Liebe Leser,
dieses Kapitel ist vor Ostern ganz besonders gemein, das ist mir durchaus bewusst. Es eignet sich auch keinesfalls als Gute-Nacht-Lektüre, auch das ist mir klar...aber ich glaube, das dürfe euch inzwischen ohnehin bekannt sein ;)
Ich wünsche schön schaurige Unterhaltung!
Kira
69. Kapitel
Spurensuche
Hermine hatte darauf bestanden, Severus in den Verbotenen Wald zu begleiten und so hatten sie noch scheinbar mitten in der Nacht das Schloss verlassen, um sich mit Fox zu treffen, der bereits vor Hagrids Hütte auf sie wartete.
Fang saß zu den Füßen des Wildhüters und war, dank seines dunklen Fells, im Lichtschein der Laterne, die sein Herr in den Händen hielt, kaum auszumachen.
"Der Hund bleibt hier", stellte Severus knapp klar.
Fox hob die Laterne etwas, um den Tränkemeister besser sehen zu können.
"Fang begleitet mich überallhin", erwiderte er herausfordernd.
"Dann wird das vielleicht das letzte mal sein, dass er das tut. Wir werden nah an den Bach herangehen müssen", sagte Severus.
"Ich werde ihn schon vom Trinken abhalten."
"Das sollte nicht Ihre primäre Aufgabe sein", knurrte Severus und fügte dann an: "Aber mir soll es egal sein...besser ER wird Quellhockfutter als wir!"
Hermine konnte erkennen, wie Fang seinen Kopf zwischen den beiden Männern hin und herdrehte, während sie sprachen. Sie musste lachen, als der riesenhafte Hund sich plötzlich umdrehte und an der Tür der Hütte zu kratzen begann.
Fox seufzte und ließ den Hund in die Hütte zurückkehren, und obwohl Hermine wusste, dass Fang nur auf die Schwingungen in den Stimmen der beiden Männer reagiert hatte, fragte sie sich doch, ob er nicht vielleicht jedes einzelne Wort verstanden hatte.
Nun begaben sich sich zu dritt auf die dunkle Wand aus Bäumen und Büschen zu.
Es war beinahe wie ein Déjà-vu. Das letzte mal hatte Lucius Malfoy sie begleitet und sie waren nur zu zweit wieder zurückgekehrt. Hermine hoffte, dass dieses Erlebnis sich nicht wiederholen würde.
Fox sprach kein unnötiges Wort und Severus schien es nicht weiter zu stören.
Hermine kämpfte mit ein paar Ästen, die sich in ihrem Haar verfingen, weil sie die dünnen Zweige in der Dunkelheit nicht sehen konnte und mehr als einmal das Gefühl hatte, dass zittrige Finger nach ihr griffen. Den beiden Männern konnte es eigentlich nicht anders gehen, doch von keinem von ihnen war auch nur ein erschreckter Laut zu hören. Hermine war froh und nervös zugleich, als sie endlich den Bach rauschen hören konnte.
"Ich bin mir sicher, dass Professor Dumbledore sich getäuscht hat", sagte Fox und fügte an: "Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Quellhocks nicht nur ein Mythos sind."
"Ein Mythos?", fragte Severus knurrend, "Ihr Hund ist schlauer als Sie", fügte er dann herablassend an.
Sofort fühlte sich der Wildhüter herausgefordert und zischte: "Der Hund gehört mir nicht...ich habe ihn nur...übernommen. Vermutlich kamen Sie mit meinem Vorgänger besser zurecht, als mit mir. Und offensichtlich hielt auch der Direktor ihn für fähiger als mich, warum sonst hält er es für nötig, dass Sie mich begleiten."
Fox hatte es wie eine gereizte Frage klingen lassen und Hermine glaubte ihren Ohren nicht trauen zu können, als Severus erwiderte: "Ja, wir kamen gut miteinander klar. Er ging normalerweise seiner Wege und ich die meinen."
Niemals hatte Hermine sich Gedanken darüber gemacht, wie das Verhältnis zwischen Severus und Hagrid gewesen war, und sie fühlte sich in eine andere Zeit versetzt, als Severus hinterherschob: "Er hat mir manchmal einen Gefallen getan, indem er im Wald nach Kräutern Ausschau hielt, für die ich mich interessierte. Ich hingegen habe das ein oder andere Problem mit ihm gemeinsam gelöst, das sich ergab, wenn ein gefährliches Wesen sich zu dicht an den Ländereien aufhielt. Das wird auch der Grund sein, warum mich Professor Dumbledore bat, Sie zu unterstützen. Wenn Sie es jedoch auf Ihre Unfähigkeit zurückführen möchten, so haben Sie sicher Ihre Gründe dafür."
