30. Kapitel
Gefühle in schwerelosem Raum
Severus Stimme klang sachlich, als er zu erzählen begann; seine Augen schienen Hermine jedoch immer noch warnen zu wollen, weil sie sich so weit vorgewagt hatte.
"Der Lord war gestern Nacht wirklich schlechter Laune. Zum Willkommensgruß tötete er zwei Muggel, indem er sie mit dem Imperius belegte und sie sich gegenseitig ein Messer ins Herz stoßen ließ. Er wollte uns damit demonstrieren, wie leicht beherrschbar Nichtmagier sind, und uns daran erinnern, dass wir Zauberer die Auserwählten seien.
Lucius Malfoy wurde für seine Verdienste geehrt, indem Voldemort ihm die Befehlsgewalt über den mittleren Kreis gab. Dem mittleren Kreis gehören die Todesser an, die seit langen Jahren dabei sind, und die ihre Treue durch einige rituelle Handlungen bezeugten, jedoch keine große Eigeninitiative zeigen. Man könnte sagen, dass dies der Großteil der Anhänger Voldemorts darstellt. Insofern ist Lucius Macht enorm gestiegen. Für mich bedeutet das, dass ich viele Dinge mit ihm absprechen muss, bevor ich Entscheidungen treffen kann. Ich bin für den nächst höheren Kreis zuständig, doch dieser hat wesentlich weniger Anhänger als der Kreis, der nun Lucius untersteht."
Severus hielt einen Moment inne um Hermine die Möglichkeit zu geben, Fragen zu stellen - sein warnender Blick verstärkte sich.
"Was zeichnet die Anhänger aus, die dir unterstehen?"
Er schien die Frage erwartet zu haben und seine Stimme klang unbeteiligt: "Auch diese sind seit langen Jahren im Kreise der Todesser, und sie vollziehen alle Riten regelmäßig. Zudem haben sie sich durch Einzeltaten hervorgetan, die in den meisten Fällen aus Tötung von Feinden besteht."
"Tötung von Feinden? Diese Leute werden also geehrt, wenn sie jemanden vom Orden umbringen?"
Severus nickte und fügte an: "Vom Orden, vom Ministerium oder wer immer uns sonst im Weg steht."
Hermine sog scharf die Luft ein und ihr Blick war entsetzt. Severus schien nicht zu verstehen, was sie derart aufgebracht hatte.
"Du hast uns gesagt!", fuhr sie ihn an.
Er seufzte schwer. "Hermine du fragtest mich gerade nach meinen Aufgaben als Todesser - ich bin ein Todesser - vergiss das nie!"
"Aber du bist auch ein Ordensmitglied. Was, verdammt nochmal bist du wirklich, Severus Snape?"
Sein Gesicht wirkte plötzlich wie versteinert.
"Dies ist genau der Punkt, den du noch lernen musst. Ich bin beides - je nachdem was ich gerade sein muss. Es ist nicht leicht es zu lernen - aber überlebenswichtig!"
Hermine schluckte schwer.
"Was sind das für Rituale, von denen du sprachst? Und was für Dinge musst du tun, um dem Lord Treue zu beweisen?"
Er schüttelte den Kopf und seine Stimme klang kalt: "Warum willst du dich unnötig quälen? Du erfährst genug Qual durch das Training - lass es bei den Informationen bewenden, die du bereits erhalten hast."
Ihre Stimme klang aufgebracht: "Du siehst es doch so gern wenn ich Angst habe - also los, erzähl es mir!"
Sie konnte es kaum fassen, als sie Trauer auf seinem Gesicht sah.
"Das ist nicht dasselbe Hermine. Es sei denn, du sagst mir, dass du Lust dabei empfindest, wenn ich dir erzähle, dass die Rituale aus verschiedenen Formen der Selbstgeißelung, als auch aus der Folterung anderer bestehen."
Hermine schüttelte entsetzt den Kopf.
Severus schickte ihr ein gequältes Lächeln.
"Ich selbst muss jeden einzelnen Ritus durchlaufen, um meine Position im Orden zu halten. Und mehr als das - ich muss mich häufiger als jeder andere durch Eigeninitiative auszeichnen. Und jetzt sage mir eines, Hermine - war es nötig, dass du diese Dinge weißt?"
Sie versuchte gegen ihre Ohnmacht anzukämpfen und der einzige Weg, dies alles zu bewältigen, schien ihr ein Angriff auf ihn zu sein.
"Wie oft - wie oft, Severus - hast du diese miesen Schweine aufgefordert zu töten? Wie oft warst du an Folterungen beteiligt? Wie oft..."
"UNZÄHLIGE MALE!", brüllte er sie an.
Hermine führte ihren Satz dennoch zu ende: "Wie oft hast du sie aufgefordert ein Schlammblut zu vergewaltigen?"
Die Wut funkelte noch in seinen Augen, doch er schwieg.
Hermine starrte ihn an und suchte nach Wahrheit - er hatte ihr so schmerzhaft schreckliche Wahrheiten gesagt - doch nun schwieg er.
