34. Kapitel
Lust am Ertrinken
Hermine stellte keine Fragen. Was auch immer er vorhatte, sie würde jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Doch dieser Gedanke fiel ihr jetzt um so vieles leichter - er hatte deutlich gezeigt, wie ungern er sie in der Rolle der Grausamkeiten liebenden Frau sah.
Jede Grausamkeit, die er sie jetzt sehen lassen würde, würde lediglich seiner Sorge um dem Orden entspringen. Er würde sie weiter ausbilden. Severus hatte ihr gesagt, dass er sie nicht schonen würde. Dass er es dennoch versucht hatte, ließ sie keinen Zweifel mehr daran hegen, dass er sie tatsächlich liebte.
Und doch war Hermine klar, dass er die Sicherheit des Ordens sogar über die Liebe zu ihr stellen würde. Zum ersten mal fragte sie sich bewusst, wie es um ihre Gefühlen für ihn bestellt war.
Konnte sie ihm vorbehaltlos sagen, dass sie ihn liebte? Sie wurde unter seinen Händen zu Wachs, dies ließ sich nicht leugnen - aber dies war keine Liebe. Dies war der Drang, einen Trieb auszuleben, den er erst vollständig freigelegt hatte. War es klug ihn zu lieben? Fragte die Liebe nach Klugheit? In all diese Gedanken war sie versunken, seit er sie aufgefordert hatte ihm zu folgen.
Als sie den Kerker verlassen hatten, fragte sie sich, wohin er sie führen würde. Doch sie fragte es sich im Stillen - sie wusste, dass sie ihm diesmal einfach trauen wollte.
Sie folgte ihm durch die Eingangshalle und schließlich durchschritten sie das Portal.
Die Luft war kühler jetzt. Die Sonne verschwand gerade und tauchte den Himmel in atemberaubendes Orange-Rot.
Hermine schloss schließlich zu Severus auf und sah ihn von der Seite an.
Sein Profil hob sich markant von dem bunten Himmel ab.
Sie wusste, dass ihm vieles durch den Kopf ging, sie konnte es förmlich sehen.
Ihre Ausbildung hatte erst begonnen und sie hatte sich als würdig erwiesen, sie überhaupt fortzuführen.
Ihr Weg führte sie schließlich zum See.
Hermine sah über das glitzernde Wasser, das scheinbar nur existierte, um den prächtigen Himmel spiegeln zu können.
Sie musste plötzlich daran denken, wie sie erst vor ein paar Tagen traurig gewesen war, weil sie nie wieder in dem See baden würde.
Severus hatte ebenfalls über die schillernde Oberfläche gesehen, als er sich plötzlich ihr zuwandte.
"Zieh dich aus", sagte er ruhig.
Hermine glaubte nicht richtig gehört zu haben.
"Wozu?", fragte sie entgeistert nach.
"Weil deine Kleidung sich sonst voller Wasser saugt und das Gewicht dich zu schnell hinunterziehen würde", erklärte er sachlich.
"Du willst, dass ich schwimme?"
Er sah sie lange an, dann sagte er: "Ich will, dass du ertrinkst."
Jetzt wusste Hermine, dass sie ihn unmöglich richtig verstanden haben konnte. Sie schüttelte ungläubig den Kopf, als seine Stimme sie auch schon an einer Erwiderung hinderte: "Du hast gesagt, dass du dich der Hölle überantworten willst. Ich habe einen anderen Weg für dich gewählt, als das Bild. Der See erfüllt diesen Zweck ebenso gut - unblutiger - was dir vielleicht eher entgegenkommt. Ich werde über dich wachen, während du hinübergehst. Du wolltest es spüren - war dies nur leeres Gerede? War es ein Trick um mich zu täuschen, oder war es die Wahrheit?"
Hermine begann damit ihre Bluse aufzuknöpfen.
"Es war die Wahrheit", erwiderte sie und zog die Bluse aus.
Severus verfolgte ihr Tun ohne Regung.
Als sie den BH abstreifte, glaubte sie ein Funkeln in seinen Augen zu sehen, doch vielleicht war es auch nur das Glitzern des Wassers, welches sich darin spiegelte.
