Ich weiß, dass es etwas länger bis zu diesem Update gedauert hat, aber das reale Leben führte in letzter Zeit dazu, dass ich nicht gerade in Stimmung war, an 'Hölle' zu schreiben.
Das war sozusagen eine kleine Verschnaufpause, bevor ich den Rest der Story in Angriff nehme.
Und hier kommt auch die Auflösung für mein 'Rätsel' vom letzten Kapitel: Wir sind nun wieder in dem Bereich der Story angelangt, in dem die Kapitel wie zu Anfang der Geschichte (die Einleitung sozusagen) nur ein einziges Wort als Kapiteltitel tragen, was man durchaus als Endspurt dieser Story ansehen kann. Vielleicht wäre es dem ein oder anderen dann doch spätestens bei diesem Chap aufgefallen, vielleicht aber auch nicht...Tatsache ist auf jeden Fall, dass nicht mehr viele Kapitel folgen werden, und bevor ich hier noch länger rumerzähle, wünsche ich euch gute Unterhaltung bei diesem 70. Kapitel von 'Hölle'.
LG, Kira
70. Kapitel
Entdeckungen
Es war noch tiefe Nacht, als Severus zurückkehrte.
Hermine hatte versucht zu schlafen, doch die Furcht um ihn hatte sie immer wieder aufschrecken lassen, sobald sie in den Schlaf hinübergedämmert war.
Als er die Tür öffnete und den Raum betrat, ging sie ihm entgegen und atmete erleichtert durch, als sie sah, dass er unverletzt war.
Severus legte die Todessermaske weg und zog sich den Umhang aus, bevor er sie in die Arme schloss und sein Gesicht in ihren wilden Locken vergrub.
"Er hat mir heute offiziell die Befehlsgewalt über den mittleren Kreis übertragen", sagte Severus leise.
Hermine musste bei diesen Worten hart schlucken. Zum einen, weil Severus durch den Mord an Lucius Malfoy dessen Aufgaben übernommen hatte, und zum anderen, weil Severus nun sowohl den mittleren, als auch den höheren Kreis befehligte, was ihn zu Voldemorts unmittelbarer rechten Hand machte. Er hatte Stärke und Durchsetzungsvermögen gegen die jüngere Konkurrenz unter den Todessern bewiesen, indem er seinen Widersacher scheinbar vor den Augen des Lords getötet hatte. Hermine begann zu begreifen, wie unmöglich es Lucius Malfoy vorgekommen sein musste, nachdem Severus ihn in Wahrheit gerettet hatte, die Seiten zu wechseln. Er hatte all seine Macht verloren und war nicht bereit gewesen, für eine Seite zu kämpfen, die ihm nichts von alledem bieten konnte und wollte, was er in seiner grenzenlosen Arroganz und seinem Sadismus gewohnt war.
Statt der erwarteten Bestrafung, war Severus nun also zum mächtigsten Todesser Voldemorts aufgestiegen.
Severus' Stimme klang neutral, als er sagte: "Meine neue Position ist für den Orden von großer Wichtigkeit."
Hermine spürte seine Hand, die zart ihren Nacken massierte, doch sie konnte sich nach der schrecklichen Anspannung nicht so einfach fallen lassen und ihre Stimme klang nervös, als sie fragte: "Und er hat dir diese Aufgabe übertragen, obwohl du mit einem Schlammblut zusammenlebst? Oder hat er keine Kenntnis darüber?"
Severus schwieg einen Moment und er ließ seine Hand jetzt reglos in Hermines Nacken ruhen.
"Doch, er hat Kenntnis darüber", antwortete er schließlich und fügte an: "Und er heißt es mehr als gut."
"Was? Wie das?", brachte Hermine ungläubig hervor.
Severus nahm nun seine Hand ganz fort, weil er wohl ahnte, dass sie bei seiner Antwort keinen Körperkontakt zu ihm wünschte.