Fox schwieg nun grollend, während Hermine immer noch fasziniert davon war, dass Severus und Hagrid manchmal Hand in Hand gearbeitet hatten. Sie kam sich albern vor, weil sie im Traum nicht damit gerechnet hatte, obwohl es doch so logisch war.
Als der Wildhüter erneut sprach, klang seine Stimme überaus kalt.
"Die Sonne wird bald aufgehen. Um zu sehen, ob der Mythos wahr ist, müssten wir jedoch viel Glück haben, denn wenn ich richtig informiert bin, müsste dazu ein Tier das Wasser des Baches trinken, sonst werden wir wohl rein gar nichts zu sehen bekommen...was mich nicht wundern würde."
Severus ließ einige Zeit verstreichen, dann sagte er: "Die Tiere trinken nicht zufällig an der Stelle, an der die Quellhocks sich aufhalten. Das Wasser an dieser Stelle scheint sie geradezu zu locken. Lassen Sie mich an Ihrem Plan teilhaben, Mr. Fox...was gedenken Sie zu tun, falls sich Quellhocks zeigen?"
Die Stimme des Wildhüters klang aggressiv: "Ich werde mich erst vergewissern, ob überhaupt ein Problem besteht. Sollte es tatsächlich so sein, werde ich mir Gedanken darüber machen, wie es zu beheben ist. Ich habe eine Vielzahl von Aufgaben, Professor Snape...ich bin auch ausgelastet, ohne Mythen hinterherzujagen, oder für Lehrer Kräuter zu suchen - dafür bin ich allerdings auch nicht auf deren Hilfe angewiesen, was den Schutz der Schule angeht!"
Hermine blieb beinahe das Herz stehen, als eine lange Pause entstand.
Severus Stimme klang überaus ruhig, was immer ein Grund zur Sorge war, wie Hermine wusste.
"Darauf angewiesen war Hagrid vermutlich auch nicht - aber er wusste Hilfe durchaus zu schätzen...Sie sollten aufpassen, dass Ihre Selbstüberschätzung Sie nicht allzuschnell ins Grab bringt, Mr. Fox."
"Ich gebe mir Mühe...Sir!", erwiderte Fox spöttisch.
"Gut, dann treten Sie jetzt besser etwas zurück", sagte Severus gelassen, als der Himmel sich leicht aufzuhellen begann.
Gemeinsam begaben sie sich hinter einige Sträucher, um durstige Tiere nicht zu verschrecken, die an dieser Stelle des Baches in den sicheren Tod gehen würden.
Es dauerte noch geraume Zeit und Hermine glaubte fast, dass Fox sich selbstherrlich die Hände reiben konnte, da die ersten Sonnenstrahlen bereits durch den Wald lugten, ohne dass ein Opfer für die Quellhocks in Reichweite schien.
Doch plötzlich bewegte sich etwas in merkwürdigen Bewegungen über den Boden und Hermine erkannte einen Hasen, der ab und an mümmelnd sitzenblieb, um Gefahr zu wittern. Sein Kopf drehte sich in die Richtung, in der sie sich versteckt hielten und Hermine hoffte, dass er durch ihre Anwesenheit verschreckt werden würde, da ihr das Herz blutete beim Anblick des niedlichen Tieres, das sich jedoch unaufhaltsam der tödlichen Gefahr näherte.
Die Verlockung des Wassers war offensichtlich stärker, als der Geruch von drei Menschen, die sich dem Tier nicht näherten.
Hermine zuckte nervös mit dem Fuß und sofort fing sie Severus' Blick auf, der mahnend auf ihr lag.
Es war traurig ansehen zu müssen, wie der niedliche Hase sich dem Wasser näherte und seine Ohren lustig schlackerten, jedesmal wenn er hüpfte.
Kaum hatte das Tier den Kopf gesenkt, kam das Wasser für den Bruchteil einer Sekunde in Bewegung. Man hätte nicht gemerkt, dass überhaupt etwas geschehen war, wenn der Hase nicht plötzlich in panischen Todeskampf gezuckt und sich gewunden hätte.
