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„Das ist jetzt ein Witz, oder? Den gabs doch nicht wirklich?" Ich sah ihn verblüfft an. Das amüsierte ihn, dass sah ich ihm an.

„Ja und nein. Graf Dracula ist Vlad Tepes. Den Spitznamen Graf Dracula hat er van Helsing zu verdanken. Der meinte es würde sich in seinem Buch besser machen, wenn er schreiben könnte, er habe den Grafen Dracula getötet, als Vlad Tepes." Irgendwie verwirrte mich das Ganze immer mehr.

„Halt, stopp, du hast mir doch gerade erzählt, Vlad hätte dir das Buch gegeben. Wie kann er das, wenn ihn dieser van Helsing getötet hat?" Nun lachte er wirklich.

„Hat er nicht. Er hat Vlad nicht getötet, im Gegenteil, die Beiden waren sehr gute Freunde. Nur zum Schutze von Vlad, hat er dessen Tod erfunden." Irgendwie war die Geschichte abstrus.

„Gib mir dein Buch! Ich wird´s selber nachlesen. Aus dir ist kein vernünftiger Satz heraus zu bringen." murrte ich verstimmt.

„Liebes, das Buch hast du." Als ich schon aufstehen wollte, um es aus meinem Koffer zu holen, packte er mich am Arm und zog mich zurück auf meinen Stuhl.

„Ich erzähle dir die Geschichte und verzeih, ich hab einen seltsamen Sinn für Humor." Ich lehnte mich zurück, verschränkte meine Arme und wartete.

„Es war immer noch das Jahr 1807 als ich damals auf Vlad traf. Er bewohnte immer noch das Familienschloss. Er und Mina Hacker. Sie hatte er aus England mitgebracht. Er war fast so alt, wie ich, aber nur fast, ich war älter und somit stärker als er. Als Vampir wirst du von Jahr zu Jahr, stärker und mächtiger. Wenn ein Vampir auf einen Anderen trifft, ist immer entscheidend, wenn nicht sogar Lebensnotwendig zu wissen, wer der Ältere ist. Da sie zu zweit waren, brachte mir mein Alter einen gewissen Vorteil und Vlad und Mina waren sehr gastfreundlich.

Ich traf die Beiden beim überqueren der Karpaten. Mein letzter Halt wer ein kleines verschneites Dorf. Dort waren die Menschen sehr merkwürdig. Ich kehrte in das einzige Gasthaus ein, mehr um mich nach dem Weg zu erkundigen, als etwas zu mir zu nehmen. Als ich durch die Tür ging, schlug mir eisernes Schweigen entgegen. Man konnte spüren sie mochten keine Fremden.

Ich musste mich im Raum ducken, überall von der Decke hing Knoblauch. Zuerst dachte ich, diese Menschen hätten eine besondere Vorliebe für diese Knolle, erst später erklärte mir Vlad, was es damit auf sich hatte. Ich bat um einen Becher Wasser und fragte nach dem besten Weg über den Pass. Niemand antwortete mir, schon wollte ich mich zum gehen aufmachen, als der Wirt vor mich trat. „Hört mir zu und vergesst es nicht. Hier ist ein unheiliger Ort. Das Böse geht dort um. Kehrt um und verschwindet von hier, ehe es zu spät ist."

Der gute Mann gab mir einen wirklich vernünftigen Rat, denn ich nicht zu beherzigen gedachte. Ich selbst war das Böse, hier gab es nichts das ich fürchten musste, doch das konnte er nicht wissen."

Hier hielt er inne und sah mich gespannt an.

„Ich weiß wer du bist und sollte ich zur Vernunft kommen, werde ich mich auch gebührend vor dir Fürchten, doch jetzt erzähl erst mal zu Ende." erwiderte ich bestimmt. So leicht würde er mir keine Angst mehr machen. Er hatte mich, was ihn betraf, nie belogen und darum und weil ich ihn liebte, hatte ich keine Angst vor ihm.

