31
Traurig warf ich mich samt meiner Kleidung auf das Bett und grübelte noch lange über uns beide nach. Irgendwann schlief ich ein und das erste Licht des anbrechenden Tages weckte mich. Stöhnend drehte ich mich auf den Rücken. Es war sehr unbequem in Kleidung zu schlafen. Müde fuhr ich mir mit der Hand über das Gesicht und setzte mich langsam auf. Ich musste mich kurz orientieren wo ich mich befand. Ungarn, ich war in Budapest, in einem Hotel und mein Sebastian war eine Tür weiter neben mir. Nur war noch nicht ganz klar ob er noch mein Sebastian war. Entschlossen schwang ich die Beine aus dem Bett und zog meinen Koffer zu mir. Entnahm ihm frische Kleidung und verschwand damit ins Bad. Nach einer ausgiebigen Dusche fühlte ich mich schon viel besser.
Leise schlich ich zur Wand und horchte, doch kein Laut drang von drüben herüber. Sebastian schlief noch, oder erst. Ich würde mich nach dem Frühstück auf den Weg in die Stadt machen. Wir hatten vereinbart, dass ich die Bibliothek aufsuchen sollte und falls ich es heute noch schaffte, auch beim Stadtarchiv vorbei schaue. Sebastian hatte mir vorausschauend einen Zettel für die Behörden geschrieben. Da ich kein Wort Ungarisch konnte und er es durch Martha gelernt hatte, war das Sinnvoll. Ich verließ mein Zimmer und blickte zu Sebastians Tür, dann drehte ich mich entschlossen um und ging nach unten. An der Rezeption erfuhr ich wo der Speisesaal war. Aus dem Prospektständer fischte ich mir noch einen Stadtplan und ging frühstücken. Bei Kaffee und Brötchen studierte ich diesen eingehend. Ich fand darauf die Bibliothek und das Stadtarchiv eingezeichnet.
Budapest war eine schöne und sehr alte Stadt und alsbald war ich von dem Charme und der Schönheit dieser Stadt gefangen. Die schmalen Gässchen, die verwinkelten Häuser und dazwischen modern Architektur. Alles schien zu Harmonieren. Ich verliebte mich in Budapest und verträumt lief ich durch die Strassen und sah mich satt an allem. Plötzlich war mein Weg zu Ende, ich stand an der Donau. Nicht weit von mir führte die Kettenbrücke darüber und von dort aus hatte man einen fantastischen Blick auf die Zitadelle. Am liebsten hätte ich mich all den Sehenswürdigkeiten hingegeben, die die Stadt im Überfluss zu bieten hatte, aber der Gedanke an Sebastian rief mich zur Ordnung und so suchte ich mir die Eötvös-Lorand-Universität. Was für ein beindruckendes Gebäude, voller Ehrfurcht stand ich davor. Mit seiner leicht gelblichen Fassade, gestützt von drei weißen Säulen, schien das Gebäude eher nach Grichenland, als hier her zu passen.
Ich trat ein und befand mich in einer großen, kühlen Halle. Gestützt durch unzählige weiße Säulen, blickte ich staunend auf ein reich verziertes Gewölbe. Die Bibliothek war sehr alt, dass hatte mir Sebastian schon erzählt, doch in so einem Gebäude zu stehen und die von altem Papier und Staub der Jahrhunderte geschwängerte Luft zu atmen, war überwältigend. Mit großen Augen ging ich durch die Buchreihen. Manche Bücher waren so alt, dass man sie hinter Glas vor all zu neugierigen Fingern geschützt hatte. Ich betrat den Prunksaal und mir blieb die Luft weg. Sebastian und alles andere waren vergessen. Dieser Raum versprühte eine eigene Magie. Raumhohe Regale waren an allen vier Seiten zusehen, nur unterbrochen durch meterhohe Fenster und ein Fresko. Alles strahlte und glänzte in diesem Raum. Es gab unzählige Tischchen mit einer Leselampe die dazu einluden sich zu setzen und stundenlang in eins der unzähligen Bücher zu schmökern. Aber meinen Blick fesselte die Galerie. Der Raum, nein Prunksaal, war so hoch, dass es eine Galerie gab, an der man entlangwandern und sich die Bücher aus der Nähe betrachten konnte. Eine Dame trat leise an mich heran und sprach mich mit gesenkter Stimme an. Ich verstand kein Wort und so bat ich sie, sofern möglich, alles auf Englisch zu wiederholen. Ich hatte Glück, sie sprach meine Sprache. Sie fragte mich, ob sie mir helfen könnte. Und erst da fiel mir Sebastian und die Sinti wieder ein. Ich fragte sie nach ihnen, oder nach anderen Zigeunergruppen. Sie verwies mich in die entsprechende Abteilung. Und so landete ich vor einem Regal, dass bis zur Decke gefüllt mit Büchern war, aber alle in den unterschiedlichsten Sprachen, nur nicht in meiner.
