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In diesem Moment brach zwischen den Bäumen die Kreatur aus dem Wald hervor, packte Nikolais mit dem Messer bewaffnetes Handgelenk und drehte es herum. Ein lautes Knacken war zu hören, das Gelenk war gebrochen. Kläglich jammernd kauerte die Gestalt dann am Boden sich den Reif um den Hals haltend. Anscheinend hatte es große Schmerzen. Mit lautem Wutgeheul stürzte Nikolai sich auf sie und wie wilde Hunde rollten beide über den Boden. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Nur einer würde diesen Platz lebend verlassen. Die anderen standen unentschlossen, so wie ich und Sebastian, keiner wagte sich zu rühren. Bis auf zwei, sie fassten sich ein Herz und versuchten die Kreatur an ihrer Kette zurückzuziehen. Wild fauchend wollte sie sie verscheuchen.

Auch in mich kam Leben und ich versuchte Sebastian zu befreien, keiner behinderte mich dabei. Ich stürzte zu Sebastian suchte nach einem Verschluss, nach irgendwas wie seine Fesseln zu öffnen waren, doch ich konnte nichts finden. „Wie funktionieren die?" fragte ich frustriert Sebastian. Dieser schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Sie haben sie so schnell um meine Hände geschlossen, ich konnte gar nicht sehen was für ein Mechanismus dahinter steckte." Er wirkte müde. Was ich brauchte war ein Messer, vielleicht konnte ich die Stifte an den Schellen herausarbeiten. Nikolai! Sein Messer lag nutzlos und vergessen unweit von mir. Hastig bückte ich mich danach und erhaschte dabei auch einen Blick auf die beiden Kämpfenden. Ungebrochen schlugen sie wie rasende aufeinander ein. Der Reif um den Hals des Wesen schien eigentümlich zu glühen und es hatte große Schmerzen, aber das schien es nicht weiter zu kümmern. Heftig fuhr es mit seinen scharfen Klauen Nikolai über sein Gesicht und hinterließ tiefe blutige Striemen. Er rächte sich dafür, dass er ihr den Ring um den Hals fest ins Fleisch drückte. Beide heulten vor Wut und Schmerz auf. Sie fasste ihn an den Haaren und riss ihn daran zurück. Ich erhob mich und versuchte mit der Klinge Sebastian zu befreien. Es war mit meiner enormen Kraft die ich als Vampir besaß möglich, den Stift zu lockern und zu lösen. Eine Hand war frei und sofort begann ich auch auf der andern Seite.

Verbissen arbeitete ich, konzentrierte mich ganz darauf. Ich merkte nicht wie Sebastian neben mir erstarrte und die Kreatur auf dem Boden mit eigentümlichem Blick fixierte. Endlich hatte ich es geschafft, er war frei, wir konnten fliehen. Das Messer warf ich einfach fort, ich brauchte es nicht mehr. Ich fasste seine Hand und wollte ihn mit mir ziehen, doch er rührte sich nicht. Erst jetzt fiel mir sein Blick auf. „Sebastian?" fragend sah ich ihn an, ich verstand nicht. Ich sah dorthin, wohin er sah und sah nur Nikolai und das Wesen wie sie einander immer schlimmer verletzten. Niemand vermochte sie zu trennen. Nikolai blutete aus mehreren Wunden und war geschwächt. Auch die Kreatur war am Ende ihrer Kräfte, doch keiner wollte, konnte nachgeben und dann ging alles ganz schnell. Das Wesen bekam Nikolais Messer zu fassen, im selben Moment ertastete Nikolai einen Holzpflock. Beide richteten sich mit letzter Kraft auf um den anderen zu töten, doch das Wesen war schneller und rammte die Klinge bis zum Schaft in Nikolais Herz. Tot brach er über ihr zusammen.

Mühsam kroch das Wesen unter ihm hervor und kauerte sich völlig am Ende seiner Kräfte am Boden hin. Sebastian kniete sich zu ihr und sah ihr in die Augen. „Martha?!" Das Wesen hob leicht den Kopf und die Züge in seinem Gesicht wurden um eine Spur weicher. „Sebastian." krächzte es leise. Ich ließ meinen Blick zwischen den beiden hin und her wandern, unfähig zu begreifen was er gesagt hatte. Das war Martha? In mir warf das tausende andere Fragen auf. Wenn das Martha war, warum war sie dann noch am Leben? Ich bin Judas. Das waren ihre Worte gewesen, der Preis für ihr Leben. Sie hatte sich verkauft und andere mussten dafür sterben. Darum war Sebastian bisher verschont geblieben. „Erzähl mir was damals geschah nachdem ich dich verließ." bat Sebastian. „In jener Nacht gab ich ein Versprechen. Ich sollte ihnen dienen und sie vor Vampiren schützen. Damit ich mein Wort nicht brechen konnte, legten sie mir diesen Ring um den Hals. Solange die Alte noch am Leben war, war alles gut. Doch mit ihrem Tod änderte sich alles. Er kam an die Macht!" Ihr klauenartiger Finger wies auf Nikolai.

