39. Kapitel

Machtkämpfe mit Verletzungsrisiko

Der Wald schien niemals wirklich still zu sein.

Ein Rascheln erklang in den Zweigen, ein helles Pfeifen in der Luft, ein Knacken hinter dem nächsten Baum, und ab und an ein schmerzvoller Tierschrei in der Ferne, der darauf hindeutete, dass ein größerer Jäger gerade ein Beutetier, oder einen schwächeren Artgenossen zu seinem Mitternachtsmahl gemacht hatte.

Hermine dachte an die Wölfe, die ihnen folgten.

Severus machte derzeit nicht den Eindruck, als habe er auf die räuberischen Tiere noch besonderes Augenmerk.

Seine Schritte waren energisch, trotz der Finsternis und den unwegsamen Verhältnissen.

Hermine versuchte den drei Jugendlichen und dem zornigen Zaubertrankmeister so schnell zu folgen, wie es ihr möglich war. Zuerst hatte ihre eigene Wut noch dazu beigetragen, dass sie Schritt halten konnte. Äste, die im Dunkeln ihr Gesicht zerkratzten, hatte sie dabei genauso in Kauf genommen, wie das Stolpern über aufgewühlte Erdklumpen.

Ab und zu wehte der Nachtwind den Gestank von Urin zu Hermine herüber und sie fragte sich, ob McNeil sich noch in ein paar Jahren an diese Nacht erinnern, und dabei Scham empfinden würde.

Severus würde sie alle demütigen - und Hermine war sich bewusst, dass sie es nicht würde verhindern können.

Als er plötzlich den Befehl zum Stehenbleiben gab, war seine Stimme so kalt, wie sie es schon erwartet hatte.

"Roberts und Wilson, Sie beide klettern diesen Abhang hinauf und schneiden eine Handvoll Wurzeln von dem Gelantusbaum, die aus der Erde ragen." Ohne zu zögern zog er zwei Messer hervor, deren Klingen im schwachen Lichtschein glänzten.

Scheinbar war er immer noch nicht bereit, ihnen die Zauberstäbe zurück zu geben.

Die beiden Schüler griffen nach den Messern und prüften deren Schärfe, indem sie mit den Fingern über die Schneiden strichen.

Ohne ein weiteres Wort machten sie sich daran, den Hang hinauf zu klettern.

Sie kamen nur mühsam voran, da die aufgeweichte Erde viel zu schnell unter ihren Füßen nachgab und dafür sorgte, dass sie fast genauso schnell hinabrutschten, wie sie emporgestiegen waren.

"Helfen Sie ihnen", wies Severus McNeil knapp an.

Der größte der Jungen zuckte widerwillig mit den Schultern. "Und wie sollte ich das machen?"

"Sorgen Sie dafür, dass sie festen Halt unter den Füßen haben."

McNeil hatte scheinbar schneller begriffen was Snape damit meinte, als Hermine.

Mit einem dumpfen Gefühl im Magen sah sie zu, wie McNeil sich mit dem Rücken gegen die Wand aus Schlamm und Dreck stemmte, um seinen Kameraden seine Schultern als Leiter darzubieten.

Füße trafen seinen Kopf und verteilten Matsch in seinem Haar und auf dem Gesicht des Schülers. Ab und zu stöhnte er gequält, wenn Roberts oder Wilson von seiner Schulter abrutschten und ihn hart trafen, um wieder Halt zu finden. Dennoch versuchte er sie mit ausgestreckten Armen ein Stück den Hang hinaufzuschieben, während seine Freunde sich an Wurzeln und Felsbrocken klammerten, die aus der Erde ragten.

Schließlich hatten beide ein gutes Stück geschafft und waren außer Reichweite McNeils, was dieser mit einem befreiten Seufzen zur Kenntnis nahm.

Er strich sich mit beiden Händen durch das Haar und wischte sich den Schmutz aus dem Gesicht, bevor er erschöpft in die Hocke ging.

Severus beachtete ihn nicht, sondern richtete den Lichtkegel seines Zauberstabes nach oben, um den Aufstieg der Schüler überwachen zu können.

Hermine hatte jedoch gesehen, dass Blut aus einer Wunde an der Stirn von McNeil austrat. Sie näherte sich ihm und beleuchtete vorsichtig die verletzte Stelle.

