Hallo liebe Reviewer!

Ich gestehe, dass ich euch zum letzten Chap nicht geantwortet habe...dies geschah aus dem Grunde heraus, weil ich euch die Antworten, auf eure zahlreichen Fragen, gerne so schnell wie es mir möglich war, in diesem Kapitel geben wollte.

Erstaunlicherweise werden hier jedoch auch wieder neue Fragen aufgeworfen - wer hätte damit gerechnet:D

Und spätestens hier dürfte klar werden, dass diese Geschichte noch lange nicht zu ende ist...wie immer freue ich mich darüber, von euch zu hören, um zu wissen, ob ihr mir noch folgen mögt.

Es werden in den nächsten Kapiteln noch viele Erklärungen folgen, zum Beispiel noch Näheres über Severus' Zauber. Doch dazu kommen wir später, erst einmal wünsche ich gute Unterhaltung mit diesem Kapitel.

Liebe Grüße,

Kira

56. Kapitel

Dem Fremden so nah - dem Nahen so fremd

Hermine versuchte in seinen Augen irgendeine Emotion zu erkennen. Das waren die Augen ihres ehemaligen Lehrers, der in einer anderen Realität so viel mehr für sie gewesen war. Und nun verschränkte er die Arme vor der Brust, lehnte sich ein Stück zurück, als wolle er die Distanz zwischen ihnen hervorheben und sagte mit ungeduldiger Stimme.

"Es wäre gut, wenn wir deine Fragen zügig klären könnten. Ich möchte, dass du so schnell wie möglich meine Wohnung verlässt. Also bitte beginne, damit wir die Dinge klären können, die dir unumgänglich scheinen. Hiernach wird es kein weiteres Zusammentreffen mehr geben - weder von deiner, noch von meiner Seite aus," sagte er bestimmt.

Sie hörte seine Worte, doch sie konnte sie gedanklich kaum fassen.

Er versuchte das alles zu regeln...versuchte es zu einem Kurzzeitproblem zu machen...versuchte sie wie jemanden zu behandeln, den er nichts anging.

"Wir haben uns geliebt", brachte sie hervor und war selbst überrascht, dass es ausgerechnet diese Feststellung war, die sie nun aussprach, statt eine der Tausenden von Fragen, die ihr drängend im Kopf umherschwirrten,

"In einer anderen Zeitebene. Unter anderen Umständen. In einer Realität, die es nie gab", erklärte er knapp.

"Dann gab es unsere Liebe also nie? Wir haben den Tod überwunden...für was? Dafür, dass das alles nie existierte?"

Er nickte stoisch mit dem Kopf und für einen Moment konnte sie erkennen, dass er sie am liebsten sofort fortschicken würde. Doch noch schlimmer war die Ruhe, die er danach ganz bemüht an den Tag legte, offenbar in der Hoffnung, dass er damit bald seine Schuldigkeit getan hätte und sie endgültig gehen würde.

Seine Stimme klang äußerst beherrscht, als er sagte: "Du hast die Zeit manipuliert - wir leben seit einigen Wochen parallel zu der Zeit, die du eben gesehen hast. Einen großen Teil dieser Zeit hast du im Koma gelegen, während ich mein Leben hier auf Hogwarts verbrachte...ohne einen Gedanken an dich. Ja, diese Vergangenheit existiert nicht."

Hermine biss sich auf die Unterlippe und versuchte dem inneren Schmerz Herr zu werden. "Was ist mit unserem Kind? Nathaniel. Was ist mit ihm?"

"Es hat nie einen Nathaniel gegeben. Weil es nie ein 'uns' gegeben hat. Das Kind ist nicht gestorben, es wurde nie gezeugt."

Tränen traten in Hermines Augen. Er sagte das so bestimmt, so ohne Gefühl, dass ihr beinahe das Herz brach.

"Dein Zauber...erkläre ihn mir. Du hast gesagt, dass du mich dazu gebracht hast, Harry zu lieben. Severus...ich liebe Harry nicht. Ich bin mit ihm verheiratet...aber ich liebe ihn nicht."

Zum ernsten mal sah sie eine Regung auf seinem Gesicht. Ein kaum wahrzunehmendes Bedauern, das seine Züge überschattete.

