Warnung: In diesem Kapitel spielt das Gemälde 'Der Übergang zur Hölle' eine wichtige Rolle. Bitte beachtet, dass es an Grausamkeit auch in dieser Wirklichkeitsebene nichts eingebüßt hat.
57. Kapitel
Wenn Licht in dunkle Ecken fällt
Eine Horde von Kindern tollte über die große Wiese vor dem Schloss. Ab und an flog ein Erinnermich durch die Luft, gefolgt von johlenden Rufen: "An was sollst du dich denn erinnern, Dannyboy? Na was denn? Muss Mami dich daran erinnern, dass du deine Socken wechseln sollst? Du stinkst!" Ein Junge mit wirrem Kraushaar und Tränen im Gesicht, versuchte die Kugel zu fangen, doch sie wechselte erneut den Besitzer und der Fänger rief wie ein langgezogenes Echo: "Du stiiiihiiiinkst!", bevor er die Kugel wieder einem anderen Jungen zuwarf, sich die Nase zuhielt und entsetzt rief: "Bei Merlin, das kommt nicht von seinen Socken - das ist seine Unterhose - ich glaube, er hat sich vor Angst in die Hose gemacht, das kleine Danny-Babylein!"
Hermine sah die Szene vom Weg aus.
Sie hatte gerade einen Fuß auf die Wiese gesetzt, als ein schwarzer Schatten sich vom Waldrand aus, mit großen Schritten auf die Meute zubewegte.
Ihr blieb beinahe das Herz stehen, als sie Severus in dieser Person erkannte. Sie zog den Fuß auf den Gehweg zurück, fast so, als könne sie sich dadurch verbrennen, wenn sie nur die gleiche Wiese wie er berührte.
Für einen Moment war sie sich der Unsinnigkeit dieses Gedanken bewusst, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder voll dem Geschehen zuwandte.
Severus bellte einen Namen, und gleich darauf warf der Junge, der gerade im Besitz des Erinnermichs war, ihm die Kugel zu.
Hermine vernahm ein paar weitere Worte, und erkannte, dass er die hänselnden Kinder ins Schloss zurückschickte - keine Strafarbeit, keine Rüge. Hermine seufzte innerlich.
Dann sah sie, wie er die Kugel einsteckte und das Flehen des Jungens namens Danny geflissentlich überhörte.
"Professor Snape, Sir...bitte...", rief dieser jetzt weinerlich, als Severus ihm den Rücken kehrte und auf das Schloss zusteuerte.
Für einen winzigen Moment schienen Severus' Bewegungen langsamer zu werden, als er Hermine erblickte, doch dann steuerte er mit schnellen Schritten direkt auf sie zu.
Sie spürte ein Prickeln in ihrem Nacken und redete sich ein, dass es nur ein kalter Windhauch sei, statt übertriebener Nervosität, die sein Auftritt ihr bescherte.
Um eben diese Unruhe zu überspielen, empfing sie ihn mit den Worten: "Warum gibst du ihm das Erinnermich nicht einfach zurück, wenn du die anderen schon nicht bestrafst?"
Er blieb etwa zwei Schritt vor ihr stehen und blickte sie kalt an. Seine Stimme klang herablassend, als er nun sprach.
"Wer sich auf der Verliererseite zu wohl fühlt, wird immer auf dieser Seite bleiben." Als würde das alles erklären, ging er an ihr vorbei und sagte im Weggehen: "Wie ich sehe, hast du deine Meinung geändert. Folge mir, dann bringen wir es schnell hinter uns."
Hermine brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass er glaubte, sie wäre gekommen, damit er ihre Erinnerungen löschte.
Sie holte tief Luft und konnte kaum fassen, wie wütend er sie damit machte.
"Ich bin nicht wegen dir hier!", rief sie ihm hinterher. Abrupt blieb er stehen und funkelte sie fragend an. Mit Genugtuung erkannte Hermine, dass er wohl das Gefühl hatte, sich eine Blöße gegeben zu haben und einen raschen Seitenblick zu Danny warf, der sich in gebührendem Abstand an seinem Lehrer vorbei Richtung Schlossportal schlich.
"Was willst du dann hier?", zischte er sie an.
Hermine atmete tief durch, dann sagte sie: "Ich habe etwas mit Professor Dumbledore zu besprechen."
