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Vorsichtig bewegte ich meine Finger, langsam öffnete und schloss ich sie zur Faust. Mein Körper fühlte sich so fremd an, alles war schärfer und klarer. Zuerst öffnete ich die Augen nur halb auf und konnte nichts sehen, also riss ich sie ganz auf. Ich lag auf einer Decke, aber ich konnte den harten felsigen Boden unter mir spüren. Augenscheinlich befand ich mich in einem Kerker. Über mir konnte ich alte verrostete Ketten ausmachen. Mein Mund war staubtrocken, ich hatte unerträglich großen Durst und fühlte ein Verlangen, dass ich nicht benennen konnte. Hinter mir vernahm ich ein leises Geräusch und schon schoss ich in die Höhe. Ich war unglaublich schnell, doch die Fesseln an meinen Händen rissen mich zurück. Fesseln? Ich hörte ein unmenschliches Fauchen und merkte erst danach dass ich es war, die dieses Geräusch verursacht hatte. Kampfbreit sah ich mich um. Da stand Sebastian und starrte mich abwartend an. „Warum bin ich gefesselt?"
Verständnislos und verwirrt sah ich ihn an. Streckte ihm meine Hände entgegen. Dunkel stieg die Erinnerung in mir hoch. Automatisch griff ich mir an die Brust, wo ich eine große klaffende Wunde erwartete, doch außer meinem T-Shirt das in Fetzten herab hing, war ich unversehrt. Merkwürdig ich konnte mich noch an den brennenden Schmerz den die Klinge verursacht hatte erinnern und an mein Sterben. Mühsam versuchte ich zu Schlucken und schloss die Augen. Mit einmal wusste ich es. „Du hast es getan!" flüsterte ich. Heißerer Schmerz schnürte mir die Kehle zu. Ich wusste was ich war. Wütend warf ich mich in die Seile. „Du elender Mistkerl! Wie konntest du mir das antun?" Dabei verwandelte ich mich, was ich zuerst gar nicht merkte. Sebastian blieb aus meiner Reichweite und sagte kein Wort. Wartete einfach. Ich warf mich heftig in die Seile, wollte sie zerreißen, doch sie hielten. Kein Wunder, Sebastian hatte sie ausgesucht.
„Binde mich auf der Stelle los!" schrie ich ihn an. Auch darauf reagierte er nicht. „Nun gut, dann werde ich mich eben selber befreien!" Erneut zog und zerrte ich an den Stricken. Diese blöden Dinger mussten doch irgendwie zu lösen sein. Aber sie gaben kein bisschen nach. „Ich hasse dich!" fuhr ich ihn grimmig an und versuchte dabei zu ignorieren wie gut sich mein Körper anfühlte. So als wäre er erst jetzt vollkommen. Ich fühlte mich von Energieströmen durchflutet. Alles in mir pulsierte und noch nie war ich so lebendig, obwohl ich tot war. Ironie des Schicksals. Meine Wut steigerte sich ins Unermessliche und ich kämpfte wie eine Irre gegen die Stricke die mich hielten. „Warum hast du es Getan?" fauchte ich ihn erneut an. Eigentlich erwartete ich keine Antwort. Er hatte die ganze Zeit nicht mit mir gesprochen, warum sollte er es jetzt tun. „Ich wollte dich nicht verlieren." kam leise, kaum hörbar seine Antwort. Das ließ mich in meinem Toben innehalten. „Was?!" Meine Handgelenke waren schon aufgescheuert und mir hingen die Haare wirr in die Stirn. „Ich konnte dich doch nicht sterben lassen." Diese Antwort ließ meine Wut verpuffen. Außerdem wurde mein Durst immer brennender, wie sehr ich mich auch bemühte nicht an Blut zu denken, doch mit aller Macht schob es sich in mein Bewusstsein. Sebastian hielt mir stumm eine Flasche hin, er wusste was ich brauchte, um die fast unerträgliche Gier zu stillen.
Unentschlossen nahm ich sie und drehte sie in meinen Händen. Mein Kopf schrie Nein, ich wollte das nicht tun müssen. Aber mein Körper hatte einen eigenen Willen und schon setzte ich die Flasche an und trank. Es lief mir die trockene Kehle hinunter und es war köstlich, besser als alles was ich je zu mir genommen hatte. Bestürzt über diesen Gedanken nahm ich die leere Flasche von meinen Lippen. Angeekelt von mir selbst hielt ich ihm dann die leere Flasche hin. Mein Durst war gestillt und ich fühlte mich noch besser, noch stärker. Nicht mehr abgelenkt durch mein Verlangen nach Blut war es mir ein leichtes die Fesseln zu sprengen. An Sebastians Verblüffung konnte ich erkennen, dass ich stärker war, als er vermutet hatte. Abwartend baute ich mich vor ihm auf. Ich fühlte in mir eine ungeahnte Ruhe. „Erzähl mir alles. Warum hast du mich zu dem gemacht, das ich bin – ein Vampir?" Immer noch sah er mich erstaunt an. „Du bist außergewöhnlich stark und kommst erstaunlich gut zu recht damit." Er runzelte die Stirn und ging um mich herum, so als könnte er so eine Antwort finden. Ich drehte mich um die eigene Achse und blickte ihm mitten ins Gesicht. „Rede mit mir!" verlangte ich.