"Du wirst lernen ihn zu lieben. Ich stehe tief in seiner Schuld und ich weiß, dass wir ihm vollkommen vertrauen können. Er war der einzige, der von all dem wusste. Er hat meinen Zauber empfangen - freiwillig, wie ich wohl betonen sollte - um dich zu schützen. Er liebt dich und du empfindest ebenfalls etwas für ihn. Er war die beste Option und er war deine Rettung. Ich rechne es ihm hoch an, dass er den Mund hielt und keinen von uns einweihte, obwohl es anders lief, als ich dachte. Dass wir nun doch die Wahrheit herausbekommen haben, ist nur darauf zu begründen, dass ich zu geschwächt war, den Zauber anständig zu ende zu bringen. Wäre mir dies gelungen, dann hättest du keine Träume gehabt, und ich wäre ebenfalls völlig ahnungslos, dass es etwas gab, das uns verband. Doch das ich noch lebe, ist ohnehin nur auf deinen Einsatz des Zeitumkehrers begründet. Wir haben es hier mit einem Zauber von meiner Seite zu tun, der deine Erinnerungen auslöschen sollte, sowie mit einer Umkehrung der Zeit von deiner Seite aus, was uns in ein Paradoxon geführt hat. Doch wie auch immer wir die Sache drehen und wenden, nun...wir sind beide am leben, und wir gehen beide getrennte Wege. Es gibt nichts weiter dazu zu sagen."

"Nichts weiter dazu zu sagen?", wiederholte sie ungläubig. Hermine versuchte ihre Wut hinunterzuschlucken, da sie wusste, dass sie nicht hilfreich sein würde.

Sie versuchte logisch zu denken und ihre Gefühle zur Seite zu schieben, denn es gab so vieles, das rein auf Verstand basierend geklärt werden musste. Beinahe kam es ihr so vor, als würde sie gerade die letzte Prüfung ablegen, um die sie ihn in der anderen Realität gebeten hatte. Sie bemühte sich, auch unter diesem großen Schmerz und der Angst, ihn für immer zu verlieren, logisch zu denken, und ihre Stimme klang ebenfalls bemüht ruhig, als sie jetzt sprach.

"Charles Grant...er arbeitet mit Harry zusammen. Er war vor ein paar Tagen in unserer Wohnung! Er nennt sich jetzt Wilbur Haines. Warum hat er einen anderen Namen angenommen?"

Severus Augenbrauen zogen sich für einen Moment zusammen, ehe er sich entspannte und ruhig erwiderte: "Charles Grants Vergangenheit und Zukunft wurden ebenfalls neu gemischt. Entweder gibt es einen logischen Grund, warum er jetzt unter andrem Namen agiert, oder du verwechselst ihn schlicht. Hermine...versteh doch...alles was du erlebt hast, ist nie passiert! Was willst du? Willst du den Mann für etwas zur Verantwortung ziehen, das er nie tat?"

Hermine wurde übel bei dem Gedanken daran, dass Severus Recht hatte. Charles Grant...Wilbur Haines, hatte nie Hand an sie gelegt. Er hatte sich lediglich völlig unpassend in ihre Angelegenheiten eingemischt, als er gesagt hatte, dass sein Onkel vielleicht dafür sorgen könnte, ihre Narben zu beseitigen, damit sie nicht mehr so schlimm aussähen. Sie konnte auch jetzt noch die Wut darüber empfinden, die seine Worte bei ihr ausgelöst hatten. Sie hatte nicht gewollt, dass er sich auch nur irgendwie in ihre Angelegenheiten einmischte, und nun wurde ihr klar, dass sie auch in dieser Situation unbewusst schon von ihrer gemeinsamen Vergangenheit beeinflusst worden war. Sie spürte, dass immer noch Gefahr von diesem Mann ausging und wusste doch nicht, ob es nur den eben gesehenen Bildern entsprang. Sie musste es Severus irgendwie begreiflich machen, auch wenn sie selbst gar nicht genau wusste, WAS es eigentlich war, was er verstehen sollte.

"Er hat mir sogar einen angeblichen Onkel - einen Medimagier - ins Krankenhaus geschickt, als ich im Koma lag. Glaubst du wirklich, das alles ist nur ein Zufall?", fragte sie bemüht ruhig.

Nun zogen Severus' Augenbrauen sich für längere Zeit zusammen, doch als er sprach, klang seine Stimme entschieden.

