58. Kapitel
Die Krallen der helfenden Hände
Die Flammen züngelten beinahe bedächtig an dem Gemälde empor.
Severus hatte die Hände von seinem Gesicht genommen und sah stumm zu, wie Hermine eine brennende Kerze an den 'Übergang zur Hölle' hielt.
Immer mehr wurde von dem Gemälde erfasst, nachdem das Feuer sich einmal seinen Weg in den zu verzehrenden Stoff gesucht hatte.
Grell loderte das Bild im Flammenmeer und es dauerte lange, bis das vernichtende Element schließlich erstarb.
Hermine stand unbewegt, sah auf die Stelle, an der das Feuer eben noch getobt hatte und schüttelte ungläubig den Kopf.
Das Gemälde war unversehrt und zeigte nun wieder die Szene, der sich selbst verzehrenden Sünder, die ihren Schmerz in geradezu orgastischem Taumel feierten.
"Du kannst es nicht zerstören", sagte Severus matt und erhob sich langsam.
"Warum nicht?", fragte Hermine verzweifelt.
"Ich weiß es nicht...vielleicht stammt es nicht aus dieser Welt. Es trotzt jedem Fluch und jedem Zauber, den ich kenne. Es lässt sich nicht verbrennen, nicht zerschneiden und nicht mit Säure übergießen."
"Hast du je versucht, es einfach loszuwerden? Es abgehangen und fortgebracht? Dahin, wo es niemandem schaden kann?"
"Ja."
"Warum hängt es dann wieder hier?"
Er lächelte ein freudloses Lächeln und zuckte vage mit den Schultern: "Das ist genau die Frage, die ich mir auch gestellt habe. Ich habe es fortgebracht. Ich habe einen Ort gewählt, den niemand außer mir wissen konnte. Ich habe es in eine Kiste gelegt, sie mit einem Fluch versiegelt und danach vergraben, dennoch hing das Bild an meiner Wand, als ich hierher zurückkehrte. Es ist ein Teil meines Lebens. Ich habe es inzwischen längst als etwas akzeptiert, das mich warnt und mich die nötige Demut lehrt."
"Es quält dich - höhlt dich aus und nimmt dir alle Kraft", sagte Hermine erbost.
"Nur im ersten Moment...es kennt meine Neigungen...es fordert sie heraus und verhindert so Schlimmeres in der Realität."
"Das glaube ich nicht! Ich denke, es tut genau das Gegenteil, indem es dich immer wieder zwingt, dich sadistisch verhalten zu müssen. Ich halte es für gefährlich!"
Nun sah Severus sie ausdruckslos an und seine Stimme wurde schneidend, als er sagte: "Du hättest auf mich hören sollen. Warum hast du darauf gedrängt, wieder dem Orden beizutreten? Glaubst du, diesmal läuft es anders? Denkst du, du kannst etwas positiv beeinflussen, nur weil du glaubst, etwas zu wissen?"
"Ja, das denke ich. Wir haben Einblicke, die kostbar sein können. Wir können dafür sorgen, dass die Dinge anders laufen", erwiderte Hermine voller Enthusiasmus.
Als Severus abfällig lachte, packte sie Zorn.
"Was? Wir können so vieles ändern, Severus...warum siehst du das nicht ein?"
"Weil es nicht stimmt!", fuhr er sie an und jetzt erkannte sie, wie mutlos er klang.
Er fixierte sie eingehend, ehe er mit kalter Stimme berichtete: "Mira Hayes...ich war da an jenem Tag...an dem Tag, von dem ich glaubte, dass es der wäre, an dem die drei ihr aufgelauert haben...", er schwieg und atmete tief durch.
Hermine kroch die Angst den Nacken hinauf.
"Was soll das heißen, von dem du GLAUBTEST?"
"Es mag der Tag gewesen sein...der Tag in der anderen Realität...aber nicht in dieser. In dieser war ich um Tage zu spät."