Einen Moment lang starrte Severus sie an, um dann einen noch finsteren Gesichtsausdruck aufzusetzen. Erneut sah er sich um, dann zischte er: "Zuvor wirst du mich in den Kerker begleiten!"
Nun war es an Hermine, ihn anzustarren und nicht minder zischend erwiderte sie: "Warum sollte ich das wohl tun? Mir liegt nichts daran, dass du meine Gedanken gegen meinen Willen manipulierst."
Seine Kiefer pressten aufeinander und er rang augenscheinlich um einen weiterhin ruhigen Tonfall seiner Stimme.
"Ich muss mit dir reden, BEVOR du zu Dumbledore gehst. Hermine...ich muss wissen, was du ihm sagen willst!"
Sie taxierte ihn einen Moment lang, dann nickte sie bedächtig und sagte: "Ich kann verstehen, dass dich das nervös macht..."
"Nervös?", unterbrach er sie, ehe er leise sagte: "Das ist wohl kaum das richtige Wort. Du unterschätzt die ganze Sache."
"Und du unterschätzt mich, wenn du glaubst, dass ich nicht wüsste, wie ich die Sache angehe."
"Was willst du angehen? Verdammt, geh nach hause zu deinem Mann - geh dahin, wo du hingehörst und lebe dein Leben!"
"Was für ein Leben? Ein Leben, das du für mich gewählt hast? Weißt du was, Severus, geh doch und leb DU dieses Leben!"
Sich darüber bewusst, dass dies das vermutlich Dümmste war, das sie je von sich gegeben hatte, drängte Hermine sich an ihm vorbei und riss die Tür zum Schloss regelrecht auf.
"Ich kann nicht zulassen, dass du das tust...", hörte sie ihn murmeln, dann fügte er ein Wort an, und sie glaubte ihren Ohren nicht trauen zu können, doch schon im nächsten Moment war sie unfähig sich zu bewegen und sank kraftlos zur Erde nieder.
Sie spürte, wie er sie augenblicklich auf die Arme hob und versuchte die Augen offen zu halten, was ihr plötzlich unsäglich schwer fiel. Sie öffnete den Mund, doch kein Wort wollte über ihre Lippen kommen. Statt dessen spürte sie nur seine Wärme und sein so vertrauter Geruch durchströmte sie.
"Es geht dir gleich wieder besser", raunte er und stieß mit dem Fuß die Tür erneut auf, um mit Hermine hindurchzutreten. "Ist nur für ein paar Minuten, bis ich dich in den Kerker gebracht habe", fügte er dann an, scheinbar in der Hoffnung, dass es sie beruhigen würde, dass ihr derzeitiger Zustand nicht lange anhalten würde.
Hermine bemerkte einen leichten Schwindel und stöhnte leise, während sie sich an ihn krallte, um Halt bei ihm zu suchen, schließlich war sie auch dazu zu kraftlos und die Arme fielen ihr willenlos hinunter.
"Ist gleich vorbei", sagte er erneut.
Er ging raschen Schrittes, wobei er einige Schüler ignorierte, die ihn mit offenen Mündern anstarrten.
Er hatte beinahe die Treppe erreicht, die nach unten führte, als eine Stimme ihn aufhielt.
"Severus! Was ist mit Hermine?"
Er fluchte innerlich, doch er wusste, dass er keine andere Wahl hatte, also blieb er stehen und sah Minerva McGonagall direkt in die Augen.
"Sie ist ohnmächtig geworden. Ich habe sie vor dem Schlossportal aufgefangen."
"Wie umsichtig von dir", sagte Minerva ohne eine Miene zu verziehen, "und wie gut, dass du zufällig zur Stelle warst."
Er erwiderte nichts, sondern nickte vage.
"Wo wolltest du jetzt mit ihr hin?", fragte Minerva dann und machte sich keine Mühe einen misstrauischen Ton zu unterdrücken.
"Ich habe einige Tränke die ihr wieder auf die Beine helfen werden."
"Das bezweifle ich nicht, Severus, aber es wäre in jedem Fall besser, nicht nur die Symptome verschwinden zu lassen, sondern die Ursache für diese plötzliche Ohnmacht zu ergründen. Vielleicht handelt es sich dabei um frauliche Probleme. Sie gehört in den Krankenflügel!"