Hermine wollte den Blick abwenden, doch wie gebannt starrte sie auf das Tier, das zu ersticken drohte.
Als der Quellhock den Hasen schließlich freigab, setzte das Tier sich benommen auf und reckte den Hals, als wolle es die frische Morgenluft tief einatmen.
Dann trat das Zittern ein und durchlief den kleinen Körper schonungslos. Severus griff in seinen Umhang und begab sich eilig zu dem Tier, dessen körperlicher Verfall noch um einiges schneller von Statten gehen würde, als der von Lucius Malfoy.
Hermine nahm nur am Rande wahr, dass Fox neben ihr ebenfalls wie erstarrt schien, weil sein Mythos gerade einen wehrlosen Hasen vor seinen Augen umbrachte, ohne auch nur einen offensichtlichen Ansatz von Gewalt benutzt zu haben.
Severus injizierte dem sterbenden Tier eine Flüssigkeit, die er aus einer Phiole entnahm und mittels einer Spitze in den zitternden Körper trieb.
Hermine fing Severus' Blick auf, als er eilig zu ihr und Fox zurückkehrte, und er schien erkannt zu haben, wie sehr es ihr missfiel, ein wehrloses Tier zu missbrauchen.
"Der Hase wäre so oder so gestorben...und nun wird er dafür sorgen, dass seinen Artgenossen nicht das gleiche Schicksal widerfährt", sagte Severus leise, und wandte sich dann um, um ebenfalls das weitere Geschehen zu verfolgen.
Schon nach wenigen Minuten fiel das Fell des Tieres regelrecht in sich zusammen, als der Körper des Hasen sich auflöste und nur die Ohren standen noch einen Moment aufrecht, bevor auch sie wie welke Blätter einknickten und schließlich zu Staub zerfielen.
Die Körperflüssigkeit des Hasen jedoch wand sich wie eine wässrige Schlange dem Bach entgegen - es war so wenig, dass Hermine fast glaubte, dass das Gemisch aus Blut, Wasser und der Substanz, die Severus dem Tier gespritzt hatte, das Gewässer gar nicht erst erreichen würde, doch ein schmales Rinnsal hatte sich bis zum Rand vorgearbeitet und tropfte nun zaghaft in die sanfte Strömung des Baches.
Sofort geriet das Wasser in Aufruhr, als die Quellhockbrut die kostbaren Nährstoffe aufnahm.
Alles schien so zu verlaufen, wie es sich wohl an jedem Morgen bei Sonnenaufgang an dieser Stelle des Baches ereignete, doch plötzlich begann das Wasser erneut zu brodeln. Diesmal schien es regelrecht zu kochen und Hermine glaubte tatsächlich Dampf zu erkennen, der über dem Bach aufstieg.
"Du hast sie...", begann Hermine ungläubig.
"Verbrannt...oder in diesem Falle wohl besser gekocht", beendete Severus den Satz, und sie konnte seine Genugtuung mehr spüren als sehen.
Er blickte noch einen Moment auf das jetzt wieder ruhig gewordene Wasser und erläuterte dann: "Bei jedem anderen Lebewesen bewirkt die Injektion ein innerliches Verbrennen, das sich von Organ zu Organ fortbewegt. Im Falle der Quellhocks hat es sie von Innen zerkocht. Da wir den richtigen Moment abgepasst haben, in dem die Quellhocks angreifbar sind, dürften sie alle vernichtet sein."
Severus sah nun zu Fox und sagte scheinbar freundlich: "Sie sollten in den nächsten Tagen prüfen, ob wir alle erwischt haben. Ich würde Ihnen allerdings vorsichtshalber raten, keinen Schluck aus dem Bach zu nehmen. Es ist kein schöner Tod, den einem ein Quellhock bereitet."
Hermine musste bei diesen Worten schlucken.
Es war in der Tat ein schrecklicher Tod gewesen, den auch Lucius Malfoy hatte erleiden müssen, und der einzige Gedanke, der das Grauen über den Tod des Blonden zumindest ansatzweise vertrieb, war die Erinnerung, dass Malfoy Hermine vielleicht sogar noch einen grausameren Tod hätte sterben lassen, denn auch er hatte vorgehabt, sie ausbluten zu lassen, und in gewisser Weise hatte ihn zur Strafe dasselbe Los getroffen, dass er so geifernd einem anderen Menschen hatte aufbürden wollen.