"Zu spät?", echote Hermine benommen, "woher weißt du das? Hat Mira mit dir gesprochen?"
Er schüttelte den Kopf und ballte seine verletzte Hand probeweise zur Faust.
"Nein. Nachdem ich eine halbe Ewigkeit auf der Lauer gelegen hatte, suchte ich Miss Hayes. Ich fand sie auf dem Astronomieturm. Als ich sie auf die drei Mitschüler ansprach, wäre sie fast hinuntergesprungen. Ich drang in ihren Geist ein und sah, dass ich heillos zu spät war. Also nahm ich ihr die Erinnerung an das traumatische Geschehen."
"Was ist mit McNeil und seinen Freunden?"
Severus schüttelte abermals den Kopf.
"Aber du kannst dafür sorgen, dass sie bestraft werden...so wie beim letzten mal...sie müssen bestraft werden, Severus!"
"Begreif doch, nichts ist so, wie du es in Erinnerung hast...wenn ich erneut mit ihnen in den Verbotenen Wald gehe, dann wird alles anders ablaufen, als beim letztenmal. Einfach schon deshalb, weil die Umstände ganz andere sind. Mira hatte inzwischen bereits so lange das Erlebnis in sich arbeiten lassen, dass ich sie nur retten konnte, indem ich es ihr nahm. Vielleicht kommt diesmal einer der Jungen zu Tode, wenn ich sie in den Verbotenen Wald mitnehme. Du wirst nicht dabei sein, und allein daher wird es bereits völlig anders ablaufen. Wir können nichts wiederholen und besser machen, weil wir nicht vorhersehen können, wie die Dinge sich entwickeln. Die Zeit in einem solchen Ausmaße zu manipulieren war gefährlich. Ich weiß, du hast es nicht mit Absicht getan...aber es wäre besser, diese andere Realität ruhen zu lassen und uns ganz auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. "
"Das habe ich vor", erwiderte Hermine fest, "und obwohl du mich bei meinem letzten Besuch nicht korrigiert hast, weiß ich nun dennoch, dass Voldemort nach wie vor existiert - und ich bin nach wie vor bereit, gegen ihm zu kämpfen!"
"Ich habe dich nicht ohne Grund gebeten, Harry zu fragen, warum er immer noch im Ministerium arbeitet, nachdem du glaubtest, dass Voldemort besiegt sei. Gib nicht mir die Schuld, dass er dich so lange in diesem Glauben ließ!"
"Du hättest es mir sagen können!"
"Nein! Ich bin nicht dein Mann! Ich entscheide nicht, was gut und was schlecht für dich ist!"
Hermine sah ihn zornig an, dann erwiderte sie: "Niemand hat das für mich zu entscheiden! Ich will die Wahrheit hören, egal, ob sie gut oder schlecht für mich ist, denn auf lange Sicht sind Lügen immer schlecht!"
Er betrachtete sie stumm, dann wandte er sich ab.
"McNeil und die anderen müssen bestraft werden. Severus...ich könnte mitkommen...in den Verbotenen Wald, meine ich."
Abrupt drehte er sich wieder zu ihr um und fuhr sie an: "Es wäre dennoch anders, und das weißt du genau!"
"Ich kann nicht ertragen, dass die Jungs ungestraft davonkommen sollen."
Er schnaubte und erwiderte dann düster: "Mir scheint, du möchtest deine Rolle beim Orden aus genau diesem Grund wieder aufnehmen. Du sinnst auf Rache, Hermine...doch Rachegelüste waren noch nie ein guter Ratgeber."
Hermine zuckte vage mit den Schultern: "Du wirst Gelegenheit bekommen, deinen Einwand gegen mich vorzubringen. Dumbledore wird meine Wiederaufnahme beim nächsten Treffen zum Thema machen. Severus, du solltest nur eines bedenken, bevor du deine Meinung dazu kund tust...ich werde so oder so versuchen den Dingen auf den Grund zu gehen. Es wäre mir lieber, wenn der Orden...wenn DU hinter mir stehst...aber ich muss herausfinden, was Berenger macht, und was Peter Deeping macht. Denn eines dürfte wohl feststehen - das Schwein lebt!"
