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Er nannte mir einen Ort, verabschiedete sich auffallend plötzlich und verlor sich in der Menge. Irritiert blickte ich ihm ein paar Minuten nach. Außer seiner Visitenkarte und einem Ortsnamen, wusste ich nichts über ihn. Konnte ich darauf vertrauen, dass er mir die Wahrheit gesagt hatte? Wahrscheinlich nicht, aber es war dennoch eine Spur und ihr nicht zu folgen wäre sehr dumm. Ich begann unter der Hitze unangenehm zu leiden und so lenkte ich meine Schritte zurück zum Hotel.
Meine Gedanken kreisten unentwegt um diesen Fremden Nikolai. Ich musste Sebastian davon erzählen, ohne weiter nach links oder rechts zu blicken, lief ich schnurstracks zum Hotel und so entging mir der Schatten der mir heimlich folgte. Hinter mir lief mein Tod. Kaum trat ich durch die Schwingtüren des Hotels, umfing mich angenehme Kühle. Der Schweiß lief mir über das Gesicht, solche Temperaturen war ich nicht gewöhnt. An der Rezeption besorgte ich mir meinen Zimmerschlüssel und schlenderte jetzt gar nicht mehr eilig nach oben. Vor Sebastians Tür blieb ich unentschlossen stehen. Sollte ich, konnte ich es riskieren ihn zu wecken? Würde er überhaupt wach?
Ich erinnerte mich, als ich vor schier einer Ewigkeit an sein Bett geschlichen war und er schlief, wie tot. Selbst mit lauten Geräuschen konnte ich ihn damals nicht wecken. Es war noch immer helllichter Tag, noch nicht mal Mittag. Seufzend wandte ich mich ab und zog mich in mein eigenes Zimmer zurück. Dort breitete ich die auf dem Rückweg erworbene Straßenkarte von Ungarn aus und begann mit der Suche nach dem Ort, den Nikolai mir genannt hatte.
Ich fand ihn, er war nicht weit entfernt von Budapest und doch sehr abgelegen. Rund um dieses Dorf gab es nur Vegetation, kaum andere Strassen waren eingezeichnet, es gab eigentlich nur eine die hinführte. Dieser Ort wirkte bereits auf der Karte mysteriös und unheimlich und eine innere Stimme warnte mich davor, dort hin zu fahren. So als lauerte dort mein Verderben. Aber hatte ich eine andere Wahl? Ich würde darauf vertrauen müssen, dass Sebastian mich beschützte, so wie er es versprochen hatte.
Eigentlich war alles schon entschieden, wir würden dort hinfahren, um vielleicht so einige Antworten zu bekommen. Der Tag zog sich endlos dahin und die Nacht wollte nicht kommen. Ich fühlte mich plötzlich so alleine. Ich war in einem Fremden Land ohne Freunde oder Familie von denen keiner wusste, wo ich war. Vor mir breiteten sich die Stunden öde und leer aus. Ich hätte noch einmal losziehen können und einfach die Stadt genießen können. Vermutlich würde ich das auch tun, aber ich wäre immer noch alleine.
Wieder einmal führte ich mir klar vor Augen, wie schwierig unsere Beziehung doch war. Wir konnte normale Alltagsdinge, wie durch eine Stadt schlendern nicht tun, dass blieb uns verwehrt. Entschlossen straffte ich meine Schultern, ehe ich noch weiter in Selbstmitleid zerfliesen konnte und schnappte mir meine Handtasche um diese wunderbare Stadt zu erobern. Kaum draußen, zog sie mich, obwohl es unerträglich heiß und stickig war, erneut in ihren Bann und vergessen war all mein Kummer. Die Stunden flogen an mir vorüber und ehe ich mich versah, kam die Dämmerung. Nun lief ich wieder durch die Strassen zurück zu Sebastian.
Bald würde er erwachen und ich wollte bei ihm sein. Ich hatte mein Zimmer kaum betreten, als es schon an der Tür klopfte. Sebastian hatte auf meine Rückkehr bereits gewartete. Ich öffnete ihm und er sah mich begierig an, mit was für Neuigkeiten ich zurückgekehrt war. In schnellen Sätzen berichtete ich ihm von meiner Begegnung mit Nikolai und von seinem merkwürdigen Verhalten. Der Name ließ ihn stutzig werden. Wie ein Geist aus der Vergangenheit erschien er ihm, ohne das er es genauer benennen konnte. Aufgeregt zeigte ich ihm den Ort auf der Landkarte – Kál, dass war unser nächstes Ziel. Auch ihn machte die Abgelegenheit dieses Ortes zu schaffen, so als wüsste er, dass es von dort kein zurück mehr gab. Unruhig lief er auf und ab. „Lass uns spazieren gehen, ich muss hier raus!" stieß er gepresst hervor. Seine Stimme hatte einen angespannten Ton.
Ich war zwar gerade zurückgekommen, aber dennoch ging ich mit ihm mit, ich hatte keine Lust mehr darauf alleine zu sein. Ich erzählte ihm alles was ich den ganzen Tag erlebt und gesehen hatte und schweigend hörte er mir zu. Er war selbst einmal hier gewesen, aber das lag Lichtjahre zurück. Die Nacht war schön, unzählige Sterne standen am Himmel und ein laues Lüftchen regte sich. Überall waren Menschen unterwegs, alle schienen die Nacht zum Tag werden zu lassen. Aus den zahlreichen Gasthäusern drang Musik und Tische im Freien luden zum niedersetzen ein.
