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Stöhnend entrang sich ein Fluch seinen Lippen und dann küsste er mich. Nicht wie sonst, anders. Hungrig, zornig und doch voller Verzweiflung, so als wäre es das letzte Mal. Sebastian trank von meinen Lippen wie ein Verdurstender. Er ließ meine Hände los um meinen Körper erforschen zu können. Selbst seine Berührungen waren diesmal anders.
Endlich befreit wollte ich ihn von mir stoßen, doch stattdessen zog ich ihn noch fester an mich. Ich musste genauso wahnsinnig wie er geworden sein, denn anders konnte, ich mir meine Reaktion nicht erklären. Getrieben von seiner Verzweiflung riss mich der Sturm der Gefühle mit sich fort. Ich spürte wie mir seine Zähne die Lippe aufriss und schon schmeckte ich mein Blut. Auch er kostete davon, leckte es genüsslich von meinem Mund.
„Du schmeckst wunderbar." In seiner Stimme lag nichts Zärtliches, nur ein großer ungestillter Hunger. Dann widmete er sich ausgiebig meinem Hals, ritzte mit den Zähnen entlang, biss aber nicht zu. Erreget und aufgewühlt fragte ich mich worauf er wartete. Dann zog er sich zurück, ließ seine Finger an die Stelle seiner Lippen gleiten. Strich meinen Hals entlang.
„So verletzlich und doch so stark." murmelte er.
Er packte den Kragen meiner Bluse und riss sie entzwei. Heftig hob sich meine Brust nur mehr bedeckt von einem dünnen BH. Ich versuchte sein Gesicht zu sehen, aber es war noch zu dunkel. Also vertraute ich auf meinen Tastsinn und strich ihm mit beiden Händen über das Gesicht. Unwillkürlich schmiegte er seine Wange an meine Hand. Daraus schöpfte ich Hoffnung. Noch war nicht alles verloren.
Er zog mit seiner Hand eine brennende Spur über meine Brüste und meinen Bauch, glitt hinab ins Zentrum meiner Lust. Auch hier ließ er sich keine Zeit mir die Hose erst umständlich auszuziehen, sondern riss sie mit aller Kraft einfach von meinem Körper. Ungeduldig bäumte ich mich unter ihm auf. Das war Wahnsinn, wir beide waren wahnsinnig. BH und Slip hielten seinem Drängen nicht lange stand und folgten meinen andern Kleidungsstücken, so lag ich nackt und verletzlich vor ihm.
Er nahm sich nicht einmal mehr die Zeit sich zu entkleiden, öffnete lediglich seine Hose und war in mir. Heftig stieß er ihn mich. Er war wie eine entfesselte Naturgewalt, ursprünglich und von primitiven Instinkten geleitet. Ich schrie auf vor Erregung und grub meine Nägel tief in seinen Rücken. Sebastians Kehle entrang sich ein animalisches Stöhnen. Er riss mich mit sich fort, in eine Welt, wo nur wir beide und sonst nichts wichtig war. Dann setzte mein Denken aus, machte anderen Gefühlen platz.
Meine eigene Lust trieb mich einem Höhepunkt entgegen, wie ich keinen zuvor erlebt hatte. Erst in der höchsten Wonne ließ auch er sich fallen und war wieder mein Sebastian. Erschöpft sank er danach auf mich nieder und rollte zur Seite.
Schweigend lagen wir da. Ich musste das alles erst verdauen. Der Abend war so bizarr verlaufen, erst sein Wutausbruch und wie er mich dann durch den Wald gehetzt hatte. Und nun das hier. Ich war echt durch den Wind, wusste nicht was ich von dem allem halten sollte und war auch gerade zu erschöpft dafür.
Schön langsam kam Bewegung in ihn. Er stand auf, schloss seine Hose und beugte sich herab zu mir. Ohne ein Wort zu sagen holte ich aus und verpasste ihm mit aller Kraft einen Kinnhaken. Verblüfft wich er zurück.
„Fass mich nicht an! Nie wieder! Mistkerl!"
Ich rappelte mich auf, suchte meine Kleider zusammen und warf mir lediglich meine Bluse über, alles andere war hoffnungslos ruiniert.
Ich ging einfach weg von ihm. Er folgte mir, ließ aber einen Abstand zwischen uns.
„Was geht nur in deinem kranken Hirn vor? Zuerst schreist du mich grundlos an, dann machst du mir Angst und jagst mich durch den dunklen Wald und dann küsst und liebst du mich fast bis zur Besinnungslosigkeit. Ich hab die Schnauze voll. Von mir aus kannst du in deinem Steinhaufen hier verrecken!"
Ich war wütend wie nie zuvor. Ich war verletzt. Endlich lag die Eingangstür vor mir. Ich stapfte hinein, suchte unter meinen Sachen nach brauchbaren Klamotten und zog mich an. Er stand die ganze Zeit hinter mir und schwieg. Nachdem ich fertig angezogen war, schnappte ich meine Sachen um von hier zu verschwinden. Als ich bei ihm vorbeigehen wollte, trafen sich kurz unsere Augen. Wie traurig er aussah.
Nein, ich würde kein Mitleid mehr mit ihm haben! Aus! Schluss! Vorbei!