McNeil sah sie ausdruckslos an, als sie ihm ein Tuch reichte, das er auf die Wunde pressen sollte.

Er nahm ihr das Tuch aus der Hand, doch plötzlich hielt er ihr Handgelenk umklammert und zog sie zu sich hinunter.

Hermine gab einen erschrockenen Laut von sich.

"Helfen Sie uns!", stieß er atemlos hervor, während seine Hand nach ihren Haaren fasste.

McNeils hilflose Worte standen im krassen Gegensatz zu seinem Handeln, denn er wirkte durchaus bedrohlich, wie er sie festhielt und darauf vertraute, dass ihre Wut auf Severus so groß war, dass sie ihn nicht zu Hilfe rufen würde, als McNeils Zungenspitze über ihre geschlossenen Lippen leckte.

Ohne auf den Schmerz zu achten, als sie ihre Haare gewaltsam aus seinem Griff befreite, schnellte Hermine zurück, um dann mit voller Wucht und gesenktem Kopf erneut in Kontakt mit dem Schüler zu treten - diesmal jedoch für ihn wesentlich unangenehmer, was er mit einem lauten Aufschrei kund tat.

Sofort hielt er sich die Hand vor die aufgeplatzte Lippe, als ihm auch schon das Blut durch die Finger sickerte.

"Verdammte Hure", stieß er wütend hervor.

Hermine sah aus dem Augenwinkeln, wie Severus sich abwandte und ein paar Schritte in die andere Richtung ging.

Eine Sekunde später hielt sie ihren Zauberstab zwischen McNeils Beine gerichtet und ihre Stimme klang drohend: "Noch ein Wort aus deinem Mund, und ich sorge dafür, dass du den Wald in einem Zustand verlässt, der dich daran zweifeln lassen wird, jemals Kinder zeugen zu können."

McNeil versuchte zu husten, was einige blutige Blasen auf seinen Lippen erzeugte.

Sie ließ von ihm ab und sah zu den anderen beiden Schülern empor, die inzwischen mühsam versuchten, einige Wurzeln abzuschneiden, die über ihnen aus dem Abhang ragten.

Hermine sah zu der oberen Bergkuppe und zu den mächtigen Gelantusbäumen, die in der Nähe des Abhangs standen und die so die Möglichkeit boten, die Wurzeln relativ leicht zu erreichen.

Als hätte es keinerlei Zwischenfall gegeben, kehrte Severus zurück und sah ebenfalls nach Roberts und Wilson.

Die beiden machten sich vorsichtig an den Abstieg.

Die letzten Meter rutschten sie mehr, als dass sie kletterten und beide hatten dafür die Klingen der Messer zwischen die Zähne gesteckt, um die Hände frei zu haben.

Den Aufprall konnten sie dennoch nur leidlich abmildern und ächzten, während sie probehalber versuchten, ihre Glieder zu bewegen.

Dann geschah alles recht schnell.

Die beiden Schüler sahen ihren Kameraden, dessen Kinn blutüberströmt war und der offensichtlich Prügel bezogen hatte. Ein kurzer gegenseitiger Blick, und sie ließen die Wurzeln fallen, griffen nach den Messern und nahmen Angriffspositionen ein.

Severus schnalzte tadelnd mit der Zunge, während Roberts und Wilson bedrohlich um ihn herumgingen.

Hermine wartete darauf, dass McNeil aufklärte, dass sie für seine Verletzung verantwortlich war, doch er tat nichts dergleichen. Seine Augen glänzten in der Dunkelheit, als er sich langsam erhob, um sich das Schauspiel von Nahem anzusehen.

Die beiden bewaffneten Schüler tänzelten beinahe um Severus herum, während Roberts zischte: "Lassen Sie die Hände von den Zauberstäben, oder Sie werden es bereuen."

Severus taxierte den Jungen mit einem durchdringenden Blick, bevor er die Arme vor der Brust verschränkte: "Es wird mir eine Freude sein, sie alle drei für diese Sache von der Schule werfen zu lassen. Mir war bereits von Anfang an klar, dass Sie Ihre Lektion nicht lernen würden. Ich brauchte nur einen Grund...einen, den ich selbst anführen kann, nachdem Ihr dafür gesorgt habt, dass Euer erstes Opfer euch nicht verraten würde. LOS JETZT, KOMMT SCHON!"

Damit breitet er plötzlich die Arme aus, als wolle der die Angreifer herzlich in Empfang nehmen.