"Die Erinnerungen in deinem Kopf hätten niemals wieder an die Oberfläche gelangen dürfen. Es ist nie geschehen, was du dort mit dir herumträgst. Ich werde es besser entfernen, bevor du diesen Raum verlässt. Es ist nur zu deinem Schutz, und es ist der letzte Schritt in die Normalität."

"Ich will keine Normalität - ich will dich!", stieß sie so unvermittelt aus, dass Severus tatsächlich für einen winzigen Moment seine Kontrolle verlor und ein schmerzvoller Ausdruck auf seinem Gesicht lag.

"Du willst also mich?", fragte er schließlich gefährlich leise. Und seine Stimme klang nun erbarmungslos: "Selbst wenn diese andere Realität eine Option wäre - was sie nicht ist - dann wäre alles, was zwischen uns war, Sex, Gewalt, Gier, Zwang und Unterwerfung. Was glaubst du eigentlich, warum ich Potter anflehte, den Zauber auf sich zu nehmen? Er kann dir etwas anderes als das bieten, was ich dir gab...gegeben hätte, WENN diese Vergangenheit existieren würde. Merlin sei dank, existiert sie jedoch nicht! Ich schulde dir nichts und du mir ebensowenig. Wir haben nichts miteinander zu tun, außer dass ich einst dein Lehrer war, und du meine Schülerin. Es wird jetzt Zeit, dass du zu deinem Mann zurückkehrst."

Hermine starrte ihn an und verfluchte sich selbst für die Tränen, die ihre Kehle schmerzhaft zusammenzogen.

Er wollte, dass sie zu Harry zurückging - er hatte ihr dieses Versprechen schon abringen wollen, bevor sie in ihre Erinnerungen eingetaucht waren. Nun verstand sie, warum es ihm so wichtig war - er selbst hatte diese Entscheidung getroffen - er hatte entschieden, wen sie statt seiner lieben sollte. In ihren Gedanken tauchte das Bild auf, wie er vor ihren Augen zu Tode geprügelt wurde. Sie sah ihn in den regennassen Himmel blicken, die Augen ungeschützt den Regentropfen ausgeliefert, doch diese hatten ihm nichts mehr anhaben können, denn er war tot gewesen..Tot!

Und sie begriff, dass er sie nun wie einen dieser Regentropfen behandeln wollte. Er WOLLTE, dass sie ihm nichts mehr anhaben konnte - mit dem einzigen Unterschied, dass er nicht tot war, sondern ihr direkt gegenüber saß.

"Ich verstehe nicht, warum Harry immer noch im Ministerium arbeitet. Warum ist er immer noch dort, wo doch Voldemort besiegt ist?", fragte Hermine, nun wieder auf sachliche Dinge konzentriert.

"Diese Frage solltest du ihm vielleicht besser selbst stellen", sagte Severus und Hermine sah, wie er zu seinem Zauberstab griff. "Können wir?", fragte er ohne sie anzusehen.

Sie schüttelte den Kopf, in der Gewissheit, dass er sie dann ansehen musste.

"Ich möchte nicht vergessen was war."

"Es war nichts! Diese Dinge sind nie geschehen."

Hermine atmete tief durch, als sie nun endlich in seine Augen blicken konnte.

"Mein..Unfall..er hängt mit all dem zusammen, und er HAT stattgefunden. Die Narben, die meinen Körper zeichnen...kannst du sie vergessen machen, wenn ich dir nun gestatte, mir die Erinnerungen erneut zu nehmen?"

"Nein, das kann ich nicht", erwiderte er und schüttelte leicht den Kopf, "es tut mir leid", fügte er an.

"Ja, dir taten stets die Wunden leid, die du mir nicht eigenhändig zugefügt hast", sagte Hermine und ließ ihn nicht aus den Augen.

Sein Blick verfinsterte sich und seine Stimme klang rau: "Ein Grund mehr für dich zu gehen, Hermine."

"Was macht es so unerträglich für dich, die Wunden zu sehen, die mir jemand anderes schlug? Warum kannst du aber mit denen leben, die du selbst verursacht hast? Bitte antworte mir auf die Frage, denn wir beide wissen, dass die Vergangenheit nie stattgefunden hat, und auch mein Training nicht - ebensowenig wie unsere gemeinsamen Liebesspiele. Doch tun wir für einen Moment so, als hätte all das stattgefunden, meinst du nicht auch, dass du mir dann dafür eine Erklärung schuldig wärst?"

