34 Aus der Sicht von Sebastian

„NEIN!" ertönte ein Schrei und erst als er fast schon verhallt war merkte ich, dass ich ihn ausgestoßen hatte. Leblos sank sie in meinen Armen zusammen. Ich ging in die Knie und bete sie auf den felsigen Untergrund. Sanft strich ich ihr das Haar aus der Stirn, an meinen Händen klebte ihr Blut. Sie starb. Ich würde sie verlieren, wenn ich nicht etwas tat. Im Grunde hatte ich keine andere Wahl, entweder ich tat es, oder ich würde sie für immer verlieren. Zart berührte ich ihre Mund und hauchte einen Kuss darauf. „Vergib mir!" flüsterte ich an ihren Lippen. Ich hatte es ihr Versprochen, vor nicht allzu langer Zeit, doch jetzt würde ich mein Wort brechen und ehe ich es mir anders überlegen konnte, biss ich zu.

Ängstlich spürte ich, wie nahe sie dem Tod schon war. Sie hätte diese Nacht niemals überleben. Ihr Blut war von der gleichen Süße wie ihr Anblick. Als ich meinen Kopf hob, erblickte ich meinen Wächter. Unwirsch schrie ich ihn an. „Sie ist mein Leben, ohne sie werde ich sterben! Ich musste es tun!" Luzifer zuckte ein paar Mal mit dem Schwanz, saß aber ansonsten reglos da. Würde er mich den Sinti ausliefern? Mir war alles egal, alles was zählte war Anne und ihr Überleben. Sie sah so friedlich aus, als würde sie sich lediglich ausruhen und schlafen. Doch auch im fahlen Mondlicht konnte ich erkennen, wie blass und blutleer ihre Haut war. Die Lippen leicht blau beschattet und keine Atemzüge ließen ihre Brust sich heben und senken. Sie war tot. Es würde noch Stunden dauern, ehe ich Gewissheit darüber bekam, ob ich nicht zu spät gehandelt hatte. Aber dann würde sie kein Mensch mehr sein, sondern so wie ich und dafür würde sie mich unsäglich hassen. Aufmerksam studierte ich mein Umfeld und erblickte in nicht allzu weiter Ferne wonach ich Suchte, einen von Unkraut verwucherten Abhang.

Sachte schob ich meine Arme unter Anne und hob sie hoch. Nach wenigen Schritten waren wir im Verließ der ehemaligen Burg. Die verrosteten Ketten an der Wand waren stumme Zeugen der einst grausamen Behandlung der Insassen hier. Der Boden war schmutzig und übersäht mit undefinierbaren alten Dingen. Mir graute davor Anne in diesen Schmutz zu legen, doch es musste sein. Luzifer war mir gefolgt und beobachtete misstrauisch mein Treiben. Ich kniete mich nieder und legte sie auf die staubige Erde. Noch zeigte sich keine Veränderung, sie war immer noch ohne Leben. Ich musste sie alleine lassen, um einiges aus dem Wagen zu holen. Nur schwer konnte ich mich von ihr lösen, aber es musste sein, wir würden den Tag hier verbringen müssen. Hastig lief ich den steinigen Weg nach unten, und musste dabei mehr als sonst auf meinen Weg achten, zu sehr nahm mich die Angst sie zu verlieren gefangen. Rasch schnappte ich alles aus dem Wagen, was mir irgendwie nützlich erschien und schloss ihn sorgfältig ab.

Auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich eine Menschenseele hier her verirrte, wollte ich dennoch nicht leichtfertig unseren Wagen riskieren. Mit meiner Beute machte ich mich dann auf den Rückweg. Anne lag da, wie ich sie verlassen hatte. Dunkel stieg die Erinnerung an Madeleine auf. Ihr Bild wie sie sich schmerzvoll auf dem Bett gewunden hatte, wie sie schrie unter ihrer Pein. Anne lag nur still da. War alles Hoffen doch vergebens? Ich breitete eine Decke neben ihr aus und betete sie darauf. Ich selbst setzte mich neben sie auf den Boden und wartete. Ich umfasste eine ihrer kalten Hände und schloss sie fest in die meinigen. Nun erst löste sich die Anspannung und ich ließ meinem Kummer freien Lauf. Blind liefen mir einzelne Tränen über das Gesicht. Die Nacht schritt voran und es zeigte sich keine Besserung bei ihr. Dumpf brütete ich vor mich hin und verfiel immer mehr in eine düstere Stimmung. Ich würde diesen Mann, diesen Nikolai, der ihr das angetan hatte suchen und ihn töten. Danach würde ich mir den ersten Sonnenaufgang seit annähernd fünfhundert Jahren gönnen. Ein Leben ohne sie war kein Leben.