Hermine hielt den Atem an, als die beiden mit den Messern auf ihn losstürmten.

Im Dunkeln konnte man in dem Gewühl kaum erkennen, wer siegreich war, doch Hermine hörte den Schrei eines der Jungen. Severus indes schien einen der Angreifer fortgeschleudert zu haben, denn er krachte gegen eine junge Kiefer, die unter der Wucht sichtbar erzitterte.

McNeil gab ein dumpfes Keuchen von sich, als der zweite Junge gegen ihn prallte.

"Komme ich zu früh?", erklang plötzlich eine Stimme aus der Dunkelheit.

Hermine spähte in die Schwärze der Nacht, als zwischen den Bäumen eine Laterne entzündet wurde. Filchs Gesicht wurde durch den Kerzenschein unheimlich beleuchtet und seine ungepflegte Erscheinung trug dazu bei, dass man ihn für einen Boten des Todes halten konnte.

"Nein, du kommst gerade zur richtigen Zeit", erwiderte Severus keineswegs überrascht.

Die Augen des Hausmeisters huschten über die drei Schüler: "Tätlicher Angriff auf einen Lehrer - das ist nicht gut...gar nicht gut", orakelte er grinsend.

"Er hat uns zuerst angegriffen", versuchte sich Wilson zu verteidigen.

Hermine sah, wie Severus mit dem Kopf schüttelte: "Das stimmt nicht, Mr. Wilson. Ich fürchte, Sie drei werden sich für einen Angriff auf mich und Miss Granger verantworten müssen."

"Das bedeutet Schulverweis, wenn nicht noch etwas Schlimmeres", stieß Filch verzückt aus.

Der Hausmeister spuckte auf den Boden und verfehlte nur knapp McNeils Füße.

Dann kicherte er und kramte in der Tasche seines Mantels, dabei förderte er einen handvoll grobe Stricke zutage.

"Hände hinter dem Rücken verschränken", zischte er den Schülern zu.

"Das können Sie nicht machen...wir kommen niemals heil aus dem Wald, wenn man uns die Hände hinter dem Rücken fesselt", begehrte McNeil auf.

Hermine sah Severus kurz mit den Schultern zucken: "Das ist wirklich Pech, Mr. McNeil. Doch leider geht es nicht anders, da Mr. Filch keinen Zauberstab benutzen darf, um Sie in Schach zu halten. Aber ich hörte, er kann hervorragend mit einem Knüppel umgehen...Sie brauchen also keine Furcht vor den Wölfen zu haben. Allerdings würde ich es an Ihrer Stelle nicht darauf anlegen, selbst diesen Knüppel zu spüren bekommen...Knochen brechen so leicht unter hartem Holz."

Filchs Lachen unterstrich diese Worte höchst eindrucksvoll. Nachdem allen drei Schülern die Hände hinter dem Rücken gebunden worden waren, deutete Filch unmissverständlich auf die Dunkelheit, die sich in der Richtung erstreckte, aus der sie ursprünglich gekommen waren.

"Vorwärts!", wies er sie knapp an und klaubte einen dicken Ast vom Boden, den er prüfend in seine Handfläche schlug.

Als die vier schließlich zwischen den Bäumen verschwunden waren, wandte sich Hermine an Severus.

"Was ist mit uns? Kehren wir nicht zurück?"

"Nein", erwiderte er kurzangebunden.

Hermine seufzte: "Und warum nicht? Die Show ist beendet, oder nicht?"

Er sah sie durchdringend an, ehe er kalt sagte: "Ich brauche noch Zutaten. Es war mein voller Ernst, als ich sagte, dass um diese Zeit einige Kräuter und Pilze ihre volle magische Kraft entfalten."

Als habe er eine dieser Zutaten plötzlich zu seinen Füßen entdeckt, bückte er sich und hob etwas auf, das Hermine nicht erkennen konnte, da sein Umhang es verdeckte. Ehe sie es ausmachen konnte, hatte er es in seiner Tasche verstaut.

Sie grübelte noch einen Moment darüber nach, was es gewesen sein könnte, als sie auch schon sah, wie Severus erneut etwas aufhob und ebenfalls in seine Tasche steckte. Natürlich - die Wurzeln, die die Schüler fallen gelassen hatten.

"Was haben die Jungs getan, Severus? Du sprachst von einem Opfer."

