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Allmählich versiegten meine Tränen und ich wischte sie fort aus meinem Gesicht. Was war gerade eben passiert? Was hatte ihn so wütend gemacht? Mein Blick blieb an dem schwarzen Buch hängen. Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht damit zusammen hing. Ich ging durch den Raum und hob es auf. Vorsichtig strich ich die eingeknickten Seiten glatt.

Verzweifelt sah ich auf die Buchstaben und wünschte sie lesen zu können. Dann kam die Wut. Wie konnte er mich nur so anschreien und mich dann stehen lassen, ohne ein Wort der Erklärung. Wie konnte er mich so verletzen? Wer glaubte er den, dass er war?

„So nicht, mein Freund!"

Ich klemmte mir energisch das Buch unter den Arm und stürmte aus dem Raum und die Treppe hinab in seine Gruft. Mir war klar, dass er sich dort verstecken würde. Dort stand er, mit dem Rücken zu mir, die Hände an der Wand abgestützt.

„Was denkst du dir eigentlich dabei mich so anzuschreien und dann davon zu laufen?" rief ich schon von oben.

Ich stieg die restlichen Stufen nach unten und trat vor ihn. Noch immer kehrte er mir den Rücken zu und gab mir keine Antwort.

„Entweder du redest auf der Stelle mit mir und sagst was los ist, oder…." Erst jetzt kam Bewegung in ihn und er drehte sich zu mir. Wie unendlich müde er wirkte.

„Was steht hier drinnen und weich mir nicht wieder aus!" Ich hielt das Buch hoch und sein Blick fiel darauf als sei es ein Mahnmal.

„Willst du es nicht verstehen, es ist vorbei. Geh fort und komm nie wieder zurück!" Seine Grabsstimme ließ mich erschaudern. Eisige Kälte kroch in mir hoch und umschloss mein Herz. Er kehrte mir wieder den Rücken zu.

„Warum?", flüstere ich, gegen eine Wand des Schweigens.

Wo war der zärtliche Liebhaber von gestern? Wo war der Mann den ich liebte. Vorsichtig streckte ich einen Arm aus um ihn zu berühren, wollte so die Mauer durchbrechen.

Als meine Finger seine Schulter berührte, wandte er sich heftig um, doch jetzt stand nicht mehr der Mann vor mir, sondern der Vampir.

„Sieh! Sieh mich an! Das bin ich!" Seine Stimme überschlug sich beinahe vor Wut und Schmerz.

Er zeigte mir seine Fratze. Erschrocken über seinem Anblick wich ich zurück. Er sah meine Reaktion, hatte sie erwartete und schien dennoch enttäuscht. Mit weit aufgerissenen Augen sah ich auf seine langen spitzen Fangzähne. Seine klauenartigen Nägel und seinen Stirnwulst. Das war nicht mehr Sebastian und doch er. Er zeigte mir die Bestie in sich. In seinen schwarzen Augen glitzerte die Blutgier.

„Hör auf, mach das nicht.", flehte ich ihn an.

Er machte einen Schritt auf mich zu. Meinen klammen Fingern entglitt das Buch und fiel ungehört zu Boden. Schritt für Schritt wich ich zurück, Schritt für Schritt folgte er mir.

„Ich habe vielen den Tod gebracht. Ergötzte mich an ihren Qualen. Weidete mich an ihrem Entsetzen."

Jedes einzelne Wort prasselte auf mich ein und drückte mich nieder. Stumm rannen mir Tränen über mein Gesicht. Warum war er so verändert? Was hatte ich getan? Er hob seine Hände und streckte sie nach mir aus.

„Du kannst mich nicht retten. Keiner kann das!" Fauchte er und versuchte mich zu fassen.

„Hast du vergessen, dass du versprochen hast mir nicht weh zu tun?", schrie ich hysterisch. Ich stieß mit den Füßen gegen die erste Stufe.

Energisch stemmte ich meine Hände in die Hüften. Ich wollte nicht weichen. Trotzig hob ich ihm mein tränennasses Gesicht entgegen.

„Du machst mir keine Angst.", versuchte ich mich mutiger zu zeigen, als ich mich tatsächlich fühlte. Aus seiner Kehle entrang sich ein tiefes Fauchen und schon setzte er zum Sprung an.

Ich schrie auf, wandte mich um und hetzte die Stufen nach oben. Er war wahnsinnig geworden und ich hatte Angst, sehr große sogar. Ich lief aus dem Keller, hinaus aus dem Haus, hinein in die Nacht. Abrupt blieb ich neben dem Brunnen stehen, er wollte mich tatsächlich beißen.

Denk nach, denk nach. Redete ich auf mich selbst ein. Meine Autoschlüssel befanden sich im Haus und zurück würde ich auf keinen Fall gehen. Also blieb mir nur eine Flucht in die Dunkelheit. Ich rannte die Auffahrt hinunter und kaum erreichte ich die ersten Bäume umschloss mich die Finsternis fast vollkommen. Ich konnte kaum die Hand vor Augen sehen.

