27. Kapitel
Lektionen und Erkenntnisse
Während ihres Unterrichtes an der Universität, konzentrierte sich Hermine ausschließlich auf den Lehrstoff. Doch kaum hatten die Studenten den Hörsaal verlassen, ertappte sie sich bei Erinnerungen, die hier und jetzt nichts zu suchen hatten.
Auch ihr bevorstehendes Treffen mit Ginny machte sie keineswegs ruhiger. Sie hatten sich für den nächsten Tag verabredet und Hermine fragte sich ernsthaft, ob sie diese Wendung in ihrem Leben vor ihrer besten Freundin verbergen konnte.
Sie betrat die Mensa und sofort sah sie den freien Platz neben dem jungen Mann, der ihr knapp zuwinkte und sie anlächelte.
Der Anblick von Charles Grant ließ einen stillen Zweifel in Hermine aufkommen. Er hatte sie nach drei Dingen gefragt und bislang hatte Severus nur eines davon erfüllt. Weder hatte er sie wirklich zum Lachen gebracht, noch hatte er ihr gestanden, dass er sie lieben würde. Es kam Hermine ohnehin undenkbar vor.
Severus hatte seine Wünsche klar umrissen - er wollte Sex...er wollte sie dazu bringen, dass sie sich ihm völlig hingab. Dies löste zwar eine unwiderstehliche Lüsternheit in ihr aus, doch mit Liebe hatte es reichlich wenig zu tun. Severus hatte auch durchaus Humor, doch war dieser nicht leicht zu erkennen und meist auch nur sehr schwer verdaulich. Sie seufzte leise.
Hermine grüßte Charles freundlich, als sie sich zu ihm an den Tisch setzte. Plötzlich sah er sich übertrieben nervös um.
"Ist das in Ordnung, oder wird mir ein Schlägertrupp auf den Hals gehetzt, wenn Sie sich zu mir setzen?"
Sie schüttelte verwirrt den Kopf und fragte: "Wie kommen Sie denn auf so etwas?"
Er machte eine vage Geste mit der Hand: "Ist nur so ein Gefühl - Ihr Freund, Servatius scheint nicht sehr umgänglich."
"Severus", korrigierte Hermine automatisch und plötzlich wurde ihr klar, dass sie jetzt nicht mehr log, wenn sie ihn als ihren Freund betitelte.
"Sie sind eine so starke Frau, Hermine - ich würde Sie gerne fragen, was Sie an so einen Menschen bindet."
"Wir sollten so ein Gespräch nicht führen, Charly", erwiderte sie und sah ihn entschieden an.
Der junge Mann ihr gegenüber schickte ihr ein entschuldigendes Lächeln.
"Darf ich dann wenigstens fragen, wie lange sie schon zusammen sind?"
Hermine schüttelte unnachgiebig den Kopf.
"Nicht einmal das?", fragte er leise und fixierte sie eingehend.
"Hören Sie mir zu Charles - ich werde das nur noch einmal sagen - es geht Sie nichts an!"
Ihr Gegenüber nickte zögerlich, dann sagte er ebenso leise wie zuvor: "Ich bin Ihr Freund, Hermine - wenn Sie mich brauchen, dann bin ich für sie da - denn egal wie gut er offensichtlich in manchen Bereichen auch sein mag...er wird sie enttäuschen!"
Hermine ließ ein Schnauben hören, das ihm klar machen sollte, dass er sich hier zu weit vorgewagt hatte...viel zu weit. Doch in ihrem Kopf drehten sich seine Worte im Kreis und eine hartnäckige Stimme raunte ihr unbarmherzig zu, dass er Recht hatte.
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Hermines Schritte knirschten auf dem Kiesweg, als sie vom Apparierpunkt zum Schloss ging. Sie fühlte sich furchtbar. Eine kalte Angst stieg in ihr auf, was Severus heute im Unterricht von ihr verlangen würde.
Er hatte ihr angekündigt, dass sie überzeugender werden müsse in dem was sie sagte. Sie wusste, dass er sie wieder mit Dingen quälen würde, die sie überhaupt nicht würde sagen wollen - geschweige denn, ohne wenigstens ihren Widerwillen zeigen zu dürfen.