"Mira Hayes," erwiderte Severus ohne zu zögern, "eine Schülerin meines Hauses. Ich überraschte McNeil dabei, wie er ihr ihren eigenen Zauberstab zwischen die Beine schob, und sie damit deflorierte, während Robert und Wilson sie festhielten. Die drei hatten sie in den Jungenschlafsaal gezerrt, nachdem sie sie durch einen Fluch bewegungsunfähig gemacht hatten. Ein hübsches Mädchen - weit entwickelt für ihr Alter. Das war offensichtlich ihr Verhängnis. Es war reiner Zufall, dass ich den Raum betrat. Wäre ich nicht selbst Augenzeuge geworden, dann hätte ich vermutlich von dieser Sache nie etwas erfahren. Mira weigert sich, gegen die Jungen auszusagen. Obwohl sie tränenüberströmt war, als ich die Szene sah, behauptet sie, das wäre mit ihrer Einwilligung geschehen. Sie haben sie so sehr in Angst versetzt, dass sie sie niemals belasten würde. Aber allein für die Tatsache, sich ungebührlich verhalten zu haben, stand eine Strafe an - ich hielt den Verbotenen Wald durchaus für angemessen, auch wenn es deinem Sinn für Gerechtigkeit als eine zu harte Strafe erscheint." Er hatte den letzten Satz mit ironischem Anklang gesprochen.

"Nein - das scheint es mir nicht", widersprach Hermine auch sofort, "ich denke inzwischen, dass sie ihre Strafe durchaus verdient haben - es tut mir leid, dass ich an deinem Urteil gezweifelt habe. Wie geht es Mira jetzt?"

"Sie erledigt ihre Strafarbeit in meinem Arbeitszimmer."

Einen Moment schwieg Hermine, ehe sie ungläubig fragte: "Du hast ihr eine Strafarbeit gegeben?"

Severus Stimme klang gereizt: "Sie hat mehrfach bestätigt, dass die unzüchtige Handlung mit ihrem Einverständnis geschehen sei...ich musste sie bestrafen."

"Was muss sie tun?", fragte Hermine kraftlos.

"Sich mit einigen Flüchen und Ritualen beschäftigen", erwiderte Severus unwirsch.

"Was für Flüche und Rituale?"

"Verteidigungsflüche - Zauberstabsynchronisation - Seelenreinigung", zischte er gereizt.

"Du willst ihr auf diese Weise helfen? Ich bin mir sicher, dass ein Gespräch ihr besser helfen würde, als eine Strafarbeit, bei der sie sich mit den Themen zwangsläufig auseinandersetzen muss, die ihr helfen könnten, das Erlebnis zu verarbeiten."

Seine Stimme klang schneidend vor Sarkasmus, als er erwiderte: "Natürlich wäre Mira begeistert, mir gegenüber von diesem Erlebnis zu berichten. Hermine, ich bin mir sicher, dass sie lieber von den dreien vergewaltigt worden wäre, als mit dem Wissen zu leben, dass ich gesehen habe, auf welche Art sie entjungfert wurde. Glaube mir, dass sie besser mit ihrem Hass auf mich leben kann, als damit, dass sie sich mir anvertrauen müsste. Und glaube mir auch ruhig, dass sie mich hasst, eben weil ich es gesehen habe."

Hermine spürte ein Pochen hinter den Schläfen, als wolle ein Anflug von Kopfschmerz ihrem intensiven Grübeln ein Ende machen.

"Was ist mit Poppy - kann sie nicht mit Mira sprechen?"

"Das ist eine hausinterne Sache. Mira hat um kein Gespräch mit Poppy gebeten, und ich werde mit Sicherheit nicht darauf drängen. Es ist gut so, wie es ist. Misch dich nicht weiter in diese Angelegenheit ein!"

Unwillig wischte sich Hermine über die Lippen, die McNeil vor kurzem mit seinem Speichel benetzt hatte.

"Du hast es genossen, dass ich ihn blutig geschlagen habe", stellte sie sachlich fest.

"Ja - ich habe es genossen. Genießt du es jetzt auch?"

Hermine lachte leise bei der Erinnerung, wie McNeil sich die Hand vor die aufgeplatzte Lippe gehalten hatte.

"Ja", gab sie offen zu.