Sie sah, wie alles an ihm einen ärgerlichen Ausdruck annahm, Er fühlte sich in die Ecke gedrängt, und der Zauberstab in seinen Händen wurde von ihm so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten. Seine Stimme klang gepresst und drückte seinen absoluten Widerwillen aus, ihr Antwort zu geben.

"Weil ich stets das Gefühl hatte, dir auch etwas zu geben, wenn ich dich verletzte. Beim Training vermittelte ich dir das nötige Wissen und machte dich hart...vielleicht ZU hart. Und wenn wir Sex hatten, so hatte ich immer das Gefühl, dass du es genießt, wenn ich diese Dinge mit dir tat. Aber ich habe mich ebenso bemüht, sie stets wieder ungeschehen zu machen, soweit mir dies möglich war."

"Und das ist auch jetzt dein größter Wunsch, nicht wahr? Du möchtest das alles ungeschehen machen. Du hast Angst vor dir selbst, Severus Snape. Du glaubst, dass du mir wieder weh tun könntest, und dass es dir Vergnügen bereiten könnte."

"Ich will, dass du jetzt gehst!"

"Du hattest Angst, dass dir die Situation entgleitet - du wolltest die Trennung zwischen uns, und als die Schläger über dich herfielen, stand dein Schicksal für dich fest. Hast du geglaubt, es nicht besser verdient zu haben? Was wäre geschehen, wenn diese Schweine dich nicht getötet hätten? Du hast den Zauber Harry schon vorher abverlangt...du wolltest, dass ich aufhöre dich zu lieben. War das dein Plan? SAG MIR, OB DAS DEIN PLAN WAR?"

Einen Moment sah er sie nur an, dann senkte er den Blick.

"Harry wäre ein guter Vater für dieses Kind geworden. Er ist ein guter Mann für dich und ihr könnt glücklich werden.'"

Hermine schluckte und spürte wie ihre Kehle zu trocken war, um noch ein Wort hinauszubekommen.

Statt dessen fuhr er sanfter fort: "Hermine...ich kann dich von all dem befreien. Von deinen Erinnerungen an deine Arbeit für den Orden...von deinen Erinnerungen an uns. Du bist eine verheiratete Frau. Harry hat eine Chance verdient, meinst du nicht auch?"

Hermine spürte, wie ihr die Tränen in die Augen traten und damit endlich wieder ihre Kehle freigaben.

"Er will kein Kind", brachte sie hervor.

Nun war es Severus, der schluckte, und seine Stimme war beinahe nur ein Flüstern: "Er weiß um deinen Verlust, vergiss das nicht. Ich denke, er möchte euch nur Zeit geben. Du wirst glücklich werden Hermine, glaube mir!"

"Du sagst er weiß um meinen Verlust - was ist mit dir, Severus? Verspürst du den Verlust? Ich weiß, wie sehr du dich auf dieses Kind gefreut hast."

"Ich wusste immer, dass es mir nicht bestimmt sein würde, ein Kind zu haben. Für mich hat sich nichts geändert."

Hermine sah die Verbissenheit, mit der er dies sagte und erwiderte mit einem traurigen Lächeln: "Ich hätte es gerne gesehen, wie du unser Kind in den Armen wiegst. Aber du hast recht, sein Verlust ändert nichts...Voldemort ist besiegt und Nathaniel ist nicht der große Erlöser, sondern Harry, so wie es seine Prophezeiung vorhersagte."

Severus erwiderte nichts, sondern blickte stumm auf seinen Zauberstab.

"Du musst jetzt gehen", sagte er dann bestimmt.

"Glaubst du wirklich, wir haben schon alles geklärt?"

Er stand auf und blickte sie finster an.

"Auch wenn das nicht der Fall sein sollte, so muss ICH jetzt gehen."

"Gehen? Wo gehst du hin?", fragte sie unwillkürlich.

Ein Schnauben seinerseits zeigte ihr, wie unwillkommen ihre Frage war.

Zu ihrem großen Erstaunen gab er dennoch Antwort.

"Ich muss in den Jungenschlafsaal der Slytherins. Es ist möglich, dass heute der Tag ist, an dem McNeil, Robert und Wilson Mira Hayes dort hinbringen. Ich habe nur den Wochentag als Anhaltspunkt, und die ungefähre Uhrzeit, als ich das letzte mal dort war; aber wenn es nötig ist, werde ich jede Woche dort aufkreuzen und das früher als beim letzten mal."

