62. Kapitel

Der Feind eines Feindes ist nicht zwangsläufig ein Freund

Dumbledores Hand tätschelte den Kopf von Fang, der neben seinem neuen Herrn, dem Wildhüter Fox saß, und auf den Fußboden sabberte.

"Natürlich, Sir", sagte Fox gerade und bot dem Direktor nochmals Tee an.

Dumbledore hielt ihm seine Tasse entgegen und sagte: "Seien Sie bitte vorsichtig, Argyle. Es könnte natürlich auch sein, dass meine Ohren mich getrogen haben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die Laute von Quellhocks aus dem verbotenen Wald vernommen habe. Sie sollten vielleicht Unterstützung mitnehmen, wenn Sie sich auf die Suche machen."

Der kahlköpfige Fox lächelte und seine Stimme klang zweifelnd.

"Quellhocks sind recht selten geworden, Professor. Zudem wird ihre Gefährlichkeit weit überschätzt. Sie sind nur kurz vor Sonnenaufgang aktiv und auch nur dann zu hören. Vermutlich handelt es sich, bei dem was Sie gehört haben, um ein anderes Tier, das ganz ähnlich klang."

Dumbledore hob in aller Ruhe seine Tasse an die Lippen und trank zwei Schlucke Tee. Dann lächelte er ein warmes Lächeln und sagte: "Mir ist bekannt, um welche Tageszeit ein Quellhock zur Paarung ruft, bevor er sich wieder im Bach auflöst. Und es ist es wohl eine Ansichtssache, ob man vergiftetes Wasser als gefährlich einstuft. Doch Sie werden mir wohl zweifellos recht geben, dass ein geweckter Quellhock durchaus in der Lage ist, einen erwachsenen Mann mitten an Land zu ertränken. Ich denke, wenn Sie einen in der Kehle sitzen haben, werden Sie mir recht geben."

Dumbledore nahm einen weiteren Schluck Tee, und seine Stimme blieb absolut freundlich.

"Wir würden Sie nur ungern an einen unvorsichtig geweckten Quellhock verlieren, Argyle. Unterschätzen Sie niemals die Gefahr eines Wesens, das Sie zu kennen glauben. "

Der Wildhüter hatte den Mund geöffnet und schloss ihn wieder, um hart zu schlucken.

Dumbledores letzter Satz hatte ihm mehr als deutlich gemacht, dass er auch den alten Magier besser nicht unterschätzen sollte.

"Natürlich Sir", sagte er gepresst, "ich werde Verstärkung mitnehmen."

Dumbledore lächelte freundlich und tätschelte abermals Fangs Kopf; scheinbar sprach er nun zu dem riesenhaften Hund.

"Du wirst deinen Herrn natürlich auch begleiten, aber ich dachte eher an etwas...menschlichere Unterstützung."

Als die Augen des Direktors nun Fox streiften, nickte dieser schnell und sagte: "Ich werde mich um einen Lehrer bemühen, der mich begleiten könnte."

Dumbledore nickte ebenfalls und erwiderte: "Ich würde Ihnen Professor Snape empfehlen. Er kennt sich nicht nur mit gefährlichen Geschöpfen aus, sondern ebenfalls mit den verschlungenen Pfaden des Verbotenen Waldes."

"Ich werde ihn um Hilfe ersuchen", bestätigte Fox geflissentlich.

Dumbledore schickte seinem Gegenüber ein Lächeln und sah sich in dem kleinen Raum um.

Er seufzte tief, dann sagte er in wehmütigem Tonfall: "Diese Hütte hat bereits viele Wildhüter beherbergt. Sie ist seit vielen Jahren nun schon Ihr Zuhause, Argyle. Ich weiß jedoch, dass sie immer noch von vielen Hagrids Hütte genannt wird. Wenn Sie das stört, dann werde ich..."

