51. Kapitel
Von falschen und von echten Freunden
Regen klatschte gegen die steinerne Fassade des Universitätsgebäudes. Die Welt sah grau aus. Große Regenpfützen spiegelten das altehrwürdige Gemäuer teilweise. Beinahe, als wären es Puzzleteile, die man im echten Bild wiederfinden müsste.
Hermine machte gerade einen großen Schritt über eine der Wasserlachen hinweg, als sie hinter sich Grants Stimme hörte.
"Darf ich Sie unter meinen Schirm nehmen, Kollegin?"
Sie erwiderte nichts, doch sie blieb stehen, so dass er zu ihr aufschließen konnte.
Er warf einen Blick über die Schulter, als er dicht neben ihr stand, und senkte seine Stimme.
"Ich muss wohl davon ausgehen, dass Sie dem Orden Bericht erstattet haben. Es würde mich interessieren, ob ich mit Schwierigkeiten von Seiten Ihrer...Freunde zu rechnen habe."
"Nein, keine Schwierigkeiten. Wir werden zusammenarbeiten", erwiderte Hermine knapp.
Er nickte und schwieg, doch Hermine konnte an seiner Atmung hören, dass er ein Lachen unterdrückte.
"Was?", fuhr sie ihn mit gedämpfter Stimme an.
"Das wird Snape nicht schmecken, hab ich recht? Ich schätze, ich sollte aufpassen, dass ich ihm in nächster Zeit nicht versehentlich über den Weg laufe. Doch wenn sich unsere Wege kreuzen würden - rein zufällig natürlich, könnte man die Situation vielleicht ein für allemal klären."
Hermine blieb abrupt stehen, was zur Folge hatte, dass sie das Rinnsal von Grant's Regenschirm auf den Kopf bekam, der weitergegangen war. Sie wischte sich eine nasse Haarsträhne mit einer Handbewegung nach hinten und funkelte ihren Begleiter zornig an.
"Was soll das alles, Grant? Ich sagte Ihnen, dass wir zusammenarbeiten werden. Aber wenn Sie es so genau wissen möchten, dann kann ich Ihnen garantieren, dass Professor Snape nicht der einzige ist, den dieses Arrangement stört - MICH stört es am allermeisten, das sollten Sie keine Sekunde lang vergessen!"
Er trat einen Schritt zurück, so dass sie wieder unter dem Schirm war, als er sagte: "Ich fürchte, Hermine, Sie unterschätzen meine Rolle. Mag sein, dass es Sie stören wird, aber ich werde davon nichts bemerken, denn wir werden beide perfekt spielen. Vergessen Sie nicht, dass es wichtig ist, Sie in den Kreis der Würdigen aufzunehmen. Es könnte ansonsten unangenehm für Sie werden."
"Das wird es wohl in jedem Falle", erwiderte Hermine und parierte das Funkeln in seinen Augen mit einem angewiderten Blick.
Grant schüttelte langsam den Kopf. Er tat so, als würde er großes Bedauern empfinden.
"Ich habe beim ersten Treffen bereits viel riskiert, weil ich Sie verschonte. Ich dachte, dass ich dadurch in Ihrer Achtung steige..."
Hermine unterbrach ihn rigoros; "Ich glaube inzwischen eher, dass Sie fürchteten, dass Sie mit dem Leben bezahlen werden, wenn Sie mich anrühren - warum sonst suchten Sie jetzt die Bestätigung, dass der Orden kooperieren wird? Sie wissen, dass ich meine Rolle zu spielen habe, und nun haben Sie noch die Bestätigung, dass Sie mit heiler Haut davon kommen werden, wenn Sie diesmal keine Zurückhaltung üben. Es ist interessant, Charles, dass Sie beinahe mehr Angst vor Severus zu haben scheinen, als vor Berenger und seinen Leuten."
"Ich habe keine Angst vor ihm. Im Gegenteil, ich sehne ein Aufeinandertreffen sogar herbei. Wenn er auch nur einen Fluch auf mich hetzt, dann wird er für den Rest seines Lebens die Welt von der Gefängnisinsel aus betrachten. Sie werden schon bald erkennen, dass es sich nicht lohnt, Ihr Leben für Abschaum wie ihn zu verschwenden. Er wird seine Taten gestehen - in allen Einzelheiten - dafür werde ich sorgen. Das wird hart für Sie werden, Hermine - aber ich werde da sein, und Sie trösten und beschützen."
Hermine blieb erneut stehen.