Severus schien einen Moment lang der Erinnerung an Deepings Ermordung hinterherzuspüren. Hermine erkannte eindeutig, dass er keineswegs erleichtert darüber war, dass die Tat nie stattgefunden hatte, sondern dass er es viel eher bedauerte. Dennoch gab er sich gleichgültig und erwiderte: "Warum kannst du nicht einfach dein Leben leben, Hermine? Überlass Typen wie Berenger und Deeping uns."
Eine lange Zeit betrachtete Hermine Severus, dann sagte sie leise: "Ich kann nicht. Ich weiß, dass du mich schützen möchtest...aber ich kann so nicht leben."
Als Severus zu seinem Zauberstab griff, zuckte Hermine leicht zusammen, doch er richtete ihn nur auf die Wand mit dem Bild und ließ sämtliche Kerzen erlöschen.
"Du solltest nun besser gehen", sagte er mit rauer Stimme.
Hermine wusste, dass er sie nicht mehr so nahe an sich herankommen lassen würde, wie noch vor ein paar Minuten, als sie ihn umarmt hatte. Es schmerzte sie, seine Abweisung zu spüren, und doch wusste sie, dass er sie von sich stieß, weil er tief für sie empfand.
Als sie das Schloss verließ, um zum Apparierpunkt zu gehen, kam ihr der kleine Danny wieder in den Sinn.
Was hatte Severus gesagt: 'Wer sich auf der Verliererseite zu wohl fühlt, wird immer auf dieser Seite bleiben' - Hermine wusste, dass ein Teil von Severus ihren Mut durchaus zu schätzen wusste, doch der Teil, der sie in Sicherheit wissen wollte, hatte offensichtlich die Überhand.
Sie war nicht töricht genug, ihm deswegen einen Vorwurf zu machen.
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Es war, als hätte es nie einen Charles Grant gegeben. An der Universität kannte ihn offenbar niemand. Und auch den Mann namens Wilbur Haines hatte dort noch nie jemand gesehen. Wenn er bereits regelmäßige Kontakte in der Muggelwelt hatte, so arbeitete er zumindest nicht an der gleichen Universität wie Hermine.
Sie atmete erleichtert durch, als ihr klar wurde, dass sie sich keine Sorgen mehr um seine aufdringlichen Avancen würde machen müssen, wenn sie ihre Arbeit wieder aufnahm.
Dennoch würde sie mit Harry über seinen Kollegen sprechen müssen, um zu erfahren, ob er auch in dieser Gegenwart damit betraut war, Kontakte in die Muggelwelt herzustellen.
Trotz der schrecklichen Erlebnisse fragte sie sich, ob Grant bzw. Haines, Kontakt zu Berenger aufgenommen hatte. Sie fragte sich, welche Rolle er nun dort übernommen hatte, nachdem der wahre Peter Deeping nach wie vor des Priesters Nummer eins wäre. Es gab so viele Fragen, die Hermine durch den Kopf schossen.
Die Karten schienen in der Tat neu gemischt zu sein.
Und doch wusste Hermine nicht, ob die Asse, die sie auf der Hand hatte, für einen Sieg ausreichen würden, denn das Spiel hatte gerade erst begonnen.
Es war nicht schwer gewesen, sich an der Universität unauffällig nach Grant bzw. Haines zu erkundigen. Nachdem sie erfahren hatte, dass ein gewisser Professor Ramsey die Kurse leitete, die in der anderen Realität von Grant gegeben worden waren, lauerte sie diesem Ramsey auf, um sich zu überzeugen, dass es nicht der Mann war, den sie so sehr verabscheute.