"Nein", unterbrach ihn der Wildhüter und hob die Hände, "nein, das ist schon in Ordnung." Und mit einem etwas verunglückten Lächeln fügte er an: "Ich nenne sie selbst Hagrids Hütte, wissen Sie? Und Fang...nun, es ist sein Hund. Manchmal kommt es mir so vor, als würde er darauf warten, dass sein Herrchen zur Tür hereinspaziert, während ich nur derjenige zu sein scheine, der ihn bis dahin füttern darf."

Der Direktor nickte bedächtig und sagte: "Ja, Hunde sind erstaunliche Geschöpfe. Sie bleiben ihrem Herrn treu. Während Menschen nur zu schnell vergessen, wem sie einst ihre Freundschaft gegeben haben."

"Äh...ja...", sagte der Wildhüter nachdenklich und versuchte in dem Gesagten auszumachen, ob es sich um einen Vorwurf handelte, der ihm galt, Dumbledore schien allerdings tief in Gedanken versunken, so dass Fox zu dem Schluss kam, dass die Kritik jemand anderem gelten musste.

Wenige Minuten später verabschiedete sich der Direktor und verließ Hagrids Hütte und ihre Bewohner.

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Hermine blickte auf Severus' Finger, die in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit die Knöpfe an seinem Gehrock schlossen.

Als er bemerkte, dass sie ihn beobachtete, hob sich eine seiner Augenbrauen und er warf ihr einen fragenden Blick zu.

Ohne darauf einzugehen, trat sie auf ihn zu und fasste sanft nach seinen Händen. Ihre Beute führte sie an ihre Lippen und küsste sie sacht, bevor sie sie wieder losließ.

"Was war das?", fragte er, ohne die Augenbraue zu senken.

Hermine lächelte und erwiderte mit einer Spur von Röte im Gesicht: "Ich wollte die Hände küssen, die mir heute Abend den Hintern versohlen."

Nun schnellte auch die zweite Augenbraue in die Höhe und Hermine stellte mit Genugtuung fest, dass seine Stimme ein wenig außer Kontrolle geriet.

"Werden sie das?", fragte er dunkel.

"Ja, das werden sie", sagte Hermine schlicht und wandte sich dann ab, während sie im gleichen Ton fragte: "Können wir gehen?"

Diese Frage schien ihn schnell in das Hier und Jetzt zurück zu holen und er nickte bestimmt.

Dass er gleich im Anschluss darauf tief durchatmete, zeigte ihr, dass er dieses Frühstück als ebenso wichtigen Schritt ansah, wie sie selbst.

Schweigend verließen sie den Kerker und stiegen die Treppe empor.

Es war ein merkwürdiges Gefühl für Hermine, die Große Halle wieder zu betreten. Doch sie an Severus Seite zu betreten, war mit Abstand das Merkwürdigste.

Als sie gemeinsam am Lehrertisch entlang gingen, spürte Hermine die Blicke von Severus' Kollegen auf sich. Auch die Schüler waren aufmerksam geworden, dass irgendetwas nicht stimmte, und gerade den Meister der Zaubertränke in weiblicher Begleitung zu sehen, schien unter den Schülern wildes Getratsche auszulösen.

Bei Dumbledore angekommen, beugte sich Severus zum Direktor herab und setzte ihn auf eine Art und Weise in Kenntnis, die Hermine beinahe zu einem hysterischen Lachkrampf verleitet hätte.

"Albus, Hermine wohnt ab sofort in meinen Räumen. Wenn du dagegen einen Einwand hast, so werde ich mich nach einer neuen Bleibe umsehen. Über die finanzielle Dinge können wir hoffentlich erst nach dem Frühstück reden."

Dumbledore blickte Severus einen Moment zu lange ungläubig an, um den Eindruck zu erwecken, er würde sich über die neuen Umstände freuen.

"Ja, wir werden später sprechen", gab er schließlich knapp zurück, und Hermine ahnte, dass er dies nicht allein auf finanzielle Dinge bezog.

