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Wie konnte ich auch nur für einen einzigen Augenblick zweifeln? Wie konnte ich nur an mich denken? Kurz schloss ich die Augen. Da vorne stand Sebastian und er würde, wenn ich nichts tat, sein Leben verlieren. Erinnerungsfetzen rasten durch mein Hirn. Ich durchlebte jeden einzelnen Moment mit Sebastian auf einmal. Wie ich auf seiner Treppe stand und zu ihm aufblickte, der erste Kuss, wie wir uns in meiner Wohnung liebten und wieder liebten, unser gemeinsamer Spaziergang Hand in Hand durch Budapest. Irgendwas geschah mit mir, ich begann mich zu verändern, doch mir blieb keine Zeit um darüber nachzudenken. Ich musste handeln.
Ich warf einen letzten Blick auf die Kreatur neben mir, dann lief ich los. Ein kreischendes „Nein!" folgte mir. Die Kreatur griff nach mir, aber es war zu spät. Ich durchbrach die Äste vor mir, ohne weiter darauf zu achten, wie sehr die Bäume mich dabei verletzten. Im Bruchteil einer Minute war ich auf der Lichtung und doch schien ich Äonen zu brauchen dahin zu gelangen. Mein erster Blick galt Sebastians geliebtem Gesicht. Seine Augen weiteten sich vor Angst und Sorge um mich. Schnell wandte ich mich ab, verdrängte seine Augen aus meinen Gedanken, es würde mich nur ablenken, von dem was zu tun war. Ich richtete meine ganze Konzentration auf Nikolai. Wie ich ihn hasste.
Unbewusst hatte ich mich verwandelt und zeigte ihm meine Reißzähne. Erschrocken wich er einen Schritt zurück, mit mir hatte er nicht gerechnet. „Verschwinde kleiner Vampir, um dich kümmern wir uns später." schrie Nikolai mich an. Entschlossen trat er an mich heran. Er glaubte tatsächlich ich würde zurückweichen, dachte ich würde fliehen! Er hielt mich für nicht stark genug, dass ich es mit ihm aufnehmen könnte. Ich legte meinen Kopf schräg und senkte meine Augen, damit er darin nicht lesen konnte. Nicht lesen konnte, was ich mit ihm vorhatte. „Anne, bitte rette dich! Lauf weg!" beschwor mich Sebastian. „So du glaubst mit mir fertig zu werden?" Beim drohenden Klang meiner Stimme stockte Nikolai. Schnell für ihn nicht sichtbar schoss meine Hand nach vor und packte ihn am Hals. Ich zog ihn in die Höhe so dass seine Füße den Boden kaum mehr berührten. Erst jetzt sah ich das Messer in seiner Hand. Er würde sich nie ändern. „Wolltest du mich damit töten? Schon wieder?" Ich hob meinen Blick und die verächtliche Wut die er darin sah ließ ihn erbleichen. Hastig ließ er das Messer fallen. „Anne tu es nicht!" rief Sebastian hinter mir.
„Tötet sie!" krächzte Nikolai vor mir. Einer aus dem Kreis wagte es tatsächlich und stürzte auf mich zu. Ich entriss ihm die Fackel und schlug ihn damit zurück in die Reihe. „Bleibt fern von uns!" schrie ich in die Runde, dann sah ich wieder auf Nikolai. „Du bist mein Mörder! Du sollst deine gerechte Strafe bekommen!" Er packte meine Hand und wollte sich aus meinem Griff befreien. „Du darfst mich nicht beißen!" Entrang es kaum hörbar seinen Lippen. . „Du elender Narr, glaubst du ich würde dich beißen und in ein so edles Geschöpf wie ich es bin verwandeln?" Kalt lachte ich ihm ins Gesicht. Das ließ ihn vor Furcht erschaudern. „Warum willst du mich töten?" fragte Sebastian Nikolai. „Du bist ein Vampir und wir hassen alle Vampire. Sobald einer in unsere Nähe kommt, suchen wir ihn und töten ihn." Seine Antwort warf viele Fragen auf. „Warum hasst du mich?" Sebastian konnte aus Nikolais Worten auch persönlichen Groll heraus hören.
„Mein Ur-ur-Großvater wurde zum Spielball eines Vampirs. Meinem Volk blieb keine andere Wahl, als ihn zu erlösen. Vampire leben ihre Macht willkürlich aus und tun was sie wollen. Sie nehmen sich einfach wonach ihnen gelüstet. Solch einem Treiben gehört ein Ende gesetzt!" Leidenschaftlich brachen die Worte aus Nikolai hervor. Mir wurde plötzlich viel klar. Dunkel erinnerte ich mich an eine Passage aus Sebastians Buch. Martha hatte einen von den Sinti entführt, weil sie ihn begehrte. Sie brachte ihn in ihr Schloss und verwandelte ihn. Der Name dieses Mannes war Nikolai. Nun ergab alles Sinn. Dieser Nikolai handelte nicht aus einer inneren Überzeugung heraus, sondern schlicht und ergreifend aus Rache. Er hasste uns alle, schon sein ganzes Leben lang. „Du kleiner Wicht, sag die Wahrheit. Nicht moralische Werte lassen dich handeln. Du wirst von Rache getrieben!" Warf ich ihm an den Kopf. Ich bohrte meine scharfen Nägel in seinen Hals und Blut rann zwischen meinen Fingern in feinen Linien herab. Er quiekte wie ein Schwein. Ich konnte seine Angst riechen, sie kroch aus all seinen Poren. „Anne lass ihn auf der Stelle los!" schrie mich Sebastian an.
