68. Kapitel
Die Idylle des Grauens
Hermine begleitete Harry bis in den menschenleeren Schlosshof.
„Wirst uns helfen?", fragte sie, als sie einen Moment schweigend beisammen gestanden hatten.
„Ich werde euch meine Entscheidung mitteilen, sobald ich sie selbst kenne", sagte er unwirsch, als er ihre Ungeduld bemerkte.
Hermine nickte verstehend und senkte den Kopf, schließlich hob sie ihn wieder und sah Harry direkt in die Augen als sie sprach.
„Ich verstehe, dass du erst darüber nachdenken musst. Harry...", sie machte eine Pause und lächelte unbeholfen: „würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich die Ungerechtigkeit erkenne, die wir dir mit dieser Bitte antun? Es tut mir Leid, Harry...ich habe dir dein Leben so schwer gemacht...meine Sehnsucht nach einem Kind...meine Albträume...meine Unzufriedenheit..."
„Ich kam mir oft vor wie ein Betrüger, Hermine", unterbrach Harry sie.
„Ein Betrüger?", fragte sie überrascht.
„Ja, ich wusste all die Zeit über, dass unsere Beziehung nur existierte, weil dir die Erinnerung an ihn und eure gemeinsame Zeit genommen war. Hast du eine Ahnung wie schwer es war, so zu tun, als würdest du zu mir gehören, obwohl ich doch wusste, dass er nur unseren Weg würde kreuzen müssen, um dieses Feuer erneut in dir zu entfachen, das er schon einmal zum Vorschein gelockt hatte. Ich habe immer gehofft, dass es mir gelingen könnte, diese Leidenschaft ebenfalls in dir zum Vorschein zu holen, aber dazu war ich offensichtlich nicht in der Lage. Es tut weh zu sehen, dass er all das hat, was mir nun fehlt. Ich hasse es! Ich hasse IHN! Und dann wird mir klar, dass ich kein Recht dazu habe, denn er hat dich mir nicht weggenommen, weil ich dich nie hatte...ich hatte dich...nie!"
"Wir werden immer Freunde sein, Harry...und das waren wir immer, bitte vergiss das nicht! Ich weiß, dass das im Moment für dich wie der blanke Hohn klingen muss, aber diese Freundschaft ist wertvoll! Sie bedeutet mir unendlich viel...und ich hoffe, dass sie dir ebenfalls noch etwas bedeutet."
Harry schwieg und sah Hermine lange an.
"Ja", sagte er schließlich, "sie bedeutet mir etwas...aber ich kann dir jetzt keine Antwort darauf geben, ob ich erneut die Kraft für eine solche Lüge aufbringe."
"Das verstehe ich. Ich werde warten...und hoffen."
Er nickte, blieb jedoch eine weitere Antwort schuldig. Hermine schickte ihm ein Lächeln und fragte dann das Thema wechselnd: "Wie geht es Ron?"
Harry räusperte sich und kratzte sich an der Stirn. "Er lebt noch - so gerade! Kannst du mir sagen, warum er und Ginny ausgerechnet mit Drachen arbeiten müssen? Man müsste doch meinen, dass ihnen Hagrids Schicksal Mahnung genug sein müsste, dass man die Viecher nicht zähmen kann. Statt dessen setzt er mir dieses Monster vor die Nase und erwartet, dass irgendwie schon alles gut gehen wird. Dieser D-5 hielt allerdings wenig von dem Plan und zog es vor, ihm die Hand zu grillen."
Harry schüttelte kurz den Kopf und fuhr dann fort: "Da sehe ich meinen Freund nach all der Zeit endlich wieder und muss erleben, wie er vor meinen Augen flammbiert wird. Doch statt das Vieh wegzusperren, hat er lieber mich aus dem Hotelzimmer geschmissen. Wenn du mich fragst, haben die beiden sich da in etwas verrannt, das nie und nimmer klappen wird. Oder lief es mit D-6 besser?"