Mit einem flauen Gefühl im Magen setzte sie sich neben Severus, der für einen Stuhl gesorgt hatte, und wie aus dem Nichts für ein weiteres Essensgedeck sorgte.

Die Mahlzeit verlief in ungewohnter Anspannung - zumindest kam es Hermine so vor, denn immer wieder wurde sie mit fragenden Blicken versehen. Dabei wusste sie kaum, was ihr unangenehmer war, die feixenden Blicke der Schüler, oder die fragenden ihrer ehemaligen Lehrer. Still tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass dies irgendwann ein Ende haben würde...irgendwann...doch vermutlich nicht so bald.

Severus hatte in dieser anderen Zeitebene viel Wert darauf gelegt, ihre Beziehung wie eine rein sexuelle Angelegenheit aussehen zu lassen. Doch diesmal war alles anders. Er machte sie so offiziell, dass es beinahe schon wie eine übertriebene Aktion aussah.

Als sie später in Dumbledores Büro saßen, verstärkte sich dieser Eindruck bei Hermine noch.

Der Direktor hatte ihnen Sitzplätze angeboten und wirkte doch so abweisend, wie Hermine ihn noch nie erlebt hatte.

"Darf ich davon ausgehen, dass Ihre Ehe mit Harry Potter beendet ist?", fragte er laut.

"Ja, Sir...in gegenseitigem Einverständnis", erwiderte Hermine ruhig.

"Das kommt recht überraschend", sagte er dann lauernd.

"Nun...das kommt wohl auf den Standpunkt an. Die Hochzeit war ein Fehler, Sir."

"Und das haben Sie nach dieser kurzen Zeit festgestellt? Als Sie uns gemeinsam hier besuchten, da äußerte Harry, dass Sie manchmal noch etwas verwirrt seien...dass Sie Hilfe von Außen bräuchten. Hermine, ich..."

"Mit allem Respekt, Sir, aber ich denke, dass ich Ihnen keine Rechenschaft über meine Ehe schuldig bin."

Hermine sah Dumbledore direkt in die Augen.

Der alte Mann wandte sich nun von ihr ab und richtete sein Wort an Severus.

"Sie wohnt also bei dir. Darf ich davon ausgehen, dass ihr...eine Beziehung eingegangen seid? Ist diese Beziehung vielleicht sogar am Scheitern der junge Ehe schuld?"

"Vielleicht ist sie das", gab Severus freimütig zurück.

Hermine blickte ihn überrascht von der Seite an.

"Wir sind jedoch nicht gewillt, von dir Absolution zu erbitten. Es geht nur Potter, Hermine und mich etwas an - oder siehst du das anders, Albus?"

Dieser letzte Satz schien eine wesentlich tiefere Bedeutung zu haben, als es im ersten Moment den Anschein hatte.

Stille breitete sich aus, die nur von den ehemaligen Schulleitern in den Gemälden durch leises Hüsteln oder Räuspern unterbrochen wurde.

Als Dumbledore schließlich sprach, klang er nachdenklich.

"Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ginge diese Sache nur euch drei etwas an. Aber man darf nicht vergessen, dass wir mitten in einem Kampf stecken. Hermine hat den Willen, erneut im Orden tätig zu sein, und so kann ich wohl offen sprechen...", er blickte zum Tränkemeister.

Hermine wagte es kaum, Severus von der Seite anzusehen. Sie hörte allein an seiner Atmung, dass er erzürnt war.

Auch der Direktor schien das zu bemerken und seine Stimme wurde nun härter.

"Wir alle haben eine Rolle in diesem Kampf zu spielen. Harry hat die seine bereits seit langer Zeit erkannt, ebenso wie du, Severus - andere werden ihre Wichtigkeit erst noch erkennen müssen. Es wird ein langer Kampf, und es wird Opfer geben. Aber das einzige was zählt, ist letztendlich der Sieg. Um diesen zu erringen, müssen die Voraussetzungen stimmen."