Diesmal waren sie zu dritt gekommen und verließen den Wald auch wieder zu dritt. Hermine war erleichtert und nahm wahr, dass Fox wesentlich nervöser wirkte, als noch auf dem Hinweg. Ob er zurückgekehrt wäre, wenn er sich den Quellhocks alleine versucht hätte anzunehmen, konnte Hermine beim besten Willen nicht sagen, doch die Wahrscheinlichkeit war relativ hoch, dass sein Unglaube an die Existenz dieser Wesen, ihn vermutlich zu nah an den Bach hätte herantreten lassen, und dann wäre nicht viel von ihm übriggeblieben, nach dem man noch hätte suchen können.
Vor Hagrids Hütte angekommen, veraschiedete sich Fox mit einer knappen Geste und verschwand dann so schnell wie möglich im Inneren seiner bescheidenen Behausung. Kaum dass die Tür hinter ihm geschlossen war, hörte man ihn mit Fang schimpfen, der daraufhin zu knurren begann. Noch nie hatte Hermine erlebt, dass dieser riesige, aber lammfromme Hund jemanden angeknurrt hatte, doch nun war es laut und deutlich zu hören, obwohl sie und Severus bereits weitergegangen waren.
Hermine blieb stehen und lauschte. Stille war nun in der Hütte eingekehrt und sie verwarf den Gedanken, an die Tür des Wilhüters zu hämmern und ihm seine offensichtliche Inkompetenz vorzuwerfen, da er sogar das Tier schlecht behandelte, dessen Obhut er übernommen hatte.
Severus sah sie kopfschüttelnd an: "Ich weiß, dass du das schwarze Monster jetzt am liebsten mit in die Kerker nehmen würdest, aber schlag dir das aus dem Kopf! Außerdem hat Fang seinem Herrn gerade gezeigt, dass er zu weit gegangen ist. Fox scheint es mit Gewalt darauf anzulegen, Fehler zu machen...hoffen wir, dass er so schnell keine Gelgenheit mehr findet, sich damit in unmittelbare Lebensgefahr zu bringen."
Hermine seufzte zu Antwort lediglich, denn ihr war klar gewesen, dass Severus Fang nicht in den eigenen Räumen dulden würde, selbst wenn Fox den Hund windelweich prügeln würde. Die Stille in der Hütte hielt jedoch an, und Hermine kam zu der Einsicht, dass Fox einfach nur seiner schlechten Laune hatte Luft machen müssen und ihm der Hund in diesem Moment gerade recht gekommen war - kein Zeichen von übermäßiger Selbstbeherrschung, aber Fang hatte ihm gezeigt, dass er das in Zukunft besser unterlassen sollte und Hermine konnte sich lebhaft vorstellen, wie angsteinflößend der riesige Hund dabei gewirkt haben musste.
Als Hermine und Severus das Schloss betraten, steuerte er sofort auf die Treppe zu, die in den Kerker führte.
Hermine jedoch zögerte und er wandte sich fragend zu ihr um.
"Ich möchte in die Bibliothek gehen", erklärte sie Severus und hoffte, dass er nicht näher nachfragen würde.
"Bist du nicht hungrig?", fragte er.
"Ich werde mir später etwas zu Essen besorgen", sagte Hermine sofort.
"Was treibt dich in die Bibliothek?", fragte Severus jetzt interessiert.
Hermine zuckte kurz mit den Schultern, ehe sie in vagem Tonfall sagte: "Oh...zuerst einmal alles zum Thema Schwangerschaft. Dann natürlich Geburtsvorbereitung...Säuglingspflege..."
"Gut", unterbrach er sie, "dann werde ich mich in der Zeit mit den Zusatzaufgaben beschäftigen, die ich meinen Schülern aufgab."
"Ich wünsche dir gute Ablenkung", sagte Hermine schmunzelnd.
Severus schwieg einen Moment und Hermine glaubte zu erkennen, dass er sie durchschaut hatte, denn er erwiderte lächelnd: "Und ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner Suche nach Informationen."
Sie hatte ihm nickend gedankt und schon kurze Zeit später saß sie vor einem Stapel Bücher, die verschiedene Kunstepochen, sowohl der Magier als auch der Muggel zur Thematik hatten.