"Er ist begeistert davon, dass ich dich von Harry Potter fortholen konnte. Er kann sich durchaus erinnern, dass du schon früher Potter tatkräftig gegen ihn unterstützt hast. Dass du deine Ehe für mich aufgegeben hast, behagt dem Lord außerordentlich gut."
"Wie schön für ihn", sagte Hermine matt.
"Ja, und noch mehr freut ihn die Tatsache, dass du mein Kind in dir trägst."
Nun taumelte Hermine einige Schritte rückwärts und sie schüttelte betäubt den Kopf.
"Du hast ihm von der Schwangerschaft erzählt? Warum hast du das getan? Warum?"
Severus atmete tief durch. Obwohl er offensichtlich mit einer solchen Reaktion gerechnet hatte, fiel es ihm doch schwer, Hermines blankes Entsetzen zu ertragen.
"Weil ich dich damit zu einer von uns machen konnte, ohne dass du das Mal nehmen musst...zumindest vorerst nicht. Die Unversehrtheit des Kindes geht vor, und meine Versicherung, dass du mir helfen wirst, den Orden des Phönix zu infiltrieren, hat ebenfalls dafür gesorgt, dass man dich vorerst in Ruhe lassen wird, denn du unterstehst jetzt offiziell meinem direkten Befehl."
Hermine legte eine Hand vor die Stirn und murmelte kraftlos: "Also unterstehe ich jetzt deinem Befehl innerhalb des Orden des Phönix, und zugleich deinem Befehl in Voldemorts Namen."
Er nickte bedeutsam.
Hermine schüttelte sachte den Kopf, als wolle sie ihre Gedanken auf diese Art sortieren.
"Es ging nicht anders, Hermine. Natürlich hat der Lord davon erfahren, dass du bei mir bist. Es war die einzige Möglichkeit, ihm deine Anwesenheit hier plausibel zu machen. Es war nicht ganz einfach, ihn davon zu überzeugen, dass du deine Ansichten so radikal geändert hast, aber diese freiwillige Schwangerschaft wird ihn restlos überzeugen."
"WIRD ihn überzeugen? Was meinst du damit?"
Severus sah sie ernst an und sagte dann: "Er möchte natürlich Beweise, dass du mein Kind in dir trägst. Wir werden ihn davon überzeugen müssen, indem wir ihm eine Ampulle deines Blutes zum Geschenk machen. Er muss glauben, dass unser Kind ganz im Sinne eines Todessers erzogen wird. Wobei er weiß, dass die offizielle Version so aussehen wird, dass Harry Potter der Vater deines Kindes ist. Auch das kommt dem Lord gelegen, da er davon ausgeht, dass es auf diese Art sehr viel mehr Einfluss ausüben können wird, der später dem Lord von großem Nutzen sein wird.
Ein Kind des Ordens, das in Wahrheit ein Todesser ist...er baut auf die Zukunft, ebenso wie Albus es tut."
Hermine ließ Severus' Worte einen Moment auf sich wirken, dann erwiderte sie sarkastisch: "Also weiß unser Feind die Wahrheit, während wir unseren Freunden eine Lüge erzählen müssen?"
Severus seufzte tief: "Da unserem Feind die Wahrheit offensichtlich besser gefällt, als unseren Freunden, werden wir wohl vorerst mit dieser Situation leben müssen. Und das ist das einzige was zählt, Hermine...ich möchte in diesem Spiel gerne überleben...diesmal MÖCHTE ich es! Ich möchte, dass wir alle es überleben...dass wir dieses Kind haben...und uns, verstehst du?"
Sie streckte ihre Hand nach ihm aus und berührte seine Wange. Sein Blick war so entschlossen, dass sie förmlich seine Kraft spürte. Er würde diesmal an ihrer Seite bleiben, und das machte auch sie stark, egal, wie ironisch ihr ihre derzeitige Situation auch erschien, sie würden es schaffen, sowohl Feind, als auch Freund zu täuschen.