"Albus, du sprichst in Rätseln. Es ist uns nicht neu, dass es Opfer geben wird. Es ist uns nicht neu, dass es ein langer Kampf ist - und es ist uns nicht neu, dass du manchem eine Rolle aufbürdest, die ihm nicht behagt; aber das ist dir gleich, solange du sie für das große Ziel für wichtig hältst."

Dumbledores Blick verdüsterte sich, als er den Vorwurf entgegen nahm.

Seine Stimme klang dennoch plötzlich sehr sanft - beinahe entschuldigend.

"Severus, deine Bestimmung in diesem Kampf ist sehr früh deutlich geworden - ich habe versucht, dir zu helfen, wo immer es mir möglich war. Du hattest das Mal aus freiem Willen genommen, und wir alle wissen, was das bedeutet. Aber du hast diese lebenslange Knechtschaft in etwas Gutes gewandelt. Ohne deine Hilfe stünden wir mit leeren Händen da. Doch Hermine...sie hat eine andere Rolle in diesem Kampf. Sie gehört nicht an deine Seite, Severus."

"Wer bestimmt das? DU?", fragte der Tränkemeister scharf.

"Nein, nicht ich...das Schicksal - die Vorhersehung."

Severus atmete tief durch und Hermine ahnte, dass er Dumbledore endlich da hatte, wo er ihn haben wollte - er wollte, dass der alte Mann endlich die Karten auf den Tisch legte.

"Was sieht das Schicksal vor; Albus? WAS?"

"Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber..."

Nun schaltete sich Hermine ein, und ihre Stimme klang ebenso fordernd, wie die von Severus.

"Das Schicksal ist etwas, das im Allgemeinen nicht vorhergesehen werden kann. Wenn Sie so bestimmt von Schicksal sprechen, dann meinen Sie in Wahrheit eine Prophezeiung, oder irre ich mich da?"

Dumbledore blickte von Hermine zu Severus und wieder zurück.

Schließlich nickte er und seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

"Ja, eine Prophezeiung, das ist richtig. Eine Prophezeiung, die von so großer Wichtigkeit ist, dass ich mich gezwungen sehe, an dieser Stelle eurer Beziehung einzugreifen."

Dumbledore atmete tief durch, als er den abweisenden Blick seiner Besucher sah und fuhr dann mit entschuldigender Stimme fort: "Ich vermute, Hermine, dass die Schmuckstücke, die ich Ihnen und Harry schenkte, für zumindest einen von Ihnen die Erkenntnis bot, dass die Liebe des anderen nur vorgegaukelt war."

Er blickte sie forschend an, doch Hermine schwieg beharrlich.

"Nun, ich frage dies nur, weil ich Ihnen das Geschenk aus genau diesem Grunde machte", gab er dann freimütig zu.

"Und was, Sir, ermächtigte Sie dazu, so tiefgreifend Einfluss auf mein und Harrys Leben zu nehmen?", fragte Hermine erzürnt.

Der Direktor lächelte sie an, doch seine Augen schienen das Lächeln nicht zu tragen.

"Die Prophezeiung, von der ich eben sprach, tut dies, mein Kind."

"Dann muss ich also davon ausgehen, dass diese Prophezeiung mich betrifft?", hakte Hermine lauernd nach.

Dumbledore nickte knapp. "Ja, sie betrifft Sie...und sie betrifft Ihren zukünftigen Sohn."

"Meinen Sohn...", echote Hermine und blickte kurz zu Severus.

Der Direktor hatte diesen Blick sehr wohl bemerkt und seine Stimme wurde nun schärfer.

"Dieses Kind ist von größter Bedeutung in unserem Kampf gegen Voldemort. Jede Schlacht, die wir schlagen, kann den Lord nur zurückdrängen...doch Ihr Sohn, Hermine, wird ihn endgültig vernichten."

Hermine lachte, als wäre ihr diese Erkenntnis nicht nur neu, sondern als wäre sie auch völlig abwegig.