Natürlich war es möglich, dass Haines sich mittels eines Vielsafttrankes in einen bebrillten älteren Herrn mit schütterem Haar verwandelt hatte, doch sie bezweifelte stark, dass er täglich eine solche Verwandlung durchführen konnte, ohne dass es zu Komplikationen kam, und daher akzeptierte sie es als einen Teil der veränderten Realität, dass Harrys Kollege in dieser Zeitebene bislang eher unauffällig ihr Leben gestreift hatte - dass er sogar besorgt um sie gewesen war. Hermine fröstelte bei dem Gedanken und ein Schatten huschte durch ihren Geist, der ihr zuwisperte, dass Grant... Haines...wie auch immer er zum Teufel sich jetzt nennen würde, eine Gefahr darstellte.
Hermine verließ das Universitätsgelände mit eiligen Schritten. Sie stellte sich vor, was Harry sagen würde, wenn er wüsste, dass sie nur dort gewesen war, um sich zu vergewissern, dass sein Kollege dort nicht arbeitete; sie ihre Beurlaubung jedoch nicht hatte aufheben lassen.
Würde er toben? Würde er enttäuscht sein?
Hermine sah ihn vor sich, wie er sie immer dann ansah, wenn er glaubte, sie würde etwas falsch machen. Er wirkte dann wie betäubt.
Plötzlich wurde ihr klar, dass Harry gar nicht viel anderes übrig geblieben war, als Enttäuschung zu zeigen und dennoch war er handlungsunfähig gewesen, weil er ihr nicht erklären durfte, warum er es für besser hielt, nun kein Kind mit ihr zu zeugen - warum er es für unabdinglich hielt, dass sie ihr Leben wieder normal führte und nicht länger dem 'Unfall' hinterherforschen sollte.
Er hatte sie geschützt.
Er hatte um ihren Schmerz wegen des verlorenen Kindes gewusst, ebenso wie er gewusst hatte, dass eigentlich nicht ER es war, von dem sie sich ein Kind wünschte.
Hätte sie ihr Leben wieder ganz normal aufgenommen, wäre aus ihrem Alltag - aus ihrem Beisammensein - vielleicht die Liebe erwachsen, die für ihre Ehe von Wichtigkeit gewesen wäre. Aber Hermine hatte sich standhaft geweigert. Sie hatte ihren Albträumen hinterhergejagt, weil sie spürte, dass es dort mehr zu ergründen gab. Sie hatte sich unweigerlich wieder zu Severus begeben und ihm vertraut, als er in ihren Geist eingedrungen war. Brauchte es mehr Beweise für eine Liebe, die vom Schicksal vorherbestimmt war?
Doch Severus wollte sie bei Harry wissen. Er wollte Sicherheit für sie.
Hermine spürte Gewissensbisse als sie daran dachte, wie viel Harry für sie getan hatte. Er hatte sein Leben mit ihr geteilt. Er wollte ihr eine sichere und gute Zukunft bieten - und er war bereit, dafür ungewöhnliche Wege zu gehen.
Hermines Kehle wurde trocken, als sie daran dachte, was er ihr angekündigt hatte. Warum nur hatte sie mit Severus nicht darüber gesprochen - ihn vorgewarnt? Und doch war ihr klar, dass sie wegen des erschütternden Zustandes, in dem sie Severus vorgefunden hatte, nicht einen einzigen Gedanken mehr an Harry gehabt hatte.
Nachdem Hermine das Gelände der Universität verlassen hatte, suchte sie eine der kleineren Nebenstraßen auf, drückte sich in eine Ecke und disapparierte ungesehen.
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Die Winkelgasse war sehr belebt. Hermine wich etlichen geschäftig wirkenden Zauberern aus und ignorierte eine ältere Hexe, die ihr ein Jahresabonnement des Tagespropheten aufschwatzen wollte. Sie eilte mit gezielten Schritten zu dem Haus, in dem Ginny ein kleines Appartment bewohnte. Schon am magischen Willkommensschild stutzte sie jedoch und blickte enttäuscht auf die Namen der Hausbewohner - Ginnys war nicht darunter.