Hermine atmete tief durch, als Severus ihre Hand küsste, dann erwiderte sie mit leiser Stimme: "Bleibt abzuwarten, ob Harry überhaupt zustimmt. Er würde es wohl kaum tun, wenn er wüsste, dass es Voldemort gefällt, nicht wahr?"
"Nun...dann sollten wir dafür sorgen, dass er es nicht erfährt", sagte Severus ernst.
"Das gefällt mir nicht", erwiderte Hermine unglücklich, "den einzigen belügen, der außer uns Beiden die ganze Wahrheit kennt. Er hat das nicht verdient, Severus...er hat das alles nicht verdient, was wir ihm antun."
"Ich kann in diesem Punkt keine Rücksicht auf ihn nehmen", sagte Severus entschieden.
"Nein...ich wohl auch nicht", seufzte Hermine erneut unglücklich, und in Gedanken fügte sie an, dass Harry ihnen die Entscheidung vielleicht ohnehin abnehmen würde.
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Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass Harry ihnen seine Entscheidung durch eine Eule zukommen lassen würde.
So unpersönlich und kalt kamen seine Worte ihr vor, als sie die wenigen Zeilen las, die für Uneingeweihte nichts als Rätsel aufgaben, für Hermine jedoch bedeuteten sie, dass sie einmal mehr in Harrys Schuld standen.
Ich habe es mir überlegt - ich werde eure Bitte erfüllen.
Ich werde dafür sorgen, dass die Nachricht die richtigen Stellen erreicht.
H.
Hermines Herz zog sich zusammen, als sie sich vorstellte, wie Harry diesen knappen Brief in ihrer ehemals gemeinsamen Wohnung geschrieben hatte. Er hatte keine Anrede verwendet, kein Wort des Grußes,...nichts, das erkennen ließ, dass er nicht zutiefst verletzt war. Und sogar seinen Namen hatte er in ungewohnter Art abgekürzt, so, als würde er sich selbst weigern, sich in seiner Entscheidung wiedererkennen zu wollen, weil sie ihn wohl zu sehr schmerzte.
Hermine reichte das Schreiben wortlos Severus. Ihr war nicht nach lächeln zumute, auch wenn Harrys Entscheidung ihre vorläufige Rettung bedeutete.
Wie hätte er sonst reagieren sollen, fragte sie sich.
Wie hätte er mit dem Wissen leben sollen, dass er vielleicht die gesamte Zaubererwelt ins Unglück stürzte, nur weil er selbst nicht noch mehr Unglück empfinden wollte.
Das Kind - den Erlöser - zu retten, indem er selbst vorgab, dessen Vater zu sein...Harry hatte es getan...er würde diese Lüge in Umlauf bringen und das Ministerium würde es glauben, selbst, wenn Hermine nicht mehr mit ihm zusammenlebte, so würde man seinem Wort doch trauen, denn sie würde seine Version natürlich bestätigen und Severus würde auf jeglichen Vaterschaftsanspruch verzichten.
Hermine sah Severus an und zögerte einen Moment, bevor sie ihm die nächste Frage stellte, die ihr durch den Kopf schwirrte.
"Voldemort wird also mein Blut bekommen. Mein Blut, um sich über die Schwangerschaft Gewissheit zu verschaffen, aber auch...um sich meiner Dienerschaft zu versichern, nicht wahr, Severus? Diese Lektion habe ich bereits bei Berenger gelernt...du wirst mein Blut abermals dazu benutzen müssen, um den Treue-Eid-Trank daraus für mich zu brauen." Sie erinnerte sich lebhaft, wie sie unter dem Einfluss des Trankes versucht hatte, Severus zu töten.
Auf der Stirn des Tränkemeisters bildete sich eine steile Falte und er wich Hermines Blick aus.
"Ich werde versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass der Trank gefährlich für das Kind sein könnte."
"Und wenn er sich davon nicht überzeugen lassen wird? Was, wenn er das Risiko eingehen will?"
"Dann werden auch wir es eingehen."