Kichern erklang hinter dem Rücken des Zaubertrankmeisters. Offensichtlich hatten einige Schüler das Gespräch belauscht und amüsierten sich gerade darüber, dass ihr sonst so furchteinflößender Lehrer mit einer jungen Frau auf den Armen dastand, die zudem frauliche Probleme hatte.
Minerva nahm es ihm ab, die Schüler zu maßregeln, indem sie sie mit strenger Miene fortschickte.
Hermine bekam all das mit, ohne dass sie in der Lage gewesen wäre, die Augen zu öffnen, oder gar zu sprechen. Der Schwindel ließ jedoch langsam nach und sie fühlte, wie Severus sie nun fester an sich drückte, als er Minerva zum Krankenflügel folgte.
Poppy zeigte sich kaum erstaunt über die unerwartete Patientin, sondern wies Severus mit knappen Worten an, wo er Hermine ablegen sollte, damit sie sie untersuchen könne.
Als Severus der Aufforderung nachkam, wurde Hermine bewusst, dass ihr Zustand sich rasend schnell zu ändern begann. Das bleierne Gefühl verschwand und sie fühlte, wie die Kraft sie wieder durchströmte. Gleichzeitig fühlte sie den Verlust von Severus Körpernähe so deutlich, dass sie ihn festhielt, als er einen Schritt zurücktreten wollte.
Poppys Stimme sprach sanft auf sie ein.
"Sie waren bewusstlos, mein Kind. Professor Snape hat sie hergebracht. Sie liegen sicher und können ihn nun wieder loslassen."
Langsam löste Hermine ihre Finger aus Severus Umhang und sah ihm einen Moment tief in die Augen. Seine Miene blieb ausdruckslos und sie begriff, dass er das Scheitern seines Planes zutiefst bedauerte.
Poppy hatte bereits damit begonnen, Hermine zu untersuchen. Minerva trat neben Severus und zwang ihn somit, einen Schritt beiseite zu treten, wenn er nicht Arm an Arm mit ihr stehenbleiben wollte.
Ihre ehemalige Hauslehrerin griff nach Hermines Hand und sagte leise: "Sie sind schon bald wieder auf den Beinen", dann lächelte sie mütterlich und wandte ihren Blick zu Poppy.
Die Medimagierin kreiste gerade mit ihrem Zauberstab über Hermines Unterleib.
"Haben Sie eine Ursache gefunden?", fragte Minerva.
Poppy schüttelte den Kopf. "Nein, bislang kann ich keine körperlichen Gründe finden."
"Oh", sagte Minerva und Hermine wunderte sich darüber, dass sie beinahe enttäuscht klang.
Als ihr dämmerte, dass die ältere Frau damit gerechnet hatte, dass Hermine vielleicht guter Hoffnung wäre, spürte sie einen tiefen Stich in ihrer Seele.
Sie fing Severus' Blick auf, der schwer auf ihr lag.
Poppy lenkte wieder seine Aufmerksamkeit auf sich, als sie Hermine nachdenklich fragte: "Und das geschah einfach so aus heiterem Himmel?"
"Ja...ich...", begann Hermine und räusperte sich, um Zeit zu gewinnen, "..ich habe manchmal Visionen von meinem Unfall, die recht blutig sind...mir ist einfach nur schlecht deswegen geworden...kein Grund zur Sorge...mir fehlt nichts."
Poppy schenkte ihr ein verständnisvolles Lächeln, dann sagte sie: "Organisch ist alles in Ordnung. Aber Sie sollten über dieses Erlebnis sprechen. Es ist nicht gut, über die Dinge zu schweigen, die einen geprägt haben und die uns innerlich quälen."
"Nein, das ist es wohl nicht", bestätigte Hermine und fixierte Severus' Augen.
"Dann kann ich mich darauf verlassen, dass Sie entsprechende Hilfe aufsuchen?", fragte die Medimagierin.
"Natürlich - ich werde alles aufarbeiten, was mich belastet."
Die Tür öffnete sich und Albus Dumbledore breitet seine Arme aus, als er den Raum betrat, als wolle er Hermine bereits auf diese Entfernung umarmen.