Schließlich streifte sie auch ihren Rock ab und stand nur noch mit ihrem Slip bekleidet vor ihm.
"Geh hinein", wies er sie knapp an.
Hermine zögerte nicht. Sie watete in den See und setzte einen Fuß vor den anderen, bis das Wasser sie schließlich trug. Sie legte sich darauf und machte ein paar Schwimmzüge. Severus Stimme schien direkt in ihrem Kopf zu sprechen und ihr war klar, dass er einen Zauber verwendete, denn er bewegte nicht die Lippen.
"Du wirst das Ufer nicht mehr betreten können - du musst schwimmen, Hermine - so lange, bis deine Kraft erschöpft ist und darüber hinaus. Es gibt keinen Weg zurück. Du wolltest die Hölle spüren? Das wirst du. Sie wird dich holen, wenn du bereit bist."
Hermine konnte ihm nicht antworten. Sie wusste, dass er sie nur dann hören würde, wenn sie laut nach ihm schrie. Doch das würde nicht geschehen.
Er wollte, dass sie ertrank? Das würde sie zweifellos, denn das Ufer entschwand immer mehr ihrer Sicht.
Es entschwand, als wäre sie auf hoher See und das Land jenseits jeglicher Reichweite.
Sie wusste, dass Severus dort irgendwo stand und sie beobachtete. Sie wusste, dass er darauf wartete, dass sie ihn rief. Sie sollte scheitern. Wieso hatte er sie in diese Lage gebracht? Ihr blieb nur die Möglichkeit an dieser Prüfung zu scheitern. Entweder rief sie nach ihm und hatte damit aufgegeben, oder sie ertrank, was zweifellos nicht unbedingt zu einem Erfolg auf lange Sicht beitragen würde.
Hermine schwamm und spürte wie das kalte Wasser ihren Körper umspülte. Nach einiger Zeit bemühte sie sich, sich so wenig wie möglich zu bewegen, um ihre Kräfte zu schonen. Doch dies bewirkte, dass ihr Körper noch schneller auskühlte.
Die Kälte des Sees kroch in ihre Glieder und machte diese noch schwerer, als die aufkommende Erschöpfung.
Hermine versuchte sich auf die Oberfläche zu legen und die Panik in den Griff zu bekommen. Sie wusste, dass sie nicht allein in diesem Gewässer war. Der Krake könnte jederzeit ihrem lebensmüden Training ein Ende bereiten. Nach weiteren qualvollen Minuten des Überwasserhaltens begann sie die Vorstellung eines Kraken, der sie möglichst schnell aus dieser Situation erlöste, gar nicht mehr so furchtbar zu finden.
Hermines Beine fühlten sich inzwischen an wie Blei und sie war mehr als einmal unter die Wasseroberfläche geraten, doch bislang hatte sie sich immer wieder emporkämpfen können. Aber wozu? War es nicht gleichgültig, ob sie es noch zweimal schaffte, oder dreimal, sich dem Tod zu entreißen? War es nicht egal, ob sie nun ihre mühsamen Bewegungen einstellte und sich in die Kälte hinabgleiten ließ?
Es war egal, denn der Mann, der sie angeblich liebte, stand am Ufer und sah tatenlos zu, wie sie ihr Leben verlor.
Sie hatte geglaubt ihm vertrauen zu können. Sie hatte ihm die Macht über ihr Leben gegeben und er wollte es aus ihr entschwinden sehen. Würde er sie herausholen, wenn sie ertrunken war, oder würde er sich einfach abwenden und sie ihrem nassen Grab überlassen?
Hermine hörte auf zu kämpfen. Es war egal. Alles war jetzt egal.
'Hermine! Schwimm!', hörte sie Severus in ihrem Kopf schreien.
Nein!
'Du sollst schwimmen!'
Nein.
'Schwimm - sofort!'
In diesem Moment spürte sie, wie sie versank.
Es war ein schönes Gefühl.
Friedvoll.
Doch der Frieden währte nicht lange.