Hier hatte ich Hunderte von Büchern zu diesem Thema zur Verfügung und nicht eines konnte ich lesen. Sebastian wahrscheinlich schon, aber dieser konnte tagsüber nicht herkommen. Es war wie verhext. Ohne noch weiter auf die Schönheit dieses Raumes zu achten, verließ ich ihn unverrichteter Dinge. Ich war wütend, ich war enttäuscht. Mürrisch stand ich eine Weile draußen und ließ mir die warme Sonne ins Gesicht scheinen. Es war sehr heiß, sicher um die dreißig Grad.
Ein Mann kam aus der Bibliothek und sah mich kurz an, eher an mich herantrat. Er war ein einheimischer, das konnte man an seinem Äußeren und an seiner Kleidung erkennen. Er hat mitternachtsschwarze Haare und ebenfalls so schwarze Augen. Seine Haltung war stolz und er versuchte ein freundliches Lächeln unter seinem Schnurbart hervor zu zaubern, was ihm misslang. Vorsichtig beäugte ich ihn.
„Verzeihen Sie mir." Sprach er mich mit einer sanften, melodischen Stimme an. Sein Englisch war sehr gut und nur mit einem leichten Akzent unterlegt. „Ich habe gehört wie sie sich nach den Sinti erkundigten. Darf ich fragen warum?" Ich blickte zu ihm auf, er war nicht ganz so groß wie Sebastian, aber fast so groß. Sein Gesicht hatte engelsgleiche Züge und man hätte ihn sicher als schön bezeichnen können, wäre da nicht etwas in seinen Augen gewesen, was ihn verschlagen wirken ließ. Ich war auf der Hut. „Ich kenne Sie nicht und ehrlich gesagt möchte ich auch nicht darüber reden." Wich ich ihm aus. Sein stechender Blick grub sich tief in meinen. Er schien versucht, auf den Grund meiner Seele zu Blicken. Dann machte er eine leichte Verbeugung, was zu ihm passte aber nicht in diese Zeit.
„Ich muss mich noch mal entschuldigen, ich vergas mich vorzustellen. Mein Name ist Nikolai und ich könnte, ich möchte ihnen nur behilflich sein." Misstrauisch verengten sich meine Augen. Warum bot sich dieser Fremde so selbstlos an? Was war seine Motivation? Kein Mensch war so selbstlos und dieser ganz bestimmt nicht. „Ich denke nicht.." Versuchte ich ihn abzuwimmeln. Ich wollte schon weitergehen, doch er faste mich am Arm und hielt mich fest. „Warten Sie, ich will wirklich nur helfen. Ich werde ihnen nichts tun." Ärgerlich sah ich auf seine Hand und dann ihn an. Unverzüglich ließ er los und trat einen Schritt zurück. „Ich bin von hier und kenne alle Zigeunerstämme und ihre Sitten. Wenn sie wollen, buchen sie mich als Führer, dass ist mein Job." Wie aus dem Nichts zauberte er eine Visitenkarte aus dem Ärmel und reichte sie mir. Ich nahm sie und betrachtete sie genauer. Sie war Zweisprachig verfasst, auf Ungarisch und auf Englisch. Was für ein Zufall! Darauf stand zu lesen, dass er sich als Fremdenführer verdingte. Wie interessant, vielleicht sollte ich ihn doch nach den Sinti fragen. Egal wie befremdlich und erschreckend er auf mich wirkte, er konnte mir möglicherweise eine Spur zu ihnen vermitteln. Nun gut ich würde es wagen und ihn fragen. „Wo sind sie?" Ich sagte nicht wer, er wusste auch so wenn ich meinte. „Sie wollen sie wirklich finden? Das kann sehr gefährlich sein und manchmal auch tödlich."
Ich schluckte, dieser Fremde bestätigte meine geheimsten Ängste. Sie waren geheimnisumwittert und von einer tödlichen Faszination. So hatte ich sie mir vorgestellt. Da ich meiner Stimme nicht traute, nickte ich bejahend mit dem Kopf. Ich musste sie finden, für mich, für Sebastian, für uns. Der Fremde neigte leicht den Kopf, darin lag soviel Arroganz. Irgendwas verbarg er, einmal mehr spürte ich das und schon bereute ich gefragt zu haben. „Wer sind sie wirklich?" Sprudelte es aus mir heraus. Erneut blickte er mich mit seinen stechend schwarzen Augen an und kurz sah ich Berechnung aufblitzen. Wer war er? Erneut versuchte ich Abstand zwischen ihm und mich zu bringen. Doch er folgte mir auf den Fuß. „Sie wollen wissen wer ich bin?" Nun schienen seine Augen zu blitzen und ein tückisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Sind sie bereit für die Wahrheit?" Er spielte mit mir. „Entweder haben sie etwas zu sagen, oder ich gehe meiner Wege!" Brauste ich auf und tat so als wollte ich meine Worte in die Tat umsetzten und machte einen Schritt fort von ihm. „Warten Sie! Ich bin ein Sinti!"
