29

„Hm, aber eine Sache ist mir immer noch nicht klar. Warum bist du so wütend geworden und warum hast du mir Angst eingejagt? Was sollte das?" Ich betrachtete ihn aufmerksam.

„Ganz ehrlich? Ich hab einfach die Nerven verloren." Meine Arme vor der Brust verschränkend, setzte ich mich kerzengerade auf.

„Da war doch wohl nicht alles, oder?"

Er kam auf mich zu und sah mir fest in die Augen.

„Du wolltest so sehr, dass ich wieder zum Mensch werde und plötzlich war dieser Wunsch unmöglich. Meine und deine ganze Hoffnung war mit einem Schlag zerstört, wie weggefegt. All das in Summe gesehen setzte in mir unbändige Wut frei und in mir gewann die Bestie die Oberhand, wie du am eigenen Leib erfahren hast."

Ich stand ebenfalls auf und lief mit verschränkten Händen hin und her. Seine Wut und sein unkontrollierter Ausbruch war eine Sache, doch da war noch was anderes. Irgendetwas an dieser ganzen Geschichte stimmte nicht, irritierte mich. Nur wollte ich nicht darauf kommen, was es war.

„Kommt dir nicht auch etwas komisch vor, oder empfinde nur ich das so?" Er runzelte seine Stirn und sah mich ratlos an.

„Was meinst du? Mein Verhalten? Ehrlich Anne, das tut mir so leid. Ich…." Doch unwirsch fiel ich im ins Wort.

„Nein, das mein ich nicht. Da ist etwas anderes, nur es will mir nicht einfallen." Suchend blickte ich um mich, um vielleicht so darauf zu kommen, dabei fiel mein Blick auf das Buch und mit einmal wusste ich es, was nicht richtig war.

„Das Buch!" rief ich aus. „Das ist es!" und eilte darauf zu. Er verstand immer noch nicht.

„Hör zu, dieser Van Helsing war vielleicht zu seiner Zeit ein fähiger Geist und auch Wissenschaftler, aber mit der Wahrheit nahm er es nicht so genau." Sebastian kam auf mich zu und nahm das Buch in seine Hände.

„Wie?"

„Wie ich darauf komme? Ganz einfach! Vlad hat ihm doch gesagte, er sei der Älteste unter den Vampiren, was wie wir wissen falsch war und er hat davon geschrieben wie er ihn umbringt, dabei erfreut sich Vlad noch immer bester Gesundheit, oder? Ist es da nicht Offensichtlich, dass er sich künstlerische Freiheiten erlaubt hat. Außerdem prüfte er seine Informationen anscheinend nicht nach. Wer weiß, was wirklich stimmt."

Ich konnte in seinem wunderschönen Gesicht erkennen, wie auch er die Wahrheit zu sehen begann.

„Du hast vielleicht Recht." antwortete er vorsichtig.

„Vielleicht? Du weißt, dass Martha viel älter als Vlad ist. Wer kann da schon sagen, ob das Stimmt, was er von den Sinti erfahren hat. Es kann durchaus sein, dass sie ihm auch nur wirres Zeug erzählt haben um sich über ihn lustig zu machen. Oder sie wollten, so wie Vlad, vor ihm gut dastehen und haben deshalb diese Geschichte mit dem Baby und so erfunden. Oder sie haben ihm gar nichts erzählt und so hat Van Helsing diese Geschichte mit dem Kind einfach erfunden, wegen dem reißerischen Effekt. Ich für mich glaube kein Wort von dem was Van Helsing geschrieben hat."

Tief atmete ich durch, ich war so aufgebracht, jetzt wo ich die Wahrheit erkannt hatte. Dieser Van Helsing hat einfach alles aufgeschrieben, was er so aufgeschnappt hatte. Was er dabei für einen möglichen Schaden anrichteten könnte, daran hatte er nicht gedacht. Immer noch ratlos blickte Sebastian auf das Buch.

„Wie geht's jetzt weiter?" Fragte er mich. Nach letzter Nacht traute er sich kein Urteil und keine Entscheidung mehr zu. Er machte Fortschritte.

„Du setzt dich vor den Computer und findest alles über die Sinti raus. Wo sie leben, sofern es sie noch gibt. Ob es irgendwelche Aufzeichnungen gibt und wenn ja, wo sie zu finden sind. Such nach allem was mit ihnen zusammenhängt, alles was uns nur irgendwie weiter bringt."

Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, saß er schon beim Laptop und schaltete ihn ein. Kaum erschien das Bild auf dem Schirm, schon flogen seine Finger über die Tasten. Bewundernd stand ich hinter ihm.

„Es gibt sie nicht mehr, jedenfalls keinen Eintrag über sie. Aufzeichnungen hatten sie scheinbar auch keine gemacht. Bist du noch böse auf mich?" Ich legte ihm von hinten meine Hände auf seine Schultern und strich ihm beruhigend darüber.

„Ich weiß nicht. Wahrscheinlich sollte ich noch sauer sein, aber im Moment kann ich es nicht. Such nach Pressemitteilungen, vielleicht wurden sie in einem Artikel erwähnt." Er hackte auf die Tasten ein und versuchte die diversen Suchbegriffe, doch es war wie die berühmte Nadel im Heuhaufen, nichts. Es war frustrierend.

„Nichts, es gibt keine Einträge über sie, bis auf den Einen. Scheinbar hat sich ein deutscher Geschichtsforscher auf ihre Spur begeben und sie in seiner Studienarbeit erwähnt." Neugierig beugte ich mich vor.