"D-7", korrigierte Hermine automatisch.
"Was ist mit D-6 passiert?"
"Der hat sich selbst verspeist."
"Das hätte D-5 auch besser tun sollen", sagte Harry unwirsch.
"Mit D-7 lief es eigentlich ganz gut. Aber von Ginny habe ich ungefähr soviel gehabt, wie du von Ron."
"Tja, es geht nichts über Freundschaft, nicht wahr?", sagte Harry bitter und erinnerte damit an Hermines vorherige Worte.
"Es werden auch wieder andere Zeiten kommen - das hoffe ich zumindest", sagte Hermine.
Harry nickte knapp: "Das hoffe ich auch. Pass auf dich auf", sagte er dann und küsste sie sacht auf die Wange um sich zu verabschieden.
Hermine wartete, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, ehe sie ins Schloss zurückkehrte. Als sie den Kerker betrat, erkannte sie sofort, dass Severus sie bereits erwartet hatte.
"Hat Harry eingewilligt?"
Sie schüttelte den Kopf und sagte: "Er braucht noch Zeit, um diese Entscheidung zu treffen."
"Ich hatte gehofft, dass er nur auf eine Gelegenheit wartet einzuwilligen, ohne dass ich dabei bin,"
gab Severus leise zu.
Hermine seufzte und sagte: "Er ist enttäuscht - und ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich bereit sein wird, uns noch einmal zu helfen. Wir haben ihn ausgenutzt, und wir würden es wieder tun."
"Ja, um unser Kind zu schützen, Hermine! Wir haben es EINMAL verloren...das darf nicht wieder geschehen!"
Hermine lächelte ihn traurig an und ihre Stimme klang eher defensiv, obwohl sie sagte: "Du hast mir doch stets erklärt, dass wir unser Kind NICHT verloren haben, weil es in Wahrheit nie existierte."
Einen Moment lang sah er sie schweigend an, dann ging er zu ihr und nahm sie ebenso schweigend in die Arme. Hermine schmiegte sich an seine Brust und ließ den Tränen freien Lauf, die ihr gestatteten, einen Teil der Anspannung abzuschütteln.
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Die Schüler schlichen mit gesenkten Köpfen aus dem Zaubertränkeklassenzimmer. Ihr Lehrer schien heute besonders schlechter Laune zu sein und die Strafarbeiten waren regelrecht auf jeden niedergeprasselt, der es auch nur gewagt hatte, zu laut zu atmen.
Hermine begegnete ein paar Schülern auf der Treppe, da sie gerade hinunterging, als die Teenager den Kerker verließen.
Sie glaubte so manch vorwurfsvollen Blick auf sich zu spüren, so als wolle man sie fragen, ob sie nicht positiver auf den Mann an ihrer Seite einwirken könne, und in der Tat hörte sie eine unverhohlen gehässige Bemerkung eines Schülers, dessen Gesicht ihr nur allzudeutlich aus der anderen Zeitdimension in Erinnerung war.
Sie versuchte das Gesagte zu ignorieren und atmete erleichtert auf, als auch der letzte Schüler an ihr vorbeigegangen war.
Severus schloss gerade die Klassenzimmertür von außen, als sie in den Flur trat. Sein Blick ging zur Treppe und als er sah, dass die Schüler verschwunden waren, trat er zu Hermine und zog sie vorsichtig an sich.
"Wie geht es dir?", fragte er leise.
"Gut - scheinbar besser als dir. Was hast du mit deinen Schülern angestellt?"
"Das Übliche", gab er knapp zurück.
"Also muss ich mir keine Sorgen machen, dass du noch ungerechter als ungerecht warst?"
"Nicht wesentlich ungerechter als ungerecht", antwortete er trocken.
"Gut, dann bin ich ja beruhigt. Weißt du eigentlich, dass ICH am meisten darunter leiden muss, wenn du so viele Strafarbeiten aufgibst?"