Unwillkürlich schweiften meine Gedanken zurück zur jener Nacht, in der ich versucht hatte sie aus meinem Leben zu vertreiben und wo beinahe die Bestie in mir über mich gesiegt hätte. Ich hatte es ihr nie erzählt, aber ein Teil von mir liebte die Jagd und die Gier nach Blut war mein ständiger Begleiter. In jener Nacht hatte ich das begonnen, was ich heute vollendet hatte. Ich wollte sie damals beißen. Wie gerne hätte ich meine Zähne in ihr Fleisch gegraben und den köstlichen Saft des Lebens von ihr gekostet. Eine kleine Probe hatte ich mir gegönnt, ehe ich zur Besinnung kam. Wut und Zorn über mich fochten in meinem

Inneren einen Kampf aus. Noch immer war ich zutiefst bestürzt über mein Verhalten damals und ich hatte nach Madleins Tod keinen Menschen mehr so schlecht behandelt wie Anne in jener Nacht und dabei liebte ich sie, mehr als alles andere auf dieser Welt.

Vieles würde sich nach dieser Nacht zeigen. So fern sie diese überlebte, würde sie bei mir bleiben? Wie würde sie sein? So wie ich, oder so wie Martha? Fragen, Zweifel, Kummer und Trauer umwölkten mein Denken. Flehend presste ich meine Stirn auf ihre Hand, so als versuchte ich mit dieser Geste sie ins Leben zurück zu rufen. So verharrte ich eine Ewigkeit und dann fühlte ich wie sich ihre Finger kurz krümmten. Sie würde überleben. Freudig hob ich den Kopf und sah sie an. Sie war immer noch blass, doch die blauen Schatten auf ihren Lippen waren verschwunden. Anne wirkte schöner als je zuvor, sie war ein Vampir.

Ich hatte sie zu einem Geschöpf der Nacht gemacht. Nun kam der schwierige Teil. Ich hatte im Wagen ein Seil gefunden und auch wenn es mir wehtat, so wusste ich, ich musste es tun. Sorgfältig band ich es ihr um beide Handgelenke. Dann schob ich sie mitsamt der Decke zur Wand. Prüfte die Eisenringe und fand einen, der mir stark genug erschien, ihrem Toben stand zu halten. Um diesen knotete ich das restliche Seil und wartete. Sachte strich ich ihr über die Stirn. Oh ja, sie würde toben. Ich hatte mittlerweile ihr Temperament kennen gelernt so wie auch ihre Großzügigkeit, sie hatte soviel gegeben und was hatte sie von mir bekommen? Ich bedrohte sie, verfolgte sie, hetzte sie durch den dunklen Wald, brachte ihr den Tod und nun ein Leben in ewiger Verdammnis. Ich war kein guter Weggefährte, ich brachte ihr nichts als Unglück und stürzte sie ins Verderben.

Schon spürte ich wie am Horizont der Tag dämmerte. Bald würde das Licht über die Dunkelheit siegen. Ich stieg hinauf und blickte dem neuen Tag entgegen. Manchmal gönnte ich mir dieses kurze Vergnügen, der Gefahr bewusst trotzend. Die ersten Strahlen kämpften gegen die Dämmerung, nicht mehr lange und ein strahlend schöner Tag würde geboren werden. Wieder einen den ich nicht erleben würde. Seufzend wandte ich meinen Blick ab und stieg hinab in die mich willkommen heißende Dunkelheit. Seit Anne in mein Leben getreten war, sehnte ich mich nach einem normalen Leben zurück. Ich konnte fühlen wie sehr sie mit mir ganz normale Dinge unternehmen wollte. Erinnerungsfetzen über sonnendurchflutete Wiesen erschienen vor meinem inneren Auge, wogende Kornfelder, die sich im Wind der Sonne entgegen neigten. All das wünschte sie sich und was bekam sie dafür? Immer währende Dunkelheit und die Gier nach Blut. Noch immer schlief sie den süßen Schlaf des Todes. Ich kauerte mich zu ihr auf den Boden und merkte erst da, dass Luzifer verschwunden war. Schicksal nahm seinen Lauf, ich bereute nichts. Egal wie meine Strafe aussehen würde, die Hauptsache war, dass Anne nicht von mir gegangen war. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als ich an unsere erste Begegnung zurück dachte.

Wie nervös sie gewesen war. Sie hatte so süß ausgesehen als sie draußen in der Sonne stand und obwohl ich ihre tödlichen Strahlen spürte, konnte ich mich von ihrem Anblick nicht losreisen. Wie sie mir die Papiere vorlegte, eifrig bemüht professionell zu erscheinen. Dabei konnte ich mich kaum auf die Unterlagen konzentrieren, zu sehr war ich mir ihrer Nähe bewusst gewesen und dann traf ich die verhängnisvolle Entscheidung. Ich bat sie bei mir zu bleiben. Wohin hatte sie das gebracht? Sie war tot und als Untote wurde sie durch mich wiedergeboren.