„Nikolai wollte sich letzte Nacht auf mich stürzen um mich zu töten. Du bist dazwischen gegangen und so traf dich die tödliche Klinge. Du lagst im Sterben und so traf ich eine Entscheidung. Ich habe dich gebissen." beendete er seinen Bericht. Eine Weile dachte ich darüber nach und fühlte erneut Wut in mir aufsteigen, aber nicht mehr auf ihn, sondern auf Nikolai. Ihm hatte ich ein Leben in der Dunkelheit zu verdanken. Sebastian konnte ich verstehen, ich hätte an seiner Stelle nicht anders gehandelt. „Ich liebe dich, lass uns diesen Nicholas jagen gehen." sagte ich mit grimmiger Entschlossenheit. „Anne Schatz solltest du dich nicht lieber zuerst zurück verwandeln?" fragte mich Sebastian. Irritiert blickte ich ihn an, verstand ihn zuerst gar nicht. Dann ging mir ein Licht auf und vorsichtig berührte ich meine Zähne. Sie waren sehr lang und rasiermesserscharf. Ich befühlte meine Stirn und tastete über den Wulst, dann betrachtete ich meine Hände mit den langen Nägeln, spitz und scharf, wie eine Waffe. Ich schloss kurz die Augen und die Zähne, der Wulst und die langen Nägel verschwanden. Ich war wieder ich, oder so ähnlich. Schon bewegte ich mich auf den Ausgang zu. „Warte!" rief mir Sebastian nach.
„Du kannst jetzt noch nicht gehen." Beim Umdrehen zu ihm lag mir die Frage nach dem Warum schon auf der Zunge, doch ehe ich sie aussprechen konnte, redete Sebastian bereits weiter. „Es ist noch zu hell, die Dämmerung hat erst begonnen." Also kehrte ich wieder um und setzte mich auf die Decke. „Wie lange noch?" Sebastian setzte sich zu mir. „Was wie lange noch? Bis zur Dunkelheit?" Ich nickte zustimmend mit dem Kopf. „Du kannst es kaum erwarten ihn zu finden? Aber mach dir keine Sorgen, ich habe so das leise Gefühl wir werden bald Besuch bekommen." schloss er müde. Sebastian hatte den ganzen Tag Wache gehalten und nicht geruht. „Mein Wächter ist bereits schon seit Stunden fort. Ich habe gegen ihre Gesetzte verstoßen und dafür werden sie einen Preis fordern." Er sagte nicht welchen, verschwieg mir bewusst, dass es ihn das Leben kosten würde. Doch ich wusste es auch so und ich würde es nicht zulassen. Niemand fügt meinem Sebastian Leid zu. „Lass sie nur kommen!" knurrte ich. „Wir werden schon mit ihnen fertig. Es war immerhin einer von ihnen, der dich zu dieser Tat zwang."
Sebastian schubste mit seiner Schulter leicht an meiner an. „Du gibst nicht mir die Schuld?" fragte er vorsichtig. „Nein." schüttelte ich den Kopf. „Ich an deiner Stelle hätte genauso gehandelt." Er drehte sich zu mir und sah mich an. „Was fühlst du?" Ich verstand nicht. Was ich fühlte? „Was willst du wissen?" Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. „Genau das, was fühlst du?" War das ein Test? „Ich fühle mich stark und all meine Sinne sind geschärft. Ich fühle Wut auf die Sinti, weil sie mir das angetan haben. Ich fühle in mir ein Verlangen zu Töten." Erschrocken sog Sebastian tief die Luft ein, ihm schien meine Antwort nicht zu gefallen. „Aber ich weiß auch, dass es falsch ist so zu fühlen. Ich bin verwirrt und froh dich an meiner Seite zu haben." Freudig umarmte mich Sebastian. „Du bist wie ich." Grinsend wand ich mich in seinen Armen. „Natürlich bin ich so wie du, ein Vampir halt." Aufgeregt umfasste er meine Schultern. „Nein, du verstehst nicht. Du bist wie ich." Nun war es an mir den Kopf zu schütteln. „Nein, Sebastian, ich bin nicht wie du. Ich weiß was richtig und was falsch ist, aber ich empfinde kein Leid."
Sebastian erbleichte, sofern das bei einem Vampir noch möglich war. „Was hab ich getan." Erschüttert über sich selbst sprang er auf und brachte Abstand zwischen uns. In seiner Verzweiflung fuhr er sich aufgeregt mit beiden Händen durchs Haar. „Du hast mir ein neues Leben geschenkt." beantwortete ich für ihn die Frage. „Ich hatte so sehr gehofft, dass….." Ich unterbrach ihn. „Was? Das ich so werde wie du?" Nun lachte ich ihn aus. Wie naiv. „Du bist einzigartig und bleibst es, mein Schatz." Ich begann mich immer mehr wohl zu fühlen mit meinen neuen Fähigkeiten. Ich war unsterblich und unbesiegbar. Ich war mächtig. All meine Emotionen spiegelten sich in meinem Gesicht wieder. „Nein, Anne, das bist du nicht." Er konnte meine Gedanken lesen. „Noch nicht, aber ich werde es bald sein. Bring mir alles bei." forderte ich ihn auf, doch er sah mich an, als hätte ich von ihm verlangt, bei Sonnenlicht spazieren zu gehen.
Er war entsetzt. „Das werde ich nicht tun. Wir werden die Kreatur finden, die mich zu einem Vampir gemacht hat und dann werden wir beide wieder zu Menschen." stellte er klar. Ich fügte mich zum Schein. Ich wollte kein Mensch mehr sein. Endlich war ich frei von allen Zwängen, und wollte es auch bleiben!