Dann fügte sie hinzu: "Es tut mir wirklich leid, dass ich vorschnell geurteilt habe. Als ich selbst noch Schülerin war, schienen die wenigsten deiner Strafen wirklich Sinn zu machen. Auch im Falle von McNeil, Roberts und Wilson wird kaum jemandem klar sein, worum es wirklich ging. Man wird glauben, dass du sie unfair behandelt hast - dass sie sich von dir provoziert fühlten und dich deshalb angriffen. Wenn die andere wüssten, was wirklich geschehen ist, dann würde man dich in einem anderen Licht sehen."

"Warum sollte man mich in einem anderen Licht sehen? Hermine, was ich im Namen des Lords tue, ist um vielfaches schlimmer, als einem Mädchen mittels eines Zauberstabes die Unschuld zu nehmen. Auch wenn es dem Orden des Phönix dient, dass ich meine Rolle spiele, so bin ich wohl kaum ein Kämpfer für Gerechtigkeit."

Hermine schwieg, da sie wusste, dass er keine Erwiderung von ihr hören wollte. Er wollte nicht, dass sie ihm sagte, was er selbst wusste - dass er für Mira sehr wohl Gerechtigkeit erkämpft hatte.

"In welche Richtung müssen wir gehen?", fragte sie, um die unangenehme Stille zu überbrücken.

Er wies vage mit der Hand in das düstere Dickicht und Hermine folgte mit ihrem Blick nicht etwa der angezeigten Richtung, sondern sah auf seine Hand, von der ein Rinnsal Blut zu Boden tropfte.

"Einer von den Jungs hat dich erwischt", sagte sie besorgt.

"Es ist nur eine harmlose Schnittwunde. Warte!", so unbesorgt seine Stimme auch bei der Erwähnung der Wunde geklungen hatte, um so eindringlicher hatte er das letzte Wort betont.

Hermine stoppte nicht nur mitten in der Bewegung, sondern hielt sogar die Luft an.

Sie lauschte ebenso wie Severus in die Dunkelheit.

"Die Wunde ist vielleicht doch gefährlicher, als ich dachte," flüsterte Severus und griff nach seinem Zauberstab.

Als aus der Dunkelheit ein riesiges Ungetüm im Sprung vor ihnen niederging, stolperte Hermine unwillkürlich rückwärts. Doch von dort erhob sich ein tiefes Knurren, das dafür sorgte, dass sie sich panisch umwandte.

Gelbe Augen blitzten ihr entgegen und bald gesellte sich ein zweites und drittes Paar hinzu.

Hinter ihr stieß Severus einige Flüche aus, die scheinbar ihr Ziel verfehlten, denn auch von dort erklang ein animalisches Knurren.

Hermine hatte ihren Zauberstab ebenfalls gezogen und versuchte zu entscheiden, welche der Bestien zuerst auf sie losgehen würde. Die Zeit würde unmöglich ausreichen, um sie alle niederzustrecken, ehe sich die Fangzähne in ihrer Kehle vergraben würden.

Severus schien den gleichen Gedanken zu haben, denn er sagte beinahe entnervend ruhig: "Konzentriere dich darauf, mit mir gemeinsam einen 'Sedare' zu sprechen."

"Du willst die Biester beruhigen?", fragte Hermine ungläubig nach.

"Willst du sie töten?", fragte er interessiert zurück.

"Wenn sie uns sonst töten - ja!"

"Wir sollten uns auf etwas einigen", gab er zu bedenken, als die Wölfe eindeutig zum Sprung ansetzten.

Und dann erhoben sich die Stimmen der beiden im Einklang, als hätten sie den Zauber schon dutzende Male geprobt: "Sedarus Lupus!"

Das Knurren verwandelte sich in leises Jaulen. Die eben noch zum Sprung bereiten Wölfe senkten die Köpfe und sahen auf ihre Vorderläufe, die sie in bester Hundemanier reckten, ehe sie sich niedersinken ließen, um müde die Augen zu schließen.

Hermine blickte um sich, wie sie und Severus so umzingelt von schlafenden Wölfen dastanden.

Dem Leitwolf triefte noch der Speichel aus dem Maul und sein Ohr zuckte scheinbar in wilder Erregung, doch sein Atem ging ruhig und sein massiger Körper ruhte auf dem moosigen Boden zu Severus' Füßen.

"Du hast etwas für Wölfe übrig?", fragte Hermine mit einem leisen Lachen in der Stimme.