Die Sonne neigte sich inzwischen dem Horizont entgegen und lange Schatten lagen auf dem Weg. Hermine sah über den See und vertiefte sich für einen Moment in sein Glitzern. Sie hatte den See immer geliebt. Einen Moment lang spürte sie einen Stich, weil sie nie wieder darin schwimmen würde.
Als sie ihren Blick wieder dem Weg zuwandte, erkannte sie eine Gestalt die auf sie zukam. Ein großer Mann mit dunklem Haar schritt ihr entgegen und er schien es eilig zu haben. Seine ganze Körperhaltung drückte Zorn aus.
Schließlich blieben sie voreinander stehen und er lächelte sie an.
"Harry? Was machst du hier?", fragte sie ungläubig.
Ihr Freund aus Kindertagen schien nicht minder überrascht sie zu sehen.
"Ich hatte ein paar Dinge zu regeln. Aber wie kommt es, dass du hier bist?"
Hermine lächelte ihn vage an, dann sagte sie: "Ich habe wohl auch ein paar Dinge zu regeln."
Einen Moment schwiegen sie beide, dann begannen sie gleichzeitig zu lachen.
Harry fing sich als erster wieder: "Na toll - soviel zum Thema grenzenloses Vertrauen."
Auch Hermine kam sich plötzlich dumm vor. Das war Harry - der beste Freund, den sie je hatte - abgesehen von Ron, der jedoch inzwischen fast unerreichbar schien.
"Ich komme gerade von Professor Snape", sagte Harry schließlich einlenkend.
"Und ich bin auf dem Weg zu ihm", bekannte Hermine.
"Ordensangelegenheiten?", fragte Harry knapp.
"Ja", erwiderte Hermine und hoffte, dass sie nicht errötete, "und bei dir?", schickte sie schnell hinterher.
"Ja, könnte man wohl sagen", erwiderte er sofort.
Wiederum herrschte Stille zwischen den beiden. Hermine lächelte über die Tatsache, dass sie zumindest versucht hatten ehrlich zueinander zu sein.
"Du solltest vielleicht jetzt gehen, sonst bekommt er noch einen seiner berühmten Anfälle, wenn du zu spät kommst", sagte Harry.
"Ja - das sollte ich wohl. Wann treffen wir uns mal wieder?"
Harry zuckte vage mit den Schultern. "Ich weiß nicht - im Moment habe ich so viel zu tun...", er sah sie entschuldigend an.
"Okay, dann spätestens beim nächsten Ordenstreffen", sagte Hermine und lächelte.
Er nickte und hob die Hand zum Gruß. Erst als sein Gesichtsausdruck wieder verbissen wurde, bevor er sich abwandte, fiel Hermine wieder ein, dass er eindeutig wütend gewesen war, bevor er sie erkannt hatte. Nun gut, er war zuvor bei Snape gewesen...aus welchen Grund auch immer - es war also kein Wunder, dass er wütend war. Dennoch nahm Hermine sich vor, den Grund dafür herauszufinden.
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"Leg deinen Zauberstab weg", wies Severus sie an.
Hermine hatte kaum seine Räume betreten, als er ihr diesen Befehl gab. Er ließ ihr keine Zeit ihm Fragen zu stellen und sie wusste, dass er erbost sein würde, wenn sie sich auf andere Dinge als ihr Training konzentrieren würde. Also verschob sie ihre Pläne und fügte sich in das was kommen würde.
Sie nahm ihren Zauberstab und legte ihn behutsam auf die Tischplatte.
"Gut, geh bitte dort hinüber", er wies auf die hintere Wand, die im Dunkeln lag und an der sie die Umrisse des Bildes 'Übergang in die Hölle' erkennen konnte.
Hermine kam seiner Aufforderung nach und war froh, dass er ihr durch das Dämmerlicht nicht direkt in die Augen sehen konnte.
Doch mit einem Schwenk seines Zauberstabes entzündete er plötzlich die Kerzen, die an dieser Wand in den Leuchtern steckten und Hermine fand sich in geradezu gleißendem Licht wieder, weil er zudem einen Lichtschein aus seinem Zauberstab direkt auf ihr Gesicht richtete. "Hast du Angst?", fragte er laut.
"Nein", entgegnete sie schwach.
"Du lügst - los, noch einmal!"
"Ja, ich habe Angst", gab sie leise zu.
Er schüttelte ungeduldig den Kopf. "Nein! Ich möchte dass du nochmal lügst - aber lüge so, dass ich es glaube!"