"Wie oft?", wiederholte sie leise, dann lauter: "Wie oft? WIE OFT?"
"Zu oft", sagte er und erhob sich. In Hermines Ohren rauschte es plötzlich.
Sie erhob sich ebenfalls - betäubt - kraftlos - gebrochen.
"Ich kann das nicht. Ich will nicht so werden wie du. Niemals. Ich steige aus. Leb wohl, Severus."
Er hielt sie nicht auf, als sie zur Tür ging. Sie zögerte einen Moment - hoffte, er würde ihr sagen, dass dies alles nur ein neuer Trick war, um ihr Angst zu machen. Aber sie wusste es besser. Er hatte ihr gesagt, dass sie diese Dinge besser nicht erfuhr. Sie hatte seine Warnung in den Wind geschlagen und er war ehrlich genug gewesen, ihr die Wahrheit zu sagen.
Ehrlichkeit konnte grausamer sein als die schlimmste Folter. Sie ließ seine Tür offen, als sie ihn verließ. Hermine wollte, dass er sie schloss - sie wollte, dass er begriff, dass es seine Taten waren, die diese Tür zwischen ihnen zuschlug.
ooooooooooooooooooooooooooo
Drei Tage lebte Hermine nun schon in einer Welt, die keinen Platz mehr für sie zu bieten schien.
Sie ging in die Universität, sie unterrichtete, sie kaufte ein, räumte ihre Wohnung auf, kochte Essen und ließ es dann angewidert stehen. Jede Annäherung von Charles Grant hatte sie kalt abgelehnt. Sie fühlte sich kalt - kälter als jemals zuvor in ihrem Leben.
Drei Tage lang hatte sie sich verboten über Severus Snape nachzudenken. Sie würde ihn vergessen - drei Tage lang hatte sie es nicht geschafft, weil sie sich in jeder Sekunde einreden musste, dass sie es in der nächsten schaffen würde. Drei Tage lang hatte sie ununterbrochen ihre Gedanken um den Mann kreisen lassen, der ihr Innerstes nach Außen gekehrt hatte.
Diese Gefühle waren einfach zu stark gewesen. Sie hatte ihn ganz an sich herangelassen - dies hätte nie geschehen dürfen. Er hatte ihr Herz herausgerissen - und nun musste sie ohne es weiterleben.
Der Sonntag trug heute seinen Namen zu Recht, denn die Sonne schien vom blauen Himmel herab. Es interessierte sie nicht. Hermine würde nicht aufstehen. Dieser Tag war nicht für sie gemacht. Kein Tag war für sie gemacht.
Ihr Kissen war auch an diesem Morgen nass und sie fühlte die getrockneten Tränen auf ihrem Gesicht. Tagsüber weinte sie nicht - aber Nachts konnte sie sich nicht dagegen wehren. Sie starrte zur Decke und beobachtete die Sonnenstrahlen, die sich zu ihr ins Zimmer schlichen. Sie schloss die Augen um sie nicht mehr sehen zu müssen.
Tatsächlich war sie fast wieder eingeschlafen, als es an ihrer Tür klingelte. Der schrille Ton erschreckte sie, doch sie vergrub sich tiefer in das Kissen.
Erneut das Klingeln.
Nein! Sie wollte keinen Charly sehen, der sich Sorgen um sie machte. Er würde aufgeben - irgendwann.
Das Klingeln wiederholte sich nicht. Gut, er hatte es schneller begriffen, als sie gedacht hätte.
Plötzlich hörte sie ein Geräusch, direkt hinter ihrer Schlafzimmertür.
Hermine erstarrte. Ihr Blick huschte hektisch zur Kommode, auf der ihr Zauberstab lag.
Vorsichtig griff sie danach und schlüpfte aus dem Bett. Erneut hörte sie ein Geräusch. Die Türklinke wurde von außen heruntergedrückt. In dem Moment, als die Tür einen Spalt breit geöffnet wurde, schrie Hermine: "Stupor!"
Ein Blitzstrahl traf den Einbrecher, der mit einem lauten Knall gegen die Haustür flog. Hermine riss die Tür vollends auf und sah Snape seltsam verdreht auf dem Boden liegen.
Er rappelte sich mühsam auf, doch Hermine richtete warnend ihren Zauberstab auf ihn, so dass er sitzen blieb wo er war.
"Wie bist du hier reingekommen?", fauchte sie ihn an.
Er wischte sich Blut aus dem Mundwinkel, als er sagte: "Mit einem Alohomora. Du scheinst in deiner Muggelwelt manchmal zu vergessen, wie leicht es für einen Zauberer ist, hier herein zu gelangen. Warum hast du nicht einen Schutzzauber über deine Wohnung gelegt?"
Hermine hielt den Zauberstab weiter auf ihn gerichtet.