"Ist das so?", fragte er verblüfft nach.
Hermine nickte nachdrücklich: "Ja - dann musst du am folgenden Tag noch mehr Zeit aufwenden, um diese zusätzlichen Arbeiten zu korrigieren."
"Ich muss mich ablenken, bis Harry endlich seine Entscheidung getroffen hat", erwiderte Severus tonlos.
"Das ist der Grund dafür, dass du den Schülern Strafarbeiten aufbrummst? Du tust das, um dich durch ihre Mehrarbeit ablenken zu können?"
Severus grübelte einen Moment, dann sagte er: "Scheint so."
Hermine seufzte leise: "Weißt du, Severus...ich habe mich früher oft gefragt, was wir als Schüler wohl falsch gemacht hatten, wenn du scheinbar selbstherrlich und willkürlich Strafarbeiten verteilt hast...ich danke dir für die Erkenntnis, dass es in der Tat von dir einfach selbstherrlich und willkürlich war!"
Severus schickte ihr ein zynisches Lächeln, dann wurde er wieder ernst.
"Wir stehen kurz vor den Prüfungen - es kann wohl kaum schaden, wenn der Lehrstoff noch einmal Gegenstand des Denkens der Schüler wird, denn Schüler dieses Alters sind mit allem anderen beschäftigt, nur nicht mit dem Unterrichtsstoff."
"Kannst du ihnen das verübeln?"
"Wenn es das einzige Problem eines Schülers ist, wie er seine Finger in das Höschen seiner Mitschülerin bekommen kann, ist das nicht gerade gut für den Notendurchschnitt."
"Ein echtes Lehrerproblem", sagte Hermine ironisch.
Severus funkelte sie kalt an, dann zog er eine Augenbraue hoch und sagte: "Darf ich dich an deine Prüfung und das Ergebnis deiner pubertären Gefühle mir gegenüber erinnern?"
"Nein, das darfst du nicht!", sagte Hermine entschieden.
Severus schien ihre schneidende Antwort völlig zu entgehen, denn er lächelte sie plötzlich warm an und seine Hand legte sich in ihren Nacken, während er sich zu ihr beugte, um sie zu küssen.
Hermine war über diese zärtliche Geste außerhalb der Wohnräume überrascht, ließ es jedoch sehr gerne geschehen.
Severus küsste sie, als täte er es zum ersten mal und Hermine hatte das Gefühl, dass er diese sanfte Geste auf eine Art genoss, die ihm lange gefehlt hatte.
Erst als wieder Stimmen von Schülern zu vernehmen waren, die zur nächsten Stunde die Treppe hinabstiegen, löste er sich von Hermine und lächelte sie an.
"Zeit, wieder Schüler zu ärgern", sagte sie ebenfalls lächelnd.
Severus zog zur Antwort nur eine Augenbraue hoch, denn inzwischen kamen die ersten Erstklässer verschüchtert auf sie zu.
Als Severus mit ihnen im Klassenzimmer verschwunden war, legte Hermine einen Finger an ihre Lippen, als könne sie Severus' Kuss dadurch festhalten.
Vor Glück immer noch schwindlig betrat sie die Wohnräume und kaum hatte sie die Tür geschlossen, klopfte es leise.
Sie wusste, dass er es unmöglich sein konnte, und doch öffnete sie Tür in dieser Hoffnung.
Im ersten Moment sah sie niemanden, doch dann senkte sich ihr Blick, als eine Elfenstimme piepste: "Eine Nachricht von Professor Dumbledore für Master Snape."
Hermine nahm die Botschaft entgegen und bedankte sich bei Blinky, den sie, obwohl er Severus persönlich zugeteilter Hauself war, nur sehr selten zu Gesicht bekam.
Der Hauself schien denn auch froh, als sie keine weiteren Wünsche äußerte und entfernte sich zwar mit der üblichen Demut, aber doch etwas zu schnell, um zu verbergen, dass ihm selbst diese wenigen Einsätze für seinen Herrn schwer fielen.