Ein ums andere Buch arbeitete sie durch, ohne auch nur den Ansatz einer Spur zu finden, die sie auf den 'Übergang zur Hölle' führte. Es gab durchaus eine Vielzahl von Bildern, die sich mit der Apokalypse oder dem Reigen der verlorenen Seelen in den Höllenkreisen beschäftigten, auch waren magische Bilder darunter, die lebhaft den Betrachter in die Atmosphäre des Grauens ziehen konnten, doch keines davon war so wandelbar, dass es das komplette Motiv eigenständig zu verändern vermochte.
Die beeindruckenste Eigenschaft, die eines der verzeichneten Gemälde hatte, war darauf beschränkt, dass ein abgebildetes Pferd vor den Augen des Betrachters die Gestalt des Satans annahm. Doch auch hier änderte sich nur das eine Element, jedoch nicht die kompette Darstellung des Bildnisses. Zudem vermochte es scheinbar kein einziges der Gemälde, den Betrachter in sich hineinzuziehen.
Hermine brachte die Kunstbände zurück und schob eines nach dem anderen ins Regal, als sie plötzlich einer Eingebung folgend den Gang aufsuchte, in dem sich die medizinischen Fachbücher befanden. Ihr Blick schweifte über die Literatur, die sich mit Schwangerschaft und Geburt beschäftigten und langsam ging sie an den Regalen entlang, bis sie schließlich zum Bereich der Bücher kam, die sich mit Geisteskrankheit und Wahnvorstellungen beschäftigten.
Zögerlich nahm sie einen Band heraus, der aus fachmedizinischer Sicht geschrieben war. Sie schlug ihn nach einiger Zeit wieder zu und stellte ihn ins Regal zurück.
Ein weiteres Buch über seltsame Wahnvorstellungen, die der Autor bei Insassen einer geschlossenen Abteilung einer Muggelnervenheilanstalt recherchiert hatte, brachte sie nicht weiter, da niemand sich scheinbar niemand mit dem Thema Hölle beschäftigt hatte, sondern es sich ausschließlich um Tötungsphantasien und deren grauenvollen Umsetzungen handelte.
Nach der fünften Seite stellte Hermine das Buch ins Regal zurück und rieb sich unbewusst die Handflächen an ihrem Rock sauber.
Sie hatte gerade ein weiteres Buch herausgezogen, da hielt sie inne und schob es in die entstandene Lücke zurück. Mit plötzlich rasendem Puls zog sie erneut das Buch über Tötungsphantasien aus dem Regal und las noch einmal einige der Fälle genauer.
Ihr Mund wurde trocken, während sie in die Todeskämpfe der Opfer Einblick erhielt und das krankhafte Verhalten der Täter miterlebte.
Ein Mann, der seine gefesselte Frau zu Tode geküsst hatte, indem er ihr die Möglichkeit zum Atmen durch die Nase genommen hatte, um ihr dann seinen Mund solange über den ihren zu stülpen, bis ihr durch diesen 'Kuss' die Sauerstoffzufuhr gänzlich abgeschnitten war, und der Erstickungstod eintrat. Er hatte dies laut seiner eigenen Aussage getan, um ihr bis über den Tod hinaus seine Liebe zu beweisen. Um sie zu ihrem 'Glück' zu zwingen, hatte er es völlig legitim gefunden, ihr zuvor den Kiefer auszurenken, damit sie sich nicht durch Beißen seiner 'Zärtlichkeit' erwehren konnte.
Hermine fragte sich, wie krank jemand sein musste, der einen solch widerlichen Plan erschuf und ausführte und dies in dem Glauben, den Menschen zu lieben, dem er so etwas antat.
