28
„Anne?" Dieses eine Wort durch drang meinen Panzer aus Schmerz und Zorn und traf mich tief in meiner Seele. Ich konnte ihn nicht sterben lassen.
„Geh!" Presste ich zwischen meine Lippen hervor. Er aber rührte sich nicht, stand immer noch da.
„Geh endlich!" herrschte ich ihn an. „Ich komme gleich, versprochen." fügte ich noch hinzu.
Erst jetzt begann er sich zu bewegen und lief geduckt auf das Haus zu. Er rannte um sein Leben, so wie ich letzte Nacht. Lange blieb ich noch im Wagen sitzen, ich konnte mich nicht überwinden ins Haus zu gehen. Irgendwann, ich weiß nicht wie viel Zeit vergangen war, zog ich den Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg aus.
Ich wusste, ich musste gehen, ich hatte es versprochen. Langsam ging ich auf das Haus zu, die Tür stand immer noch offen. Als ich den dämmrigen Flur trat sah ich ihn am Boden liegen. Er rührte sich nicht mehr. Was hatte ich getan! War ich inzwischen auch ein Monster geworden? Vorsichtig beugte ich mich über ihn. Er sah schrecklich aus. Sein Gesicht, seine Hände und Arme waren von schlimmen Verbrennungen übersäht. Schwer röchelnd lag er vor mir und blickte mich aus verschwollenen, tief in den Höllen liegenden Augen an.
„Sebastian? Was kann ich tun? Liebster!" Alle Wut war vergessen, all mein Zorn verraucht. Jetzt zählt nur ihm zu helfen. Trocken hustend bemühte er sich zu sprechen.
„Bring mich nach unten, bitte." Ich konnte ihn kaum hören. Mit einmal wurde mir klar ich hatte mein dummes Spiel zu weit getrieben, er lag im Sterben. Ich würde ihn verlieren.
Aber noch lebte er und ich wollte dafür sorgen, dass er am Leben blieb. Energisch versuchte ich ihn hoch zu ziehen. Es überstieg fast meine Kräfte, doch ich mobilisierte all meine Reserven und er half mir so gut er konnte. Mühsam zerrte ich ihn durch den Flur zur Kellertür.
Nun kam der schwere Teil, ihn die Stufen nach unten zu bringen. Keuchend schleppte ich ihn Stufe für Stufe hinab, dann durch den ersten Raum zur nächsten Stiege. Meine Arme und Beine begann unter der Belastung zu zittern, lange würde ich nicht mehr durchhalten können.
Im Geiste zählte ich die Stufen mit, als wir die letzte vor uns hatten, atmete ich erleichtert aus. Nur mehr die wenigen Schritte bis zum Bett. Schwer stützte er sich auf meine Schultern, es schien ewig zu dauern, bis wir beim Bett angelangt waren. Ohne ihn loszulassen ließ ich mich einfach mit ihm auf das Bett fallen.
Stöhnend lag er mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett. Mühsam rollte ich unter ihm hervor und versuchte ihn umzudrehen, was mir erst mit dem dritten Versuch gelang. Zärtlich strich ich ihm das Haar aus der Stirn.
„Was kann ich tun?" Ich sah in sein einst so schönes, nun völlig entstelltes Gesicht. In mir tobten die Schuldgefühle.
„Kühlschrank!" War das einzige Wort, dass er hervor brachte und selbst das überstieg beinahe seine schwindende Kraft. Hastig sprang ich aus dem Bett und eilte zum Kühlschrank. Ich wusste was mich darin erwartete und was er brauchte.
Blut. Eilig packte ich eine der Konserven und hastete zu ihm zurück. Ich riss einen der Plastikverschlüsse ab und hielt sie ihm an die Lippen. Zuerst ran fast alles daneben, dann begann er zu trinken. Vorerst nur wenig, aber bald schon immer gieriger. Zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort hätte ich das bestimmt abstoßend gefunden, doch hier und jetzt Zählte nur er und sein Überleben.
Als die Konserve leer war, sah er zwar schon viel besser, aber noch nicht wirklich gut aus. Sanft wiegte ich seinen Kopf in meinem Schoß und wartete. Die Stunden verstrichen und auch mich übermannte die Erschöpfung und ich schlief ein, meine Arme fest um ihn geschlungen. Der Tag verstrich und die Nacht brach an.
Seufzend wollte ich mich im Schlaf umdrehen um irritiert festzustellen, dass das unmöglich war. Irgendetwas hielt mich eisern umklammert. Langsam öffnete ich meine Augen um zu sehen was es war und blickte direkt in die von Sebastian. Verwirrt und erstaunt sah ich ihn an. Er war wieder vollkommen genesen. Keine Brandwunden mehr und auch keine Narben. Er war schöner als zuvor. Ungläubig hob ich meine Hand und strich über seine Wange.
„Es tut mir so leid." flüsterte ich und Tränen stiegen mir in die Augen.