"Mehr, als für so manchen Menschen", gab er ungerührt zurück.

"Aber Remus hast du verraten - in diesem Falle war der Wolf dir wohl ebenso unsympathisch wie der Mensch?"

"Er hat mich beinahe getötet", gab Severus zu bedenken.

Hermine zeigte auf das Rudel schlafender Wölfe: "Diese hier haben das auch versucht."

"Die hatten Hunger. Mit dem Blutgeruch, den ich verströme, wundert es mich, dass wir sie überhaupt durch den Fluch beruhigen konnten."

"Ich bin dafür sehr dankbar", merkte Hermine an und trat aus dem Kreis der reglosen Bestien.

"Einem allein von uns wäre es wohl kaum gelungen, sie außer Gefecht zu setzen", sagte Severus, als er ebenfalls die einstige Gefahrenstelle verließ, dann fügte er an: "Wir sind scheinbar doch kein so schlechtes Team."

Hermine schwieg zu dieser Bemerkung, denn sie spürte, wie sein Blick prüfend auf ihr lag, um sich bestätigen zu lassen, dass sie sich immer noch mit ihm verbunden fühlte.

Als er begriff, dass sie nichts erwidern würde, fügte er an: "Ich meine das auf unsere Aufgaben für den Orden bezogen. Alles andere hast du mir ja untersagt, wenn ich mich recht erinnere."

Hermine spürte Hilflosigkeit bei seinen Worten. Sie war so voller Zorn gewesen - absolut sicher in der Überzeugung, dass er sie nie wieder berühren dürfe; doch jetzt klang ihre Stimme schwach, als sie erklärte: "Ich konnte nicht verstehen, warum du die Jungs so hart bestrafst. Ich glaubte es sei unfair."

"Ich konnte es dir nicht erklären, ohne meinen Plan zu gefährden. Du hast mir geholfen, sie dazu zu bringen, mich anzugreifen - ich glaube fast, du hast ihnen damit einen Gefallen getan, ansonsten hätte ich sie weiterhin in die Enge treiben müssen. Als du McNeil eine Lektion erteilt hast, da wusste ich, dass die beiden anderen überzeugt davon wären, dass ich ihn verletzt hätte. Der Angriff auf mich wäre früher oder später ohnehin erfolgt. Filch hast du damit sicherlich auch einen Gefallen getan, denn er hätte sich sonst noch länger gedulden müssen, die Jungen in seine ganz besondere Obhut zu nehmen, um sie zum Schloss zurückzubringen", er hielt inne und sah sie abschätzend an, "was war es, das du mir mitteilen wolltest, als du nach Hogwarts kamst?", fragte er, bei der Erwähnung des Schlosses an ihre Worte vom Anfang des Abends erinnert.

Hermine spürte ein merkwürdiges Vibrieren in ihrem Bauch. Zu frisch waren noch die Eindrücke der Gefahr und der falschen Wut über diese ausgedehnte Nachtwanderung.

"Ich wollte...dir sagen, dass ich...", sie stockte als sie sah, wie er sich auf sie zubewegte.

"Was?", hakte er nach und zupfte einen Birkenzweig aus ihrem Haar.

Er stand jetzt so dicht vor ihr, dass sie seine Wärme spüren konnte. Dann legte er einen Finger auf ihre Lippen und fuhr sanft darüber.

Seine Stimme klang tief und schien sie zu durchdringen: "Ich habe deinen Befehl missachtet - ich habe dich angerührt - was nun, Hermine?"

Sie schluckte hart und bemühte sich um eine ruhige Erwiderung: "Dieser Befehl war im Zorn gesprochen - er gilt nicht mehr," sagte sie leise.

Severus schickte ihr ein kurzes Lachen, das erstaunlich ernst klang.

"Es ist gut das zu wissen, ansonsten hättest du es wohl als einen Akt der Gewalt ausgelegt, dass ich dich nun hier und auf der Stelle nehmen werde."

Ungläubig riss Hermine die Augen auf. Sie zog den Kopf ein wenig zurück, um zu verhindern, dass er weiterhin ihren Mund berührte.

"Es ist dir also egal was ich sage? Du würdest es so oder so tun?", fragte sie empört.

Seine Antwort bestand aus einem einzigen Wort, das dem Knurren der Wölfe erstaunlich ähnlich war: "Ja."

tbc