"Wissen Sie, Grant, ich frage mich gerade, ob Sie eigentlich wissen, dass Sie ein arroganter Kotzbrocken sind, und ob Sie wirklich glauben, ich würde mich je freiwillig mit Ihnen einlassen. Sie haben recht, man wird den Unterschied nicht merken, wenn wir bei Berenger wieder aufeinandertreffen. Aber das bin nicht wirklich ich. Vergessen Sie den Unterschied nie!"
Zur Antwort bekam sie lediglich ein Lächeln, und sie wussten beide, dass der Unterschied für ihn nicht relevant sein würde.
Charles Grant hielt die Hand prüfend in die Luft.
"Es regnet nicht mehr", sagte er schließlich und schloss den Schirm.
Als sie hintereinander das Gebäude betraten, hätte Hermine am liebsten die Uni auf der Stelle wieder verlassen.
Das Gespräch mit Grant ließ sie sich schmutzig fühlen. Er schien ein seltsames Spiel mit ihr zu spielen und sie fragte sich, wie er jemals ein Gefühl des Bedauerns in hatte hervorrufen können.
Sie zweifelte nicht daran, dass Charles wirklich etwas für sie empfand, doch sein Hass auf Severus ließ ihn zu einem unberechenbaren Part in diesem Spiel werden. Und sie war gezwungen, sich mit diesem Part zu arrangieren.
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"Möchtest du noch zusätzlich Zucker in deinen Cappuccino?", rief Ginny aus der Küche.
Hermine schüttelte kurz den Kopf, ehe sie hinüberrief: "Nein danke! Meinst du nicht auch, das wäre etwas sehr süß?"
Ginny kam mit zwei großen dampfenden Bechern in der Hand zurück ins Wohnzimmer, wo ihr Gast saß.
"Nein, ich finde, dass das Leben auch so schon bitter genug ist", erwiderte Ginny und strich ihr rotes Haar zurück, um an dem heißen Gebräu nippen zu können.
"Bitter? Was ist dir in letzter Zeit denn Bitteres widerfahren?", fragte Hermine und versuchte nicht herablassend zu klingen. Ginny wusste schließlich nicht, durch welche Hölle sie selbst gerade ging, und sie würde es ihr nicht offenbaren dürfen, weil sie Stillschweigen darüber bewahren musste.
"Oh, da gibt es so einiges", begann Ginny nachdenklich, "also, zum ersten wäre da die Tatsache, dass ich seit ewigen Zeiten keinen Sex hatte."
Hermines Cappuccino schmeckte in der Tat plötzlich sehr bitter. Zu gerne hätte sie den Sex, der in den nächsten Tagen auf sie zukam, jemand anderem vermacht. Aber diese Gedankengänge waren alles andere als gut für sie, also schob sie die Gedanken beiseite.
"Das ist hart", erwiderte sie statt dessen.
Eine Pause entstand, die Hermine sich anfangs nicht erklären konnte. Erst als sie das erwartungsvolle Gesicht ihrer Freundin sah, beschlich sie eine leise Vorahnung, die Ginny auch sofort aussprach.
"Wie läuft es zwischen dir und Snape? Ich meine...beim Ordenstreffen hat er ja ein ganz schönes Pokerface gemacht - fast so, als würde er dich nicht einmal wahrnehmen. Wie ist es so, wenn du mit ihm alleine bist? Weißt du, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass er ein zärtlicher Liebhaber ist? Ich stelle ihn mir eher wie ein wildes Tier vor...du musst ja keine Details erzählen, wenn du nicht willst, aber verrate mir, ob ich da richtig liege. Bitte!"
Hermine stieß ein leises Seufzen aus, ehe sie sagte: "Du liegst damit zumindest nicht falsch, okay?"
Ginnys Augen glänzten vor Freude. "Erzählst du mir noch mehr?", fragte sie dann flehentlich.
"Nein", erwiderte Hermine knapp.
"Seit du mit ihm zusammen bist, bist du eine ganz schöne Spielverderberin geworden", sagte Ginny feixend, ehe sie anfügte: "Beim Ordenstreffen klang Snape plötzlich aber ziemlich sauer. Was ist passiert, als ihr in unserer Küche ward?"
"Nichts ist passiert. Wir mussten etwas besprechen, das nicht für andere Ohren bestimmt war", erwiderte Hermine und trank an ihrem Cappuccino um Ginnys Blick ausweichen zu können.
"Mum sagte hinterher, dass unsere Küche aussah, als hättet ihr euer Gespräch auf der Arbeitsplatte geführt."
Eine Stille entstand. Hermine spürte Ginnys neugierigen Blick wie ein Tonnengewicht auf sich lasten.