Sebastian drängte mich bei einem von diesen Tischen Platz zu nehmen und bestellte mir das Nationalgericht – Pörkölt! Rindfleisch wurde mit Zwiebeln, Paprika und Fett geschmort, als Beilage gab´s Kartoffeln. Es war deftig, aber köstlich und ich glaub nicht, dass ich von Sebastian in jener Nacht noch einen Kuss bekommen würde. Nicht, dass ich darauf wartete, immerhin hatten wir vereinbart uns nicht zu küssen, geschweige denn uns zu berühren und doch spürte ich ein schmerzhaftes Ziehen in der Magengegend, wenn er mir so wie jetzt im Kerzenlicht gegenüber saß.
Schweigend aß ich mein Essen und schweigend saß mir Sebastian gegenüber. Woran er wohl dachte? Ich räusperte mich und wollte die Stille durchbrechen, geschwiegen hatten wir schon genug miteinander. Doch eine Bewegung aus den Augenwinkeln, ließ mich jedes Wort vergessen. Ich bildete mir ein Nikolai gesehen zu haben. War das möglich? Folgte mir dieser Mann?
Als ich meinen Kopf in die Richtung wo ich glaubte ihn gesehen zu haben wendete, war da nichts. Ich schüttelte über mich selbst den Kopf, ich sah schon Gespenster. Auch Sebastian war meine Reaktion nicht entgangen und er blickte selbst in die Richtung wohin mein Blick geschnellt war, dann sah er mich fragend an. „Ich dachte für einen Moment, ich hätte diesen Nikolai gesehen, aber ich hab mich getäuscht. Da ist niemand." Achselzuckend tat ich die Angelegenheit ab, aber ein unbestimmtes Gefühl blieb und ließ mir die Haare zu Berge stehen.
Später schlenderten wir gemeinsam Hand in Hand durch die Straßen. So sollte es sein, ich mit meinem Freund, Hand in Hand eine fremde Stadt besichtigen, die auch bei Nacht viel zu bieten hatte. Es war weit nach Mitternacht als wir in unser Hotel zurückkehrten und unschlüssig blieben wir vor der Zimmertür stehen. Zärtlich drückte er mich an sich und senkte vorsichtig seinen Kopf. Fragend, bittend hielt er vor meinem Mund inne und da ich mich nicht wehrte, senkte er seine Lippen auf meine. Ich schloss die Augen und kapitulierte. Allzu bereitwillig öffnete ich meinen Mund und gewährte ihm Einlass. Nach schier einer Ewigkeit hob er den Kopf und ließ mich mit brennenden Lippen atemlos zurück.
Beide fühlten wir die unausgesprochene Frage zwischen uns. Ich wollte heute Nacht nicht alleine bleiben und er wollte bei mir sein und dennoch konnte ich mich nicht überwinden, die Mauer die zwischen uns stand, nieder zu reißen. Schwer atmend sah ich ihn an und dann schluckte ich.
„Ich….es tut mir leid. Ich kann nicht." Entfuhr es mir. Oh Gott, wie konnte alles nur so schwierig sein? Ich liebte ihn, war aber noch nicht bereit mich auf ihn wieder vollkommen einzulassen, die Angst und mein Schmerz saßen zu tief. Enttäuscht ging er auf sein Zimmer, wo er sicher nicht lange bleiben würde, es waren noch einige Stunden bis zur Morgendämmerung. Geknickt ging ich in das Meine und setzte mich auf mein Bett. Ich brauchte nicht lange zu warten, kurze Zeit später fiel nebenan die Tür schwer ins Schloss und schnelle Schritte eilten an meiner Tür vorbei.
Er entschwand in die Nacht. Ich ließ mich zurücksinken und starrte an die Decke. Schon morgen sollte unsere Reise weitergehen. Wir würden diesem Ort einen Besuch abstatten. Wieder spürte ich ein ungutes Gefühl in mir aufsteigen, wie eine böse Vorahnung.
Bekümmert stand ich auf und zog mir ein Nachtgewand an, dann trat ich zum Fenster und blickte in die Nacht hinaus, so als könnte der Himmel mir Antworten geben. Dann kletterte ich in mein Bett und versuchte Schlaf zu finden, der sich aber nicht einstellen wollte. Unwillig gab ich jeden Gedanken an Schlaf auf, als erneut neben mir die Tür ins Schloss fiel. Sebastian war zurück.
Eine Weile lauschte ich auf die Geräusche aus dem Nebenzimmer und als dort Ruhe einkehrte, fiel ich in einen unruhigen Schlaf. In meinen Träumen verfolgte mich Nikolai und versuchte mich zu retten und zu töten. Völlig zerschlagen erwachte ich am anderen Morgen und der von dunkeln Wolken verhangene Himmel verhieß nichts Gutes. Auch mein ungutes Gefühl von gestern hatte sich nicht verflüchtigt, im Gegenteil, es war stärker und riet mir zur Umkehr. Aber es gab kein Zurück, ich hatte Sebastian mein Wort gegeben ihm zu helfen und ich würde es auf Grund eines Gefühles nicht brechen.