Hermine war irritiert: "Aber wie soll ich das tun - du hast mein 'nein' doch schon als Lüge durchschaut."
"Darum geht es nicht - wenn ich ein 'nein' von dir höre, dann muss ich ein 'nein' glauben - wenn du 'ja' sagst, dann muss ich eben genau davon überzeugt sein, dass du 'ja' meinst. Dreh dich um - ich möchte, dass du dir das Bild ansiehst!"
Hermine wandte sich dem Bild zu. Sie wusste was sie erwarten würde, dennoch spürte sie erneut eine Übelkeit in sich aufsteigen, als sie das Grauen dieses Gemäldes erneut vor sich sah.
"Ich möchte, dass du mich davon überzeugst, wie wundervoll dieses Bild ist. Ich möchte in allen Einzelheiten hören, was dir daran besonders gefällt."
Sie wandte sich zum ihm um und sah ihn einen Moment ungläubig an. Sie wusste was er von ihr verlangte - sie sollte lügen...lügen bis er es als akzeptabel ansehen konnte wie sie Dinge lobte, die sie in Wahrheit widerwärtig fand. Gut, sie kannte dieses Bild - es würde sie nicht mehr so sehr schockieren wie beim ersten mal.
Mit fester Stimme begann sie zu sprechen: "Es ist eindrucksvoll, wie schmerzerfüllt die dargestellten Personen sind. Wie genau ihre Qualen eingefangen sind, die sie scheinbar als wahre Lust wahrnehmen. Sie gieren nach dem Fleisch und dem Blut des anderen und finden Erfüllung darin, das eigene Fleisch herausgerissen zu bekommen. Sie suhlen sich in...", ihr Atem stockte plötzlich und sie wandte sich hastig ab.
"Nein", wimmerte sie und sah Severus flehentlich an.
Er stand dort und sein Zauberstab war auf das Bild gerichtet.
"Weiter", sagte er bestimmt.
"Aber das ist nicht fair!", erwiderte sie zornig.
"Dreh dich um - sieh es an und berichte mir was du siehst - und vergiss dabei nicht, dass ich hören will, dass es dir gefällt!"
Hermine schloss einen Moment die Augen. Sie fühlte die Übelkeit wie eine übermächtige Welle über sich hereinbrechen.
Sie ballte die Hand zur Faust und biss sich in die Knöchel, bis der Schmerz sie wieder klar werden ließ. Dann drehte sie sich zu dem Bild um, unter dem sich am Boden schon ein Lache aus Blut gebildet hatte.
Die abgebildeten Personen drehten die Augen in ihren Höhlen soweit, bis nur noch das Weiße zu sehen war. Die Sehen ihrer Muskeln zerrissen vor Hermines Augen, als sich sich gegenseitig bis auf den Knochen ins Fleisch bissen - und Blut floss - überall floss Blut.
Eine der Frauen auf dem Bild schien ihr direkt in die Augen zu sehen und ihr Bein zuckte, während ein Mann seine Zähne darin vergrub. Doch die Frau lachte, sie lachte und ein ekstatisches Funkeln lag in ihren Augen.
"Es ist erstaunlich, wie viel Genuss der Maler in die Vorgänge auf diesem Gemälde gelegt hat", begann Hermine zögerlich, "er hat eingefangen, wie befriedigend die Selbstzerstörung sein kann. Geradezu lustvoll geben diese Menschen auf, was sie waren. Sie sind keine Menschen mehr - sie sind wilde Tiere, die sich gegenseitig zerfleischen und es ist überaus beeindruckend, wie viel Kraft in diesem Bild liegt."
Hermine drehte sich zu Severus um und fragte: "Willst du noch mehr hören?"
Er senkte den Zauberstab und mit einem mal erstarrte das Bild und die Blutlache darunter verschwand.
"Du hast hier eine deiner größten Fähigkeiten bewiesen", sagte er sanft.
Hermine sah ihn fragend an.