"Ich...wir...", begann sie und verstummte dann, weil nichts wirklich Sinn zu ergeben schien, was sie jetzt noch sagen könnte, "es ist nicht das, was du denkst", fuhr sie dann Ginny regelrecht an.
"Also kein wilder Sex in unserem Haus?", fragte Ginny herausfordernd.
"Ginny! Nein!", brachte Hermine hervor.
"Okay, ist ja gut!, beschwichtigte Ginny, "ich meine ja nur...ich glaube, ich hätte mir diese Chance nicht entgehen lassen."
Hermine bemühte sich, nicht zu erröten, bei dem Gedanken, dass es beinahe genau zu diesem Szenario gekommen wäre. Und nun dachte Molly, dass sie es tatsächlich in ihrer Küche miteinander getrieben hätten. Sie konnte dieser Frau unmöglich je wieder unter die Augen treten.
"Könnten wir über etwas anderes sprechen", brachte sie schließlich mühsam hervor.
"Natürlich - klar", bestätigte Ginny verschmitzt, "ich werde nach Rumänien gehen, zu Ron und Charlie", sagte sie plötzlich.
Hermine verschluckte sich beinahe an ihrem Cappuccino.
"Was? Wann? Wie lange? Wann hast du das denn entschieden?"
Ginny zuckten amüsiert mit den Mundwinkeln.
"Endlich kann ich dich mal aus der Reserve locken - das ist mir schon ewig nicht mehr gelungen", sagte sie lächelnd.
"Ewig...bei dir ist alles gleich ewig. Dann stimmt es also gar nicht, dass du nach Rumänien gehen möchtest?"
Ginny ließ einen Moment verstreichen.
"Doch, ich werde gehen. Ich denke schon seit einigen Tagen darüber nach. Charly schrieb mir, dass sie Unterstützung brauchen könnte. Ich habe erst abgelehnt, weil ich dachte, ich solle langweiligen Papierkram erledigen. Aber wie sich herausstellte, brauchen sie noch ein Paar Hände in der Drachenaufzuchtstation. Ron und er sind ja häufig unterwegs und ich würde dafür sorgen, dass sie niemanden mehr von außerhalb kommen lassen müssen, während sie auf Reisen sind. Stell dir vor, ich kümmere mich bald um niedliche kleine Drachenbabys."
Hermine spürte plötzlich den Verlust, den Ginnys Weggehen in ihr hervorrufen würde. Und sie spürte tiefe Scham, weil sie ihre Freundin in letzter Zeit viel zu sehr vernachlässigt hatte. Immer wieder war die Initiative von Ginny ausgegangen, dass sie sich zumindest alle paar Tage für kurze Zeit trafen. Auch dass sie in Ginnys Wohnung saß, und einen Cappuccino mit ihr trank, war nur Ginnys hartnäckiger Eule zu verdanken, die Weisung gehabt hatte, nicht ohne ein Einverständnis seitens Hermine zu ihrer Herrin zurück zu kehren.
Es war so selbstverständlich gewesen, dass Ginny immer erreichbar gewesen war, dass Hermine sich viel zu selten die Mühe gemacht hatte, sich mit ihr in Kontakt zu setzen. Und nun ging sie weg, und es klang nicht so, als käme sie in absehbarer Zeit wieder.
"Alles in Ordnung?", erkundigte sich Ginny besorgt.
"Nein, nichts ist in Ordnung", brachte Hermine erstickt hervor.
Ehe sie es zu verhindern wusste, traten ihr Tränen in die Augen.
"Was ist denn los? Hermine, ich bin doch nicht aus der Welt. Wir können uns ab und an sehen. Nur nicht so häufig wie bisher, aber ich hatte ohnehin den Eindruck, dass ich dir manchmal zu aufdringlich war."
"Es tut mir leid, Ginny. Ich war in letzter Zeit eine schreckliche Freundin. Es gibt da so viele andere Dinge, die so hässlich sind, die aber die erste Rolle in meinem Leben spielen müssen. Ich möchte das alles nicht, aber ich möchte auch nicht tatenlos zusehen, wenn ich doch dabei helfen kann, den Lord zu besiegen."
"Und du Snape dabei nahe sein kannst", erinnerte Ginny sanft.
"Er möchte unsere Beziehung eigentlich beendet wissen", sagte Hermine und konnte nicht verhindern, dass sich die Tränen nun endgültig Bahn brachen.
"Dieser Idiot", erwiderte Ginny mit einem Lächeln.
Ginnys knappe Antwort brachte Hermine zum Lachen.
"Es ist alles so viel komplizierter, Ginny. Eines Tages werde ich dir alles erzählen. Aber so lange..."