Ich ließ Nikolai fallen wie eine heiße Kartoffel. Er lag auf dem Boden, unfähig sich zu bewegen, hielt er sich seinen schmerzenden Hals. „Sag ihnen die Wahrheit!" Ich deutete in die Runde. Wie gerne hätte ich ihn einfach getötet, er hätte es verdient. Er hatte alles zerstört. „Nikolai? Was diese Frau sagt, stimmt das?" zögernd trat eine ältere Frau aus der Runde hervor, machte ein zwei Schritte auf uns zu und blieb dann abwartend stehen. „Aischa, sie ist nichts weiter als ein dreckiger Vampir! Wie kannst du ihr nur zuhören?" „Bastard!" ich trat ihn in die Seite. Schmerzhaft getroffen rollte er sich von mir weg. „Wie viele Vampire hast du gejagt und getötete? Warum glaubst du besser zu sein als wir? Einer von uns machte einen Fehler und alle anderen lasst ihr dafür büßen? Was seid ihr nur für Menschen?" Bei meinen Worten senkten einige beschämt ihren Kopf. Nikolai hatte sich von meinen Tritt erholt und richtete sich auf. „Sie befreien diese Welt von ihrem größten Übel! Von euch!" Mit diesen Worten erhob er sich und sah mir aufrecht stehend in die Augen. Nun da er nicht länger in meiner Gewalt war, hatte er seine Angst bereits wieder vergessen. „Du und dein Gefährte, ihr beide werdet heute Nacht sterben. Das ist Gerechtigkeit!"
„Wessen? Deine?" verächtlich sah ich ihn an. Plötzlich sah ich wie er wirklich war. Von Hass zerfressen, war er in seinem Wahnsinn gefangen. Egal was ich sagte oder tat, nichts würde ihn von seinem Weg abbringen können. Keiner würde ihn aufhalten können. Nikolai hatte die unsichtbare Linie die ihn von Vernunft und Wahnsinn trennte schon lange überschritten. Er würde alles daran setzen Sebastian und mich zu töten. Er würde erst aufhören, wenn er den Letzten unserer Art getötete hatte, oder selber starb. Das Einzige was uns blieb war zu entkommen, oder um unser Leben zu kämpfen. Beinahe unbemerkt rückte ich an Sebastian heran. Ich musste ihn befreien. Zusammen gelang uns vielleicht die Flucht. „Einen Vampir zu töten, was braucht es mehr Gerechtigkeit?" schrie Nikolai. Ich entdeckte vor mir auf dem Boden Nikolais Messer, es blitzte im Fackelschein. Ich machte kleine Schritte auf Sebastian zu. Warum half er mir nicht? Warum sprengte er seine Ketten nicht? „Das sind keine normalen Ketten. Sie haben sie mit einem alten Zauber belegt. Ich kann sie nicht sprengen!" Er hatte meine Gedanken gelesen. Ich fasste hinter mich und berührte eine der Handfesseln, sie fühlte sich an als würde sie mir die Haut verbrennen. Schnell zog ich sie zurück. „Was soll ich tun?" flüsterte ich. „Geh und rette dich. Vergiss mich!"
Schmerzhaft zog sich meine Brust zusammen. Ich senkte meinen Kopf. Wie konnte er das nur von mir verlangen? Tränen traten in meine Augen. Ich liebte ihn doch mit jeder Faser meines Herzens! Ich drehte mich um und sah ihm in die Augen. Er konnte all meine Gefühle für ihn darin sehen. Für einen Augenblick gab es nur uns. „Anne?" Ich fühlte! Wie war das möglich?
„Nein! Niemals! Entweder wir beide oder keiner!" Entschlossen richtete ich mich wieder auf. Ich hatte Zweifel in den Augen der anderen Sinti gesehen. Sie dachten nicht alle wie Nikolai. Ich konnte versuchen sie umzustimmen. Ich musste sie nur dazu bringen mir zuzuhören und mir glauben zu schenken. „Hört mir zu!" rief ich. Doch Nikolai stürzte sich auf mich und wollte mich zu Fall bringen. „Halt endlich dein dreckiges Maul!" brüllte er mit zusammen gebissenen Zähnen. Er schlang einen Arm von hinten um meinen Hals und drückte zu. Mit der anderen schlug er mir in den Bauch, immer und immer wieder. Fauchend packte ich seinen Arm, krallte meine Nägel in ihn und schleuderte ihn weg von mir. Er fiel schwer auf den Boden und blieb regungslos liegen. Ich wandte mich um.
„Helft mir! Lasst uns gehen. Wir haben euch nichts getan!" Ich trat in die Runde und sah jedem Einzelnen ins Gesicht. Es waren Männer und Frauen, auch Kinder waren unter ihnen. Einige sahen mich an, andere senkten ihren Blick, doch keiner von ihnen bewegte sich. „Das muss ein Ende haben!" Ich deutete auf Sebastian. „ Niemand hat das Recht einfach zu töten!" beschwor ich sie. Die Frau die Nikolai Aischa genannt hatte kam auf mich zu. Unbewusst spannte sich mein Körper, bereitete mich auf einen Angriff vor. „Ich…." setzte sie an. Ein grässlicher Schrei von hinten ließ mich herum fahren. Nikolai hatte sein Messer aufgehoben und sprang mit Mordlust in den Augen auf mich zu. Die Klinge lag fest in seiner Hand und er zielte damit auf mein Herz. Er würde mich töten.