"Mein liebes Kind, ich hörte von Ihrem Zusammenbruch. Wie geht es Ihnen jetzt?"
"Gut, vielen Dank, Professor...ich denke, ich kann wieder aufstehen", fragend sah sie Poppy an, diese nickte zustimmend.
"Severus, Sie sind auch hier?", fragte der Direktor, während er zu den anderen getreten war und Hermine zur Begrüßung kurz an den Schultern berührte.
Der Zaubertrankmeister nickte lediglich und Minerva nahm es ihm ab, eine Erklärung abgeben zu müssen.
"Er hat Hermine aufgefangen...und sie hierher getragen."
Dumbledore schickte dem Dunkelhaarigen ein Lächeln, ehe er bedächtig sagte: "Was für ein Zufall, Severus."
Der Angesprochene stieß ein Schnauben aus und knurrte: "Ja, das war wohl ein glücklicher Umstand."
Dumbledore richtete seine Aufmerksamkeit nun wieder Hermine zu und fragte: "Was verschafft uns denn die Freude Ihres Besuches?"
Hermine versuchte Severus' glühenden Blick zu ignorieren und sagte: "Ich wollte zu Ihnen, Herr Professor."
Fast schien es ihr, als würde Severus ein Stück in sich zusammensacken, kaum, dass sie die Worte ausgesprochen hatte.
"Nun", erwiderte Dumbledore freundlich, "wenn Poppy Sie entlassen hat, dann wäre es mir eine Freude, wenn Sie mich in mein Büro begleiten."
"Das werde ich gerne tun, Professor Dumbledore", entgegnete Hermine ebenso freundlich. Ein eisiger Hauch streifte jedoch ihr Herz, als Severus sich abwandte und den Raum ohne ein weiteres Wort verließ.
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Leise Worte drangen zu ihm herüber, während er das Whiskyglas in seinen Händen drehte. Die Dunkelheit verbarg die raunenden Gestalten, die von Zeit zu Zeit in einen Singsang des kultivierten Schmerzes fielen. Wie ein Chor variierten sie ihr Schreien und Jammern zu einer Komposition der vollendeten Qual, so dass sie beinahe verlockend erschien.
Severus trank noch einen Schluck der goldenen Flüssigkeit und ließ sie sich langsam die Kehle hinabrinnen. Eine Frau stöhnte, als würde ein Liebhaber ihr die größten Freuden bereiten, doch durchtränkt wurde ihre Ekstase immer wieder von ihrem verzweifelten 'nein, bitte nicht:'
Severus wusste, warum es gerade jetzt geschah - warum der Übergang zur Hölle gerade jetzt nach ihm rief. Er hielt das Glas fester umklammert, als könne es ihn vor dem schützen, was unweigerlich vor ihm lag.
Er hätte es zu Boden schmettern können, doch er hatte schon viel zu oft ernüchtert feststellen müssen, dass Wutausbrüche ihn nicht davor bewahren konnten, in die Grausamkeiten des Bildes hinabzusteigen.
Sein Herz schlug schnell und er fühlte wie sein Magen sich verkrampfte. Es war, als läge ein kalter Stein darin, der ihn langsam von innen vereiste. Auch ein weiterer Schluck des Alkohols konnte ihn nicht wärmen. Severus leerte das Glas und stand auf.
Die Stimmen wurden lauter - umfingen ihn...sie empfingen ihn.
Er wandte seinen Blick in die Dunkelheit und machte den Rahmen des Bildes aus.
Langsam schritt er auf den düsteren Teil des Raumes zu und entzündete eine einzelne Kerze im Wandhalter gleich neben dem Gemälde.
Seine Augen glitten nur zögerlich zu dem Bild, doch als er es betrachtete schloss er sie einen Moment entsetzt.
Er hatte geahnt, dass die Herausforderung heute besonders hoch sein würde. Er wusste, dass er keinerlei Erbarmen erhoffen durfte - und doch traf ihn die Grausamkeit wie ein Faustschlag.
Er öffnete die Augen und verbat sich selbst, ein Schluchzen auszustoßen.