Ein weiterer Fall bezog sich auf ein Zwillingspaar, bei dem die eine Schwester dem Wahn anheim gefallen war, und die andere glaubte, sie könne den Wunsch der Zwillingsschwester zu Töten dadurch im Zaum halten, dass sie ihre wirre Schwester unter Drogen setzte. Es musste eine schreckliche Überraschung für sie gewesen sein, als sie feststellte, dass die scheinbar handlungsunfähige Schwester längst das Leben der Gesunden übernommen hatte, um sie dann im eigenen Haus in einem abgetrennten Raum einzumauern und sie noch wochenlang am Leben zu halten, während sie selbst mehrere Menschen aus dem Umfeld der Schwester tötete. Nachts hatte die wahnsinnige Schwester die kleine Klappe geöffnet, die die einzige Verbindung zu dem Verlies darstellte, um ihre Taten durch diesen Schlitz in den Raum zu flüstern, in dem die Schwester immer noch hoffte, eines Tages befreit zu werden. Die Gefangene hatte ihr Matyrium mit kalkhaltigen Steinen auf den blanken Boden geschrieben, und man fand die Aufzeichnungen erst lange Zeit, nachdem sie verdurstet war, da man eines Tages ihre Schwester bei einem Mord auf frischer Tat ertappt hatte und einsperrte. Der Nahrung und der Flüssigkeit beraubt, starb die Eingeschlossene nach wenigen Tagen der Festnahme ihrer Schwester und man fand sie erst, als der neue Bewohner sich über die merkwürdige Klappe in der Wand wunderte und sie öffnete.
Hermine überlief es eisig bei dem Gedanken, welch schreckliche Überraschung sich dem armen Mann da wohl geboten haben musste.
Am liebsten hätte Hermine das Buch zurückgestellt und nicht wieder angerührt. Es war ihr ein Rätsel, wie ein solches Buch in der normalen medizinischen Abteilung stehen konnte, und doch wusste sie, dass sie die Handlung dieser Täter als Krankheit einstufen musste, die Menschen als Kranke sehen musste, die für ihre Taten nicht verantwortlich gemacht werden konnten - aber es fiel ihr verdammt schwer!
Widerwillig begann sie einen weiteren Fall zu lesen und blätterte dann entsetzt weiter.
Nach zwei weiteren Gräueltaten fragte sie sich schließlich, was sie dazu getrieben hatte, dieses Buch genauer unter die Lupe zu nehmen, doch plötzlich stolperte ihr Blick regelrecht über ein Wort:
Gemälde!
Sie blätterte zurück und bemerkte, dass sie nun bei einem Teil des Buches angelangt war, in dem der Autor unfundierte, historische Fälle von Wahnvorstellungen präsentierte.
Zu dem dargestellten Fall konnte nicht einmal eine Jahreszahl oder Region, in dem er sich ereignet hatte benannt werden, da er lange Zeit nur durch mündliche Überlieferung weitergegeben worden war.
Auch schien es Hermine fraglich, was davon man als Fakt ansehen konnte , und was im Laufe der Zeit hinzugedichtet worden war.
Dennoch verfolgte sie den Text in atemloser Spannung.
Berichtet wurde von einer Mordserie, die dadurch Aufsehen erregt hatte, weil die Opfer stets in verschiedenen 'Arrangements' aufgefunden worden waren. Der Mörder hatte die Umgebung der Toten regelrecht inszeniert und mit geradezu liebevollen Details geschmückt.
Einmal fand sich sogar frisches Obst in der Hand eines Ermordeten und wie sich später herausstellte, war das Brot, das der Mörder seinem Opfer in den Mund gesteckt hatte, sogar eigens für die Tat selbst vom Täter gebacken worden.
Dieser Umstand war es denn auch, der auf die Spur des Killers führte, der sich in der Tat als der Bäckermeister des Ortes herausstellte.
Nach seiner Festnahme beteuerte er immer wieder, ein Gemälde, das er von einer entfernten Tante geerbt habe, hätte ihn zu diesen Taten gezwungen.
Immer wieder hätte er verzweifelt versucht, sich gegen den Einfluss des Gemäldes zu wehren, doch es hätte ihn immer wieder gezwungen, die Morde auszuführen.
In dem Bericht wurde weder der Titel des Bildes, noch die genauere Darstellung desselbigen erwähnt.
Lediglich der Hinweis darauf wurde gefunden, dass ein Gemälde, wie der Bäcker es beschrieben hatte, niemals gefunden wurde, und der Täter selbst die Wahrhaftigkeit seiner Aussage verzweifelt dadurch zu untermauern versuchte, indem er angab, er hätte es verbrannt.
Doch auch im Ofen fand man keinerlei Überreste, die eine solche Aussage belegen konnten. Der Autor wies darauf hin, dass es freilich damals noch keine Untersuchungsmethoden gab, die eine eindeutige Analyse der Asche im Ofen des Bäckermeisters zugelassen hätte, doch sei es wohl, aufgrund der geradezu liebevoll arrangierten Umgebung der Getöteten wahrscheinlich, dass es sich um eine bestimmte Form des Irrsinns gehandelt hatte, die in einem anderen Teil des Buches näher erläutert werde.