Bedächtig schüttelte Hermine den Kopf.
"Das alles gefällt mir nicht", sagte sie abermals und die Worte bekamen langsam einen unangenehm vertrauten Klang.
"Ich würde dafür sorgen, dass du das Gegenmittel diesmal schneller bekommst...ich würde nicht noch einmal den gleichen Fehler begehen."
Hermine lachte überaus ernst auf. "Wir haben eine zweite Chance...und dennoch habe ich das Gefühl, dass wir erneut in eine Falle laufen."
Sie sah Severus' Blick, und sie spürte, dass er nach Worten suchte, um ihr die Ängste zu nehmen, doch in Gedanken hatte sie längst angefügt, was sie ihm nicht sagen durfte, weil es etwas war, das sie ganz allein durchziehen musste. Still versprach sie ihm, dem Grauen ein Ende zu bereiten - und zum ersten mal wurde ihr bewusst, dass sie wirklich ganz alleine diesen Teil des Weges gehen musste. Doch Severus hatte sie gut vorbereitet, und wenn es einen Weg gab, dann würde sie ihn gehen...selbst, wenn es ihr Schmerz bereitete, Severus nicht zuvor einzuweihen.
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Erneut trug Hermine einen Stapel Bücher durch die Gänge einer Bibliothek, doch diesmal hatte sie sich nach London begeben und versuchte in der British Library dem Rätsel des Bildes auf die Spur zu kommen.
Es war schwierig, da sie kaum Anhaltspunkte hatte, und nach zwei Stunden, in denen sie ergebnislos Bücher gewälzt hatte, stützte sie den Kopf in die Hände und dachte zum ersten mal darüber nach, dass sie vielleicht völlig auf dem Holzweg war.
Ihre Gedanken schweiften ab und sie dachte darüber nach, wie sie die Möglichkeit, die Universitätsbibliothek aufzusuchen, sofort verworfen hatte - sie war nicht länger ein Teil dieser Einrichtung, das spürte sie ganz deutlich. Alles, was in letzter Zeit geschehen war, hatte sie von ihrem einstigen Muggelleben weggeführt, und selbst die Bücher schienen ihr plötzlich nicht mehr wohlgesinnt zu sein. Sie lieferten nicht einmal Hinweise, wo sie sich eigentlich längst Ergebnisse erhofft hatte.
Mit einem tiefen Seufzen griff sie nach einem Buch über Schizophrenie und vertiefte sich in die Inhaltsangabe.
Schließlich schlug sie es entnervt wieder zu und kam zu dem Schluss, dass sie nicht erneut auf einen Zufall hoffen durfte, sondern sich gezielt auf die Suche nach der Tante machen musste, von der der geheimnisvolle Bäcker das Bild geerbt hatte, auch wenn diese Recherchen sehr aufwändig waren und vielleicht zu keinerlei Ergebnis führen würden.
Die Aufgabe war geradezu unmöglich zu erfüllen, da sie weder Ort, noch Namen der betreffenden Personen hatte.
Unauffällig zog Hermine ihren Zauberstab hervor und konzentrierte sich auf die spärlichen Informationen, die sie besaß, um damit die gesamte Bibliothek mittels eines Zaubers zu durchsuchen - eine Möglichkeit, die ihr in Hogwarts' Bibliothek nicht gegeben war, weil Madame Pince ein Zauberverbot über die gesamte Bibliothek verhängt hatte, nachdem Schüler versehentlich einen Teil des Bücherbestandes durch einen unachtsamen Zauber in Brand gesteckt hatten.