Hermine schickte ihm ein scheues Lächeln, als sie sagte: "Dann sollte ich jetzt wohl wirklich besser gehen."

Er nickte lediglich und hob seinen Zauberstab.

"Nein!", sagte sie und hielt seine Hand fest, "nein Severus...ich werde mit dieser nicht existierenden Realität leben...du hast mich immer stark sehen wollen...schwäche mich nicht auf diese Art."

"Ich möchte nur, dass du glücklich leben kannst."

"Das weiß ich...ich werde dich nicht mehr aufsuchen, das verspreche ich dir. Sollte ich mein Versprechen brechen, so steht es dir frei, meine Erinnerungen zu löschen - können wir uns darauf einigen?"

"Ja", sagte er rau und wies ihr die Tür. Hermine sah ihm noch einmal in die Augen, ehe sie ging. Sie suchte nach einer Schwachstelle und sie fand eine - doch es war die einzige, die sie nicht nutzen konnte, denn es war die, dass er nur ihr Bestes wollte, und dafür sich selbst als nicht fähig genug ansah.

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"Ich bin hier", rief Harry aus der Küche und der Duft von gebratenem Speck erfüllte die ganze Wohnung. Hermine brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass er schon zu hause sein würde.

Sie ging in die Küche und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Harry hantierte mit der Pfanne, in der das heiße Fett spritzte.

"Sagtest du nicht, dass du heute erst spät nach hause kommen würdest?", fragte Hermine wie beiläufig.

Harry hob den Speck auf einen Teller und verbrannte sich dabei am Rand der Pfanne. "Au, verdammt - ich dachte, es freut dich, wenn ich früher hier bin. Aber offensichtlich warst du beschäftigt. Wo warst du?"

Hermine sah auf seine Hand, die er umklammert hielt, nahm sie und drehte das kalte Wasser auf, um sie dann darunter zu halten. Harry ließ sie bei all dem nicht aus dem Blick.

"Ich war auf Hogwarts", sagte Hermine leise, dann fügte sie an: "Ich war bei Professor Snape."

"Bei Professor Snape?", echote Harry ebenso leise.

"Ja...bei Severus", erwiderte Hermine und schwieg.

Harry entzog ihr seine Hand und wischte sie an seinem Hosenbein trocken.

"Und über was habt ihr gesprochen?", fragte er bemüht ruhig.

Hermine schluckte und sah sich kurz in der Küche um. Schließlich entschied sie sich jedoch, Harry in die Augen sehen zu wollen, bei dem, was sie ihm nun sagen musste.

"Wir haben die Erinnerungen gefunden, die in meinem Kopf versiegelt waren. Unsere gemeinsame Vergangenheit."

"Warum? WARUM habt ihr das getan?", fragte Harry und sah sie zornig an.

"Es war keine Absicht, Harry. Ich hatte diese Träume...und Severus spielte immer wieder eine Rolle darin. Ich wollte wissen, was sich dahinter verbirgt...und er wollte das auch. Wir wussten doch beide nicht, was wir dort zu sehen bekommen."

"Na, dann habt ihr jetzt wohl genug gesehen...verdammt, diese ganze Scheiße...ich hätte mich nie darauf einlassen dürfen!"

Hermine sah wie wütend ihn das alles machte, und sie verstand ihn.

"Es tut mir leid, Harry. Ich wusste nur, dass ich endlich Klarheit brauchte, verstehst du das nicht?"

"Doch, natürlich! Hermine Granger brauchte schon von jeher Klarheit - egal, ob sie damit jemanden verletzt, oder nicht!"

"Harry, ich wollte dich doch nicht verletzen! Da war nur so vieles ungeklärt."

"Und, habt ihr jetzt alles geklärt? Kann Harry Potter jetzt wieder seinen Job übernehmen und dir den Ehemann mimen?"

Hermine hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund, als er ihr diese Worte entgegenschleuderte.

Er schloss für einen Moment die Augen, dann strich er sich wütend das Haar zurück, und atmete schließlich tief durch.

"Es tut mir leid, Hermine. Ich habe es nicht so gemeint. Ich liebe dich. Ich habe diesen Zauber nur aus diesem Grunde auf mich genommen...aber ich weiß auch, dass du mich nicht liebst."

"Woher willst du das wissen, Harry?", fragte Hermine wie betäubt.