„Pst mein Liebes. Das muss es nicht, ich habe es verdient. Außerdem hast du mir das Leben gerettet." Von Schuldgefühlen überwältigt schloss ich meine Augen, hätte ich ihn nicht beinahe vorher getötet, hätte er nicht gerettet werden müssen.
„Durch meine Schuld bist du in Lebensgefahr geraten." Er zog mich fest in seine Arme und drückte mich an sich.
„Nein, das ist nicht wahr. Es war nicht deine Schuld, sondern es war meine Entscheidung, bei dir zu bleiben und mich dabei der Sonne auszusetzen. Das meinte ich nicht, als ich sagte, du hast mir das Leben gerettet."
Stirnrunzelnd sah ich ihn an, ich verstand wieder einmal gar nichts.
„Seit du in mein Leben getreten bist, hast du es völlig verändert. Du hast mich verändert und leider bringst du an mir nicht nur die guten Seiten zum Vorschein, sondern, wie du zu meinem Bedauern am eigenen Leibe erfahren durftest, auch die schlechten. Ich hätte dir was gestern passiert ist nicht antun dürfen und ich wünschte ich könnte es ungeschehen machen." Die wütende, tobende Bestie von gestern war verschwunden. Heute war er wieder mein Sebastian.
„Was war gestern? Kannst du es mir heute erzählen und bitte ohne dabei wieder so auszurasten?" Bat ich ihn.
„Du erinnerst dich, wir haben in Van Helsings Buch gelesen. Ich habe in seinem Buch gelesen. Es ging um ein Ritual das darin beschrieben wird. Ich…es hat mir die Hoffnung genommen und in die Verzweiflung getrieben und ich dachte nur mehr: „Jetzt wird sie dich verlassen."
Abrupt brach er ab. Das Thema wühlte ihn immer noch sehr auf. Ich löste mich aus seinen Armen und setzte mich auf.
„Du musst dich Entscheiden, entweder erzählst du mir, was da drin stand, oder ich werde tatsächlich gehen." stellte ich ihm ein Ultimatum.
Sebastian öffnete seinen Mund, schloss ihn dann wieder und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Dann nickte er zustimmend. War endlich der Augenblick der Wahrheit gekommen, würde er mir nun endlich erzählen was er gelesen hatte und was danach in ihm vorgegangen war?
Ich wartete, vor Spannung den Atem anhaltend, auf den Beginn seiner Geschichte.
„Die Sinti erzählten Van Helsing von dem Ritual einen Vampir zurück zu verwandeln. Im Wesentlichen ist es so wie Martha es mir erzählt hatte. Bis auf eine wichtige Kleinigkeit." Hier stockte er wieder, so als könnte er sich doch nicht durchringen mir alles zu sagen.
„Martha hatte mir erzählt ich müsste meinen Erschaffer töten um wieder ein Mensch sein zu können. Das Stimmt soweit auch, aber es ist nicht alles." Erneut machte er eine Pause.
Er sprang vom Bett, als wäre gestern nichts passiert, dabei war er noch vor ein paar Stunden dem Tod nahe gewesen uns schritt unruhig auf und ab.
„Möchtest du etwas essen?" Fragte er mich völlig unerwartete.
„Nein verdammt. Ich möchte nur wissen was in dem verdammten Buch steht, ehe ich es eigenhändig verbrenne." Warum konnte er nicht einfach mit der Sprache rausrücken und sagen was Sache war? Wieder tigerte er unruhig hin und her.
„Es reicht nicht, nur dieses Etwas das mich gebissen hat zu töten. Wie gesagt, das ist nur der eine Teil. Als ich mich damals verwandelte, musste ich erst sterben um wieder als etwas Neues geboren werden zu können." Auch dieser Teil war mir schon bekannt und ich wusste immer noch nicht auf was er hinaus wollte.
„Nun von den Toten kehrt keiner mehr zurück, außer…." Erneut geriet er ins Stocken.
„Du kannst dem Tod nicht entkommen, ohne dafür eine gleichwertige Gegenleistung zu erbringen und auch da geht nicht irgendeine, sondern nur eine Besondere." Er sprach in Rätseln. Was meinte er mit Gegenleistung? Aufgewühlt sah ich ihn an.
„Um mein Leben zurück zu bekommen, muss ein anderer für mich sterben." Die plötzliche Stille in der Kammer war beinahe unheimlich.
„Heißt das…heißt das, du musst jemanden töten?" Angespannt wartete ich auf seine Antwort. Er nickte.
„Aber nicht irgendjemanden, sondern dieser Mensch muss vollkommen unschuldig sein, ein reines Wesen." Welcher Mensch war rein von jeder Schuld und frei von jeder Sünde?
„Ein neugeborenes Kind. Nichts ist reiner und unschuldiger!" Ich hatte die Frage kaum zu Ende gedacht und schon bekam ich die Antwort von ihm. Voller Entsetzten schlug ich die Hand vor meinen Mund.
„Du kannst doch nicht….."
„Natürlich nicht!" fiel er mir ins Wort.
„Niemals!"