"Weil ich außer dir niemanden zu fürchten brauche - und mit deinem Erscheinen hatte ich nun wirklich nicht gerechnet, sonst hätte ich den Schutzzauber so ausgerichtet, dass er dich direkt in die Hölle schickt, wenn du versuchst hier reinzukommen."
Severus sah sie schweigend an.
In diesem Moment wurde Hermine sich erst bewusst, dass sie in ihrem Seidenpyjama eine merkwürdige Kämpferin abgab. Dieses Kleidungsstück sollte ursprünglich eher zur Verführung als zur Verteidigung dienen. Doch manchmal konnte man es sich eben nicht aussuchen und der Zauberstab, den sie nun zwischen seine Augen richtete, sollte ihm wohl Zeichen genug sein, dass ihr nicht der Sinn nach einem seiner Spielchen stand.
"Was willst du hier?", fuhr sie ihn an.
"Ich will mir holen, was ich verdient habe", sagte er und stand plötzlich so schnell auf, dass sie einen Schritt zurückwich.
"Bleib wo du bist!", schrie sie ihn an.
Er ignorierte ihre Worte und machte einen Schritt nach vorne.
"Stupor!"
Diesmal krachte er gegen die Wand.
Fast augenblicklich richtete er sich wieder auf und Hermine schrie in Panik: "Stupor, Stupor!"
Die Blitze trafen ihn so heftig, dass er keuchend nach Luft rang, trotzdem versuchte er aufzustehen.
"Nein! Komm nicht näher!", sie konnte nicht glauben, dass er immer noch versuchte auf die Beine zu kommen, obwohl sie ihn jederzeit wieder gegen die Wand schmettern konnte.
Sie zögerte, als er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete. Ihre Hand, die den Stab hielt, zitterte.
"Wenn du näher kommst werde ich den Cruciatus anwenden - ich werde es tun, Severus", drohte sie.
Er schüttelte den Kopf und ein Rinnsal aus Blut lief aus seiner Nase.
"Nein, das wirst du nicht tun. Um mich zu bestrafen reicht der Stupor - du musst dich nicht schuldig machen einen Unverzeihlichen zu benutzen. Du kannst den Stupor so oft verwenden, bis du das gleiche Resultat erzielst."
Hermine hielt inne. Was redete er da bloß?
Als er sah, dass sie zögerte, machte er einen Schritt auf sie zu und seine Augen verengten sich in Erwartung des Stupor.
Doch Hermine sprach ihn nicht aus. Er hatte es von Anfang an darauf angelegt, dass sie ihn verletzte. Sie stand da und sah ihn nur an.
Severus zögerte und machte dann einen weiteren Schritt auf sie zu.
"Worauf wartest du?", fragte er leise.
Hermine schüttelte den Kopf.
"Bleib einfach nur stehen", bat sie.
Er schüttelte seinerseits den Kopf und machte einen weiteren Schritt in ihre Richtung.
"Du...sollst..stehenbleiben", brachte sie hervor.
"Dann halt mich auf", forderte er, während er erneut einen Schritt auf sie zu machte.
Hermine hielt den Zauberstab auf seinen Kopf gerichtet. "Bitte, bleib stehen", sagte sie schwach.
Abermals schüttelte er den Kopf.
"Halte mich auf - sonst wirst du es bereuen."
Tränen liefen Hermine nun über die Wange, und sie begann: "Stu..", doch das Wort ging in einem Schluchzen unter und sie ließ den Zauberstab fallen, so dass er wie ein nutzloses Stück Holz auf dem Boden liegen blieb.
Severus bewegte sich genauso langsam wie zuvor, doch schließlich erreichte er sie und lehne sich an den Türrahmen, dann ließ er sich vorsichtig zu Boden sinken, und hob ihren Zauberstab auf. Es dauerte lange, bis er sich wieder erhoben hatte. Hermine sah ihn verwirrt an, als er ihr den Stab reichte.
Mit tränenerstickter Stimme sagte sie: "Geh - ich werde dir nicht weiterhin geben, wofür du hergekommen bist. Such dir jemand anderen, der dich bestraft."
Ein schmerzerfülltes Lächeln huschte über seine blutigen Lippen.
"Du bist die Einzige, die es kann - du bist die Einzige."
Hermine schnaubte wütend: "Warum bin ich die Einzige, die dich bestrafen kann?"
Severus atmete flach, offensichtlich waren einige seiner Rippen gebrochen.
"Weil diese Verletzungen nicht die schlimmsten Wunden sind, die man mir schlagen kann. Du hast mich viel tiefer getroffen, Hermine. Dein Hass trifft mich tiefer als ein paar Knochenbrüche."
"Mein Hass? Du bist hergekommen um meinen Hass zu spüren? Wie kann es sein, dass mein Hass dich so sehr trifft? Ein minderwertiges Schlammblut, das den Befehlshaber des oberen Todessserkreises hasst - warum sollte dich das wohl treffen?"
Er legte für einen Moment den Kopf in den Nacken und schloss die Lider. Als er sie wieder öffnete sah er ihr direkt in die Augen: "Weil ich dich liebe."
tbc
