33. Kapitel
Der Blick in den Abgrund
Hermine stand vor dem Kleiderschrank und seufzte leise. Trotz dieses warmen Tages würde ihre Wahl auf eine Bluse mit langen Ärmeln fallen müssen. Die magischen Seile hatten Wunden verursacht, die sie mit keiner ihrer Tinkturen hatte heilen können.
Wären die Male nur an einer ihrer Hände, so hätte sie noch eine harmlose Ausrede finden können, doch so war zu offensichtlich worauf sie zurückzuführen waren.
Sie verdrängte die Welle aus Schamgefühl und nahm sich vor, ihrem ehemaligen Zaubertrankmeister die Frage zu stellen, ob er wusste, wie sie die Spuren seiner sadistischen Neigung beseitigen könne, und sie würde nicht zögern, die Frage mit genau diesem Wortlaut zu stellen.
Schon auf dem Weg zur Uni merkte sie, dass auch die langen Ärmel nicht wirklich halfen. Ständig rutschten sie nach oben und offenbarten die Striemen an ihren Handgelenken.
Den ganzen Tag achtete sie darauf, dass niemand einen zu genauen Blick darauf werfen konnte.
Besonders problematisch wurde es, als Charly sie im Hörsaal überraschte, während sie ihre Unterlagen einsammelte.
Sofort unterbrach sie diese Tätigkeit und verschränkte die Arme vor ihrer Brust, was gleich zwei Zwecken diente. Zum ersten sah er so die Wunden nicht, und zum zweiten demonstrierte es genau die Art von Ablehnung, die sie zur Schau stellen wollte.
"Es scheint Ihnen heute besser zu gehen", sagte er mit fragendem Unterton.
"Wie bitte? Wieso besser?", fragte Hermine nicht sonderlich freundlich.
"Sie wirkten letzte Woche unglücklich", wiederum beendete er den Satz fragend.
"Das soll schon mal vorkommen", erwiderte Hermine knapp.
"Wollen Sie darüber reden?"
"Es gibt nichts zu reden - wie Sie selbst sagten, bin ich jetzt wieder glücklich. Charles, ist ist ja nett, dass Sie sich Gedanken um mich machen, aber es ist nicht nötig. Um genau zu sein - ich möchte es nicht!"
Hermine atmete tief durch, sah ihren Kollegen jedoch entschieden an.
Charles Grant reagierte nicht so verletzt wie sie fast befürchtet hatte. Vielmehr ließ er wieder die Seite durchblicken, die Hermine schon ein paar mal an ihm wahrgenommen hatte - den scheinbar besorgten Gentlemen, der sich in Wahrheit selbst gegen ihren Willen als ihr Beschützer aufspielen wollte.
"Ich habe ein Auge auf Sie, weil manche Männer gar nicht begreifen welches Glück sie haben, und wenn er Ihnen weh tut, dann werde ich da sein und ihn zur Rechenschaft ziehen."
Hermine gab ein verblüfftes Lachen von sich.
Was bildete dieser Charles sich eigentlich ein?
Mit welchem Recht glaubte er, für ihren Schutz sorgen zu müssen?
Hermine zog die Arme noch fester um ihren Körper.
"Sie werden niemanden zur Rechenschaft ziehen - ich würde es Ihnen auch nicht raten! Sie würden es bereuen wenn Sie etwas tun, um das ich Sie nie gebeten habe!"
Charles Grant straffte seine Gestalt: "Sie glauben er hätte eine Chance gegen mich?"
Hermines Stimme klang süßlich: "Dessen bin ich mir mehr als sicher, aber ich sprach nicht von IHM - ich sprach von MIR. Wenn Sie nicht aufhören sich in mein Leben einzumischen, dann werden Sie eine Seite von mir kennenlernen, die Ihnen außerordentlich wenig gefallen dürfte!"
Nun hatte Charly einen verletzten Gesichtsausdruck, doch Hermine empfand kein Mitleid mit ihm. Er war zu weit gegangen - immer und immer wieder!
