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Das Unwetter war fast vorüber. Es war beinahe so schnell vergangen, wie es gekommen war. Ich lag mit bloßem Körper im Gras, meinen Kopf an Sebastians Schulter, ermattet von der körperlichen Liebe. Der Wind strich über meine Haut und es war merklich kühler geworden, doch das spürte ich nicht. Vampire empfinden keine Kälte. In mir tobten tausende Gefühle. Ich fühlte! Ich dachte an die vergangenen Stunden. Mir war etwas unglaublich kostbares geschenkt worden. Für einen Augenblick durfte ich fühlen wie der Mensch, der ich vorher war. Ich strich mit meiner Hand über Sebastians Brust und eine unendliche Traurigkeit überfiel mich. „Ich muss wieder ein Mensch sein. Ich vergesse meine Liebe zu dir." Sebastian erstarrte unter mir. Ich schien all seine Befürchtungen zu bestätigen. „Anne vergib mir!" Er schloss mich in seine Arme. Ich hob meinen Kopf und sah ihm in die Augen, wollte noch etwas sagen, doch der Augenblick war vorüber. Ich konnte in seinen Augen sehen, wie er in meinen die Gefühle erlöschen sah. Sein Blick trübte sich und er presste die Lippen fest aufeinander. Er litt stumm, der Schmerz schien ihn innerlich zu zerreissen.

Törichter Vampir!

Vor ein paar Minuten noch hätten mich seine Wort tief berührt, hätte mich sein Schmerz erreicht, doch nun hatte das andere Wesen in mir wieder die Oberhand. Ich rollte mich weg von ihm und sah ihn mit blitzenden Augen an. „Lass uns auf die Jagd gehen!" forderte ich ihn auf. Sebastian erhob sich, schnappte sich seine Kleider und stapfte davon. Auch ich suchte meine Sachen zusammen und folgte ihm. All unsere Kleider waren triefend nass. Wir begaben uns in das Verlies zurück. Dort hatte Sebastian unser Gepäck untergebracht. Jeder nahm sich frische Kleidung und schweigend zogen wir uns an.

„Der Tag dämmert bald. Wir brauchen einen Unterschlupf." Seine Stimme klang leer, bar jeder Hoffnung. Er hielt den Blick von mir abgewandt, so als könnte er meinen Anblick nicht ertragen. „Wieso bleiben wir nicht hier?" Ich verstand nicht. Die Sonne konnte hier nicht her.

„Können wir nicht. Du vergisst die Sinti, sie sind sicher schon auf dem Weg hierher!" Meine Augen verengten sich und ein Fauchen kam tief aus meiner Kehle. „Dann las sie uns hier empfangen!" Ich wollte sie, ich wollte ihr Blut sehen!

„Du Närrin! Glaubst du die kommen bei Nacht, wenn wir am stärksten sind? Wohl kaum!" Seufzend strich er sich durch sein dunkles Haar. „Sie werden bei Tag kommen und in großer Zahl. Und sie wissen wie wir zu töten sind!" Er mied es nach wie vor mich anzusehen. Was ich auch nicht ansatzweise erahnen konnte, wurde ihm mit jedem Augenblick der verstrich klarer. Ein Wettlauf gegen die Zeit hatte begonnen, entweder ich würde wieder ein Mensch oder wir würden einander für immer verlieren. Denn so wie ich jetzt war, würde ich mich früher oder später gegen ihn wenden. Stumm fügte ich mich ihm, noch. Gemeinsam begaben wir uns auf die Suche nach einem anderen Unterschlupf. Wir streiften erneut durch die Wälder und er bestand darauf, dass ich meine Blutgier bezähmte. Erneut fügte ich mich, doch unterschwellig knurrte ich, aber ich konnte nichts tun, noch nicht. Er war der ältere und stärkere von uns beiden.

Doch auch in mir wuchsen die Kräfte und im Gegensatz zu ihm hinderten mich keine Gefühle. Sebastian hatte ein Gespür für die Suche nach einem passenden Ort für die Tage. Wir waren kaum eine Stunde gewandert als sich aus dem Nichts vor uns eine Höhle auftat. Verstreute Knochen wiesen auf einen Bären als ehemaligen Bewohner hin. Sebastian verkroch sich in eine Ecke und ich mich in eine andere. Wir waren uns fremder geworden als am ersten Tag. Er kam mit meiner Verwandlung nicht zurecht. Ich konnte nicht verstehen, wie sehr er gehofft hatte ich würde so werden wie er und alles wäre so wie früher. Er drehte mir den Rücken zu und schien zu ruhen. Ich rollte mich in meiner Ecke zusammen und schlief ein.