Hermine seufzte leise, als sie darüber nachdachte, wie ungerecht das Leben zu diesen ständig dienenden Wesen war.
Sie schloss die Tür und legte den Brief auf den Wohnzimmertisch.
Dann griff sie selbst zu Pergament und Feder und verfasste einen Brief an Ginny, in dem sie ihr schrieb, wie sehr sie sich auf ihr nächstes Treffen freue, und äußerte die Hoffnung, dass sie dann mehr Zeit für eine Unterhaltung finden würden. Sie brachte den Brief eigenhändig in die Eulerei und ging danach in die Bibliothek, in der sie die Zeit verbrachte, bis Severus den Unterricht beendet hatte.
Hermine hatte sich auf den Nachmittag gefreut, an dem sie ihn wiedertreffen würde, und wurde nicht enttäuscht, als er sie erneut zärtlich mit einem Kuss begrüßte.
Als Severus den Brief öffnete, überflog er kurz die Zeilen und seufzte dann.
"Was ist los?", fragte Hermine sofort.
"Albus hat mich in sein Büro eingeladen. Er betont, dass es sich um eine Einladung handelt an der du ebenfalls gerne teilnehmen kannst."
Hermine nickte nachdenklich, dann sagte sie: "Ich werde dich gerne begleiten. Es wird ohnehin Zeit ihn einzuweihen, oder Severus?"
Er sah sie lange an, dann erwiderte er: "Ja, wir sollten ihn einweihen. Auch wenn ich eigentlich nicht bereit bin, ihm erneut soviel Macht über mich zu geben."
"Das verstehe ich", sagte Hermine und machte eine hilflose Geste: "Aber wir benötigen vielleicht seinen Schutz."
Nun nickte Severus stumm und seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er den Brief des Direktors in seinen Händen zerknüllte.
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Der alte Mann lächelte, als er seinen Gästen Tee einschenkte.
Hermine warf einen kurzen Blick zu Severus, der seit Betreten des Raumes seine Unruhe nur schlecht verbergen konnte.
Diesmal jedoch hatte seine innere Aufruhr weder etwas mit dem anstehenden Gespräch mit Dumbledore, noch etwas mit der noch ausstehenden Antwort von Harry zu tun.
Severus spürte offensichtlich überdeutlich die Präsenz des 'Übergangs zur Hölle.'
Das Bild hing ihm praktisch direkt gegenüber und zeigte sich heute, auf den ersten Blick zumindest, von seiner eher harmlosen Seite, da es eine Gruppe von Leuten darstellte, die ein fröhliches Fest zu feiern schienen. Ein langer Tisch, der vor Speisen überquoll, befand sich am Bildrand und ein Kind pflückte gerade Obst von einem dürren Ast, der mitsamt der Früchte in einer Schale lag, die auf dem reich gedeckten Tisch stand, während eine Frau - vielleicht die Mutter - einen Braten aufschnitt. Im Vordergrund standen lachende Männer und Frauen, die sich zum Tanze die Hände reichten.
Hermine bemerkte Severus prüfenden Blick und nahm das Bild selbst genauer ins Visier.
Ihr Mund wurde trocken und Übelkeit stieg in ihr auf, als sie, vom Speisenberg stellenweise gut bedeckt, einen menschlichen Körper ausmachte, der zweifellos Albus darstellen sollte.
Sein nackter Brustkorb erhob sich zwischen einer Dekoration aus Beilagen und wurde von der Frau auf dem Bild gerade zum Verzehr vorbereitet, während das Kind einen, aus dem Fleisch geschälten Hoden des Toten von den dünnen Sehnen riss.