„Steht da auch, wo er ihre Spur gefunden hat?" Sebastian scrollte den Text schnell durch.

„Hm…genaue Ortsbezeichnungen gibt es nicht, nur das es nördlich von Budapest irgendwo war." Ich ließ meine Hände sinken.

„Was machen wir jetzt?" fragte ich, mir war ganz elend zumute, scheinbar war unser Leben mit Stolpersteinen übersäht. Sebastian drehte sich zu mir um und sah zu mir auf.

„Ganz einfach, wir fliegen nach Budapest." Meinte er mit einer Selbstverständlichkeit, dass es mich wunderte, dass ich nicht von selbst darauf gekommen bin.

„Nach Ungarn? Einfach so? Spinnst du?" Das entlockte ihm ein kleines Lächeln.

„Es scheint mir die beste Idee zu sein. Vor Ort können wir eventuell ihre Spur wiederfinden." Er schien wieder ohne Zweifel zu sein, doch bei mir meldeten sie sich gerade ganz stark.

„Sebastian, ich weiß nicht ob das eine so gute Idee ist. Du hast gerade versucht mich umzubringen und dann habe ich dich beinahe getötet. Wir können nicht einfach so tun, als sei nichts gewesen und gemeinsam mal auf die Schnelle nach Ungarn fliegen. Was ist, wenn du dort wieder so ausrastest? Tötest du mich dann wirklich? Oder ich bin gefühlsmäßig so verletzt, das ich dich gnadenlos der Sonne überlasse. Wer sollte dir dann noch helfen?"

Er hatte seine Hände in den Schoß gelegt und blickte darauf.

„Willst du, dass es hier und jetzt vorbei ist? Ich kann dich verstehen, aber bitte gib nicht, so wie ich, auf. Ich habe gestern einen schweren Fehler gemacht. Ich wollte, dass du mich verlässt. Ich wollte dich von mir wegstoßen und jetzt wo ich das nicht mehr will ist es mir geglückt. Was kann ich tun, um dein Vertrauen und deine Liebe zurück zu gewinnen? Wie kann ich dir Beweisen, dass sich mein Verhalten von letzter Nacht nicht wiederholen wird?" Traurig sah ich ihn an.

„Das ist das Problem, es gibt nichts was du tun könntest, damit ich dir wieder Vertraue." Er stand auf und wollte mich in seine Arme ziehen, ließ sie aber wieder sinken.

„Ich verspreche dir, dir nie wieder weh zu tun. Komm mit mir und hilf mir die Wahrheit zu finden. Bitte, bleib bei mir." Er sprach die Worte mit so viel Gefühl und mit einer Ernsthaftigkeit aus, so dass ich in Versuchung geriet ihm zu glauben. Doch meine Angst saß tief. Unentschlossen schritt ich auf die Stufen zu.

„Ich muss darüber nachdenken. Ich werde nach oben gehen, folge mir nicht, ich brauche Zeit für mich." Ich wartete seine Antwort nicht ab, sonder stieg entschlossen die Stufen nach oben.

Ich konnte gehen, ihn für immer verlassen, er würde mir nicht folgen. Oder ich konnte ihm noch einmal vertrauen. Ich machte mich auf die Suche nach der Küche, ich hatte Hunger, außerdem konnte ich nur mit vollem Magen klar denken. Eine Küche im klassischen Sinne gab es nicht, was sollte auch ein Vampir damit?

Nur eine Art Abstell- und Vorratskammer, dort trieb ich ein Stück Brot auf. Langsam kauend setzte ich mich vor die Eingangstür auf den Boden. Es war tiefschwarze Nacht, natürlich sonst wäre Sebastian nicht wach, nicht nach seinen schlimmen Verletzungen. Mein Blick fiel ins Leere.

Was sollte ich tun? Ich liebte ihn noch immer, aber was gestern passiert war, dass konnte ich nicht so einfach ignorieren. Aber am Meisten erschreckte mich mein eigenes Verhalten. Ich, die keiner Fliege etwas zu leide tun konnte und auch Spinnen vorsichtig in einem Glas vor die Tür trug, töte aus Rachsucht beinahe das, was ich am meisten Liebe. War es unter diesen Umständen klug mit ihm nach Ungarn zu reisen?

Plötzlich schlangen sich von hinten Arme um mich und ein kräftiger Körper schmiegte sich an mich. Sebastian war mir, trotz meiner Bitte, dennoch gefolgt und ich war froh darüber. Ich ließ mich gegen ihn fallen und genoss seine Nähe.

„Egal wie du dich entscheidest, ich möchte, dass du weißt, wie sehr ich dich liebe. Ich kann dir nicht versprechen immer richtig zu reagieren, oder das Richtige im richtigen Moment zu sagen, aber ich verspreche dir dich immer zu beschützen." Leise drang seine Stimme an mein Ohr.

Ich fühlte, dass er es ehrlich meinte und ich wollte ihm glauben, wie konnte ich auch anders. Er hatte Recht, entweder gab ich uns eine Chance, oder es Endet hier und jetzt, aber dazu war ich noch nicht bereit. Langsam drehte ich mich in seinen Armen zu ihm um und sah ihm fest in die Augen. Sie strahlten im schönsten Kristallblau.

„Gut ich begleite dich nach Ungarn, aber nur unter einer Bedienung!"