"Mein Sohn soll das tun? Was ist mit Harrys Prophezeiung?"

"Harry wird Ihrem Sohn alles beibringen, was er wissen muss. Er wird ihn anleiten, so wie ich Severus angeleitet habe. Es wird erst sehr viel später geschehen, Hermine...aber es wird geschehen. Ohne Harry wird Nathaniel den Sieg nicht erringen können. Hermine, der Lord wird durch die Hand Ihres Sohnes sterben. Harry ist jedoch nicht sein Vater - ebensowenig wie Severus."

"Und was macht Sie da so sicher?", fragte Hermine scharf.

Dumbledore setzte eine gütige Miene auf.

"Weil ich den Mann gesehen habe. Ich habe den Mann gesehen, der an Ihrer Seite sein wird. Und ich habe bereits dafür gesorgt, dass Harry mit ihm in Kontakt bleibt. Sie selbst kennen ihn auch, Hermine. Der Vater Ihres Kindes ist Wilbur Haines."

Als Hermine begriff, WAS Dumbledore da gesehen hatte, wurde ihr speiübel. Der Direktor hielt also die immer wiederholten Vergewaltigungen durch Charles Grant, alias Wilbur Haines, für eine Beziehung, aus der Nathaniel entstehen würde.

Es war unmöglich, dieses Missverständnis aufzuklären, ohne Dumbledore von der anderen Zeitlinie zu erzählen...die Zeitlinie, in der Nathaniel mit ihr selbst gestorben war. Und gerade weil Dumbledores große Hoffnung in dieser anderen Realität gestorben war, ahnte Hermine, dass er nichts aus dieser alternativen Zeit anerkennen würde, selbst wenn sie ihm davon erzählen würden.

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Immer wieder sah er zu der Schublade, in der sein Geheimnis ruhte. Fast war er versucht, die gläserne Kugel erneut herauszunehmen und die Frau seines Kollegen darin zu betrachten, die sich nackt und hilflos unter ihm wand. Diese Bilder waren erregend. Seit er Hermine zum ersten mal gesehen hatte, hatte er sich gewünscht, sie möge ihn endlich bemerken - nicht als Harrys Kollege, sondern als Mann. Dieser Wunsch hatte ihn selbst zutiefst verwirrt, denn ihre Narben schreckten ihn ab. In dieser Prophezeiung jedoch hatte sie keine Narben, sondern ihre Haut war makellos rein. Immer wieder hatte er sich die Szene angesehen, in der er sie besaß. Wer immer ihm die Kugel hatte zukommen lassen, wusste, dass sie die seine war...ebenso wie Wilbur Haines selbst es wusste.

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Severus spürte deutlich die Präsenz von Albus in seinem Kopf, als im Büro Stille eingekehrt war.

Der alte Mann tastete nicht nur an dem Vertrauenszauber, sondern er übte einen solchen Druck auf seinen ehemaligen Schützling aus, dass Severus einen stechenden Schmerz in seinem Kopf spürte.

"Lass sie gehen - lass sie gehen!", hämmerte Albus' Stimme in seinem Kopf.

Severus wehrte sich verzweifelt dagegen, dass der Direktor ihm seinen Willen aufzwang.

"Sie gehört nicht zu dir!", schickte ihm Albus unbarmherzig in den Geist.

Der Schmerz wurde beinahe unerträglich und Severus verspürte den unbändigen Drang, sich in das Bild 'Der Übergang zur Hölle' zu begeben.

Wie betäubt erhob er sich und sofort sah Hermine ihn alarmiert an.

"Sie können gerne solang auf Hogwarts bleiben, bis die weiteren Dinge geklärt sind", hörte sie Dumbledore sagen, während er mit keinem Ton darauf einging, dass Severus sich zur Tür begab, ohne Hermine auch nur noch eines Blickes zu würdigen.

"Was ist hier los?", fragte Hermine und sah zwischen den beiden Männern hin und her.

