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Ich sah zu Sebastian, wie ruhig er das Steuer des Leihautos umfing. Ich konnte nicht umhin ihn zu fragen, wo er Autofahren gelernt hatte. Schließlich haben Fahrschulen nur tagsüber geöffnet. Das entlockte ihm ein Grinsen. An seinem Gesichtsausdruck wurde mir klar, dass er fast dabei gewesen war, als das Rad erfunden wurde. Er hatte erlebt wie die Technik laufen lernte und sah die aller ersten Autos fahren. Er hatte selbst so ein Automobil gehabt. Freigiebig erzählt er mir, wie er sich ein Automobil zugelegt hatte und damit ohne Scheinwerfer – denn die mussten erst erfunden werden - in der Nacht herumfuhr.

Ich konnte ihm ansehen, dass er einen Heidenspaß dabei hatte. Ganz vergnügt zeigte er mir seinen fast funkelnden Führerschein. Verblüfft starrte ich darauf, wie kam ein Nachtwesen wie er, zu einem Führerschein. Lächelnd zwinkerte er mir zu und dann war mir alles klar, eine Fälschung. Aber das war es nicht alleine, was mir selber ein Lächeln ins Gesicht zauberte, es war er. So fröhlich und so gelöst hatte ich ihn schon lange nicht mehr erlebt, eigentlich nur einmal, bei mir in der Wohnung. Ich verliebte mich neu in ihn und ich fühlte, dass alles zwischen uns würde wieder gut werden würde.

Wir verließen unser Hotel, wie wir angekommen waren, mitten in der Nacht. Ich hatte am Tag einen Leihwagen gemietet, was nicht so einfach gewesen war wie ursprünglich gedacht. Zuerst weigerte sich der Autoverleiher beinahe mich zu bedienen, schließlich war ich nur eine Frau, dann wollte er mir ein uraltes, beinahe antikes Auto vermieten.

Nach dem ich mir dann einen Wagen ausgesucht hatte, bemühte er sich krampfhaft mich nicht zu verstehen als wir um den Preis zu feilschen begannen, aber hartnäckig blieb ich am Ball und ließ mich von ihm nicht einschüchtern. Nach beinahe dreistündiger Verhandlung waren wir uns schließlich einig, keine Minute zu spät, denn die Sonne stand nur noch knapp über dem Horizont. Ich brachte den Wagen zum Hotel, wobei ich mich zweimal verfuhr. Budapest war für Autofahrer die Hölle, hier herrschte immer viel Verkehr. An der Rezeption bezahlte ich mit Sebastians Golden Card die Rechnung. Sebastian besaß eine Golden Card! Vampir zu sein machte nicht gerade arm. Dann holte ich mein Gepäck und Sebastian.

Er nahm mir den Schlüssel aus der Hand und schwang sich ganz selbstverständlich hinters Steuer. Beinahe mühelos fädelte er das Auto in den Verkehr ein. Schnell hatten wir die Stadt hinter uns gelassen und fuhren auf der Schnellstrasse Richtung Mogyorod. Ich versuchte etwas von der Landschaft zu erkennen, doch zu meinem Bedauern war es bereits zu dunkel. Sebastian nahm die Abzweigung Richtung Fót und da nahm unsere Reise ein abruptes Ende.

Die Strasse war wegen Dreharbeiten gesperrt. Vom Pförtner, der die Absperrung bewachte, erfuhren wir nur, dass eine englische Serie gedreht wurde, welche wollte er uns partout nicht verraten. Wir mussten umkehren und diesen Ort umfahren, was bei Nacht und kaum vorhandener Ortskenntnis kein leichtes Unterfangen war. Da geriet es uns zum Vorteil, dass Sebastians Sinne in der Nacht viel schärfer als meine waren. Er konnte sehr gut sehen im Dunkeln. Doch brauchten wir dafür eine gute Stunde. Endlich kam Kál in Sicht. Ein verblasstes Ortsschild wies uns den Weg.

Die Strasse wurde ab hier immer schlechter. Einst wand sich eine schmucke kleine Strasse um einen Hügel und gab die Sicht frei auf ein malerisches kleines Dorf, doch jetzt war der Asphalt aufgesprungen und von Löchern zerklüftet und die wenigen Häuser wirkten einsam und verlassen. Sebastian fuhr langsam zwischen den Häusern durch. Egal aus welchem Grund, die Häuser waren von ihren Besitzern schon lange verlassen worden. Kein Lebewesen regte sich hinter den blinden Fenstern. In einige Gärten waren noch Spuren von einstiger, liebevoller Pflege zu sehen, ehe sie wohl überstürzt verlassen worden waren.

Darüber erhob sich eine in graue Schatten gehüllte Festung, besser gesagt was davon übrig geblieben war. Wie ein zahnloses Untier erhob sie sich über den Häusern und blickte grimmig auf uns herab. Wir wussten beide, dass sie unser Ziel war. Sebastian lenkte den Wagen darauf zu, doch die Strasse endete mit dem letzten Haus, ab da mussten wir zu Fuß weitergehen. Der Aufstieg erwies sich als mühevoll und tückisch. Schon lange war hier niemand mehr vorbei gekommen, jedenfalls hatte es für mich so den Anschein. Ich hatte mir in kluger Voraussicht eine Taschenlampe mitgenommen, doch half mir auch Sebastian beim Aufstieg und stützte mich.