In satten Ölfarben räkelte sich Hermine in seinem Blute, das ihm aus jeder Pore seines Körpers zu fließen schien und einen dunkelroten Strom gebildete hatte. Er kniete ihr gegenüber und sah nur sie mit unverwandtem Blick an. Und zwischen Hermines weit gespreizten Beinen lag das, vor dessen Anblick er durch den zielgerichteten Blick flüchtete. Ein Kind, das gerade erst geboren war. Es ertrank in seinem Blut, ohne dass es Hoffnung auf die Hilfe seiner Eltern haben durfte.
Severus blickte auf die schreckliche Szene und hauchte: "Nein...gib mir einen Feind, den ich besiegen muss. Von mir aus gib mir einen Feind, der mich foltert...aber nicht das...nicht das!"
Und kaum hatte er zu ende gesprochen, da spürte er, wie er der Mann in dem Bild wurde. Wie das Blut sich aus ihm ergoss, als sei seine Haut ein Sieb, durch das der kostbare Lebenssaft beinahe ungehindert herausströmte. Er blickte Hermine an, die nicht begriff, dass ihr Kind unter ihr ertrank. Und er...er wollte nur sie...er wollte sie und er würde sich von absolut nichts davon abhalten lassen. Weder durch ein neues Leben, noch durch seinen eigenen Tod.
oooooooooooooooooooooooooooooo
Immer noch sah Hermine vor sich, wie Severus aus dem Krankenflügel gegangen war, ohne sich von ihr zu verabschieden.
Sie wusste, dass er alles dafür hatte tun wollen, damit sie nicht dem Mann gegenübersaß, der ihr jetzt mit einem Lächeln eine Tasse Tee einschenkte.
"Sie haben uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt", sagte er und fragte dann: "Zucker?"
Hermine schüttelte den Kopf und sah zu, wie er selbst einige Teelöffel voll in seine Tasse füllte.
"Ich wollte niemanden in Aufregung versetzen."
"Nun, immerhin hatten Sie durch Professor Snape schnelle Hilfe."
"Ja...", erwiderte Hermine und nahm einen Schluck Tee, bevor Dumbledore bemerken konnte, dass sie vor ihm verbarg, wie die Sache sich tatsächlich abgespielt hatte.
Nachdem auch Dumbledore einen Schluck seines süßen Tees genommen hatte, fragte er: "Was kann ich für Sie tun, mein Kind?"
Hermine atmete tief durch und erwiderte: "Ich möchte wieder dem Orden beitreten."
Dumbledore blickte sie einen Moment schweigend an, dann fragte er mit einem Lächeln: "Weiß Harry davon?"
Als Hermine den Kopf schüttelte, fuhr der Direktor fort.
"Das letzte mal, als Sie uns gemeinsam hier auf Hogwarts besuchten, da äußerte Harry, dass er sich Sorgen um Sie macht, Hermine. Ich weiß nicht, ob es gut wäre, Sie einer derartigen Belastung auszusetzen."
Hermine betrachtete den alten Mann, ehe sie freundlich erwiderte: "Harry ist glücklich, wenn ich in mein altes Leben wieder zurückkehre."
"Aber der Orden...es ist lange her, Hermine...Sie leben jetzt in der Muggelwelt, und ich weiß nicht.."
"Aber ICH weiß, dass es der richtige Schritt ist...und es kommt mir vor, als wäre ich erst gestern ein Mitglied des Ordens gewesen", fügte sie an.
"Nun, ich möchte nicht verhehlen, dass mich Ihre Entscheidung freut - sie kommt überraschend, aber sie freut mich. Und doch sollten Sie das erst mit ihm besprechen - schließlich lieben Sie sich, nicht wahr?", sein väterlicher Gesichtsausdruck konnte Hermine nicht täuschen. Er erwartete durchaus eine ehrliche Antwort auf seine Frage.
"Natürlich lieben wir uns - warum hätten wir sonst erst vor kurzem heiraten sollen?", gab Hermine ebenso lauernd zurück, dann fügte sie lächelnd an: "Vielen Dank nochmal für die Anhänger - ein wirklich schöner Schmuck, der uns zudem noch unserer gegenseitigen Gefühle versichert."
"Freut mich, wenn er seinen Zweck erfüllt."
"Ja, das tut er", sagte Hermine mit fester Stimme.
"Gut...ich werde Ihr Anliegen beim nächsten Ordenstreffen vortragen und Sie über die Entscheidung informieren. Mehr kann ich einstweilen nicht tun, aber Sie sollen wissen, dass ich mich für Sie aussprechen werde."