Dumbledore bemerkte die Blicke seiner Gäste und sagte freundlich: "Ich hätte euch den Anblick gerne erspart, aber nachdem ich das Bild mehrmals vergeblich in meine Wohnräume gebracht habe, musste ich einsehen, dass die Gemälde es bevorzugen, stets um mich zu sein, indem sie mir nur gestatten, jeweils eines im Büro, und eines in meinem privaten Bereich zu verwahren. Ich hoffe darauf, dass die Darstellungen so...verschleiert bleiben und Besucher, aufgrund der Vielzahl an Gemälden hier, nicht soviel Wert auf eine genaue Untersuchung der einzelnen Motive legen."
Hermine fühlte sich mehr als peinlich berührt, weil die Darstellung nicht nur ekelerregend und schamlos war, sondern weil das Gemälde scheinbar auch seinen Einfluss auf das Leben seines Besitzers dahingehend ausgeweitet hatte, ihn selbst dann zu verfolgen, wenn er sich nicht gerade darin befand. Ein Terror, dem sich Albus vermutlich nicht lange so kraftvoll entgegenstellen konnte.
Erneut brandete das schlechte Gewissen in ihr auf, dass sie den Direktor gezwungen hatte, auch dieses zweite Bild in seinen Besitz zu nehmen. Sie dachte darüber nach, ob sie anders gehandelt hätte, wenn sie geahnt hätte, dass er bereits ein eigenes besaß.
Und gerade als sie über diese Frage grübelte, hörte sie Severus' Stimme, die beängstigend atemlos und abwesend klang.
"Es ist meins - ich kann es spüren. Das hier, ist eigentlich meins."
"Ja, das ist das Gemälde, das eine Zeitlang das deine war", sagte Albus als ginge es um einen belanglosen Gegenstand, der ganz alltäglich den Besitzer gewechselt hatte. Dann lächelte der Direktor gütig: "Es gehört nicht mehr dir. Hör nicht auf es. Es lockt dich, ohne dich hineinzulassen. Du quälst dich nur selbst, Severus, wenn du dich durch seinen Ruf verlocken lässt...und du würdest Hermine unendlich enttäuschen, wenn du nun tust, wonach es dich drängt. Es würde sie mit großer Trauer erfüllen, wenn du das Bild mit deinem Blut zu bestechen versuchen würdest, dir Einlass zu gewähren...und ich bezweifle, dass dieses Opfer etwas an den Tatsachen ändern würde, auch wenn es dem Bild köstliche Nahrung geben würde. Wie du siehst, bin ICH bereits Nahrung für das Gemälde...lass es dabei bewenden."
Hermine entging nicht, dass Albus die Chance genutzt hatte, ihr Severus' geheime Gedanken mitzuteilen und ihr damit erneut aufzuzeigen, dass nicht ER es war, der Severus zu all dem Zwang, sondern der fast animalische Antrieb von Severus selbst ausging. Hermine war sich in diesem Moment sicher, dass er seine Seele dafür verkaufen würde, um erneut hineinzugelangen. Er hätte seine Seele dem Bild jetzt ohne zu zögern verkauft...wenn er es nicht bereits längst getan hätte.
Unendliche Trauer überfiel sie bei dieser Erkenntnis, daher war sie umso erstaunter, als Severus Albus antwortete.
"Der Drang ist beinahe unwiderstehlich, und du hast Recht, was meine Gedanken anging. Ob du allerdings das Recht hattest, sie auszusprechen, wage ich zu bezweifeln, denn obwohl du meinen Wunsch kennst, weil du ihn ebenso verspürst, weißt du nicht, was es ist, das mich davon abhält, das Gewünschte in die Tat umzusetzen."
Albus schüttelte kurz den Kopf und sagte dann leise: "Ich vermag mich auch hier in dich zu versetzen...vergiss nicht, dass ich dich besser kenne, als du glaubst...", Severus' spöttisches Lachen unterbrach den Direktor, doch der fuhr unbeeindruckt fort: "Du ziehst die Stärke aus deiner Verbindung zu Hermine, es tut euch zweifellos gut, euch einander diese Kraft zu geben - gegen diese...Versuchung." Albus klang jetzt nicht ganz überzeugt, dass das Bild eine Verlockung darstellte, der man sich entziehen sollte, und Hermine ahnte, dass die Bilder weit größeren Einfluss auf ihn hatten, seit er beiden ständig ausgesetzt war.