"Diplomatie", sagte er knapp, dann fuhr er fort: "Ich wollte, dass du positiv über das Bild sprichst - das tatest du, aber du hast einfach die Betrachterebene gewechselt. Du hast nicht gesagt, dass es dir gefällt, sondern einen anderen Standpunkt gewählt, um es zu loben - ich weiß nicht genau, ob ich dies durchgehen lassen sollte - aber es war geschickt, soviel muss ich dir lassen. Es geht jedoch darum, dass du lernen sollst in deinem eigenen Namen zu sprechen, wenn du Dinge gutheißen musst, die du abscheulich findest. Es ist also deine eigene Schuld, wenn die nächste Lektion dich noch persönlicher treffen wird. Und jetzt wende dich dem Bild zu und diesmal will ich hören, was Hermine Granger an dem Bild gefällt - und dir wird alles gefallen - jedes einzelne Detail - hast du verstanden?"
Hermine wollte ihren Blick nicht umwenden. Sie sah Severus an und schüttelte den Kopf.
"Willst du gehen?", fragte er ernst.
"Ich will wissen, warum ich solche Lektionen brauche", sagte sie und bemühte sich ihre Stimme nicht schwanken zu lassen.
"Du brauchst sie nicht, wenn du jetzt aussteigst."
"Ich werde nicht aussteigen - erkläre mir, warum ich diese Lektionen brauchen werde!", forderte sie erneut.
Severus atmete tief durch, denn sagte er: "Wenn du in die entsprechenden Kreise kommst, die wir durchdringen müssen, dann wirst du Dinge zu Gesicht bekommen, die dich schockieren werden - du wirst aber überhaupt nur in diese Kreise vordringen, weil du vorgibst die Dinge gut zu finden, die dort geschehen...was, wenn man dann sofort erkennt, dass du gelogen hast? Glaubst du man wird sagen, dass du gehen darfst, weil es dir doch nicht gefällt was dort geschieht? Hermine, man wird genau diese Dinge mit dir tun, wenn man herausfindet, dass du gelogen hast!"
Panik flammte in ihr auf. "Was für Dinge, Severus?", fragte sie voller Angst. Sein Blick wurde hart und einen Moment zögerte er, doch schließlich gab er Antwort.
"Rituale bei denen Blut fließt und Menschen sich dem Satan überantworten. Morde bei denen Verrätern die Kehlen durchgeschnitten werden. Vergewaltigungen bei denen Frauen wahllos geschändet werden. Folterungen, nach deren Ende Menschen Gifte injiziert werden, die sie qualvoll sterben lassen."
"NEIN! HÖR AUF DAMIT - HÖR AUF!", schrie sie aus Leibeskräften.
Er hielt inne und sah sie abwartend an.
"Diese Dinge sind nicht wahr! Diese Dinge sind nicht wahr...", sie wiederholte es solange, bis er auf sie zuschritt und sie an den Schultern packte.
"Hermine - diese Dinge sind wahr! Ich bete, dass du sie nicht sehen wirst - aber ich weiß nicht was du sehen wirst, wenn du dich weiterhin an die Fersen der Muggel hängst, die für den Lord von Wichtigkeit sind. Versteh doch - die Mitläufer sind recht harmlos - aber du hast es mit den Drahtziehern zu tun - diese Menschen üben regelmäßig Gewalt aus, sonst hätte der Lord sie kaum für würdig angesehen, ihm in gehobener Position zu dienen. Ist dir eigentlich klar welches Glück du hattest, dass ein Mann wie Peter Deeping dich gehen ließ?"
Hermine schüttelte den Kopf und sie stieß Severus von sich. "Er hat solche Dinge nicht getan - du übertreibst...es sind ganz normale Leute, ...ja, vielleicht haben sie einen Hang zur Gewalt..., aber keines deiner Horroszenarien kann ich mir vorstellen - ich will es mir auch nicht vorstellen!", schrie sie.
Er sah sie stumm an und steckte seinen Zauberstab ein. Dann wandte er sich ab und Hermine dachte schon, er würde sie nun fortschicken. Doch statt dessen verließ er den Raum und Hermine vermutete, dass es die Bibliothek war, in die er nun verschwand. Nur ein paar Sekunden später kam er zurück und schmiss ihr einen Stapel Blätter vor ihre Füße.
"Sieh es dir an!", sagte er und wandte sich dann ab.
Hermine blieb wie erstarrt stehen. Sie schien sich nicht rühren zu können, doch schließlich ging sie in die Knie, um die Blätter aufzuheben.
Mit zitternden Händen hielt sie die Zeichnungen und schlug dann entsetzt eine Hand vor ihren Mund.
Die oberste Zeichnung zeigte sie.