Hände griffen nach ihr, rissen sie aus der wohltuenden Stille empor und zwangen ihre Lungen sich mit Sauerstoff zu füllen.
Sie nahm kaum wahr, wie sie an Land gezogen wurde. Eigenartigerweise war es nun viel kälter, nachdem sie dem Wasser entrissen worden war. Der Boden war unangenehm hart. Warum lag sie nun hier? Warum sah Severus sie an, als hätte er Sorge um sie?
Hermine schloss die Augen. "Warum?", stieß sie leise verzweifelt aus.
Sie spürte wie er einen Wärmezauber über sie beide legte. Sofort kribbelte ihr Körper, als das Blut sich in den kalten Gliedmaßen verteilte. Dann fühlte sie, wie er ihr einen Trank einflößte. Sie versuchte den Kopf abzuwenden, doch sie hatte nicht genug Kraft, sich gegen ihn zu wehren.
Es dauerte einige Zeit, bis sie bemerkte, dass die Stärke in ihren Körper zurückkehrte. Severus hielt sie umschlungen und einer seiner Finger lag ständig an ihrem Puls.
Er sah sie an und sie spürte wie dieser Blick sie zornig werden ließ. Hermine wand sich aus seinen Armen und richtete sich auf.
"Ich habe dir vertraut! Warum hast du das getan? WARUM?"
Seine Stimme blieb ruhig: "Weil du lernen sollst, dass du niemanden vertrauen kannst. Nicht einmal mir. Du musst lernen, dass ich dich beim Training mit absolut allem konfrontieren muss. Das hat nichts mit uns beiden zu tun. Du musst unterscheiden!"
Hermine öffnete den Mund, es dauerte jedoch eine Weile, bis sie schließlich ihre Worte formte: "Gut, ich habe begriffen. Ich darf dir nicht trauen und um mir das zu beweisen, hast du mich beinahe ertrinken lassen. Kompliment an den Lehrer Snape - sehr eindrucksvoll...ich habe die Lektion begriffen. Und nun lerne du zu unterscheiden, denn dies hier ist für den Mann, der behauptet, mich zu lieben!" Ihr Schlag traf ihn hart ins Gesicht. Er hatte nicht damit gerechnet und sie sah seine Überraschung, doch sein Zurückzucken schenkte ihr die größte Befriedigung. Das Hochgefühl währte jedoch nicht lange, als seine flache Hand ihre rechte Wange traf. Ihr Kopf wurde von der Wucht so hart zur Seite geschleudert, dass sie Sterne sah.
Sie spürte Tränen in ihren Augen brennen, doch sie schluckte sie mühsam hinunter, als sie sich wieder ihm zuwandte. Ihre Stimme klang kalt: "Du hast mich fast getötet. Du hast mich geschlagen - was für eine schreckliche List verbirgt sich dahinter, dass du mir vorheuchelst, du würdest mich lieben?"
"Ich wollte dich nicht töten. Und auch wenn ich dir gesagt habe, dass es nur dazu diente dich erkennen zu lassen, dass du niemandem trauen darfst, so war das nur ein Teil der Wahrheit. Diesen Test, Hermine, hat Voldemort schon Dutzenden seiner Anhänger abverlangt. Und glaube mir, dass sie es nicht gewagt hätten ihn zu schlagen, nachdem er sie schließlich rettete."
"Er hat ihnen auch nicht zuvor gesagt, dass er sie lieben würde."
Severus schnaubte lachend: "Oh doch Hermine - genau das tat er. Er gibt ihnen das Gefühl von ihm geliebt und anerkannt zu werden - was glaubst du, warum sie bereit wären für ihn zu sterben? Du musst dich von dem Gedanken lösen, dass sie ihm alle nur aus Furcht folgen. Seine Anhänger lieben ihn!"
"Warum hast du diesen Test mit mir gemacht? Soll ich zu einer Todesserin werden? Ist es das, worauf du mich vorbereiten möchtest?"
Er schüttelte vage den Kopf.
"Ich weiß es nicht - wenn es nötig ist, vielleicht."
Nun war es an Hermine den Kopf zu schütteln: "Nur über meine Leiche!"
