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Zutiefst erschrocken sank ich in die Knie und beugte mich über ihn. Kein Laut drang über seine Lippen, reglos lag er da. Er war tot. Tränen traten mir in die Augen. Mir zerriss es schier das Herz in meiner Brust. Mein Herz, es schlug wieder, ich war wieder ein Mensch, aber das bedeutete das Sebastian tot war. Schluchzend brach ich auf ihm zusammen. Am Firmament begann der Morgen zu dämmern und bald schon würde die Sonne alles in gleißendes Licht tauchen. Aischa war leise näher gekommen. Ich bemerkte sie erst, als sie mich an der Schulter berührte. „Wir waren schon zu lange hier." Ich wusste, dass sie nicht nur ihre Anwesenheit hier auf der Lichtung meinte. „Auch für uns ist es an der Zeit für immer zu verschwinden. In dieser Welt gibt es keinen Platz mehr für uns." Kurz schwieg sie. Sie schien sich zu sammeln für die nächsten Worte. „Wir haben sehr viel Unglück gebracht. Wir waren geblendet von Nikolai und obwohl wir wussten, dass es der falsche Weg war, sind wir ihn dennoch mit ihm gegangen. Das alles tut uns sehr leid. Lebt wohl!" Ihre Worte waren aufrichtig gewesen. Ich wollte noch einen letzten Blick auf sie werfen, doch sie war wie all die Anderen schon verschwunden.
Ich war mit Sebastian alleine auf der Lichtung. Ich sah auf ihn herab und strich ihm sanft über sein wunderschönes Gesicht. Er sah aus als würde er bloß schlafen, doch ich wusste es besser, der Tod hatte ihn mir genommen. Ungehindert flossen meine Tränen. Er war mein Herz und meine Seele. Meine Tränen fielen auf sein Gesicht. Sachte strich ich sie fort. Ein letztes Mal wollte ich seine Lippen auf meine spüren. Ich schloss die Augen und küsste ihn. Plötzlich begann er meinen Kuss zu erwidern. Mehr noch sein Arm schlang sich um mich und sanft zog er mich näher. Überrascht wich ich zurück. „Du lebst!" flüsterte ich. Ich sah in seine blauen Augen, sah das Leben in ihnen. Er lebte!
Glücklich warf ich mich auf ihn. Lachend fing er mich auf. Ich drückte ihn ganz fest an mich, wollte ihn nie wieder los lassen. Ich lachte und ich weinte. Sanft schob er mich nach einigen Minuten von sich. „Du erdrückst mich. Wenn du so weiter machst ersticke ich noch." Verwirrt sah ich ihn an. Er und ersticken? „Du…du meinst…du lebst?" stotterte ich. Er küsste mich und lachte. „Ich atme. Hier.." Er nahm meine Hand und drückte sie auf seine Brust. Ich fühlte seinen Herzschlag. „Es schlägt! Oh mein Gott!" Ohne es zu wollen brach ich erneut in Tränen aus. Ich hatte in den letzten Stunden soviel mitgemacht. Mehr als einmal glaubte ich ihn für immer zu verlieren, oder selber zu sterben und so war ich nun völlig durcheinander. Er setzte sich auf und sah die Sonne. Wie gebannt blickte er auf sie. Gerührt sah ich in sein Gesicht. Seit fünfhundert Jahren hatte er keinen Sonnenaufgang mehr gesehen. All seine Emotionen spiegelten sich in seinem Gesicht wieder. Seine Augen leuchteten im ersten Glanz der Sonne und Tränen glitzerten in ihnen. Freude vermischte sich mit Trauer und wechselte zu Dankbarkeit. Ich fasste nach seiner Hand und seine Finger umschlossen fest die meinen.
Ich betrachtete auch das Naturschauspiel und versuchte es so wie er zu sehen. Lange saßen wir so da, dann erhob er sich und zog mich mit auf die Füße. Er wischte mir die letzten Tränen vom Gesicht und lächelte mich an. „Dir ist schon klar, dass du mich jetzt heiraten musst." Mit diesen Worten drehte er sich um und marschierte auf den Wald zu, ohne meine Hand loszulassen. Perplex stolperte ich hinter ihm her. „Was?" Sebastian begann zu kichern und verursachte dabei so ein glucksendes Geräusch. Ich blieb abrupt stehen und zwangsläufig musste auch er stehen bleiben. Er sah über die Schulter zurück in mein Gesicht. „Ich lebe seit über fünfhundert Jahren und war noch nie verheiratet. Ich denke du musst aus mir einen ehrbaren Mann machen." Er versuchte todernst dabei zu wirken, doch das amüsierte Leuchten in seinen Augen und die leicht hochgezogenen Mundwinkel machten diesen Versuch zunichte.
„Ich verstehe das immer noch nicht ganz. Heißt das, jetzt ist alles vorbei? Wir können nachhause gehen?" Nun wurde Sebastian wirklich ernst. Sein Blick fiel auf die Stelle wo Martha gestorben war. Er dachte an sie. Dann klärte sich sein Blick. „Ja, es ist vorbei! Wir können nachhause fahren und alt werden und sterben. Ich kann Kinder haben! Du willst doch Kinder? Ich hätte gern so drei oder vier. Was meinst du?" Er ging wieder weiter und schleppte mich hinter her. Wir waren frei. „Ich…darüber hab ich noch gar nie nachgedacht. Ich …drei wären ok, vier ist vielleicht ein bisschen viel. Was rede ich überhaupt?" Ich runzelte meine Stirn und lief einfach mit ihm mit. Eines wusste ich bereits mit Sicherheit, ich wollte mein restliches Leben, wie schön das auf einmal Klang- mein restliches Leben! - mit ihm verbringen.
Plötzlich blieb er stehen, hob mich hoch und schwenkte mich im Kreis. Befreit lachten wir beide. „Ich liebe dich!" rief er aus.
ENDE