Hastig tastete ich mich voran, als ich hinter mir ein Geräusch wahrnahm. Ein bedrohliches Knurren, Schritte die schnell näher zu kommen schien. Ich beschleunigte, lief um mein Leben. Schnell wurde mir klar, auf dem Weg würde ich ihm niemals entkommen können und so lief ich zwischen den Bäumen in den Wald. Mit den Händen voran ertastete ich mir meinen Weg. Immer wieder streiften mich Äste und Sträucher. Meine Hände waren von Kratzern übersäht.

Ich warf einen Blick zurück, konnte aber nichts sehen, es war zu dunkel. Das Rascheln von Zweigen neben mir ließ mich instinktiv ducken und ich kauerte mich auf dem Boden zusammen. Er ging direkt an mir vorbei. Seine scharfen Nägel schrammten an einem Baumstamm entlang. Er jagte mich wie ein wildes Tier. Kurz blieb er stehen, suchte nach mir. Ich schloss fest meine Augen und hielt den Atem an.

„Bitte, geh weiter!", flehte ich stumm. Als wäre ich erhört worden, entfernten sich die Schritte von mir und bald war nichts mehr zu hören.

Ich verharrte völlig reglos einige Minuten auf dem Boden. Vorsichtig stand ich auf, versuchte so gut wie kein Geräusch zu verursachen. Ich machte kehrt und schlich leise durch die Bäume zurück. Im Wald würde ich mich nur verlaufen und außerdem hielt ich es für klüger, eine andere Richtung als er einzuschlagen.

Ich schluckte schwer, ob er mich wirklich töten wollte? Was stand nur in dem Buch? In der Ferne hörte ich ein Knurren. Er war also tatsächlich weiter gelaufen und hatte meine Spur hoffentlich verloren. Erleichtert atmete ich auf. Unter mir hörte ich den Kies knirschen. Ich war wieder auf dem Weg. Nun galt es schnell zu sein. Ich hatte mir das genau überlegt. Zu Fuß hatte ich keine Chance gegen ihn.

Ich würde also zurück laufen und meine Schlüssel aus dem Haus holen, dann schnell in meinen Wagen springen und wegfahren. Ich rannte was das Zeug hielt und sah schon das Licht, dass aus der offenen Haustür fiel. Aus dem Wald kam ein bedrohliches Knacken, er war mir wieder auf der Fährte, lief mit mir in dieselbe Richtung. Ich verdoppelte meine Anstrengungen, heftig sog ich die Luft in meine brennenden Lungen.

Ich konnte fast nicht mehr, ich hatte Seitenstechen und ich war völlig alle. Lange würde ich nicht mehr durchhalten.

Doch ich war noch nicht bereit, aufzugeben. Ich ignorierte meinen Körper und rannte weiter. Nur mehr wenige Meter trennten mich von der Tür. Hinter mir knirschte der Kies. Auch Sebastian hatte den Wald verlassen und war nun dicht hinter mir. Ducken würde mir hier nichts bringen.

Der Schweiß strömte über mein Gesicht. Ich bekam kaum noch Luft. Gehetzt warf ich einen Blick zurück ich über die Schulter. Er war schon ganz nah, ich konnte seine Zähne blitzen sehen. Ich würde es nicht schaffen. Schon glaubte ich eine Hand auf meiner Schulter zu fühlen. In meiner Panik schlug ich einen Hacken und lief an der Haustür vorbei und auf den kleinen Waldweg zu.

In der Dunkelheit konnte ich ihm vielleicht noch einmal entkommen. Ich presste meine Hand in die Seite. Meine Lungen brannten. Ich erreichte die ersten Bäume und schlängelte mich hindurch. Er war mir immer noch dicht auf den Fersen Wieder tauchte ich in die vollkommene Dunkelheit ein. Hier konnte ich mich nur auf meine Instinkte verlassen.

Ich streifte mit den Füßen eine Wurzel und geriet ins Straucheln. Mich auf den Aufprall schon vorbereitend, streckte ich die Hände aus, doch bevor ich aufschlug, umfasste mich ein stählerner Arm von hinten und drückte mich an eine harte Brust. Energisch setzte ich mich zur Wehr, wir gerieten beide aus dem Gleichgewicht und stürzten. Gemeinsam rollten wir über den weichen Waldboden. Er kam auf mir zu liegen.

Verbissen kämpfte ich gegen ihn, unsere Körper rieben dabei aneinander. Mit meinen Händen schlug ich auf ihn ein, doch mühelos fing er sie auf und drückte sie über meinen Kopf auf den Boden. Heftig hob und senkte sich meine Brust, ich war völlig außer Atem. Ich konnte ihn kaum sehen und doch spürte ich seinen glutvollen Blick, wie er sich in mich brannte.

Ich drehte meinen Kopf zur Seite, weg von ihm und bot ihm damit unbewusst meinen Hals und die darunter verborgene Lebensader zum Biss an. Er senkte seinen Kopf, sein Haar kitzelte mich an der Schläfe. Schon fuhr er mit der Zunge langsam und träge meine Halsschlagader entlang. Ich erbete unter dieser Berührung und schloss meine Augen.