Charles Grant war ein Mann, der kein 'Nein' akzeptierte, und das machte ihn für sie zu einem absoluten Widerling. Als er nun sprach, verspürte sie fast Übelkeit.
"Ich habe zu lange gewartet - was auch immer letzte Woche zwischen Ihnen geschehen ist...er hatte scheinbar Gelegenheit es wieder gut zu machen. Hat er Ihnen Rosenblüten aufs Bett gestreut?"
Die Vorstellung, wie falsch er mit seiner Vermutung lag, ließ Hermine haltlos lachen.
Charles Grants Gesichtsausdruck wandelte sich plötzlich zu einem verbissenen Lächeln. Seine Stimme klang angespannt: "Sie unterschätzen mich, Miss Granger - es gibt auch eine Seite an mir, die Sie noch nicht kennen."
Der junge Mann wandte sich ab, und tatsächlich verschwand er die Stufen nach oben und schließlich durch die Tür.
Hermine stand da und sah ihm hinterher. Sie begann sich zu fragen, was sie noch tun musste, damit er sie endlich in Frieden ließ.
oooooooooooooooooooooooooo
"Severus, ich möchte dir eine Frage stellen."
Hermine hatte gerade Snapes Räume betreten und ignorierte seinen missbilligenden Blick, weil sie ihn so direkt überfiel.
"Wie sehr ist dir daran gelegen, dass niemand etwas über unsere Beziehung erfährt?"
Severus hob ob dieser Frage verwirrt eine Augenbraue.
"Es wäre wohl besser, wenn wir es geheim halten", erwiderte er. Dann fügte er an: "Allerdings ist es dafür wohl schon zu spät."
Hermine schob ihre Frage nach dem Wundheilmittel beiseite und sah ihn interessiert an.
"Du hast es jemandem gesagt? Wem? Professor Dumbledore?"
"Nein, ich habe es niemandem gesagt - du hast das getan!"
Hermine spürte Beklommenheit.
Ginny!
Wie hatte er es nur herausgefunden?
"Ich habe keine Details erzählt", verteidigte sich Hermine.
"Davon ging ich aus!", sagte er mit Nachdruck. Etwas in seinem Blick irritierte sie.
"Severus, die Seile...", Hermine zog ihre Ärmel ein wenig hoch und offenbarte ihm die abgeschürften Stellen.
Sein Blick veränderte sich nicht, als er ihr nun in die Augen sah. Dann wandte er sich ab, und ließ sie allein, als er in sein angrenzendes Labor verschwand.
Hermine stand da und wartete auf seine Rückkehr.
War es falsch gewesen, ihn jetzt mit den Auswirkungen des gemeinsamen Liebesspiels zu konfrontieren?
Als er zurückkehrte hielt er einen Tiegel in der Hand. Eine gelbliche Masse war darauf zu erkennen und Hermine nahm den Duft von Ringelblume wahr. Was die Salbe ansonsten noch beinhaltete, würde sie ihn später fragen.
Sie streckte die Hand aus, um den Tiegel entgegenzunehmen, doch er legte ihn nicht hinein.
Wortlos griff er nach ihrer Hand und begann damit, die schmerzenden Stellen behutsam zu bestreichen.
Hermine versuchte zu ergründen was in ihm vorging. Fühlte er sich schuldig?
Doch sein Gesichtsausdruck wollte so gar nicht zu seiner Handlung passen.
Mit seiner mitleidlosen Miene hätte man seinen Wunsch, sie selbst zu behandeln, fast für eine Demonstration seiner immer noch bestehenden Macht über sie halten können.
Er bestimmte wann sie verletzt wurde - und er bestimmte auch wann sie geheilt würde. Dies hatte nichts mit einem gegenseitig akzeptierten Liebesspiel zu tun.
Hermine entzog ihm ihre Hand entsetzt.
Severus sah sie ausdruckslos an, dann reichte er ihr den Tiegel und wandte sich ab.