Es war beinahe paradox, dass Hermine in einer Muggelbibliothek dank eines Zaubers die Arbeit erleichtert wurde, und zum ersten mal seit langem fühlte sie die Überlegenheit der Zauberer, die sie Ginny gegenüber immer wieder kritisch verleugnet hatte. Ginny...für einen Moment dachte Hermine darüber nach, dass sie, wenn die Freundin nicht so weit weg wäre, vielleicht doch nicht ganz allein mit alledem hätte fertigwerden müssen...und doch war ihr sofort bewusst, dass sie selbst Ginny keinen Ton über ihre Recherchen hätte berichten können, da sie damit offenbart hätte, welche Schuld sich Severus selbst im Laufe der Zeit aufgebürdet hatte, in der er dem Bild gefolgt war. Und sie hätte vor ihr wohl zugeben müssen, dass er es auch heute noch tun würde, wenn er vor der Wahl stünde - das einzusehen, gelang ihr schon vor ihr selbst nur schwerlich.
Hermine vertrieb den Gedanken an Ginny und konzentrierte sich wieder auf ihren Zauberstab.
Der Zauber brachte allerdings so viele Ergebnisse, dass Hermine den Nutzen plötzlich nicht mehr ganz so überschwänglich genießen konnte.
Tanten, die ihren Neffen Bilder vererbt hatten, gab es wie Sand am Meer. Neffen, die Bilder ihrer Tanten geerbt hatten und von Beruf Bäcker gewesen waren, gab es ebenfalls eine ganze Menge...das würde kein leichtes Unterfangen, die entsprechenden Bücher alle zu sichten, und einen Schwebezauber, der ihr die Bücher direkt auf den Tisch liefern würde, schloss Hermine in Anbetracht, dass sie damit unter den Muggeln ein erhebliches Aufsehen verursachen würde, ebenfalls aus.
Also begab sie sich auf den Weg, um die Liste der Ergebnisse abzuarbeiten. Hermine wurde rasch fündig und zog ein Buch aus dem Regal, dessen Position ihr der Zauberstab angezeigt hatte. Beim schnellen Überfliegen des Textes stellte sich heraus, dass der Bäcker dank der Erbschaft ein Leben in Saus und Braus geführt hatte, bis er schließlich im hohen Alter verstorben war und seinerseits sein Vermögen an ein Armenhaus vermacht hatte, in dem er als Kind, abgeschnitten von der reichen Verwandtschaft, mit seiner kränklichen Mutter sein Dasein gefristet hatte. Hermine stellte das Buch zurück - dies war nicht der Bäcker, den sie suchte.
Ein zweites Buch war ebensowenig erfolgversprechend, handelte es sich doch um ein Bild, das sofort vom Erben weiterveräußert worden war.
Auch das dritte und vierte führte sie nicht auf die Spur der gesuchten Personen.
Hermine sah auf die Uhr. Wenn sie jetzt nach Hogwarts zurückkehrte, würde sie Severus nicht einmal erklären müssen, wohin sie am Vormittag gegangen war.
Andererseits hätte sie noch den ganzen Nachmittag Zeit, die Hinweise zu prüfen, wenn sie Severus eine kurze Nachricht zukommen lassen würde.
Nur ein Buch wollte sie noch ansehen, bevor sie die Bibliothek verlassen würde, um entweder zurückzukehren, oder eine Eule aufzutreiben, die Severus eine Nachricht über ihren Verbleib überbringen würde.
In Gedanken bereits mit einem möglichen Text an Severus beschäftigt, zog sie ein Buch aus dem Regal, dessen Einband unleserlich geworden war.
Mechanisch schlug sie bis zu der Stelle, die ihr der Zauberstab durch ein leichtes Vibrieren anzeigte und begann zu lesen.
Zuerst war Hermine ungeduldig, weil die Zeit drängte, wenn sie dafür sorgen wollte, dass Severus sich nicht unnötig Gedanken wegen ihres kleinen Ausflugs machte, und der Text handelte weder von dem Bäcker, noch von dessen Tante, sondern über einen Pater, der der Ketzerei bezichtigt worden war und den man an beiden Händen gefesselt kurzerhand an einem Baum aufgehangen hatte, um ein Feuer zu seinen Füßen zu entfachen und ihn den Flammen auf diese grausig langsame Art zu übergeben.