Seine Antwort klang bitter: "Weil du IHN liebst...und weil ein Mensch wie du entweder ganz liebt, oder gar nicht."

Hermine konnte darauf nicht antworten. Sie wollte Harry nicht weh tun, doch belügen wollte sie ihn auch nicht, also schwieg sie.

Harry sah es als Bestätigung und schnaubte enttäuscht.

"Als er mich bat, den Zauber entgegenzunehmen, da tat ich es, weil ich glaubte, dass ich dich wirklich glücklich machen könnte. Ich hätte sein Kind wie meines großgezogen, für den Fall, dass ihm etwas zustößt, das versprach ich Snape. Doch dann wurdest du angefahren, und die Zeit wurde manipuliert. Ihr alle wurdet manipuliert, nur mich schützte sein Zauber, und ich stand da, war an meinen Eid gebunden und Snape lebte noch. Was willst du von mir hören, dass es einfacher gewesen wäre, wenn er tot wäre? Soll ich es zugeben? Ja, es wäre einfacher! Ich habe jeden Tag mit der Angst gelebt, dass du herausfinden wirst, dass es nur ein lächerlicher Zauber ist, der dich an mich bindet. Bei Merlin, ich habe sogar darauf bestanden, nach Hogwarts zu gehen, damit du ihm begegnest und ich sicher sein kann, dass er von nichts mehr weiß, damit ich meine Angst einfach abwerfen kann. Snape schien sich an nichts zu erinnern, denn seine Boshaftigkeit mir gegenüber war unverändert - da war kein Wort im Vertrauen, kein Blick einer stillen Übereinkunft. Er wusste von nichts! Alles hätte gut sein können. Und dann hast du ein paar Albträume, suchst ihn auf und das ganze Kartenhaus bricht zusammen. Verdammt! Was wird jetzt Hermine? Wann gehst du zu ihm zurück?"

"Ich kann nicht zu ihm zurück", erwiderte Hermine schwach, "er will mich nicht mehr. Er möchte, dass ich bei dir bleibe."

"Wie gnädig von ihm", höhnte Harry.

Hermine spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. "Er steht zu dem, was er von dir gefordert hat."

"Und wenn er mit den Fingern schnippen würde, dann würdest du in seine Arme zurückkehren, ist es nicht so, Hermine?"

Sie biss sich auf die Unterlippe und schwieg.

"Keine Antwort ist auch eine Antwort", blaffte Harry und verließ die Küche mit großen Schritten. Die Wohnungstür fiel nur wenige Sekunden später ins Schloss. Hermine ließ sich auf den Küchenfußboden sinken und verbarg ihr Gesicht in den Händen, als sie zu weinen begann - erst leise, dann immer lauter, bis sie schließlich nur noch schluchzte. Und immer wieder hörte sie Severus' eigenartige Worte in ihrem Kopf: 'Das Herz vergisst nicht.'

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Die Dämmerung brach bereits herein, als Harry zurückkehrte. Er ging - einer inneren Eingebung folgend - direkt in die Küche. Dort fand er Hermine immer noch auf dem Boden kauernd vor. Mit einem Seufzen ließ er sich neben ihr nieder und zog sie in seine Arme. Er murmelte leise Worte, als er sie zu wiegen begann.

"Ich werfe dir nicht vor, dass du ergründen musstest was geschehen ist. Ich werfe euch nicht vor, dass ihr euch geliebt habt - bei Merlin, wie könnte ich euch das auch vorwerfen? Aber was ich wissen muss, ist, ob ihr euch jetzt noch liebt. Liebst du ihn, Hermine?"

Als sie nicht antwortete, sagte Harry mit dunkler Stimme: "Die gläsernen Anhänger, die Professor Dumbledore uns geschenkt hat...er sagte, er hätte sie bereits vor Monaten in Auftrag gegeben, aber das kann nicht sein, und er hat uns diese Anhänger nur aus einem einzigen Grund zukommen lassen. Er spürte wohl, dass etwas mit unserer Verbindung nicht stimmte. Ich bin mir sicher, dass er darauf wartet, dass einer von uns zu ihm geht, um ihn danach zu befragen."

"Nach was zu fragen?", erwiderte Hermine verwirrt.