"So lange wirst du still leiden. Ich verstehe das, Hermine...ich finde es nicht gut, aber ich verstehe es. Siehst du, das ist einer der Gründe, warum ich Charlies und Rons Angebot annehme...der Orden hat keine Aufgabe für mich. Ich werde nicht einmal in die Dinge eingeweiht. Ich bin es leid, zu warten."
Hermine nickte verstehend. Ginny hatte wahrscheinlich die weiseste Entscheidung getroffen, die es zu treffen gab, indem sie dem Orden den Rücken kehrte und ein neues Leben begann.
Sie freute sich für sie, trotzdem lastete der Verlust der Freundin schwer auf Hermine.
Die Prophezeiung kam ihr plötzlich in den Sinn, und sie fragte sich unwillkürlich, ob es vielleicht das letzte mal wäre, dass sie Ginny von Angesicht zu Angesicht gegenüber saß. Vermutlich würde es niemals dazu kommen, dass sie Ginny von all dem erzählen konnte, was sie derzeit quälte.
Und mit grimmiger Entschlossenheit schwor sie sich, die drohende Zukunft zu verändern. Es musste einen Weg geben. Doch gleichzeitig spürte sie, dass dieser Weg sie niemals von Severus forttreiben dürfte.
Sie würde erneut mit ihm reden, denn nie zuvor hatte sie sich ihm so verbunden gefühlt.
Dinge, die sie Ginny niemals gewagt hätte zu erzählen, schossen ihr durch den Kopf.
Ihre wachsende Erregung, wenn Severus sie schlug, war wohl kaum ein Thema, dem Ginny noch mit leuchtenden Augen gefolgt wäre. Sie spekulierte darüber, dass Severus animalischen Sex bevorzugte, doch wie extrem er veranlagt war, hätte die Phantasie der Freundin wohl gesprengt. Hermine war sich sicher, dass Ginny sie für verrückt erklärt hätte, wenn sie auch nur einen Bruchteil davon wüsste, was Hermine schon hatte über sich ergehen lassen. Wenn sie ihr dann noch erzählt hätte, dass sie Lust daraus zog, wäre Ginny wohl in helles Entsetzen ausgebrochen.
Bilder zogen durch ihren Geist, wie Severus sie bei ihrem ersten intimen Kontakt behandelt hatte. Wie er sie gezwungen hatte, sich zu präsentieren, obwohl die erste Lust bereits verflogen war. Wie er sie ins kalte Wasser gelockt hatte, indem er ihr gedroht hatte, für den Fall, dass sie sich widersetzte. Wie er sie in dem Glauben gelassen hatte, Filch würde sie vergewaltigen. Und schließlich sogar die Schläge, von denen er nicht leugnen konnte, dass sie ihn erregt hatten. So entsetzlich sich das alles bei nüchterner Betrachtung anhörte, so sehr hatte es sie dazu gebracht, sich ihm hinzugeben und seine Neigung zu genießen, als seien sie von der Natur aus genau dazu auserkoren, zueinander zu finden.
Severus hatte Angst, dass diese Neigungen sie das Leben kosten würden. Doch genau das war der Punkt, in dem sie nicht mit ihm übereinstimmte. Was immer es auch war, dass ihr Leben beenden würde, hatte sicherlich nichts mit ihm direkt zu tun. Vielleicht war ihr Schicksal in dem Moment besiegelt worden, in dem er angefangen hatte, sie für ihren Ordenseinsatz zu unterrichten. Und vielleicht würde gerade dieser Unterricht sie letztendlich sogar retten können.
All diese Gedanken gingen Hermine durch den Kopf, während sie später allein in ihrer Wohnung saß.
Und plötzlich hielt sie es nicht mehr aus. Ginnys Ankündigung fortzugehen; das Gespräch mit Grant, der unberechenbar wurde - all das türmte sich zu einem unüberwindlichen emotionalen Berg, den sie selbst nicht mehr überblicken konnte. Sie wusste, dass ihr Körper nach einer Entspannung gierte, die nur Severus ihr würde zuteil werden lassen können. Und sie ahnte, dass er sich dagegen sträuben würde.
Doch was hatte sie zu verlieren?
Und so wählte sie ein paar Teile aus ihrem Kleiderschrank die sie lange nicht getragen hatte. Sie musste sie, mittels einiger Zauber etwas verändern und schlüpfte schließlich zufrieden hinein. Dann warf sie sich den Umhang über und atmete tief durch.
Mit einem leisen Plopp disapparierte sie schließlich.
tbc