Severus schenkte ihr ein trauriges Lächeln: "Dies könnte tatsächlich deine einzige Option sein - je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln."
Eine Zeit lang schwiegen beide. Severus richtete seinen Zauberstab auf sie, doch Hermine streckte abwehrend die Hand aus. Er seufzte und sprach über sich selbst einen Trockenzauber. Als er sie fragend ansah, schüttelte sie abermals den Kopf. Sie verfluchte sich dafür, dass ihr eigener Zauberstab in seinen Räumen lag.
Hermine wurde sich bewusst, dass sie immer noch lediglich ihren Slip trug. Sie fror und sah sich nach ihrer Kleidung um. Severus griff danach und hielt sie ihr entgegen. Seine Stimme klang aufrichtig: "Ich wollte dich nicht schlagen - aber ich rate dir dringend, mich nie wieder in die Situation zu bringen, dass ich im Affekt handle. Es tut mir leid, Hermine."
Sie griff nach ihrer Kleidung und riss sie ihm förmlich aus der Hand.
"Du entschuldigst dich nicht dafür, dass du mich fast getötet hast, aber es tut dir leid, dass du mich geschlagen hast? Warte! Sag nichts! Der Lehrer bleibt unbarmherzig, aber der Mann, der mich liebt zeigt den Hauch eines Gefühls. Ich beginne zu begreifen. Es wäre leichter, nur den einen oder anderen akzeptieren zu müssen. Doch vielleicht gehört auch dies in Wahrheit zu meinem Training. Wenn ich es schaffe, dem einen wie dem anderen auf die richtige Weise gegenüberzutreten, dann sollte ich wohl meine Ausbildung beendet haben."
Severus sah sie lange an. Anerkennung bildete sich auf seinem Gesicht, die er auch nicht aus seiner Stimme verbannte, als er nun sprach: "Ich kenne niemandem, dem das gelingen könnte - außer dir! Du hast dies alles bereits durchschaut - jetzt fehlt es nur noch an der Umsetzung deines Wissens."
Hermine streifte sich die Bluse über, während sie sagte: "Im Moment begreife ich nur eines - du hast mich dazu gebracht diesen See zu hassen. Wenn dir wirklich etwas an mir liegt, dann bringe mich dazu, ihn wieder zu lieben."
Er sah zu, wie sie ihren nassen Slip abstreifte, bevor sie in ihren Rock schlüpfte.
"Das werde ich", hörte sie ihn eine Versprechung murmeln.
Der Weg zurück zum Schloss verlief schweigend.
Als sie in seinen Räumen angekommen waren, entfachte er ein Feuer im Kamin und bat sie in dem Sessel Platz zu nehmen, der dort ganz in der Nähe stand.
Hermine setzte sich hinein und ließ die Wärme ihren Körper sanft umhüllen. Sie wusste, dass ihr Zauberstab irgendwo im dunklen Teil des Raumes in der Nähe des Bildes lag. Sie wollte jetzt nicht dorthingehen. Sie ließ die Wärme des Feuers seine Arbeit tun.
Das Frösteln wurde weniger und schließlich war es gänzlich aus ihr vertrieben.
Ihre Unterwäsche hielt sie noch immer fest umklammert, als könne der Slip und der BH in ihrer Hand etwas an der Nacktheit unter Bluse und Rock ändern.
Severus sah belustigt auf ihre verkrampften Finger.
"Vielleicht solltest du einen Trockenzauber verwenden. Inzwischen dürfte auch der BH nass sein", gab er zu bedenken.
Hermines Knöchel traten weiß hervor.
"Du machst dir zu viele Gedanken", sagte sie schließlich, dann schleuderte sie beides ins Feuer.
"Jetzt musst du dir keine Sorgen mehr darüber machen - und ich auch nicht", fügte sie an.
Severus entfuhr ein Lachen. "Du bist unglaublich", sagte er bebend, "deine Unvorhersehbarkeit macht dich zu einer gefährlichen Frau."
Hermine ließ diese Worte auf sich wirken. Seltsamerweise wärmten sie sie noch mehr, als das Feuer es vermochte.
tbc