"Warum einer der Anhänger scheinbar nicht funktioniert. Die Dinger funktionieren nämlich nur, wenn sie von einem Paar getragen werden, das sich tatsächlich auch liebt. Und rate mal, was mein Anhänger mir von deiner Liebe mitgeteilt hat."

Hermine sah ihn fragend an.

"Nichts", erwiderte Harry schlicht.

"Aber meiner hat mir etwas angezeigt. Dein Begehren und deine Wärme."

Harry lachte verbittert auf.

"Ich empfinde Wärme für dich, und ich begehre dich - aber das Gefühl beruht nicht auf Gegenseitigkeit. Als er sie uns gab, da bezweckte er damit etwas, ich bin mir dessen sicher. Ich wette, er hoffte darauf, dass wir unsere Beziehung hinterfragen."

"Aber warum sollte er das tun? Harry, warum sollte ausgerechnet Dumbledore uns auseinander bringen wollen?"

"Wegen Nathaniel", antwortete Harry leise.

Hermine riss die Augen auf und blickte ihren Mann schockiert an.

"Wie meinst du das? Nathaniel hat es nie gegeben - und es wird ihn nie geben."

"Nein, nicht solange du mit mir verheiratet bist. Ich bin nicht der Vater dieses Kindes aus der Prophezeiung. Doch wenn wir getrennt sind...wenn du wieder mit Severus zusammen wärst..."

"Aber wieso? Was soll das alles? Nathaniel ist für die Geschichte nicht mehr von Belang. Der Lord ist besiegt, du selbst hast ihn vernichtet..."

"Hermine...Hermine...hör mir zu! Das alles ist eine Lüge. Der Lord ist nicht vernichtet. Was glaubst du, warum ich immer noch im Ministerium bin? Was glaubst du, warum ich dort so hart arbeite? Ich habe dir nur diese Lüge erzählt, um dich zu schonen. Ich wollte um jeden Preis verhindern, dass du erneut mit dem Orden Kontakt aufnimmst...oder dich wieder in Gefahr bringst. Nur deshalb machte ich dich glauben, dass Voldemort besiegt sei. Ich habe damit nicht gerade in Dumbledores Sinne gehandelt. Daher wollte ich, dass er dich sieht - dass er sich selbst davon überzeugt, wie schlecht es dir geht. Aber er sieht in dir immer noch die große Retterin. Nathaniel spielt eine Rolle in vielen Prophezeiungen. So wohl auch in seiner eigenen. Ich weiß, dass er nach dem einen sucht, den du liebst...er weiß, dass ich es nicht bin, sonst hätte er uns nicht diesem Test unterzogen - aber ich bezweifle, dass er weiß, dass Snape es ist."

"Voldemort lebt? Er hat immer noch Macht?"

"Ja, er hat ein ganzes Heer von Muggeln rekrutiert. Erst vorige Woche fanden wir gut zwei Dutzend tot in einem Waldstück auf. Sie waren alle frisch mit dem dunklen Mal gekennzeichnet und offensichtlich hatten sie sich selbst hingerichtet, indem sie sich die Bäuche aufschlitzten. In einigen fanden wir zusammengerollte Schlangen, andere waren einfach nur verblutet um zu zeigen, dass sie zu allem bereit waren, was die höhere Macht von ihnen verlangte. Diese Opfer sind für Voldemort nicht weiter tragisch...er hat hunderte von Muggeln in seiner Gewalt - und es werden praktisch täglich mehr, die sich der dunklen Seite verschreiben. Sie glauben an überirdische Herrscher, die die Welt von allem Übel befreien werden, sie glauben an die Rache Gottes, der endlich mit den Gottlosen abrechnet...es gibt so viele unterschiedliche Gruppierungen, und sie gehören letztendlich allesamt zu Voldemort, ohne eigene Kenntnis, dass sie einem durchgeknallten Magier dienen, der die Zaubererwelt unterjochen will." Harry stockte einen Moment, als er Hermines Blick sah, dann fuhr er ernst fort: "Ich weiß nicht, wo das enden wird. Ich weiß nicht, wie wir das stoppen können. Im Moment weiß ich gar nichts mehr. Nur eines weiß ich ganz sicher, dass ich dich nicht verlieren möchte."

Hermine sah in seinen Augen, dass er ihre Nähe brauchte. Sie hätte so gerne noch das Gespräch auf Wilbur Haines gebracht, auf Charles Grant, doch sie wusste, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür war. Harry brauchte sie. So oft hatte er ihr seine Nähe gegeben, wenn sie angstvoll erwacht war, und sie konnte ihm die ihre nun unmöglich verwehren.