Hermine schauderte bei der Vorstellung, doch die Skizze, die von dem am Baum hängenden Pater angefertigt worden war, ließ sie jeden Gedanken des Mitgefühls vergessen.
Ein Sturm tobte durch ihren Kopf und wie in Trance las sie die Geschichte, wie der Pater beschuldigt worden war, mit dem Satan im Bunde zu stehen. Es gab die üblichen, heute absolut lächerlichen Beschuldigungen, wie wundersame Heilkräfte, ein großer schwarzer Hund der stets an seiner Seite gewesen war, und dem Pater wurde vorgeworfen, sich wider seines Versprechens gegenüber Gott, aber vor allem sich wider der menschlichen Natur sexuell vereinigt zu haben. Zudem wurde ihm angelastet, ein Bild sein Eigen zu nennen, durch das der Teufel höchstpersönlich mit ihm kommuniziert habe.
Hermine wusste sofort, dass zumindest der letzte Punkt der vollen Wahrheit entsprach, und auch der Vorwurf des Sex wider Gottes Willen und wider der menschlichen Natur war ihr absolut kein Rätsel. Damit war der Sex zwischen dem Pater und einem anderen Mann gemeint, und obwohl das Gesicht des Gezeichneten schmerzverzerrt war, erkannte sie den Ketzer ohne jeden Zweifel.
Es war eigentlich unmöglich, und doch war es Pater Balthasar Berenger, den sie dort abgebildet sah.
Hermine vergaß die Zeit, so wie die Zeit zu vergessen haben schien, dass es nicht möglich sein konnte, dass dieser Mann bereits vor ein paar Jahrhunderten gelebt hatte, und heute ebenfalls ein Leben führte.
Hermine konnte nur ahnen, welchen Einfluss Berenger schon damals auf die Menschen in seiner Umwelt gehabt hatte, während er ein Diener des Bildes gewesen war. Als Pater hatte er vor einigen Jahrhunderten sogar noch mehr Ansehen genossen und weitaus mehr Macht auf die einfache Bevölkerung ausgeübt, als in der heutigen Zeit - und auch jetzt folgten ihm immer noch genug Menschen.
Damals hatte er vermutlich ganze Heerscharen dem Bösen in die Arme geführt. Hermine sah erneut dem gefolterten Mann in die Augen, dessen Leiden vom Zeichner so überaus detailgetreu dargestellt worden war, und der ihr mit weit geöffnetem Mund auf der Zeichnung entgegenschrie. Doch plötzlich schrie etwas ganz anderes auf dem Bild ihr geradezu höhnisch ins Gesicht - das Kürzel des Zeichners - PD war dort zu lesen - und plötzlich ergab das Alles einen schrecklichen aber doch einleuchtenden Sinn.
Weder Berenger, noch Peter Deeping ahnten wohl etwas davon, dass sie bereits seit Jahrhunderten dem Bösen in die Hände spielten...sie taten es immer wieder aufs Neue...in jedem einzelnen ihrer verfluchten Leben - wie viele das auch immer bislang gewesen sein mussten, und scheinbar hatten sich sich schon vor langer, langer Zeit gemeinsam auf ihre endlose, schreckliche Mission begeben.
Die Bilder, mit ihrem diabolischen Einfluss, hatten im Laufe der Zeit natürlich die Besitzer gewechselt. Der Pater hatte eines davon an die Tante des Bäckers weitergegeben, und diese hatte es ihrem Neffen vererbt, der schließlich versucht hatte, sich dem Einfluss des Bildes dadurch zu entziehen, dass er es vernichtete. Aber ER war der einzige, der vernichtet worden war, so wie viele andere auch, die man für ihre grauenvollen Taten hinrichtete, während die Bilder offensichtlich im Laufe der Zeit Zugang in die Zaubererwelt gefunden hatten, und mit ihr mächtige Menschen, deren Macht, durch die Bilder manipuliert werden konnte.