Der Autor äußerte den Verdacht, dass die Wahnvorstellungen durch ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit ausgelöst worden sein mochten, in dem der Täter wohl einen nahestehenden Menschen in einer unwürdigen Kulisse tot aufgefunden haben musste, und später durch seine sorgsam inszenierten Morde dieses empfundene Unrecht auf krankhafte Weise auszugleichen versucht hatte.
Hermine war sich sicher, dass sie bei diesem namenlosen Bäcker, auf einen der früheren Besitzer des 'Übergangs zur Hölle' gestoßen war, und sie glaubte ohne zu zögern, dass er versucht haben mochte, das Gemälde in seinem Ofen zu verbrennen...doch ebenso sicher war sie, dass das Bild es nicht zugelassen hatte, und statt dessen sein Unheil weiter in die Welt trug, während man den Bäcker für seine Taten vermutlich zu einem Tod durch den Strick verurteilt hatte.
Sie schlug das Buch zu, das so wichtige, und zugleich doch so vage Informationen geliefert hatte. Es war ein Anfang, und vielleicht würde sie demnächst den Namen des Bäckers ausfindig machen können, um mehr über die Tante zu erfahren, von der er das Bild geerbt hatte, und damit über das Bild selbst.
Einen Moment lang lehnte sich Hermine mit dem Rücken an die Bücherwand und dachte darüber nach, wie gefährlich der Besitz des Bildes offensichtlich für diesen Muggel gewesen war, und ihr wurde klar, dass Severus und Dumbledore wohl nur aufgrund ihrer zauberischen Fähigkeiten in der Lage waren, dem Bild einigermaßen zu widerstehen. Hermine begann sich zu fragen, ob Dumbledore von der Geschichte der Bilder wusste, und ob er Severus mit einem Fluch belegt hatte, niemals über die Gefährlichkeit des Gemäldes nachzudenken. Doch dann wurde ihr bewusst, dass sie selbst ebenfalls nur wenige Gedanken daran verschwendet hatte, als das Bild auch auf sie noch intensiveren Einfluss hatte, und sie begann zu begreifen, dass es wohl die Bilder selbst waren, die diese Wirkung auszulösen vermochten.
Wenn Hermine die Bilder bekämpfen wollte, so würde sie mehr Informationen brauchen - und sie würde ihre Erkenntnisse nicht mit Severus teilen, denn auf ihn übten sie auch jetzt noch einen viel zu gefährlichen Einfluss aus, als dass sie ihm in diesem Punkt vertrauen durfte.
Mit schwerem Herzen über diese Erkenntnis kehrte sie in den Kerker zurück und fand Severus vor, wie er sich gerade den Umhang um die Schultern legte, offensichtlich im Begriff, die Räumlichkeiten zu verlassen.
"Wo gehst du hin?", fragte sie und bemerkte sein Zögern.
Ohne ihr zu antworten, streifte er den Ärmel zurück und präsentierte ihr das nun deutlich sichtbare Mal.
"Ich denke, der Lord wird Kenntnis darüber erhalten haben, dass du bei mir bist. Ich werde ihm das ein oder andere erklären müssen. Versuche zu schlafen...ich glaube kaum, dass ich vor dem Morgengrauen zurückkehren werde...ich werde dich dann brauchen, also versuche dich auszuruhen."
Er schien sich darüber klar zu sein, dass er schier Unmögliches verlangte, denn er schickte ihr ein schiefes Lächeln, dem ein Kuss folgte.
Hermine konnte seine Angst schmecken. Es war schrecklich, ihn jetzt gehen lassen zu müssen, und sie wurde fast verrückt bei dem Gedanken, in welcher Verfassung er sein würde, wenn er zurückkehrte. Den Gedanken, dass er vielleicht gar nicht zurückkehren würde, drängte sie ebenfalls angsterfüllt zur Seite, doch in ihrem Hinterkopf setzte er sich fest und würde dort bleiben, bis zum Morgengrauen.
tbc
P.S. Neben dem Text selbst, bin ich gespannt, ob euch etwas anderes an diesem Kapitel auffällt. °kira sich wieder in kryptischen Andeutungen ergeht°
