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Müde lehnte ich mich zurück und schloss meine Augen. Der Flug nach Ungarn hatte pünktlich abgehoben. Natürlich flogen wir mit einem Nachtflug. Ich nutze die angenehme Stille die zwischen uns herrschte und dachte über mich und ihn nach. Soviel war in so kurzer Zeit geschehen.
Ich hatte an mir Seiten entdeckt, von deren Existenz ich bis jetzt nichts wusste. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich mein ganzes bisheriges Leben für einen Menschen, nein für einen Vampir aufgeben könnte. Ich hatte alles hinter mir gelassen, was einst so wichtig für mich war.
Einen Job, gut es war nicht mein Traumberuf, aber ich war zufrieden und das Gehalt stimmte, gut hätte durchaus mehr sein können. Meine Freunde, keinen von ihnen hatte ich seit ich Sebastian kenne, gesehen. Mit eine mal begann ich sie ganz schrecklich zu vermissen. Wie schön wäre es sich jetzt mit Isabella austauschen zu können. Aber was könnte ich ihr schon sagen, ohne dabei in der Klapsmühle zu landen? Nichts! Was würde sie nur von mir denken?
Ich eine normale Frau, zumindest dachte ich das früher, warf alles was ich für wichtig erachtete, für einen Mann über Bord. Aus den Augenwinkeln sah ich zu Sebastian rüber, er lehnte scheinbar entspannt in seinem Sitz und doch spürte ich seine beständigen Blicke auf mir.
Er machte sich Sorgen. Ich hatte ihm verziehen und doch war ein Bruch in unserer Beziehung geblieben. Sein Verhalten in jener Nacht hat mich zutiefst erschreckt und ich hatte Angst vor ihm. Und mein Verhalten am nächsten Tag hat mich noch mehr erschreckt. Ich wusste bis dahin nicht, dass auch in mir eine Bestie schlummert.
Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ ich ihn beinahe sterben. Das offenbarte mir, das auch ich nicht der nette Mensch war, für den ich mich bisher hielt. Ich blickte in meine Seele und sie war nicht mehr so blütenweiß, wie ich immer dachte.
Unwillkürlich dachte ich an unser Gespräch vom Vortag, er hat anstandslos meine Bedienungen akzeptiert, im Gegenteil mit keinem Wort hat er Einspruch erhoben, wo sie ihm doch sicher so sinnlos vorkommen müssen. Ich erinnerte mich an meine eigenen harten Worte. Mit welchem Recht hab ich sie ihm aufgezwungen? Ich war nicht besser, aber auch nicht schlechter als er.
Von nun an wirst du die Bestie in dir im Zaum halten! Ich bestimme unseren Weg und wie es weitergeht, solltest du dich nicht daran halten, bin ich mit dem erst besten Flug weg und du siehst mich nie wieder. Schreist du mich noch einmal an, verlass ich dich! Zeigst du mir deine langen Zähne, gehe ich. Von nun an tun wir das was ich Entscheide! Und du darfst nur Bücher lesen, die ich vorher gesehen und als ungefährlich eingestuft habe.
Alles Bedienungen die ihn unheimlich Einschränkten und doch er hat nicht einmal mit den Zähnen geknirscht. Dabei konnte ich ihm über sein Verhalten nicht einmal einen Vorwurf machen. Er war über die Jahre, wenn nicht über die Jahrhunderte der Einsamkeit so geworden. Mürrisch, eigenbrötlerisch, stur und das er ein unbeherrschtes Temperament besaß, das wusste ich schon vorher.
Einigensinnig war ich selber, dass konnte ich ihm nun wirklich nicht vorwerfen. Seufzend lehnte ich mich in meinen Sitz zurück, was mir einen weiteren besorgten Blick von ihm einbrachte. Ich konnte beinahe fühlen, dass er etwas sagen wollte, es sich dann aber anders überlegte und schwieg. Still versuchte er herauszufinden, was in mir vorging. Er wusste nicht, war ich traurig, wütend, verletzt oder nur müde. Seit ich ihm diese schrecklichen Bedienungen aufgehalst habe, habe ich kaum ein Wort mit ihm gewechselt.
Nun war ich es die Schwieg. Auch das war neu für ihn, sowie auch für mich. Früher wäre alles nur so herausgesprudelt aus mir, doch jetzt behielt ich meine Gefühle für mich.
Ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass wir noch gut eine Stunde flogen. In Ungarn war einer der heißesten Sommer seit langem. Temperaturen über 30 Grad waren nicht ungewöhnlich dort, doch für die nächsten Tage sollte das Thermometer weit darüber klettern.
Kein gutes Wetter für Sebastian, eindeutig zuviel Sonne. Leise surrte die Klimaanlage und ich begann zu frösteln. Sofort gab mir Sebastian seine Jacke und legte sie mir fürsorglich um die Schultern.
„Danke" murmelte ich und kuschelte mich hinein. Tief atmete ich seinen Duft ein und das trieb mir die Tränen in die Augen. Ich liebte ihn, ich wollte wieder so glücklich sein wie vor dieser Nacht und doch.
„Warum ist nur alles so kompliziert geworden? Wieso kann es nicht wie früher sein?" flüsterte ich.
„Ich hab alles kaputt gemacht." antwortete er zerknirscht.
„Nein hast du nicht, das haben wir beide." Müde rieb ich mir über die Augen. Ich sollte mehr bei Nacht und weniger bei Tag schlafen.