„Ich fragte ihn, wo dieser Ort sei und stumm deutete er mit einer Hand die Richtung an. „Hör zu Junge, du rennst in dein Unglück!" versuchte er erneut sein Glück mich umzustimmen. Doch für mich war das zu spät. An der Tür wandte ich mich ein letztes Mal um und schenkte der Rund ein Lächeln. Es war erstaunlich, alle bekreuzigten sich fast gleichzeitig, denn nun wussten sie, was ich war.

Unermüdlich stapfte ich in die vom Wirt gezeigte Richtung und sah nach einer guten Stunde Gehzeit ein düsteres Schloss in der Ferne aufragen. Wölfe umkreisten diesen Ort und hielten neugierige Besucher fern. Als ich näher kam, liefen sie auch auf mich zu, aber mir taten sie nichts. Alle Geschöpfe der Nacht erkennen einander. Ich näherte mich dem Tor, das weit offen stand. Flankiert wurde es von zwei alles beherrschenden dunkeln Türmen, die düster herabblickten.

Ich ging ungehindert durch und kam in den Innenhof. Alles wirkte verlassen und doch konnte ich eine starke Präsenz spüren. Hier konnte man den Verfall des Schlosses deutlich sehen. Türen hingen lose in den Angeln. Herab gestürzte Steine lagen wo sie hingefallen waren. Automatisch kamen meine Fangzähne zum Vorschein und wie aus dem Nichts, stürzte sich etwas auf mich. Doch ich hatte den Angriff bereits gespürt, eher er statt fand und drehte mich gekonnt auf die Seite.

Mein Angreifer sprang ins Leere und blieb vor mir am Boden auf allen Vieren hocken. Ein Pfauchen ging von der Kreatur aus und auch ich machte mich kampfbereit. So verharrten wir den Bruchteil einer Sekunde, diese Zeit reichte für mich zwei Dinge gleichzeitig zu erkennen: erstens war mein Angreifer eine Frau, eine Vampirin und zweitens mir weit unterlegen.

Auch sie erkannte es sofort und gab ihre Kampfpose auf. Sie erhob sich und ließ ihre Fangzähne verschwinden. „Wer bist du?" Fragte sie mich und ging dabei um mich herum, um mich genau zu begutachten. Ich ließ sie schweigend gewähren und erst als sie wieder vor mir stand, gab ich ihr Auskunft. Zu meiner Linken löste sich ein Schatten aus der Wand und vor mir stand Vlad Tepes, alias Graf Dracula.

Wir taxierten uns schweigend, schätzten bei dem anderen Kraft und Alter ab. An meiner Ruhe konnte er spüren, dass ich bereits wusste, dass er mir im Ernstfall unterlegen wäre. Weißt du, Vampire begegnen sich nicht immer, eigentlich äußerst selten freundlich. Das mit Martha und mir war eine Ausnahme. Nun, nachdem geklärt war, wer von uns beiden der Stärkere war, legte er jede Feindseligkeit ab.

Freundlich stellte er sich und auch seine Gefährtin vor. Er bat mich ins Innere und war ein ausgesprochen zuvorkommender Gastgeber. Er brachte mich in einen vormals sicher prunkvollen Saal, doch auch hier schien sich niemand um Ordnung und Instandhaltung zu kümmern. In mir keimte der Verdacht auf, dass sich hinter dieser offensichtlichen Verwahrlosung eine gewisse Absicht verbarg, so als wollte hier jemand bewusst den Eindruck von Verlassenheit prägen.