Der Maler hatte ihre Brüste weitaus üppiger gemalt, als sie es eigentlich waren. Sie lag auf einem Bett und ihre Arme und Beine waren mit Seilen gefesselt. In ihren Mund hatte der Zeichner einen Knebel gemalt und nur ihre Augen ließen erahnen, dass sie wohl schrie. Ihr ganzer Körper war mit Striemen übersät, die von einer Peitsche herrührten, die ebenfalls zu erkennen war. Diese Peitsche wurde von einer Hand gehalten, die am unteren Bildrand hereinragte. Dort stand auch das Kürzel P.D. zu lesen.
Hermine ließ das Blatt angewidert zu Boden segeln.
Auch die nächste Zeichnung zeigte sie. Diesmal riss Deeping ihren Kopf an den Haaren nach hinten, während er hinter ihr stand und ihre Brüste packte.
Auch dieses Blatt segelte zu Boden, wo es verkehrtherum zu liegen kam.
Das nächste Bild ließ Hermine vor Abscheu laut aufschluchzen.
Zwei Männer vergingen sich auf dieser Zeichnung an ihr.
Einer von ihnen war nur von hinten zu sehen, doch der lange blonde Zopf entlarvte ihn so eindeutig, dass Hermine genausogut sein echtes Gesicht hätte vor sich sehen können.
"Nein", wimmerte sie, "nein.."
Die restlichen Bilder fielen zu Boden und gaben teilweise Einblick auf die unendlich vielen Varianten sexueller Gewalt, die er ihr angetan hatte. Deeping hatte nur seinen Zeichenstift gebraucht, um sie so tief zu demütigen, wie es kein Mensch je zuvor geschafft hatte.
Hermine spürte wie ihr ganzer Körper zu beben begann. Es war ein Gefühl, das sie nicht unter Kontrolle bekam.
Hilflos schlang sie die Arme um ihren eigenen Körper und ihr Atem ging schnell und hektisch.
Plötzlich legte Severus ihr ebenfalls seine Arme um die Schultern und zog sie an seine Brust.
"Es ist gut...schhhh...ist schon gut...du bist sicher."
"Nein...", murmelte Hermine, "das bin ich nicht...er kann jederzeit wieder diese Bilder zeichnen...er hat sie im Kopf...er hat mich in seinem kranken Kopf!"
Severus zog sie noch näher und strich ihr über das Haar.
"Er wird keine Bilder mehr zeichnen...nie wieder."
Hermine brauchte einen Moment, dann löste sie sich von ihm und sah ihn völlig verstört an.
"Was meinst du damit, dass er nie wieder zeichnen wird?"
Severus antwortete ihr nicht. Er begann damit die Blätter vom Boden einzusammeln - eins nach dem anderen, scheinbar völlig auf diese Aufgabe konzentriert.
"Severus, rede mit mir!", forderte sie.
Er hatte nun alle Blätter eingesammelt und ging damit zum Kamin. Dann drehte er sich zu ihr um, und sein Gesicht zeigte einen Ausdruck, wie sie ihn noch nie bei ihm gesehen hatte.
Diese harten Züge kannte sie nicht einmal aus den Zeiten, als er ihre Mitschüler noch mit Strafarbeiten eingedeckt hatte.
Es war jenseits allem, was sie sich vorstellen konnte.
Seine Stimme klang kalt und unnachgiebig.
"Ich habe die Bilder der anderen Frauen ebenfalls gesehen...und Zeitungsberichte...diese Frauen wurden verschleppt und ermordet, Hermine. Deeping war ein Jäger...er hat seine Beute sondiert - gezeichnet und dadurch erst richtig Witterung aufgenommen - und dann hat er sie gejagt. Er war eine Gefahr - für dich und für den Orden. Wenn diese Bilder von dir jemand aus Todesserkreisen zu Gesicht bekommen hätte, dann wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis dies unsere Niederlage eingeläutet hätte. Der Lord wird toben, weil er einen wichtigen Mann verloren hat, und es wird noch mehr Todesser geben, die sich fragen werden, wo er abgeblieben ist - aber sie werden ihn niemals finden. Menschen verschwinden, Hermine...manche verschwinden ganz einfach - sie werden zu Asche, als hätten sie niemals existiert." Damit warf er die Blätter in den Kamin, wo sie innerhalb von Sekunden lichterloh brannten und schon bald darauf nur noch glimmende Reste waren.