Als er ihr nun den Rücken zuwandte, wurde ihr klar, dass er verletzt über ihre Reaktion war. Er hatte begriffen was in ihr vorgegangen war. Sie spürte es ganz deutlich, obwohl er es nicht aussprach und nicht einmal ein Anzeichen dafür von sich gegeben hatte. Hermine spürte plötzlich tiefe Scham wegen ihres Misstrauens ihm gegenüber. Sie war sich sicher, dass er seinen Teil zur Wiedergutmachung hatte leisen wollen.
"Severus, ich...", begann sie zögerlich, doch er wandte sich abrupt zu ihr um und sagte barsch: "Ich werde dir das Rezept geben - das ist das Mindeste, nicht wahr?"
"Ich habe dir keinen Vorwurf gemacht", erklärte sie plötzlich in dem Wunsch, die ganze Aktion am liebsten ungeschehen zu machen.
"Nein, natürlich nicht", erwiderte er knapp, dann fügte er an: "Wir werden mit den Training beginnen, wenn du fertig bist."
Hermine schwieg - sie spürte, dass jetzt jedes Wort falsch wäre. Schnell und sorgfältig versorgte sie ihr zweites Handgelenk und schließlich ihre Fußgelenke.
Zuletzt reichte sie ihm den Tiegel zurück, ohne ihm in die Augen zu sehen.
Abermals verschwand er in dem angrenzenden Labor und kam erst nach einiger Zeit zurück, um ihr wortlos das Rezept zu reichen.
Hermine spürte bereits jetzt, wie die Haut verheilte und sah die Rötungen verschwinden. Der neugierige Teil in ihr wollte am liebsten auf der Stelle die Zutaten ergründen, doch sie wusste, dass nun die Zeit für das Training gekommen war; daher faltete sie das Blatt sorgsam zusammen und steckte es in ihre Tasche.
"Bereit?", kam seine knappe Frage.
Hermine nickte bestimmt.
Er deutete auf den dunklen Teil des Raumes.
Hermine gab sich alle Mühe keinen Schrecken zu zeigen. Sie hatte natürlich damit gerechnet, doch nach der Atmosphäre, die nun zwischen ihnen herrschte, war der Weg zu dem Bild ein noch bitterer.
Sie wusste, dass das Training nichts mit der momentanen Stimmung zwischen ihm und ihr zu tun hatte, dennoch krampfte ihr Magen sich bei dem Gedanken zusammen, dass er Genugtuung dabei empfinden könnte, wenn er sie nun auf diese Art quälte.
Als er die Kerzen im dunklen Teil des Zimmer plötzlich entzündete, zuckte sie zusammen und starrte mit aufgerissenen Augen auf das Bild. Es hatte sich abermals verändert.
Hermine spürte wie ihre Beine nachgeben wollten, doch sie schwor sich selbst, so lange hier zu stehen und zu ertragen was auch immer er geplant hatte, dass sie die nahende Ohnmacht förmlich mit der Macht ihres Willens verdrängte.
Zu den leidenden Gestalten hatten sich zwei nur allzu vertraute Figuren gesellt.
Harry griff sich selbst in den Brustkorb, den Ron mit einer Axt scheinbar gerade frisch geöffnet hatte.
"Ich sagte dir, dass es dich noch persönlicher treffen würde", erklang eine Stimme hinter Hermine. Sie schaltete den Gedanken aus, dass dies Severus war - er war im Moment nur ihr Lehrer - ein Lehrer, der Leistung von ihr sehen wollte. Von diesem Moment an würde sie nur das tun, was von ihr verlangt wurde.
"Überzeuge mich von deiner Begeisterung für dieses Gemälde", wies er sie knapp an.
Ohne zu zögern begann Hermine zu sprechen: "Ich möchte, dass es sich bewegt!"
Einen Moment schien Severus zu stutzen, dann fragte er nach: "Du möchtest, dass es sich bewegt?"