Severus schien sie nicht zu hören, während Dumbledore damit fortfuhr, Hermine zu erläutern, dass sie gerne auf Hogwarts wohnen könne, um, nach der Trennung von Harry, einen klaren Kopf zu bekommen.

"Wo willst du hin, Severus?", fragte Hermine und wollte den Tränkemeister am Arm festhalten.

Severus ließ sich jedoch nicht aufhalten - zu stark war der Drang, sich selbst zu bestrafen. Zu mächtig der Wunsch, in das Mahnmal zu steigen und sich zeigen zu lassen, dass er nichts im Leben verdient hatte, als Schmerz und das Gefühl von Schuld - und dass er selbst ebenfalls nichts anderes, als eben dies, zu geben hatte.

"Lassen Sie ihn gehen, Hermine", sagte Dumbledore sanft, "er wird sich danach besser fühlen."

"Das Bild", hauchte Hermine entsetzt, "Sie schicken ihn in das Bild! Sie quälen ihn, weil er mich liebt? Sie glauben, dass er mich so aus dem Kopf bekommt?"

"Er will es selbst...ich zwinge ihn nicht dazu", stellte Dumbledore klar, dann fügte er an: "Es ist nicht mehr aufzuhalten. Severus hat mehr von der Hölle gesehen, als ein anderer Mensch ertragen könnte. Und er kann es nur aus einem einzigen Grund - er ist ein Teil davon."

Hermine sah verzweifelt, dass Severus sich nicht aufhalten lassen würde. Er setzte seinen Weg unbeirrt fort.

Hastig blickte sie sich zum Direktor um und sagte mit bitterer Stimme: "Er ist ein Teil der Hölle, weil Sie ihn dazu gemacht haben! Und wo immer Severus hingeht, werde auch ich hingehen. Sie glauben vielleicht, dass Sie dieses Spiel in- und auswendig kennen, Sir...aber ich muss Sie enttäuschen - das Spiel, welches Sie so sorgfältig gezinkt haben, wurde längst durch ein anderes ausgetauscht."

Damit verließ sie das Büro, ohne sich noch einmal nach Dumbledore umzublicken.

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Ein kleiner Junge saß weinend auf einer Blumenwiese. Er hatte den Kopf gesenkt und die Arme um den Körper geschlungen, während Schmetterlinge - unberührt von seinem Kummer - mit aufgefächerten Flügeln auf den Blüten saßen, die den Jungen umgaben.

Hermine ging langsam durch das Blumenmeer und lauschte den wimmernden Lauten, die sich mit dem Summen von Bienen vermischten.

Der Junge war zweifellos Severus, der in kindlicher Gestalt haltlos vor Angst zitterte.

Die Sonne hätte ihn wärmen müssen, doch statt dessen schien sie nur gnadenlos die hilflose Szene zu beleuchten.

Hermine ging noch näher und hockte sich neben ihn.

"Was ist mit dir?", fragte sie behutsam.

Der Junge hob nicht den Kopf, sondern zuckte unter ihrer Stimme regelrecht zusammen und verkroch sich ein Stück mehr in sich selbst.

"Wovor hast du Angst?", versuchte sie es erneut.

Es dauerte lange, bis Severus antwortete.

"Ich verschwinde."

Hermines Stimme war sanft: "Nein, du verschwindest nicht. Du bist doch hier."

Nun hob der Junge den Kopf und deutete vage auf seine Füße.

"Doch - ich verschwinde."

Hermine blickte zu Boden und erkannte, dass dort, wo seine Füße hätten sein müssen, tatsächlich nur grüne Wiese zu sehen war.

Der Junge wimmerte abermals und gemeinsam sahen sie, wie seine Beine verblassten.

"Ich habe Angst. Ich werde einfach fort sein. Ich will nicht fort sein. Hilf mir!"

Hermine legte einen Arm um ihn und sagte mit dem Mut der Verzweiflung: "Ich werde dich festhalten. Du wirst nicht einfach verschwinden."