Ich tastete nach seiner Hand und hielt sie fest. Egal was noch passierte ich will nicht, dass es uns auseinander bringt. Auch er drückte meine Hand, hielt sie fest in der seinigen.
„Eines Tages wirst du mir wieder vertrauen." Er sprach so leise, dass ich einen Moment glaubte mir die Worte bloß eingebildet zu haben. Eines Tages würde ich ihm wieder vertrauen, aber er auch mir?
Hätte ich damals schon gewusst, was auf mich noch zukommt, ich wäre niemals unter keinen Umständen, auch wenn meine Liebe zu ihm noch so groß ist, nach Ungarn gereist. Wie hätte ich auch erahnen können, was mich dort erwartet.
Welch Hürden uns noch in den Weg gelegt werden würden. Ich hielt mich auf diesem Flug für erfahren und abgebrüht, doch ich sollte nur allzu bald das Gegenteil erfahren. Wie naiv ich doch noch immer war. In Ungarn würden wir in Budapest landen und uns dort eine Unterkunft für eine Nacht suchen.
Wir würden getrennte Zimmer nehmen, auch eine meiner Bedienungen. Außerdem hatte ich unsere Beziehung auf Eis gelegt. Kein Küssen, kein Sex, kein gar nichts, erst mal.
Von dort würde ich uns ein Auto mieten und wir würden dann die Gegend erkunden. Doch zuerst wollten wir nach Spuren suchen. Spuren die die Sinti irgendwann mal zurück gelassen haben. Was nicht leicht werden würde, ich glaube nicht, dass wir sehr viele, wenn wir Glück haben, höchstens eine Spur finden werden.
In Budapest gibt es eine gut sortierte öffentliche Bibliothek und auch ein Archiv über die Stadtkunde, beides wollten wir uns, beziehungsweise ich ansehen. Die Öffnungszeiten erlauben es Sebastian nicht dort vorbeizuschauen, er wäre Asche ehe er einen Fuß vor die Hoteltür bekommen würde.
Noch so ein Problem, wir brauchen ein Hotelzimmer mit möglichst überhaupt keinem Fenster, sonst würde er den Tag im Bad verbringen müssen. Die meisten Hotelbäder waren fensterlose Räume. Ein Glück für alle Vampire dieser Welt, so standen Reisen in ferne Länder nichts im Wege.
Was seine Firma betraf, so konnte er, dank moderner Technologie, überall auf diesem Planeten arbeiten. Noch immer wusste ich nicht genau was er für eine Firma hatte, oder was er genau machte. Noch so ein Mysterium. Ich wusste fast alles über ihn, selbst sein völlig abwegiges Geburtsdatum.
Dabei fiel mir ein, dass er bald Geburtstag hatte, er würde Fünfhundert und ein Jahr alt. Wie mir diese Zahl durch den Kopf ging, kam sie mir selber fantastisch vor.Es war in meiner Vorstellung noch immer unmöglich.
Das Schild mit der Aufforderung sich anzuschnallen leuchtete auf. Die Stunde war im wahrsten Sinne des Wortes, wie im Flug vergangen. Ich blickte aus meinem Fenster und konnte die vielen Lichter der Stadt unter mir sehen.
Alles schien noch wach zu sein und dabei zeigte meine Uhr fünf Minuten nach 2 Uhr an. Budapest war eine, wen auch rückständig, pulsierende Stadt. Die Landung war unkompliziert und auch das auschecken. Ehe wir uns versahen, standen wir draußen auf der Suche nach einem Taxi, was nicht lange auf sich warten ließ.
Die Stadt lebte von den in Scharen kommenden Touristen. Der aus Pakistan stammende Taxichauffeur brachte uns rasch in dir Innenstadt und vor ein einfaches, aber sauberes Hotel. Auch über unseren Wunsch, ein möglichst verschlossenes Hotel, sprich mit ganz wenig Fenstern, hatte er nicht mit der Wimper gezuckt. Er hatte sicher schon so einige sonderbare und merkwürdige Wünsche von seinen Fahrgästen gehört.
Ihm konnte es egal sein wie die verrückten Europäer ihre Zeit vertrieben. Für ihn zählte nur die Fahrt und der Lohn dafür, alles andere war ihm sichtlich egal. Wir betraten das Hotel, es hatte rund um die Uhr geöffnet und man war daran gewöhnt, dass zu den unmöglichsten Zeiten, es war halb drei Uhr morgens, eingecheckt wurde. Eine nette Dame gab uns unsere Schlüssel und ein nervöser junger Mann zeigte uns unsere Zimmer.
Wir schritten über eine schmale Treppe nach oben und folgten ihm auf einem roten Teppich zu unseren Zimmern. Ich hatte die Nummer 11 und er die 13. Na hoffentlich brachte uns das Glück. Der junge Mann steckte jeweils an der Tür die Schlüssel an und öffnete sie, dann wünschte er uns noch in gebrochenem Englisch eine gute Nacht und verließ uns. Doch keiner von uns beiden hatte ihn noch wahrgenommen. Meine Augen sahen nur Sebastian und er blickte auf mich. Beide standen wir vor unserer jeweiligen Zimmertür nur durch den kurzen Flur dazwischen getrennt. Zögernd machte ich einen Schritt auf ihn zu.
„Ich……..gute Nacht." Warf ich ihm hastig zu und verschwand in mein Zimmer und schlug die Tür zu. Stumm lehnte ich mich gegen die Tür. Beinahe wünschte ich mir, er würde klopfen und Einlass verlangen, aber nur beinah.