"Ja, so wie neulich. Ich möchte das Blut fließen sehen. Ich möchte sehen, wie die dargestellten Personen sich vor Schmerz winden, erst dann kann ich sie in meinem Kopf schreien hören. Dieses Schreien ist es, das es erst perfekt macht. Ein vollkommenes Bild - vollkommener Schmerz, gepaart mit vollkommener Hingabe. Die Leidenden sind sich ihrer Überantwortung an den Satan völlig bewusst, so wie ich mir bewusst bin, dass ich ebenfalls gerne eine dargestellte Person auf dem Bild wäre. Zaubere mich hinein, Severus. Ich will es am eigenen Leib erleben - zaubere mich hinein, damit ich es fühlen kann - ich will es fühlen - den Schmerz, die Lust daran...zaubere mich hinein und sei mein Zeuge..."
"DAS REICHT!", fuhr er sie an.
Tatsächlich hielt er seinen Zauberstab auf das Bild gerichtet, doch statt ihrem Wunsch nachzukommen, ließ er das Bild mit einem gewaltigen Knall verkehrtherum an die Wand krachen.
Hermine bemerkte wie aufgebracht er war. Sie blieb dennoch ruhig. Teile des Bilderrahmens waren abgesplittert und lagen nun auf dem Boden. Hermine zog ihren eigenen Zauberstab hervor und richtete ihn auf das Bild, dessen Motiv nun abgewandt war.
"Reparo", sagte sie und sah zu, wie sich die Stücke des Rahmens wieder einfügten.
Hätte es doch nur einen Reparo für das Herz dieses Mannes gegeben, der jetzt schwer atmend um Kontrolle rang.
"Du hast deine Aufgabe erfüllt", sagte er knapp.
Hermine nickte ihm zu und fragte so arglos wie möglich: "Was wirst du mich als nächstes lehren?"
Er sah sie mit funkelnden Augen an: "Die Frage ist wohl eher, was wirst du mich als nächstes lehren?"
"Ich verstehe nicht...", begann sie.
"Du verstehst sehr gut!", fiel er ihr ins Wort, dann schloss er die Augen.
Als er sie wieder geöffnet hatte, schien er sehr viel ruhiger als zuvor.
"Deine Aufgabe war es, mich zu überzeugen. Dies ist dir gelungen. Ich bin überzeugt davon, dass du bereit bist, dich selbst aufzugeben um deinen Auftrag zu erfüllen. Ich werde das nicht zulassen, Hermine. Du sagtest, du willst nicht so werden wie ich - und das werde ich verhindern."
"Aber ich habe nur das getan, was von mir verlangt wurde. Ich habe das Bild gelobt!"
"Du hast viel mehr getan als das, du hast es geliebt, du hast es so sehr geliebt, dass du ein Teil davon sein wolltest."
"Aber dies hat dich erst überzeugt!", warf sie ein.
"Ja, das hat es. Es war das gleiche, was ich einst tat. Hermine. Ich war in diesem Bild. Ich war darin, verstehst du? Das Bild ist nicht ein Teil von mir...ich bin ein Teil dieses Bildes!"
Hermine bekam Angst, als sie sah, dass seine Augen schimmerten.
Seine Stimme klang jedoch fest: "Ich werde nicht zulassen, dass du in die gleichen Abgründe steigst, in die ich stieg."
Hermine sah ihn eine Zeit lang schweigend an. Er schien mit sich zu kämpfen, ob er sie vollends hinter die Fassade blicken lassen sollte.
"Aber genau diese Abgründe sind es, in die ich mich begeben muss, wenn ich meine Rolle gut spielen will. Du sagtest, dass es zu grausam wäre, das Training fortzusetzen. Ich verstehe nun was du damit meintest. Es ist auch grausam für dich, und nie habe ich besser begriffen, dass du mich tatsächlich liebst. Meine Entscheidung ist jedoch gefallen - ich habe heute einen Schritt gemacht, den du von mir erwartet hast - auch wenn du ihn nachträglich am liebsten rückgängig machen würdest. Severus, egal welche Schritte ich noch mache, du wirst bei mir sein. Ich selbst überantworte mich also der Hölle, mit dir als Wächter an meiner Seite."
Es dauerte lange, bis er schließlich nickte. Mit einem Schwung seines Zauberstabes brachte er die Kerzen im hinteren Teil des Raumes zum erlöschen, ehe er sagte: "Folge mir."
tbc