Severus sah sie mit Tränen in den Augen an.

"Du hältst mich fest? Kannst du mich retten?"

"Ja - ich werde es versuchen", sagte Hermine und erkannte im gleichen Moment, dass seine Hände sich aufzulösen begannen.

"Bitte rette mich! Hilf mir! Lass nicht zu, dass ich einfach fort bin!", schrie Severus und Hermine beteuerte immer wieder, dass sie ihr Bestes tun würde, während das Nichts ihn Stück für Stück auffraß. Er schien im riesigen Maul einer Bestie zu verschwinden, die man weder hören, noch sehen konnte.

Zuletzt saß Hermine mit verkrampften Händen da, die sie zuvor noch um seine Schultern gelegt hatten. Sie hatte ihr Versprechen nicht halten können und seine verblassenden Augen hatten sich an den ihren festgehalten, angsterfüllt aufgerissen, bis auch sie gänzlich verschwunden waren.

Dort, wo er eben noch um seine Existenz gefleht hatte, erstreckte sich nun nur noch die Sommerwiese, als hätte es den Jungen nie gegeben.

Hermine strich über die Halme und ein Schatten legte sich auf ihre Seele, den die Sonnenstrahlen nicht zu durchringen vermochten.

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Als Hermine aus dem Bild zurückgekehrt war, hatte Panik sie befallen, dass das Gemälde ihn tatsächlich in einem Winkel festhalten könnte, den sie niemals finden würde.

Doch natürlich war Severus zurückgekehrt, genauso wie sie selbst. Er saß auf der Couch und blickte sie kopfschüttelnd an.

"Warum bist du mir gefolgt?"

"Weil ich dich liebe", erwiderte Hermine schlicht.

Severus schickte ihr ein kurzes Lächeln.

"Das Bild hat manchmal äußerst merkwürdige Methoden. Du musst erstaunt sein, dass es auf Gewalt verzichtete."

"Nein, das bin ich nicht", gab Hermine sofort zurück. "Das, was es dir antat, war weitaus schlimmer, als all die Bilder aus Schmerz und Blut. Es hat dich in die Lage eines hilflosen Kindes versetzt - es hat dich im Nichts verschwinden lassen. Ich habe mich unendlich hilflos gefühlt, weil ich dich nicht festhalten konnte. Es muss schrecklich für dich gewesen sein."

"Ich bin verschwunden - wie Nathaniel", sagte Severus wie betäubt, "es hat ihn nie gegeben - es hat mich nie gegeben."

"Doch, es gibt dich...es gibt dich!", sagte sie lauter und umarmte ihn.

"Aber nicht den Mann, der ich gerne wäre", erwiderte er bitter.

Hermine strich seinen Rücken entlang und bemerkte, dass der Stoff seiner Robe schweißdurchtränkt war.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ Hermine den störenden Besucher still verwünschen. Severus brauchte Trost, doch statt dessen löste er ihre Arme von sich und trat zur Tür, um sie zu öffnen.

"Master Snape, eine Nachricht vom Direktor für Sie", piepste Blinky und übergab die Botschaft seinem Herrn.

Nachdem Severus die Tür wieder geschlossen hatte, öffnete er das gerollte Pergament.

"Das Treffen des Ordens findet heute Abend statt. Du bist Ehrengast", sagte er knapp.

Hermine nickte und begriff, dass Dumbledore ihren Beitritt so schnell wie möglich unter Dach und Fach bringen wollte.

"Ich werde nicht ohne Bedingungen zum Orden des Phönix zurückkehren", sagte Hermine bestimmt.

Severus sah sie lange an, ehe er erwiderte: "Albus wird nachlässig - er hat dich darüber in Kenntnis gesetzt, wie wichtig du für ihn bist...du hast vielleicht doch den ein oder anderen Trumpf in der Hand."

"Das hoffe ich", gab sie knapp zurück.

tbc

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