Hermine hallten Deepings Worte im Kopf umher: 'Ich habe einen Freund, der jagen geht'.
Der tote Hirsch hatte Mitleid in ihr erregt - und Hermine wurde klar, dass Deeping tatsächlich mit Freunden auf Jagd gegangen war - Freunden wie Lucius Malfoy...doch Wild war nicht ihre einzige Beute gewesen.
Sie spürte Übelkeit und ihr schwanden die Sinne.
Die Welt begann sich zu drehen - dann Schwärze - unendlich tiefe, friedliche Schwärze.
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Sie erwachte aus einem chaotischen Traum.
Snape hielt einen Bleistift in der Hand und wiederholte immer wieder: "Sag, dass du möchtest, dass ich dich zeichne...sag es so, dass ich es glauben kann...sag es!"
Sie wiederum wehrte sich mit allen Mitteln und schrie ihn an: "Wenn du mich zeichnest, wirst du sterben - du wirst sterben!"
Schweißgebadet schreckte sie hoch.
Der Raum war dunkel und sie brauchte mehrere Atemzüge, bis sie realisierte, dass Severus sie wohl in sein Bett verfrachtet hatte.
Sie lauschte, doch sie hörte kein Geräusch. Vorsichtig tastete sie neben sich. Er lag nicht dort. Sie fühlte sich müde und wäre am liebsten wieder in den Schlaf gesunken, doch der Traum hatte sie erneut daran erinnert, in welch schrecklicher Welt sie gefangen war.
Vorsichtig stand sie auf und tastete sich im Dunkeln voran.
Endlich spürte sie die Tür. Sie öffnete sie und der Lichtschein aus dem Wohnzimmer ließ sie blinzeln.
Dann betrat sie den erhellten Raum.
Hermine blickte sich um, doch von Severus war nirgends etwas zu sehen. Für einen Moment erwog sie, einen Blick in die Bibliothek zu werfen, doch dann sah sie das umgestoßene Weinglas und die rote Lache, die sich über den Tisch bis auf den Teppich ergossen hatte. Voller dunkler Vorahnungen suchte sie an der Garderobe nach seinem Reiseumhang. Er war fort.
Alles in ihr sträubte sich dagegen, die wenigen Indizien zu dem zusammenzufügen, was absolut logisch erschien.
Severus war überraschend vom dunklen Lord gerufen worden. Der Schmerz des dunklen Males an seinem Arm musste so stark gewesen sein, dass er unfähig gewesen war, das Weinglas länger zu halten. Der Lord hatte ihn zu sich befohlen und Severus war diesem Ruf sofort gefolgt.
Er hatte sich auf den Weg gemacht, um dem zu dienen, der Menschen wie Deeping zu seinen Verbündeten machte.
Sie wusste nicht welcher Gedanke schlimmer war - der, dass Severus heute vielleicht ebenfalls genötigt war, jagen zu gehen...oder der, dass er seinen Widerwillen zu offen zeigen könnte und dafür sterben müsste.
In blinder Hast verließ sie den Kerker und eilte die Stufen empor. Sie durchquerte die Halle und stieß die Tür ins Freie auf. Der sternenübersäte Himmel empfing sie. Hermine hastete durch die Nacht, bis sie den Apparierpunkt erreicht hatte. Wenige Minuten später befand sie sich in ihrer eigenen Wohnung. Ihr Kopf erschien ihr jetzt wie leer, und sie ließ dieses Gefühl zu, weil sie wusste, dass sie sonst wahnsinnig würde. Nichts wollte sie mehr denken - nichts hören - nichts sehen, dennoch richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf ein kleines Licht im ansonsten dunklen Wohnzimmer. Der Anrufbeantworter blinkte.
Automatisch drückte sie auf den Wiedergabeknopf.
"Hermine? Hier ist Charly - ich mache mir Sorgen um Sie...eigentlich wollte ich nur gerne kurz hören, dass es Ihnen gut geht...Sie sind wohl nicht da...oder zu beschäftigt...entschuldigen Sie bitte...wir sehen uns morgen in der Uni."
Hermine sah zur Uhr...der Morgen war nicht mehr fern. Sie ignorierte, dass es draußen bereits dämmerte, als sie sich in ihr Bett fallen ließ.
tbc
