Neuigkeit, dass ich fristlos kündigte erstaunlich gelassen aufnahm. Nach dem er mich aufs wortreichste beschimpft hatte, was ich ihm gar nicht zugetraut hätte, knallte er mit den abschließenden Worten: „Zeugnis bekommen Sie keines von mir!" den Hörer auf die Gabel.
Seufzend legte ich ebenfalls auf, um gleich darauf meine Eltern anzurufen. Ich erzählte ihnen, dass ich eine Reise gewonnen hätte und für ein paar Wochen unterwegs sein würde, auch bat ich sie Ernest zu nehmen. Sie freuten sich so ehrlich mit mir, dass ich mich ganz elend fühlte.
Anschließend rief ich noch meine beste Freundin Isabella an und erzählte ihr dieselbe Geschichte, zuerst war sie überrascht, sie wusste ja gar nicht, dass ich bei Preisausschreiben mitmachte, doch ihre Freude überwiegte und so wünschte sie mir eine gute Reise. Ich hoffte, ihre guten Wünsche würden sich erfüllen. Ich kehrte ins Schlafzimmer zurück, wo Sebastian sich es mit Ernest im Bett bequem gemacht hatte.
„Und, hast du alles erledigt?", fragte er mich und sah mich besorgt an. Er schien zu spüren, dass ich mich nicht sehr wohl fühlte, ich hatte gerade die liebsten Menschen, die ich hatte belogen, kein sehr schönes Gefühl.
„Ja. Ich habe meinen Job gekündigt. Ernest geht zu meinen Eltern, die glauben ich habe eine Reise gewonnen und dasselbe habe ich meiner Freundin erzählt", berichtete ich ihm leicht niedergeschlagen und legte mich neben ihn. Er strich mir über mein Haar.
„Weißt du, dass du mir jetzt völlig ausgeliefert bist? Kein Mensch weiß, wo du dich wirklich aufhältst." Ich wusste nicht, ob er mich damit aufheitern oder mir mal wieder Angst machen wollte.
„Sollte ich mir deswegen auch noch Sorgen machen?" fragte ich ihn leicht bissig. Ich spürte wie sich seine Brust hob vor lachen.
„Du bist einmalig."
„Gut und diese einmalige Frau muss jetzt wieder aufstehen und Koffer packen." Und schon schwang ich meine Beine aus dem Bett und kroch beinahe darunter, um meinen Koffer hervor zu ziehen.
Ich hievte ihn aufs Bett und ließ ihn aufschnappen. Wahllos suchte ich zusammen, was ich dachte brauchen zu können. Oben auf legte ich Sebastians Buch. Dann kramte ich aus einer Schublade noch meinen Pass hervor und stopfte ihn in meine Handtasche, ebenso meine Kreditkarten. Ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass ich gerade noch genug Zeit hatte, Ernest zu meinen Eltern zu bringen und zurückzukommen, ehe es dunkel wurde.
Ich verabschiedete mich rasch mit einem Kuss von Sebastian, packte Ernest in seinen Katzenkorb und sauste los. Bei meinen Eltern hielt ich mich nicht lange auf, ich wollte sie nicht noch mehr belügen. Es tat so schon genug weh, wie sie mich ausfragten, wohin die Reise ging und ich so gezwungen war, meine Lüge noch mehr auszubauen.
Kaum zurück konnte ich noch einen schönen Sonnenuntergang beobachten, ehe die Sonne am Horizont hinter den Dächern verschwand. In meiner Wohnung packte ich meinen Koffer und trug ihn schon zum Auto. Wieder oben, konnte ich mir eine Frage nicht verkneifen.
„Wie bist du eigentlich hergekommen und woher hast du gewusst wo ich wohne?" Sebastian verschränkte die Arme vor der Brust.
„Mit dem Taxi. Deine Adresse habe ich in deiner Firma erhalten, wie auch deine Telefonnummer." Ich war entsetzt, da ruft ein in meiner Firma Unbekannter an und die gaben ihm meine Adresse und Telefonnummer.
„Las uns bloß von hier verschwinden, ehe ich noch mal meinen Exchef anrufe und ich ihm meine Meinung sage", grollte ich wütend. Ich warf einen letzten Blick zurück in meine Wohnung, so als ahnte ich bereits, dass ich sie nie mehr wieder betreten würde.
Zurück in seinem Haus, setzten wir uns in die Bibliothek, doch statt wie beim ersten Mal gegenüber, hockten wir dieses mal Seite an Seite und blätterten in Van Helsings Buch. Luzifer leistete uns Gesellschaft, nur sah ich ihn jetzt mit anderen Augen.
Wirkte er immer schon so wissend, oder bildete ich mir das nur ein, weil ich die Wahrheit über ihn kannte? Wie auch immer, sein Verhalten mir gegenüber war nicht mehr ganz so feindselig, so als spürte auch er, dass ich wusste was er war.
„Ich habe das Buch nie gelesen, nur mal ein bisschen überflogen.", grummelte Sebastian neben mir, vertieft in einer Textstelle.
„Woher hast du das überhaupt?", fragte ich ihn.
„Was? Das Buch? Das hat Vlad mir gegeben." Antwortete er abwesend. Ich sah ihn völlig erstaunt an.
„Vlad? Marthas Freund? Wie kommst du den zu dem?" Bohrte ich weiter.
„Ach auf meinen Reisen durch die Karpaten." Murmelte er. Er schien mir gar nicht richtig zuzuhören.
„Sebastian!" Schrie ich ihn an. "Muss ich dir wieder jedes Wort aus der Nase ziehen?" Nun blickte er mich überrascht an.
„Hm?" Er merkte es nicht mal, es war zum aus der Haut fahren.
„Also daran musst du noch arbeiten, mit Neuigkeiten herausplatzen und sie dann einfach ohne Erklärung im Raum stehen zu lassen. Das geht so nicht." , erklärte ich ihm.
Er grinste mich schief an und drückte mir einen Kuss auf die Lippen.
„Ich werde versuchen mich zu bessern, versprochen." Schon wieder versöhnt, grinste ich zurück.
„So und wann warst du in den Karpaten?" Er legte das Buch endgültig nieder und antwortete mir.
„In jener Nacht, als ich Martha verließ, das ließ mir lange keine Ruhe und so machte ich mich ein paar Wochen später noch einmal nach Cambridge auf um sie zu suchen. Doch keine Spur mehr von ihr oder den Sinti. Sie waren wieder fort gegangen. Das einzige was ich wusste, war das sie wie Martha aus Ungarn kommen und so beschloss ich nach Ungarn zu reisen." Jetzt war ich richtig Neugierig.
„Und hast du sie gefunden?" Er schüttelte nur den Kopf. „Nein, weder sie noch die Sinti. Von anderen Reisenden erfuhr ich, dass sie auf dem Weg in die Karpaten waren. Also war das mein nächstes Ziel und dort traf ich Graf Dracula."