Hermine sah förmlich vor sich, wie Dumbledore sich innerlich die Hände rieb, weil er endlich die ersehnten Kontakte in die Muggelwelt durch ihre Hilfe würde aufnehmen können. Doch gleichzeitig ahnte er wohl Widerstand, sowohl von Harrys Seite aus, als auch von Snapes vermutlich. Nur dass er von Severus' Seite aus wohl falsche Beweggründe vermutete.
Hermine wusste, dass Severus viel riskiert hatte, als er sie daran hindern wollte, mit Dumbledore zu sprechen. Vermutlich hatte er genau das verhindern wollen, was sie gerade getan hatte. Sie fühlte sich schlecht bei dem Gedanken, dass sie ihn maßlos enttäuscht hatte, also entschied sie, dass es besser wäre, wenn sie ihm selbst in die Augen sah, und ihn über ihre Pläne informierte.
"Ich werde Professor Snape noch für seine Hilfe danken, bevor ich gehe", sagte Hermine während sie sich erhob.
Dumbledore war ebenfalls aufgestanden und schüttelte nun vage mit dem Kopf.
"Ich schätze, das wird nicht möglich sein. Professor Snape wird sich gerade einem sehr privaten Programm in seinen Räumen unterziehen und nicht ansprechbar sein." Als dem Direktor klar wurde, wie zweideutig dies klang, lächelte er leicht und fügte an: "Einem nicht sehr angenehmen, aber sehr nützlichen, wie ich wohl klarstellen sollte. Sie kennen ihn doch, er erwartet ohnehin keinen Dank. Grüßen Sie Harry herzlich von mir", sagte er dann noch und reichte ihr die Hand zum Abschied.
Während Hermine den Händedruck erwiderte, waren ihre Gedanken längst woanders.
Schlagartig war ihr klar geworden, dass Severus sich in das Bild begeben hatte - und Dumbledore wusste von dieser grauenvollen Trainingsmethode. Hermine verließ das Büro ohne es kaum zu merken.
Fieberhaft malte sie sich aus, was Severus wohl gerade durchleiden musste. Sie kannte Severus um so vieles besser als der Direktor, der behauptete, dass Severus keinen Dank wollte. Glaubte Dumbledore wirklich, dass Severus ein Mensch sei, der keine liebevollen Gesten benötigte? Glaubte er tatsächlich, dass Severus nur ein Kämpfer für seine Sache wäre, dem es nichts ausmachte, auf menschliche Wärme zu verzichten?
Sie verfluchte Dumbledore für seine selbstgefällige Art und sah sich kurz um, bevor sie die Stufen zum Kerker hinabstieg. Ihre Gedanken rasten.
Severus hatte gewusst, dass Dumbledore nur seine eigenen Ziele verfolgte. Er hatte sie davor bewahren wollen, sich erneut in die Hände des Ordens, und somit erneut in die Hände des Schreckens zu geben - und nun befand sich Severus selbst wieder in dem widerlichen Bild, das Dumbledore als nützlich bezeichnete.
Hermine wurde flau und ihr Herz schlug heftig, als sie an Severus' Tür klopfte.
Erst geschah gar nichts, doch dann öffnete sie sich einen Spalt breit und sie öffnete sie vorsichtig soweit, dass sie in den Raum sehen konnte.
Severus stand mit dem Rücken zu ihr, und rang offensichtlich darum, sich überhaupt auf den Beinen halten zu können.
In der Gewissheit, dass ihn niemand sonst hier aufsuchen würde, keuchte er: "Willst du sehen, ob ich mein Training zu deiner Zufriedenheit absolviert habe, Albus? Ich habe keine Illusion mehr darüber, dass ich je etwas anderes als ein Monster sein könnte...und ich bin DEIN Monster, zufrieden, mein Mentor?", damit drehte er sich endlich um und verstummte. Einen Moment blickte er in Hermines bestürztes Gesicht, während er sich das schweißnasse Haar aus der Stirn strich. "Ah, die Mutter meines niemals geborenen Kindes", höhnte er mühsam, "hast du es geschafft, dass auch du wieder in seiner Hand bist?"
Sie biss sich auf die Lippe und nickte, während ihr die Tränen in die Augen traten.