Sie ließ es zu, dass er ihr aufhalf, sie an sich zog und sein Gesicht in ihrer Halsbeuge vergrub. Hermine spürte, wie er sie küsste und sich an sie drängte. Sie bewegte sich unwillkürlich ein Stück von ihm weg. Sofort bedauerte sie diese Reaktion, als er den Kopf hob. Einen Moment lang blickte er sie scheinbar nur an, doch es geschah nicht liebevoll, sondern so, als wolle er um jeden Preis in sie hineinsehen. Seine Stimme klang vorwurfsvoll.

"Was ist es, was er dir gab, was ich dir offensichtlich nicht gebe? Rede mit mir...Hermine...ich möchte, dass du glücklich bist. Sag mir, was ich falsch mache."

Ein Tosen entstand in ihren Ohren, das ihre eigenen Gedanken übertönte. Sie fühlte sich plötzlich unendlich schwach und ließ sich auf einem der Küchenstühle nieder.

Harry setzte sich ihr gegenüber und sah sie besorgt an.

"Ich bin okay", sagte sie mit einem schwachen Lächeln.

Harry nickte lediglich, bevor er erneut das Thema aufgriff.

"Vielleicht ist die Küche der falsche Ort für dieses Gesprächsthema, aber im Bett konnten wir schließlich nie darüber reden, also versuchen wir es hier. Bitte Hermine...sag mir, was ich ändern soll."

Bilder schossen ihr durch den Kopf, die Hermine noch vor kurzem so lebhaft gezeigt hatten, auf welche Art Severus sie immer wieder in tiefe Abgründe geführt hatte, um sie daraus direkt den Gipfel der Lust erklimmen zu lassen. Abgründe, die sie Harry beim besten Willen nicht erklären wollte. Das, was sie mit Severus geteilt hatte, hatte sie mit dem Mann, mit dem sie verheiratet war, niemals geteilt - und der Gedanke, dass er auch nur versuchen könnte, sie in Situationen zu bringen, wie Severus es getan hatte, ließ eine solche Übelkeit in ihr aufsteigen, dass sie sie sofort bekämpfte, indem sie Harry als Protagonist dieser Begierden gedanklich weit von sich schob.

"Ich merke, dass es dir unangenehm ist. Gut, wenn du nicht mit mir reden kannst, dann werde ich IHN fragen. Er wollte schließlich, dass du glücklich wirst, dann wird er wohl über seinen Schatten springen können und mir erklären, was meine Frau anmacht!" Harry wurde langsam immer wütender und erhob sich von seinem Stuhl, stützte sich auf den Küchentisch und sah Hermine herausfordernd an.

"Es ist demütigend für mich, ihn fragen zu müssen, Hermine. Aber ich will, dass du glücklich wirst - ich will dich endlich befriedigen können, verdammt! Und daher werde ich ihn fragen. Weißt du, es hat einen Vorteil, dass ihr jetzt eingeweiht seid. Ich muss endlich nicht mehr allein gegen diese ganze Scheiße ankämpfen! Ich muss nicht mehr ständig Rücksicht nehmen. Deine Träume...du weißt nun wie der Unfall geschah...und jetzt fang endlich an, dein Leben zu leben!" Damit verließ er die Küche.

Ganz langsam ließ Hermine ihren Kopf auf die Tischplatte sinken. Ihre Stirn berührte das kühle Holz und sie schloss die Augen.

Sie sollte anfangen, ihr Leben zu leben. Was war denn ihr Leben? Alles was sie heute erfahren hatte, wirbelte durch ihre Gedanken - und was blieb, war Sehnsucht. Sehnsucht nach dem, was sie verloren hatte. Severus hatte sie befreit, und nun war sie gefangen. Sie hatte den Tod überlistet, und war nun von seinen Krallen für immer gezeichnet. Harry wollte sie lieben wie Severus, und würde damit ihren Hass heraufbeschwören.

Sie spürte, dass sie verrückt würde, wenn sie nicht sofort eine Entscheidung traf. Und noch im gleichen Moment entschied sie sich. Sie würde nach Hogwarts gehen. Doch diesmal wäre es nicht der Kerker, den sie mit klopfendem Herzen aufsuchen würde, sondern Dumbledors Büro.