Lärm von draußen weckte mich. Der Tag neigte sich bereits dem Ende und bald würde die Nacht anbrechen. Auch Sebastian war wach und gespannt lauschte er auf die Geräusche von außen. Viele Menschen durchstreiften die Wälder. Sie gingen breit gefächert. Sie waren auf der Jagd und uns beiden klar, sie jagten uns. Ich sprang auf meine Beine und wollte blindlings losstürzen. Starke Arme umfingen mich und hielten mich fest, eine Hand presste sich fest auf meinen Mund. „Sei ruhig und warte. Die Dunkelheit ist unser Freund." Ich wand mich wie eine Irre in seinen Armen, konnte seine Worte zuerst gar nicht verstehen, wollte sie nicht verstehen. Es dauerte einige Minuten bis sie zu mir vordrangen. Ich wurde ruhig und Sebastian ließ mich los, blieb aber dicht neben mir stehen, so als würde er mir nicht trauen. „Hier werden sie uns nicht finden. Sie vermuten uns immer noch in der Nähe der alten Festung. Wir sollten die Nacht abwarten." Ich stemmte meine Hände in die Hüften und sah hoch zu ihm. „Was willst du dann tun? Dich ihnen stellen oder läufst du davon?" Kurz blitze Wut in seinen Augen auf und erlosch sofort wieder, wich einer Enttäuschung. Auf mich oder auf sich, ich wusste es nicht.

„Ich werde mich ihnen stellen. Ich werde versuchen die Wahrheit über mich herauszufinden. Vielleicht wissen sie wer mich erschaffen hat. Laut van Helsing wissen sie zumindest etwas darüber wie man es rückgängig macht, wie man wieder zum Menschen wird." Draußen entfernte sich der Lärm. Sie waren in eine andere Richtung weiter gezogen. „Wann stellen wir sie?" Er packte mich bei den Schultern und schüttelte mich. „Wir stellen sie nicht! Ich stelle mich ihnen! Damit das klar ist! Du bleibst hier und tust gar nichts! Wartest bis ich wieder komme." Trotzig sah ich ihn an. Ich wollte nicht abgeschoben werden wie ein kleines Kind. „Ich bleibe nicht hier! Du wirst mich brauchen!" Grob stieß er mich von sich. „Was sollte mir ein unerfahrener, junger Vampir schon nützten? Ich kann dich dabei nicht brauchen. Nicht wenn du nicht gelernt hast deine Blutgier zu bezähmen! Ich brauche Antworten! Keinen verdammten Krieg!" Nun schrie er mich wirklich an.

Gleichzeitig lauschten wir. Waren sie noch so nahe, hatten sie uns gehört? Doch draußen herrschte Stille. Die Stimmen und Schritte waren verklungen. „Ich werde ihnen in der Dämmerung folgen und wenn ich Glück habe hören sie mich an." Er wollte noch etwas sagen, doch die Worte hingen ungesagt in der Luft. Ich verstand auch so. Bevor sie mich töten! Das war es, was er nicht gesagt hatte. „Gut ich warte, aber nicht zu lange. Wenn du nicht in vier Stunden zurück bist, hole ich mir jeden einzelnen von ihnen!" Er gab sich mit meiner Zusage zufrieden, aber ich hatte gelogen. Ich würde ihn nicht alleine gehen lassen. Er brauchte mich, auch wenn er das nicht wahrhaben wollte und ich wollte die Sinti. Wir setzten uns schweigend auf den Boden und warteten. Die Zeit schien zu kriechen. Ungeduldig wippte ich mit meinen Zehen. Meine Haut fühlte sich an als würden tausende Ameisen darüber laufen. Ich musste meine Hände festhalten, sonst hätte Sebastian bestimmt meine Ruhelosigkeit bemerkt. Auch so beobachtete er mich misstrauisch aus den Augenwinkeln.

Er glaubte ich würde es nicht merken, doch sein Blick ruhte wie eine Berührung auf mir. Immer wieder wanderte mein Blick zum Ausgang, doch die Nacht ließ auf sich warten. Endlich! Die Dunkelheit senkte sich herab. Die Jagd konnte beginnen. Sebastian erhob sich. Ernst sah er mich an. „Du wartest!" Eine unterschwellige Drohung lag in seiner Stimme. Widersetzte ich mich ihm, würde ich es bereuen. Ich nickte kurz mit dem Kopf, als Zeichen, dass ich verstanden hatte. Er warf noch einen letzten Blick auf mich, ehe er die Höhle verließ. Ich gab ihm fünf Minuten, dann erhob ich mich ebenfalls und folgt ihm. Es war nicht einfach, ihm zu folgen, ich vernahm kein Geräusch. Sebastian bewegte sich fast völlig lautlos, aber nur fast. Ein leises Knacken im Unterholz ließ mich aufhorchen. Ein Lächeln fiel über mein Gesicht und ich lief los.