Dumbledores nächste Worte klangen in der Tat so, als erwarte er ein Eingeständnis seiner Besucher, dass der Einfluss der Gemälde durchaus erstrebenswert wäre.
"Hermine kennt die Wirkung des Bildes. Du hast sie selbst hineingeschickt, nicht wahr?", fragte er lauernd.
"Ja", knurrte Severus, "ja, das habe ich."
"Nun, das Bild ist ein gnadenloser Lehrer und ein Befreier zugleich", sagte Albus und fügte dann an: "Es zeigt uns die grausamsten Idyllen, die der menschliche Geist ersinnen kann. Das Grauen wird gangbar gemacht...er verkehrt sich zum Normalen. Es lockt in eine Welt, in der Schmerz und Leid so natürlich sind wie das Atmen. Und während die Zerstörung an Körper und Geist stattfindet, zeigt es uns in Wahrheit doch die Schönheit und Wichtigkeit dieses Vorgangs. Nur aus Zerstörtem kann Neues entstehen. Der Mut, etwas zu vernichten um etwas Besseres darauf zu bauen, ist unbezahlbar."
Hermine hörte diesen Vortrag mit wachsender Besorgnis.
Sie hatte im Grundsatz gespürt, was das Bild zu bewirken vermochte, und doch hatte sie selbst mehr Wert auf die lehrreichen Lektionen gelegt, als auf die angebliche Befreiung, die es bewirken konnte.
Sie merkte wie Dumbledore abdriftete und sie wusste, dass Severus selbst zu sehr im Bann des Gemäldes stand, als dass er den Direktor hätte zurückhalten können.
"Woher stammt der 'Übergang zur Hölle'?", fragte sie laut und sachlich, um die unheimliche Wendung des Gesprächs zu unterbrechen.
Dumbledore sah sie einen Moment nachdenklich an, dann lachte er leise und schwieg.
"Aus welcher Zeit stammt es? Wer hat es gemalt und wie kam es hierher?"
Abermals lachte Dumbledore und schüttelte den Kopf, als hätte Hermine ihm gerade eine lustige Begebenheit erzählt, die er nicht fassen konnte.
Severus wandte sich zu ihr und Hermine blickte nun auch ihn fragend an.
"Ich weiß es nicht", sagte er leise und er schien über ihre Fragen höchst irritiert.
Hermine blickte voller Verachtung zu dem Bild empor. Dieses verfluchte Ding war in der Lage, zwei der fähigsten Magier die sie kannte, zu beeinflussen. Sie nahm sich vor, die Fragen Severus erneut zu stellen, wenn er nicht mehr in unmittelbarer Nähe zu den gefährlichen Gemälden war.
Als Dumbledore seine vorherigen Worte an Severus nochmals wiederholte, als sei dazwischen nichts geschehen und gesagt worden, lief es Hermine kalt den Rücken hinunter.
"Du ziehst die Stärke aus deiner Verbindung zu Hermine, es tut euch zweifellos gut, euch einander diese Kraft zu geben, aber du darfst nicht dem Egoismus verfallen, eure Beziehung nur deshalb aufrecht zu erhalten. Du darfst nicht Hermine festhalten, um dich dem Bild zu entziehen. Sie hat eine andere Aufgabe zu erfüllen."
Nun schien endlich auch Severus wieder klar zu Verstand zu kommen und seine Stimme klang so scharf wie eh und je.
"Es ist nicht an dir, das zu entscheiden. Du solltest wissen, dass es längst..."
