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„Warum sprichst du nur von Vlad dem Fürsten der Walachei und wie er aussah. Was ist mit Mina?", fragte ich ihn neugierig. Sebastian sah mich stirnrunzelnd an.

„Mina? Sie war eine zierliche Brünette und wie alle Vampire von außergewöhnlicher Schönheit. Wieso fragst du?" Was sollte ich jetzt sagen? Entschuldigung, aber ich war gerade ein kleines bisschen sehr eifersüchtig? Wohl kaum!

„Ach das Interessiert mich eben.", antwortete ich lieber ausweichend. „Erzähl ruhig weiter."

Unbehaglich wand ich mich unter seinem Blick, wo zuerst Unverständnis einem wissenden Lächeln wich. Ohne mich damit aufzuziehen fuhr er mit seiner Erzählung fort.

„Was die Beiden noch nicht wussten, war von der Existenz meines Wächters. Er war seit jener Nacht mehr oder minder immer bei mir. In der folgenden Nacht sollte sich dies jedoch ändern. Wir saßen, nachdem jeder für sich seinen Hunger gestillt hatte, wieder in demselben Saal wie am Vorabend zusammen. Vlad setzte gerade an über van Helsing zu erzählen, als Luzifer mit dem typischen geschmeidigen Gang einer Katze den Raum betrat und neben mir auf den Stuhl sprang. Vlad und Mina wichen entsetzt vor ihm zurück, sie wussten sofort was er war.

„Was willst du hier!" fuhr er Luzifer an. Dieser zuckte nur gelangweilt mit seinem Schwanz und leckte sich die Pfote. „Er gehört zu mir!", sagte ich mit ruhiger Stimme. Vlad fasste sich als erster wieder und nahm Platz, ohne die Katze aus den Augen zu lassen. „Wer hat dir denn den aufgehext?" Und dann, wie als würde er verstehen, setzte er wieder zu sprechen an. „Ah, die Sinti, deswegen fragst du nach ihnen!" Mina nahm vorsichtig auf ihrem Stuhl platz, auch sie konnte ihre Augen kaum von Luzifer wenden.

„Er wird euch nichts tun. Wie gesagt, er gehört zu mir." Vlad besah ihn sich genau und wandte sich dann zu mir. „Wie kommt das?" Nun war es an mir ihnen die ganze Geschichte über Martha und die Sinti zu erzählen. Schweigend hörten sie mir zu, unterbrachen mich nicht einmal. Als ich endete schlug Vlad mit der Faust auf den Tisch. „Verdammt seiest du, Martha! Verdammt sei dein Leichtsinn und dein Wahnsinn!" Aufgebracht wirbelte er den Staub auf dem Tisch auf. „Und dieser alten Hexe hast du deinen Wächter zu verdanken? Warum hat sie dich nicht getötet?"

Seine nachtschwarzen Augen verdunkelten sich gefährlich, er machte sich sprungbereit. Plötzlich war der Raum spannungsgeladen. Ich verharrte ruhig, aber breitete mich innerlich auf einen Kampf vor. „Ich habe keine Ahnung. Martha hat mich in diese Geschichte hineingezogen. Vielleicht ließen sie mich zufrieden, weil ich ihnen nichts getan hatte. Was weiß ich.", erwiderte ich ruhig, aber mit einem warnenden Unterton.

„Ich verschwieg ihm absichtlich, was die Zigeunerin zu mir gesagt hatte. Es würde ihm sicher nicht gefallen einen Vampir der Mitleid empfand um sich zu haben. Vlad beruhigte sich so schnell, wie er sich aufregt hatte. „Halte mir ihn bloß vom Leib und von meinem Schlafplatz fern!", verlangte er und ich konnte ihn gut verstehen. Luzifer, der jedes Wort verstand, stützte seine Vorderpfoten auf den Tisch, beugte seinen Kopf nach vorne und fixierte Vlad mit seinen grünen Katzenaugen, dann sprang er elegant vom Stuhl und verließ den Raum.

Beide beruhigten sich merklich und Vlad fuhr mit seiner Erzählung fort. „Van Helsing lernte ich in London kennen, dort wollte er mir Jonathan, Minas Verlobten, an den Kragen hetzen. Er hatte doch allen Ernstes vor mich zu töten und folgte uns bis hierher. Aber van Helsing war ein Mann der Wissenschaft und so gelang es mir ihn zu überzeugen, von seinen Tötungsabsichten vorerst Abstand zu nehmen. Ich lud ihn ein, mein Gast zu sein, und versprach ihm, dass ihm unter meinem Dach kein Leid geschähen würde. Er nahm erst an, als er Mina unversehrt sah. Nun gut, sie war ja jetzt eine von uns."

„Ich hatte Freude an ihm, er war so gebildet und wir saßen stundenlang beisammen und tauschten uns aus. Nach ein paar Wochen beschloss er seine Erfahrungen und sein Wissen über Vampire in einem Buch niederzuschreiben. Ich stellte ihm einen Raum und Schreibmaterial zur Verfügung und er war dankbar in Ruhe und ohne störende Unterbrechungen schreiben zu können.

Nach nur vier Monaten war er fertig und ich durfte sein Werk als Erster lesen. Er hatte sehr viel Wissen über unsereins zusammengetragen. Nur eines war falsch und ich hütete mich ihm die Wahrheit zu sagen. Er hielt mich für den ältesten aller Vampire. Du und ich wissen, wer der Älteste ist. Martha! Noch eine Stelle in seinem Buch versetzte mich in Staunen. Er hatte tatsächlich die Sinti getroffen und sie hatten ihm vieles von ihrem Wissen preisgegeben. Es sollte ihm helfen uns zu töten und das hat es.