Vlad nahm am Kopfende der Tafel platz, überschlug die Beine und lehnte sich zurück. Ich setzte mich zu seiner Rechten und Mina mir gegenüber. Hinter ihr zierte die Wand ein prachtvoller Wandteppich, dessen Farben durch die schlechte Behandlung stark gelitten hatte. Doch das war nicht von Interesse für mich, viel mehr das Motiv. Es zeigte eine große Schlacht. Die Türken gegen die Rumänen und in diesem dargestellten Getümmel, war auf einem braunem Pferd, mein Gastgeber sehr realistisch abgebildet. Auch wenn er als Vampir nicht mein Alter hatte, so war er nicht weit davon entfernt.

„Was treibt Euch in diese Gegend?" fragte er mich. „Eine alte gemeinsame Freundin." erwiderte ich. „Martha" Kurz blickte er mich irritiert an. Er war eine beeindruckende Persönlichkeit. Sein Haar war nachtschwarz, wie seine Augen. Er besaß sehr ausgeprägte Gesichtszüge und seine ganze Haltung verriet, dass er zum Herrschen geboren war, was er auch viele Jahre tat, ehe Martha in sein Leben getreten war.

Vlad Tepes Draculea wurde in Sighisoara geboren und geriet durch den Verrat des eigenen Vaters in türkische Gefangenschaft. Von dort aus eroberte er sein eigens Land zurück: aus „Sohn des Drachen", also Vlad Draulea, wurde Sohn des Teufels. Kein Wunder, dass Martha, als sie ihn kennen lernte sich sofort von ihm angezogen fühlte und ihm das ewige Leben schenkte. Fortan war er praktisch unverwundbar, für sein Volk ein nützlicher Vorteil. Die Ungarn und die Türken fürchteten ihn gleichermaßen für seine Grausamkeit und seine ihnen unheimlich werdende Unsterblichkeit. Die besten Krieger konnten ihm nicht eine Wunde zufügen, oder ihn gar töten. Ihr Glück war, dass er mit Martha nach England ging, wo er auf Mina traf, die ihn fortan mehr interessierte als alles andere.

„Du fragst mich nach Martha? Ich hab sie seit London nicht mehr gesehen, aber es geht ihr sicher gut, oder zumindest ist sie am Leben." Ich sah von einem zum anderen, wusste er von der Legende? „Wie kannst du dir so sicher sein, wenn du sie nicht gesehen hast?" Fragte ich zurück. „Sieh mich an, ich bin immer noch ein Vampir, kein Mensch. Ja!" Sagte er als er Erstaunen in meinen Augen aufblitzen sah. „auch ich kenne die Legende. Van Helsing hat sich sehr dafür interessiert. Und auch sie wäre kein Vampir mehr." Dabei umfasste er Minas Hand. „Kennst du die Sinti?"

Dieser Mann der nichts zu fürchten schien, zuckte bei meinen Worten zurück und wurde sofern das noch möglich war, noch eine Spur blasser. „Kein Vampir sollte sie kennen, oder versuchen ihnen zu begegnen! Sie sind sehr mächtig!" Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück, diese Antwort musste ich erst mal verdauen. „Was hast du mit denen zu schaffen?" wollte Vlad wissen. „Nichts. Martha hat einen Fehler begangen."

„Diese Närrin!" Rief er aus. „Eines Tages tötete sie uns alle mit ihrem Leichtsinn!" Er war aus seiner Sicht zurecht wütend. Sie hatte ihn erschaffen und wenn die Legende wahr ist, würde er mit ihrem Tod wieder ein Mensch und sterblich und somit verwundbar. „Mein Aufenthalt ist hier zu Ende, da du weder weißt wo Martha steck, noch die Sinti, muss ich meine Suche fortsetzen." Ich erhob mich, ich musste für den Tag noch einen sicheren Platz finden. „Warte! Bleib hier, bis die Nacht kommt, hier wird dir kein Leid geschehen, ich gebe dir mein Wort!" Zustimmend nickte ich und blieb den Tag bei Ihnen. In der kommenden Nacht setzten wir unsere Gespräche fort und sie erzählten mir von ihrer Begegnung mit van Helsing.