„Nun genügte es nicht mehr zu schützen, von nun an waren wir auf der Jagd." Ungläubig schüttelte Sebastian seinen Kopf. „Warum hast du mitgemacht!" Martha richtete sich leicht auf, Schmerz stand in ihren Augen. „Sieh mich an! Das ist was von mir geblieben ist. Weigerte ich mich zu tun was sie wollten, bekam ich kein Blut. Sie ließen mich hungern." Ich fühlte wie in Sebastian die Wut aufstieg. Grollend stand er auf. Er verwandelte sich. Als Vampir blickte er in die Runde. Alle Umstehenden wichen zurück. Einige wussten wie alt er war und fürchteten ihn. „Befrei mich von dem Ring!" bat Martha ihn. Mit purer körperlicher Kraft zog er den Ring auseinander. In seiner Wut war er stärker als sonst. Sie sahen einander tief in die Augen, so als könnten sie sich ohne Worte verstehen. Ich wurde unruhig.

„Töte mich!" Erschrocken wich Sebastian zurück, nun war er wieder ein Mensch. „Verlang das nicht von mir!" Martha richtete sich auf und folgte ihm. „Es geht nicht anders. Davon…" sie zeigte ihm ihre Hände und wies auf ihr entstelltes Gesicht- „kann ich mich nicht mehr erholen. Bitte, tu es für mich!" Sebastian wich noch weiter zurück, er konnte das nicht. Die Sinti zogen sich unmerklich zurück. Ich sah wie ihre Schatten wichen. „Du bist stark. Stärker als ich, du kannst dich wieder erholen." Martha sank wieder zusammen und kauerte auf dem Boden. „Meine Zeit ist schon lange vorüber. Ich will sterben. Ich will nicht so leben müssen. Lass mir das bisschen Würde das mir geblieben ist." Mich überkam großes Mitleid mit Martha. Sie hatte viel Leid verursacht und sie hatte großes Unrecht begangen. Doch die Sinti hatten sie dafür tausendmal büßen lassen. „Du kannst weiter existieren. Es gibt keinen Grund…." versuchte Sebastian sie erneut umzustimmen, doch Martha fiel ihm ins Wort. „Es gibt da etwas was ich dir noch geben möchte, aber erst versprich mir mich zu töten. Du musst es tun!" beschwor sie ihn. Sebastian war verwirrt. „Ich kann nicht." Er senkte den Kopf, um sie nicht ansehen zu müssen. Ich erinnerte mich an seine Aufzeichnungen. Er beschrieb Martha als außergewöhnliche Schönheit. Davon war nichts mehr übrig geblieben. Sie wirkte wie ein Monster. So wie sie jetzt aussah, gab es keinen Platz mehr in dieser Welt für sie. „Ich bin zu schwach zum Leben und zu Stark zum sterben. Bitte, befrei mich." versuchte sie es erneut. Sebastian hielt weiter den Blick abgewandt. Ich konnte förmlich spüren, dass er an ihre gemeinsame Vergangenheit dachte. Viele, viele Jahre waren sie gemeinsam unterwegs gewesen. Sie verband so vieles. „Bitte!"

„Du kannst bei mir bleiben. Ich kümmere mich um dich. Du wirst wieder gesund." Sebastian hockte sich zu ihr und umfasste ihre Klauen. Traurig sah sie hoch zu ihm. „Nein! Dafür ist es zu spät. Glaub mir." Plötzlich stand Sebastian auf, er hatte eine Entscheidung gefällt. „Wenn das dein Wunsch ist, dann werde ich es tun." Wie bitter seine Stimme klang. Martha sah ihn dankbar an. „Bevor du es tust, möchte ich dir noch eine Geschichte erzählen." Sebastian hockte sich wieder zu ihr auf den Boden und wartete. „Vor unendlich langer Zeit, bevor wir uns trafen, ging es mir sehr schlecht. Ich glaubte zu sterben. Ich war irgendwo in England und lag auf einem einsamen Feldweg, nahe einem Dorf. Ich hatte die Hoffnung, dass jemand vorbeikommen, denn ich beißen könnte, schon aufgegeben, als ein junger Mann den mondbeschienen Weg entlang kam. Ich stürzte mich auf ihn und biss ihn." Sebastian fiel die Wahrheit wie Schuppen von den Augen. „Du?!"

Martha nickte zustimmend mit dem Kopf. „Ja ich. Ich wusste es all die Jahre, aber ich kannte dich wahrscheinlich besser als du dich. Ich wusste von deinem verborgenem Verlangen wieder ein Mensch zu werden und hütete mein Geheimnis." Sie sahen sich kurz an. Sebastian erhob sich und entfernte sich ein paar Schritte, wandte Martha den Rücken zu. Er hatte das Wesen gefunden, dass er gesucht hatte um es zu töten und jetzt konnte er es nicht. „Sebastian, bitte du hast gesagt du tust es." Martha war zu ihm getreten und drückte ihm einen Pflock in die Hand. Er, der immer so stark und voller Kraft war, er konnte ihn fast nicht halten, beinahe entglitt er seinen Fingern. Er schloss die Augen, sammelte sich und dann trieb er mit aller Kraft ihr den Pflock ins Herz. Ihr Körper spannte sich ob dieser Wucht an und sank dann zusammen. „Danke!" hauchte sie. Tot glitt ihr Körper zu Boden. Ihr Gesicht wirkte friedlich und dann begann sich der Körper aufzulösen. Wurde zu Staub.

Stumm stand ich da. Sebastian hatte den Pflock fallen gelassen. Sah mich an und sah nichts. Ich wollte zu ihm, wollte ihn trösten. Jedes Leben wich von ihm und er sank leblos zu Boden.