Viele junge unerfahrene Vampire fielen ihm zu Opfer. Ich bat ihn, mir das Buch zu schenken, doch er gab mir lediglich eine Abschrift davon. Im Gegenzug musste ich ihm meine Lebensgeschichte erzählen. Bei einer Sache habe ich gelogen, meiner Vampirwerdung. Ich erzählte ihm von meinem verzweifeltem Wunsch nach Unsterblichkeit und wie ich mich von der Kirche ab und dem Bösen zugewandt hatte, in einer unheiligen Nacht wurde mir mein Wunsch gewährt und ich wurde unsterblich. Ich machte mich zu dem Ersten unter den Untoten."

„Er war mit Feuereifer dabei alles so niederzuschreiben. Seine letzte Bitte war mich töten zu dürfen, natürlich nur im Buch. So wäre ihm das nie geglückt, auch wenn ich nicht der Älteste bin, so bin ich alt genug um mit einem staubigen Wissenschaftler mühelos fertig zu werden." Hier lachte er und glaub mir bei ihm sah das Unheimlich aus. „Kann ich das Buch sehen?", bat ich. In dem Buch stand etwas über die Sinti, vielleicht auch wo sie zu finden waren. Vlad erhob sich und verließ den Raum um kurz darauf zurück zu kehren. In seinen Händen hielt er das Buch."

Sebastian tippte mit der Hand auf das kleine schwarze Buch vor sich auf dem Tisch.

„Warum gab er es dir?" Sebastian zuckte mit den Achseln.

„Keine Ahnung. Er drückte es mir in die Hand und sagte nur, wenn ich wollte könne ich es behalten. Er hatte es schon gelesen und für ihn war es von keinem sonderlichen Interesse. Liegt vielleicht daran, dass er kein Mensch mehr sein wollte. Ich packte das Buch ein und verließ die Beiden und auch die Karpaten."

„Und du hast das Buch mitgenommen, es aber nie gelesen? Warum?"

Er seufzte.

„Schon seit Ewigkeiten musste ich nicht so viele Fragen auf einmal beantworten. Auf meiner Suche nach Martha, habe ich das Buch eigentlich wieder völlig vergessen und als ich zurückkam, war es mir egal. Ich stellte es zu den anderen Büchern ins Regal und vergaß es einfach. Bis du mich daran erinnert hast."

Ich zog das Buch zu mir. Frustriert blätterte ich darin. Ich konnte es nicht lesen. Es war zu alt. Unwirsch schob ich es zurück auf den Tisch.

„Na toll ich kann es nicht lesen!", brummte ich. Sebastian zog das Buch wieder an sich.

„Ich werde es laut vorlesen.", meinte er nur ruhig dazu und begann.

Meine Reise durch Ungarn gestaltet sich sehr beschwerlich. Der Winter steht vor der Tür, aber ich will meine Suche nach Graf Dracula nicht aufgeben…

„Halt, das kenn ich ja schon. Such lieber eine Stelle wo die Sinti vorkommen.", drängte ich ihn. Er blätterte das kleine Buch durch, bis er die Stelle fand.

….die Sinti kannten viele Riten und manchmal hatte ich das Gefühl sie verstanden sich auf Magie. Ihre erklärten Feinde waren die Vampire, waren sie doch fast so alt, wie diese von Gott verdammten Geschöpfe. Ich weilte schon ein paar Wochen unter ihnen und gewann so ihr Vertrauen und so offenbarten sie mir einige ihrer Geheimnisse. ……

Sebastian stockte und hörte auf zu lesen. Seine Mine verdüsterte sich und erstarrte zu Stein.

„Sebastian? Was hast du?" Ich spürte die Kälte die plötzlich von ihm ausging, es war als wäre er jemand anderes. Blind sah er mich an und schien mich durch mich hindurch zu blicken. Er klappte das Buch zu und schleuderte es quer durch den Raum, dann erhob er sich.

„All das, dass funktioniert nicht." Seine Stimme ließ mich frösteln, sie war so kalt.

„Ich verstehe dich nicht. Was ist nur mit dir los? Was steht in dem Buch?" Unbewusst rückte ich ein Stück von ihm weg, noch nie war er mir so fremd erschienen, wie in diesem Augenblick.

„Verdammt!" Brüllte er und packte seinen Stuhl und schleuderte ihn über den Schreibtisch.

„Kapierst du das nicht? Ich, du, das alles ist eine Illusion! Geh weg! Verschwinde aus meinem Leben! Du bist nichts! Nur ein erbärmliches kleines Mädchen, mit Träumen von einem Prinzen! Ich bin nicht der Prinz, ich bin das Monster!"

Ängstlich klammerte ich mich an seinen Arm.

„Sebastian? Was redest du? Ich liebe dich doch!" Konnte nur ich die Verzweiflung in meiner Stimme hören oder nahm er sie auch war. Unwirsch schüttelte er meinen Arm ab.

„Du bedeutest mir nichts. Verschwinde endlich." Verächtlich blickte er auf mich herab, ehe er sich abwandte und den Raum mit großen Schritten verließ.

„SEBASTIAN!" Rief ich hinter ihm her, ehe meine Stimme brach und ich schluchzend auf meinen Stuhl sank.