Oben angekommen, merkte ich erst jetzt wie schön diese Nacht war. Der Mond stand voll und tief am Himmel, ich glaubte ihn beinahe berühren zu können. Alle dunklen Wolken von letzter Nacht waren verschwunden und am Firmament leuchteten unzählige Sterne. Ich blickte mit glänzenden Augen zu dem Mann an meiner Seite. Vergessen war der Grund, warum wir hier waren. Vergessen war dieser seltsame Nikolai. Nur mehr Sebastian zählte. Ich verlor mich in den tiefen seiner mitternachtsblauen Augen, wobei ich die Farbe in der Dunkelheit nur erahnen konnte.

Zärtlich umschloss ich mit beiden Händen sein Gesicht und zog ihn zu mir. Aufseufzend verschloss ich seine Lippen mit einem sehnsüchtigen Kuss. All meine Liebe und meine Hoffnung lag darin. Stöhnend vergrub er eine Hand in mein Haar um mich noch näher an sich zu ziehen. Mit der anderen umschlang er meine Hüften und ich konnte seine Erregung spüren. Am liebsten hätte ich ihm all seine Kleider vom Leibe gerissen und hätte mich hier inmitten dieser Ruine von ihm lieben lassen. Aufkeuchend schob er mich von sich, dies war weder der richtige Ort, noch der richtige Zeitpunk dafür. Später las ich ihn seinen Augen das unausgesprochene Versprechen. Zustimmend nickte ich leicht mit dem Kopf. Später.

Ich sah lächelnd, wie er sich noch ein paar Schritte von mir entfernte, so als würde er sich in meiner Nähe selbst nicht trauen. Eines wusste ich in diesem Moment genau, nichts würde uns je wieder auseinander bringen, das schwor ich mir. Eine dunkle Wolke schob sich vor den Mond und schien mich zu verhöhnen. Im selben Augenblick versteifte sich Sebastian. Irgendetwas war da draußen, etwas Lebendiges lag auf der Lauer. Wartete auf den richtigen Zeitpunkt zum Sprung.

Ich sah zu Sebastian, wollte etwas sagen, doch dieser legte seinen Finger an die Lippen und gebot mir so zu schweigen. Nervös befeuchtete ich meine trockenen Lippen und starrte angestrengt in die Finsternis, doch ich konnte nichts erkennen. Kein Schatten regte sich. Die Nacht hielt mit mir den Atem an, gespannt wartete ich auf ein Ereignis, dass unweigerlich kommen würde. Sebastian verwandelte sich und erneut blickte ich in das Antlitz des Vampirs. Knurrend wollte er sich an mir vorbeischieben. Er wusste wo er suchen musste, hatte seinen Gegner schon fixiert. Ich konnte immer noch nichts sehen und dann ging alles ganz schnell.

Wo zuerst nur Schatten war, entstand Bewegung und eine Gestalt löste sich aus der Nacht. Mit einem unmenschlichen Schrei stürzte er hervor. Im letzten Moment sah ich die tödliche Klinge im Mondlicht aufblitzen und warf mich zwischen sie und Sebastian. Ich spürte, wie sie mich traf und um haaresbreite mein Herz verfehlte. Abgelenkt durch die Rippen, glitt sie knapp darunter in meine Brust. Keuchend brach ich in Sebastians Armen zusammen, einen letzten Blick auf meinen Mörder werfend – Nikolai.

Hasserfüllt ruhten seine Augen auf Sebastian, doch dieser schenkte ihm keine Beachtung.

„Ich spucke auf euch Vampire! Ich werde jeden einzelnen von euch töten!" zischte er hasserfüllt Sebastian an. Nun erst sah Sebastian ihn an.

„Sie ist kein Vampir! Sie ist ein Mensch!" herrschte dieser ihn an, um ihn dann zu ignorieren.

So entging ihm der entsetzte Ausdruck auf Nikolais Gesicht. Angewidert ließ dieser das Messer fallen und floh in die Nacht. Sanft legte er mich auf den Boden und strich mir das Haar aus der Stirn.

„Ich sterbe, nicht wahr?" Es war eine Frage, doch ich kannte die Antwort bereits. Ich fühlte wie das Leben mich verließ. Mit jedem Atemzug presste ich meinen Lebenssaft aus meinem Körper. Blut sickerte aus meiner Wunde und verklebte mir die Kleider. Schon spürte ich wie mich bleierne Müdigkeit erfasste.

So war es also, wenn man stirbt. Ich konnte meine Augen kaum noch offen halten und dennoch bemühte ich mich Sebastian noch einmal ansehen zu können. Er hatte sich zurück verwandelt, verschwunden war der Vampir. Ich wollte ein letztes Mal sein schönes Gesicht sehen und sah in seinen Augen Zorn und Entschlossenheit aufblitzten, ehe ich in die Dunkelheit versank.