"Severus!", fuhr Hermine dazwischen, die Dumbledores Gesicht genau beobachtet hatte. Der alte Mann lauerte tatsächlich regelrecht darauf, erneut Macht über seinen ehemaligen Schüler zu gewinnen, und indem sie ihn einweihten, würde er genau das haben - Macht, ihr Geheimnis zu verraten.
Hermine wurde plötzlich klar, dass Dumbledore eine Marionette in diesem Spiel war, bei der jemand anderes von Zeit zu Zeit die Fäden zog. Der alte Mann war eine Gefahr, das spürte Hermine nun mit jeder Faser ihres Körpers.
"Severus", wiederholte sie etwas leiser, "wir sollten jetzt gehen."
Irritiert schaute der Meister der Zaubertränke sie an und murmelte schließlich: "Ja, wir müssen uns nun verabschieden."
Dumbledore schien ebenfalls verwirrt und plötzlich klang er wieder ganz wie er selbst, als er sagte: "Vielleicht magst du dir zuvor noch anhören, warum ich dich eigentlich zu mir bat, Severus."
"Ja, natürlich", erwiderte dieser und schien ebenfalls zu bemerken, dass er es jetzt mit einem ganz anderen Mann zu tun zu haben schien.
Der Direktor strich sich in altbekannter Manier über den Bart und wedelte dann mit der Hand, als wolle er eine heikle Sache ankündigen.
"Nun, ich bin mir sicher, dass sich Quellhocks am Rande des Verbotenen Waldes befinden", sagte Dumbledore, "ich hatte Mr. Fox gebeten, sich um das Problem zu kümmern, und ich weiß, dass er dich um Hilfe ersuchen wollte. Leider hatte er in letzter Zeit alle Hände voll zu tun, doch wie er mir versicherte, wird er dieses Problem in den nächsten Tagen in Angriff nehmen. Ich glaube allerdings, er nimmt das Problem nicht allzu ernst, und das lässt mich darauf schließen, dass er die Gefährlichkeit dieser Wesen unterschätzt. Daher möchte ich dich bitten, selbst Kontakt mit Fox aufzunehmen, bevor er vielleicht glaubt, alleine losziehen zu können, und es zu einem Unglück kommt. Ich möchte nur sehr ungern einen weiteren Wildhüter verlieren. Wärst du bereit, diese Aufgabe mit ihm gemeinsam zu übernehmen?"
Als das Gespräch auf die Quellhocks gekommen war, hatte Hermine automatisch den Atem angehalten. Bilder von Malfoys grausamen Tod schossen ihr wieder durch den Kopf und sie konnte nur ahnen, wie es Severus bei der Erwähnung dieser Wesen nun ging.
Seiner Stimme war jedoch absolut nicht anzuhören, als er sagte: "Du glaubst, es gibt Quellhocks am Rande des Verbotenen Waldes? Sie sind recht selten geworden und nur schwer auszumachen. Doch wenn es sie gibt, dann werde ich sie finden und vernichten."
Hermine erkannte die tiefe Zufriedenheit, die hinter dem letzten Wort stand. Er würde die Quellhocks vernichten, so, wie sie den Mann vernichtet hatten, der ihm so viel bedeutet hatte.
Da diese Wesen nur ihrer Natur gefolgt waren, und er ihnen ihr Opfer eigenhändig zum Fraß vorgeworfen hatte, hatte er diesem Impuls, die Quellhocks zu vernichten, bisher widerstanden - doch nun, da er die Anweisung dazu erhielt, hörte Hermine wie wichtig Severus die Rache an diesen Geschöpfen war, und sie fragte sich, ob das Töten jemals ein Ende nehmen würde.
tbc
Liebe Leser,
ich habe euch immer noch das ein oder andere in dieser Story zu erzählen...ich möchte es jedoch nur tun, wenn ihr noch Interesse daran habt, daher bitte ich euch um Rückmeldungen aller Art.
Liebe Grüße, Kira