"Herzlichen Glückwunsch", erwiderte er zynisch.
"Ich musste es tun", flüsterte sie.
"Und ich musste DAS hier tun!", spie er sie an und mit einem Wink seiner Hand flammten alle Kerzen in der dunklen Ecke gleichzeitig auf und gaben den Blick auf das Bild frei.
Hermine schlug sich die Hand vor den Mund und Übelkeit stieg in ihr auf, die ihre Beine schwach werden ließen.
Das Gemälde drohte ihr den Verstand zu rauben, in seiner grauenhaften Darstellung, was ihrem Kind und ihr selbst geschehen war. Der Täter hatte sich offenbar gerade erst von diesem Ort der Grausamkeit entfernt...und nun stand er vor ihr und rang mit sich selbst, noch immer in Erinnerung an die schreckliche Tat und der Verzweiflung, weil sie sich nicht in der Wirklichkeit hatte von ihm retten lassen.
Sie öffnete den Mund, doch er unterbrach sie sofort: "Geh! Geh, bevor ich dir für deine Dummheit tatsächlich etwas antue. Geh, Hermine...geh..."
Er taumelte und stieß schließlich gegen eine der Wände, wo er sich auf die Knie sinken ließ.
Hermine eilte zu ihm und berührte seine Schulter.
"Severus...ich..."
"Nein!", unterbrach er sie, "du hast deine Entscheidung getroffen. Gewöhne dich daran, dass du Leid sehen wirst...mehr Leid, als du ertragen kannst. Ich bin nicht mehr dein Mentor...ich habe versagt...und ich werde wieder versagen. Geh und lass mich in Ruhe, damit das Bild mich nicht mehr damit quält, dass ich dir diese Dinge antun muss."
"Warum zwingt das Bild dich dazu?", fragte sie mit bebender Stimme auf ihren entstellten Leichnam blickend, der schwer auf ihrem toten Neugeborenen lastete.
Er lachte freudlos auf, und beinahe war ihr so, als unterdrücke er dadurch ein Schluchzen.
"Weil es perfekt ist. Weil es mich lehren möchte, meine Gefühle zu töten. Weil es dazu meine Liebe in Schuld umwandelt...solange, bis die Liebe durch diese Schuld stirbt. Weil es meinen Hang zum Sadismus immer wieder anstachelt und das geht nur, indem ich nicht liebe...nicht liebe..."
Hermine ging vor ihm auf die Knie und umfasste seinen Kopf mit beiden Händen.
"Dann liebst du mich also...sag es, Severus...liebst du mich?"
"Ich musste dich gerade brutal schänden, dich mit meinem Blut besudeln und dir die Kehle durchschneiden, während unser Kind unter uns starb...ja...ich liebe dich."
Hermine ignorierte die Tatsache, dass ihr die Tränen nun ungehindert über das Gesicht liefen und sie strich Severus eine Haarsträhne aus der Stirn.
"Es ist nur ein Bild, Severus...nur ein Scheiß-Bild, und nichts von dem ist wahr! Ich weiß, wie echt es sich anfühlt...ich weiß, dass du glaubst, dass du gerade getan hast, was sich dort widerspiegelt - aber nichts davon ist wirklich geschehen...nichts...nur ein Bild...es ist nur ein Bild", sagte sie, während sie ihn umarmte und sein Haar immer wieder mit Küssen bedeckte.
Er ließ es geschehen und verbarg sein Gesicht in den Händen. Immer wieder erschauerte er, und schließlich ließ das Zittern nach, doch die Hände bedeckten immer noch seine Augen.
Hermine sah die Bisswunden darauf, aus denen Blut hervortrat, das ihm den Arm hinablief und irgendwo im Ärmel seines Umhangs versicherte. Sie wusste, dass das Bild längst damit begonnen hatte, ihn so sehr zu quälen, dass er dem Schmerz nur etwas entgegensetzen konnte, indem er sich selbst welchen zufügte.
Sie würde Severus noch einen Moment so halten, und dann würde sie endlich das tun, was längst hätte getan werden müssen.
tbc
Es würde mich sehr freuen, von euch zu hören! Eure Meinung ist mir nach wie vor sehr wichtig, denn sie ist mein schreiberischer Antrieb.
Eure Kira