Plötzlich öffnete sich die Eingangstür und eine junge Hexe mit silbernem Haar trat heraus, blickte stirnrunzelnd auf Hermine, die immer noch die Namen inspizierte, und fragte gutgelaunt: "Kann ich behilflich sein?"
"Ja", sagte Hermine zögerlich, "ich suche Miss Ginny Weasley."
Einen Moment schien die Frau mit dem silbernen Haar zu grübeln und ihr Mund verzog sich dabei, als wolle sie jemanden küssen. Dann tippte sie sich mit dem Finger an die Stirn, wobei ihr zuvor pinkfarbener Nagel augenscheinlich seine Farbe ein paarmal änderte. "Weasley...Ginny...etwa die Rothaarige, die ausgezogen ist, bevor ich hier einzog. Meinen Sie die vielleicht?"
"Klingt ganz so", erwiderte Hermine matt. Die junge Frau schien nicht zu bemerken, dass Hermine schwer enttäuscht war und begann zu erzählen.
"Ich habe sie nicht mehr kennengelernt, aber Miles aus dem zweiten Stock hatte ein Auge auf sie geworfen. Er war untröstlich, als sie nach Rumänien ging. Der Kerl sieht echt gut aus. Naja, nicht umwerfend gut, aber auch alles andere als übel. Zumindest wenn man auf diese Sorte Mann steht. Ich mag ja eigentlich lieber Männer, die etwas verlebt aussehen. Also nicht alt, verstehen Sie, sondern erfahren. Naja, das soll nicht heißen, dass Miles keine Erfahrung hätte, das wollte ich damit ganz bestimmt nicht sagen. Aber er sieht eben nicht verlebt aus, sondern echt noch jung - aber gut. Miles und ich sind gute Freunde...naja...ich kenne ihn erst ein paar Tage, aber ich spüre, dass sein Karma und meines dabei ist, eine untrennbare Verbindung einzugehen. Das heißt nicht, dass wir ein Paar werden müssen. Ich will Ihrer Bekannten ganz bestimmt nicht den Typen wegschnappen, aber er hat eine Art zu zaubern, dass ich vorher genau weiß, was er tun wird, verstehen Sie?"
"Ja...ja, verstehe ich", murmelte Hermine völlig von diesem Redeschwall überfordert. Die Fingernägel der Silberhaarigen erstrahlten gerade Himmelblau und wechselten zu einem grellen Orange, während sie wild gestikulierte. Hermine wurde ganz schummrig dabei.
"Danke", sagte sie eilig, und wiederholte im Weggehen noch einmal: "Vielen Dank für Ihre Auskunft."
"Gerne!", rief die junge Frau ihr hinterher und etwas lauter: "Sagen Sie ihr, dass sie Miles haben kann - ich will nur sein Karma!" Sie lachte über ihren eigenen Scherz und Hermine fragte sich, ob sie wieder diesen Kussmund machen würde, wenn sie anfing darüber nachzugrübeln, warum Hermine wohl so unhöflich gewesen war, ihr einfach den Rücken zu kehren.
Die Straße erneut entlang eilend, stieß Hermine gegen einen älteren Magier, der sich gerade eine Pfeife mit der glimmenden Spitze seines Zauberstabes anzünden wollte. Der Stab fiel zu Boden und Hermine hob ihn, eine Entschuldigung murmelnd, auf und reicht ihm ihn.
Die vielen Menschen machten sie plötzlich nervös und sie sehnte sich in ihre Wohnung zurück. Aber zuvor wollte sie noch etwas erledigen.
Ihr Weg führte sie direkt zu einem Geschäft mit Leiheulen. Man gab ihr Papier, Feder und Tinte, so dass sie ihren Brief gleich dort verfassen konnte.