„Vielleicht ist es das Beste so." sagte er leise neben mir. Zornig ließ ich meine Tasche fallen. Wie konnte er es wagen so etwas zu sagen!
„Wie bitte?!" Auf meiner Stirn hatte sich eine steile Falte gebildet. „Ich sollte dir einen Pflock durchs Herz jagen, du Bastard! Das hättest du verdient und sag mir bloß nicht was für mich das Beste ist. Das Recht hast du nicht!" fauchte ich ihn an.
Energisch hob ich meine Tasche wieder auf und verließ das Haus. Draußen begann bereits der Tag zu dämmern. Das erste Grau des Tages kündigte einen schönen Tag an, es würde sehr sonnig werden. Schweigend mit den Händen in der Tasche war er mir gefolgt und sah mir zu wie ich die Tasche ins Auto warf und den Kofferraum mit Wucht schloss.
„Ich….." setzte er plötzlich an. Er fuhr sich mit einer Hand fahrig durch die Haare. „Ich hätte dich nicht gebissen. Ich schwöre es."
Ich war schon bei der Fahrerseite angelangt und blickte ihn nach diesen Worten verächtlich schnaubend an, riss die Tür auf und schwang mich hinein. Bevor ich die Tür zuziehen konnte, stand er schon dazwischen.
„Warte! Bitte!" Wie flehentlich seine Stimme klang. Er hatte auch guten Grund dazu Reue zu zeigen.
„Kannst du mir sagen worauf?" Er zuckte zusammen, mein Sarkasmus war ihm nicht entgangen, ich sah es an seinem leichten zusammenzucken.
„Ich weiß, ich habe es nicht verdient, aber hör mir bitte zu." flehte er.
Ich schloss meine Augen in der unsinnigen Hoffnung so auch seine Stimme auszuschließen zu können.
„Ich hätte dir zugehört, vor all dem." erwiderte ich verbittert. Rings um uns war nur das Zwitschern der Vögel zu hören, sonst nichts.
„Bitte, komm mit mir. Ich werde dir alles erklären. Ich….ach verdammt… ich bin ein Idiot!" Ich spürte, seine Reue war echt, aber andererseits konnte ich mir, nach dem was hier vorgefallen war, sicher sein?
„Ich habe dir vertraut und du hast mir so wehgetan!" warf ich ihm vor.
Schwer stützte er sich am Auto ab, verzweifelt bemüht mich nicht gehen zu lassen. Schon drangen die ersten Sonnenstrahlen durch die dichten Baumkronen, lange würde er nicht mehr hier stehen bleiben können, sonst müsste er sterben.
„Bitte ich hatte meine Gründe, wenn du mir nur noch eine Chance gibst…. ich werde dir alles erklären." Wie gerne wollte ich seinem Drängen nachgeben, aber ich konnte nicht.
„Ich hätte nie hier her kommen sollen! Alles ist so falsch. Ich merke erst jetzt, wie wenig wir uns im Grunde doch kennen. Was weiß ich schon von dir? Das du eine blutsaugende Bestie bist und manchmal großzügiger Weise, wenn es dir gerade in den Kram passt Gefühle zeigst? Wie wenig das doch ist und es reicht nicht!" Traurig blickte ich auf meine Hände, die ich um das Lenkrad verkrampft hatte, so dass die Knöchel weiß hervortraten.
„Ich wollte dir heute Angst machen, damit du von mir fortläufst. Es gibt keine Rettung mehr für mich. Ich bin was ich bin und eines Tages werde ich als solches sterben, aber nie wieder werde ich ein Mensch sein können."
Noch immer konnte ich ihn nicht ansehen, obwohl mich seine Worte trotz all dem tief berührten. Die Sonne war inzwischen noch höher gestiegen und die einige vorwitzige Sonnenstrahlen stahlen sich schon bis auf den Platz, aber noch erreichten sie uns nicht, doch das war nur mehr eine Frage von Minuten. Warum ging er nicht? Wollte er sterben?
„Das Buch, dieses verdammte Buch hat mir die Augen geöffnet." Er ballte seine Hand zur Faust und löste sie wieder, jetzt hatte er sich vollkommen unter Kontrolle.
„Wie schön für dich." zischte ich zwischen den Zähnen hervor, dass konnte ich mir nicht verbeißen. Er wirkte leicht zerknirscht.
„Das habe ich wohl verdient." meinte er trocken. „Komm mit mir! Las mich dir alles erklären!" flehte er mich an.
„Erkläre es mir jetzt, oder lass es!" Ich würde nicht eher aussteigen, bis er mir plausibel sein Verhalten von letzter Nacht erklärt hatte. Ich würde nicht nachgeben. Die Sonne hatte seine Schuhspitzen erreicht, doch er wich nicht von meiner Seite.
„Es würde zu lange dauern, dir hier alles zu erzählen." Ein leises Drängen mischte sich in seine Stimme, der Grund dafür war mir klar. Eigentlich dürfte er gar nicht mehr hier sein, nur noch wenige Sekunden und der Tod wäre ihm sicher.
„Ich habe Zeit!" Das war gemein von mir, doch Rache musste sein. Nun hatte die Sonne seine Fingerspitzen erfasst und seine Haut begann zu verbrennen.