Hermine begriff, dass Dumbledore auserwählt worden war, weil er einer der machtvollsten und einflussreichsten Zauberer war, der zudem noch Zugang zu den zukünftigen Generationen hatte, und somit den Weg für die fremde Macht effizient ebnen konnte.
Bislang hatte Dumbledore sich dem Einfluss der Bilder weitestgehend erwehren können, und doch hatte er Severus - seinem Schüler - eines der Bilder gegeben und auch ihn damit der Manipulation des Bösen ausgesetzt.
Hermine wusste, warum Severus das Ziel dieser gottlosen Macht gewesen war. Er stellte den Kontakt zu Voldemort her - Voldemort...er war der Fokus. Auf ihn richtete sich die ganze Hoffnung des Bösen, des Satans, des Teufels...wie auch immer man es nannte...es hatte alles in die Wege geleitet, um auch die nächsten Jahrhunderte seinen erfolgreichen Weg fortzusetzen, bis es über alles andere obsiegen würde und die Welt knechten könnte.
Nathaniel stellte eine Gefahr für diese dunkle Zukunft dar. Ein Kind, das von einem Mann gezeugt worden war, der sich gegen die Macht der Bilder, aber vor allem gegen den Einfluss Voldemorts gestellt hatte - der Dank seiner Überzeugung und Dank der Liebe immer wieder gegen das ankämpfte, was ihn all die Jahre über beherrscht hatte. Ein Mann, der die sadistische Neigung, die das Bild ihm eingeimpft hatte, hinter sich ließ und der Welt den Retter schenkte, den sie so dringend brauchte.
Hermine erinnerte sich lebhaft an eine Vision, die das Bild ihnen vermittelt hatte - an die Vision von ihrem gerade erst geborenen Kind und einem Severus, der Nathaniel sterben ließ, weil er auf bestialisch egoistische Weise Sex von ihr forderte, kaum dass das Neugeborene Hermines Körper verlassen hatte.
Und das Bild hatte ganz konkret noch einmal Wirkung dieser Art auf ihn gezeigt, kurz nachdem es an Dumbledore gegangen war. In dieser Phase der Nachwirkung hatte es noch einmal ganz gezielt darauf gedrängt, dass Severus sie, die Mutter des Erlösers, töten solle. Und ebenso hatte es Malfoys Drang, ihr auf grausame Art das Leben zu nehmen, verstärkt und ihn immer weiter seine schrecklichen Forderungen stellen lassen, obwohl er wissen musste, dass es ihn selbst das Leben kosten würde.
Hermine begriff, dass die Gemälde einen schrecklichen Einfluss auf die Menschen in ihrer Umgebung - und auch auf sie selbst - gehabt hatten, denn was hinter diesen Gemälden stand, war ein Feind, der so mächtig war, dass er jede menschliche Schwäche, jede menschliche Regung und jeden menschlichen Abgrund für sich zu nutzen wusste. Doch in den Gemälden bündelte sich die Kraft des Bösen - sie waren das Tor...Bilder des Grauens...Bilder, so wie das Böse es sich wünschte, von ihm selbst erschaffen und scheinbar unzerstörbar. Ihr wurde übel bei dem Gedanken, dass sie nicht einmal wusste, wie viele es davon tatsächlich gab.
Hermine merkte kaum, dass die Buchseiten unter ihren Griff verknickten.
Die ganze Zeit über waren sie manipuliert worden. Und nun wurde Dumbledore von gleich zwei dieser Bilder gequält. Das musste ein Ende haben. Ein Ende, auch wenn es für sie selbst das Ende bedeuten würde.
Hermine dachte an ihr Kind. Sie wusste, dass die Bilder nur danach gierten, dass sie sich erneut in ihre Nähe begab, um das Kind zu töten, das den Bann durchbrechen würde...und als sie das Buch zuschlug, klopfte ihr Herz wie wild.
Sie und Nathaniel würden es schaffen...für Severus...für Dumbledore...für eine Zukunft ohne das abgrundtief Böse...und damit vielleicht für die ganze Welt.
tbc