Ein von ihr ausgewählter Steinkauz würde Ginny den Brief zukommen zu lassen.
Ihre Freundin fehlte ihr so unglaublich.
Es schmerzte sie, dass ausgerechnet Ginnys Fortgang nicht ein Teil dieser austauschbaren Realität war, sondern sich, als auch in dieser Zeitebene gültige Wahrheit herausgestellt hatte.
Hermine hatte ihr geschrieben, dass sie sich fühlte, als sei ihr Leben auf den Kopf gestellt. Den Grund dafür hatte sie natürlich verschwiegen. Wie hätte sie auch all diese Geschehnisse in nur einen einzigen Brief packen sollen?
Und doch hatte sie einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt, ihrer Freundin mitzuteilen, dass sie Severus Snape liebe, in der Hoffnung, dass diese sich vielleicht an ihre letzte gemeinsame Zeit hier in London erinnern könne.
Ein alberner Gedanke, Ginny das auf diese Art um die Ohren zu knallen - albern und unsinnig, denn sie war sich sicher, dass Ginny kein Wissen mehr über ihre, Hermines Beziehung zu Severus hatte, und dass ihre Freundin sie vermutlich sogar ein Stück weit um ihre Ehe mit Harry beneiden würde. Ihr jetzt etwas über ihre wahren Gefühle zu schreiben, war unmöglich - ihre Freundin würde sie vermutlich für völlig durchgeknallt halten.
Hermine war froh, die überfüllte Winkelgasse nun endlich wieder verlassen zu können und unwillkürlich fragte sie sich, ob sie sich nicht zuviel zutraute, da ihr allein schon diese Hektik zu schaffen machte.
Ein wohliges Frösteln überlief sie, als sie darüber nachdachte, dass sie dringend eine von Severus' eigenhändigen Lektionen benötigte, um wieder zu sich selbst zu finden.
Einen Moment schwelgte sie in dieser Vorstellung und ein begehrliches Kribbeln breitete sich in ihrem Unterleib aus, als sie darüber nachdachte, mit welcher Unnachgiebigkeit er letztendlich dafür sorgen würde, dass sie sich ihm völlig in die Hand gab, und dadurch ihr inneres Gleichgewicht und ihre eigene Stärke wiederfand.
Schließlich führte sie diese Vorstellung unweigerlich dazu, dass ihr klar wurde, dass sie Harry davon abhalten musste, mit Severus über ihre intimen Begegnungen zu sprechen.
Sie würde mit ihm sprechen - es ihm verbieten - sobald er von der Arbeit heimkehrte.
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Severus Snape hatte gerade seine Tür hinter dem Direktor geschlossen.
Nun, da er wieder allein war, gestattete er es sich, die Augen zu schließen und mit den Fingerkuppen seine Schläfen zu massieren.
Diese Gespräche kosteten ihn immer ein Übermaß an Selbstbeherrschung, weil Dumbledore sowohl als ratgebender väterlicher Freund auftrat, als auch als strenger, berechnender Mentor. Den Wechsel vollzog er dabei manchmal so schnell, dass man sich augenblicklich schutzlos ausgeliefert fühlte.
Severus wusste, dass der alte Mann ihn längst nicht mehr auf diese Art hätte angreifen können, wenn er ihm während des Trainings nicht diesen Schwur abverlangt hätte. Ein Schwur, dem man einem Freund gerne gab. Den Schwur, ihm zu vertrauen, egal, was kommen möge. Doch im Falle des Direktors waren es nicht Worte an einen guten Freund gewesen, als Severus sie gesprochen hatte, sondern ein Eid, der ihn daran hindern sollte, sich seinem Mentor irgendwann, gegen dessen Willen, zu entziehen.
Dieser Schwur bewirkte, dass er ihn für Albus Dumbledore ein Leben lang verletzbar sein ließ, ganz egal wie sehr er ansonsten abstumpfte, er war gezwungen, sich ihm immer wieder zu öffnen und ihm seine Gefühle preiszugeben.
Als Albus ihm dies abverlangt hatte, war es Severus wie die einzige Möglichkeit erschienen, während des harten Trainings nicht gänzlich in die Hölle der Einsamkeit abzurutschen. Dumbledore hatte ihm immer wieder das Gefühl gegeben, nicht allein auf dieser Welt zu sein. Er hatte ihn sich geborgen fühlen lassen - ein so wichtiges und verlockendes Gefühl, dass Severus dieses Stückchen Menschlichkeit mit beiden Händen ergriffen hatte. Und nun ließ ihn Dumbledores 'Güte' nicht mehr los und ebenso nicht die Tatsache, dass er sich ihm anvertrauen musste.
Im Laufe der Zeit hatte Severus gelernt, über einen gewissen Zeitraum Stand zu halten und die Dinge in sich zu verbergen. Dies erschien ihm nun wichtiger denn je.
Bis vor kurzem hatte Severus selbst nichts über seine frühere Beziehung zu Hermine gewusst, doch jetzt sah die Sachlage ganz anders aus. Es hatte ihn viel Kraft gekostet, seine Emotionen vor Albus zu verbergen. Doch dass sein Schüler aufgewühlt war, war dem Mentor natürlich nicht entgangen. Severus hatte es auf das Training geschoben, das er mittels des Bildes absolviert hatte und ebenso darauf, dass für die kommende Nacht ein Todessertreffen bevorstand. Diese Gründe hatten ausgereicht, um dem Direktor nicht zu deutlich zu zeigen, was er bei dessen Eröffnung empfand, dass Hermine schon bald wieder für den Orden arbeiten sollte.
Albus war in der Lage, ihn immer und immer wieder tief zu verletzen - ein Preis, den er für seine Ausbildung gezahlt hatte, und der ungleich weniger schlimm erschien, als Voldemorts perverse Gier, seine Anhänger leiden zu sehen. Von Dumbledore erfuhr Severus einen Ausgleich für all die Qualen - Freundschaft. Immer noch empfand er so und konnte nicht ergründen, ob es an dem Schwur lag, oder weil er es tatsächlich so fühlte.
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Als der Tränkemeister eine halbe Stunde später das Abendessen in der Großen Halle hinter sich gebracht hatte, wollte er sich sofort in den Kerker hinabbegeben, um sich vor dem Treffen noch etwas auszuruhen. Sein Hauself Blinky eilte ihm jedoch auf den Stufen die hinunterführten hinterher, und fiel dabei mehrfach unsanft.
Snape hatte versucht den Hauself fortzuschicken, damit er sich einen anderen Herrn suchte, doch offensichtlich hatte es nichts genutzt. Der Erlass des Ministeriums war eindeutig gewesen. Jedem Lehrer auf Hogwarts unterstand ein Hauself - ob der betreffende Lehrer dies überhaupt wünschte, war zweitrangig.
Snape hatte Blinky allerdings strengstens untersagt, seine Räume zu betreten, und so sah er das kleine Wesen nur äußerst selten. Nun aber schien er ihm regelrecht aufgelauert zu haben.
Sich die Knie reibend, schlug der Elf sofort die Augen nieder, als er seinem Herrn eine Nachricht überbrachte.
"Professor Snape, Sir, Sie haben Besuch. Harry Potter bittet Sie, ihn zu empfangen", mit zittriger Stimme, offensichtlich angstvoll, es könne seinen Herrn erzürnen, fügte der Elf an: "Er sagte es sei dringlich, Sir"
tbc
Hermine hat hier offensichtlich nicht damit gerechnet, dass Harry so schnell schon Snape aufsucht. Möchte jemand wissen, wie das Gespräch der beiden Männer verläuft:)
