73. Kapitel

Endspiel (Teil 1)

Harry spürte, wie die Bereitschaft, Wilbur für immer zum Schweigen zu bringen, in ihm wuchs. Für einen Moment kam ihm der Gedanke, dass Haines' Wahnsinn vielleicht von ihm selbst Besitz ergriffen hatte, denn einen Mord zu begehen konnte nicht die Lösung sein - und doch kannte er keine andere.

Wilbur war bereit, alles aufzugeben, und Harry war eher bereit, ihn und sich selbst zu opfern, als Hermine.

Hermine...

Sie hatte ihm weh getan.

Und im gleichen Moment fühlte Harry, dass es nie mit Absicht geschehen war. Alles was er getan hatte, war sein freier Wille gewesen.

Auch dieser Mord würde sein freier Wille sein!

Haines hatte nach seinem letzten Ausbruch Harry mit Augen angefunkelt, aus denen der Irrsinn so deutlich sprach, wie nie zuvor.

Wenn dieser Wahnsinnige tatsächlich vom Minister und dem Ministerium geschützt wurde, gab es für Hermine auf lange Sicht kein Entkommen. Das Schwein würde sie vergewaltigen - vielleicht sogar mit Absegnung durch ein Gesetz! Und vermutlich würde Snape zuvor getötet werden, weil er im Weg war. Und das Kind? Das Kind...wie würden sie das Kind töten?

Harry wagte sich nicht vorzustellen, zu welchen Mittel sie greifen würden, um den 'Bastard' aus Hermines Leib zu reißen. Dieses Kind war aus Liebe entstanden...aus wahrer Liebe, die so stark war, dass sie geschützt werden musste...das erkannte sogar Harry, obwohl ein Teil seines Egos ihn dafür auslachte.

Sie würden das Kind dieser Liebe zerreißen...und Hermines Seele damit vermutlich gleich mit, während sie dafür sorgen würden, dass ihr Körper keinen Schaden erlitt, um als Gebärmaschine für das Wohl der Zaubererwelt zu dienen!

Was für Mächte auch immer hier am Werk waren, sie waren so abgrundtief böse, dass niemand die Wahrheit erkennen würde, bis alles zu spät war.

Sie würden das Kind töten - den, der es gezeugt hatte - und Hermines Geist vernichten, der all dem Horror bislang hatte trotzen können.

Harry wusste plötzlich, dass genau das die Verbindung war, die diese grauenvolle Macht, die ihre geifernden Krallen nach ihrer Welt ausgestreckt hatte, so unendlich fürchtete: Severus, der das Kind gezeugt hatte; der dem Bösen so sehr verbunden war, und dennoch die Kraft aufbrachte, ihm zu trotzen, und zu lieben! Das Kind, das aus dieser Liebe heraus gezeugt worden war, und das Hermine die Kraft und den Willen gab, gegen alles zu kämpfen, was dieses neue Leben bedrohte. Und Hermine selbst, die durch ihre Lust an der Unterwerfung und ihrem gleichzeitig unbändigen eigenen Willen ein feines Gespür für die Grenzen dieser und vielleicht sogar für die der 'anderen Welt' entwickelt hatte, die die Zaubererwelt und zweifellos auch die der Muggel übernehmen wollte.

Harry wusste nicht, woher diese Erkenntnis kam...wer sie ihm geschickt hatte...aber sie bekräftigte ihn in dem, was er tun wollte. Wilbur zu töten, war der einzige Weg, um der Zaubererwelt zumindest noch die Chance auf Rettung vor der unendlich bösen Macht zu geben.

Es mochte pathetisch klingen, aber Harry wusste nicht, wie er das Dunkel, das auf sie alle lauerte, sonst nennen sollte. Er spürte nur, dass es dabei war, die Hüllen, die es bisher von dieser Welt trennte, in Stücke zu reißen und seine tödlichen Krallen bereits nach denen ausgestreckt hatte, die willig am Rande dieser schützenden Hülle gewandelt waren.

Wilbur griff zur Flasche und Harry schob zeitgleich die Hand in die Richtung seines eigenen Zauberstabes.

Er würde für diesen Mord in Askaban landen. Von dem Moment an, als er in diese Geschichte hineingezogen worden war, hatte sich sein Name stetig in eine der Zellentüren geritzt und sobald sich diese hinter ihm schloss, würde er sein neues Leben endlich gefunden haben. Ein Leben ohne tröstende Erinnerungen, ein Leben ohne Freude, ein Leben, das nur Schrecken und Verzweiflung zu bieten hatte. DAS war es...sein Schicksal. Er würde dieses Leben in Kauf nehmen, und damit alle anderen vor einem solchen Leben bewahren.

Das Wissen über seine Zukunft sorgte dafür, dass ein Teil seines Denkens sich einfach ausschaltete, als wolle es eine Überlastung im Hirn des mutigen Zauberers verhindern.

Harry fasste den Zauberstab und richtete ihn mit eisernem Willen auf Haines.

Sein Geist hatte den tödlichen Fluch bereits gesprochen, doch seine Lippen brauchten Sekundenbruchteile länger dafür. ZU lange, wie es Harry schien, denn er hatte erst den ersten Teil des Fluchs gesprochen, als ein ohrenbetäubender Knall seine Wohnungstür aufsprengte.

Hölzerne Splitter flogen quer durch den Raum, bohrten sich in alles, was weich genug war, um nachzugeben.

Harry sah ein paar dieser Splitter in seinem ausgestreckten Arm stecken und bemerkte, dass Haines' Wange blutig war, weil ihn eines der scharfkantigen Hölzer gestreift hatte, bevor es auf dem Sofa zu liegen kam.

Das letzte Wort des Fluchs blieb in Harrys Kehle stecken, doch er war nicht in der Lage, seinen Arm zu senken.

Das Gefühl, Haines unter Kontrolle halten zu müssen - die Chance zu haben, ihn zu töten, bevor man IHN tötete, war übermächtig.

Aus den Augenwinkeln erkannte Harry, dass Auroren des Ministeriums seine Wohnung stürmten.

Sie hatten sich also entschieden, Wilbur Haines doch aktiv zu unterstützen.

Gut, das würde an Harrys Plan nichts ändern, und während die Auroren ihre Zauberstäbe erhoben, bildeten sich die Worte des tödlichen Fluchs auf seinen Lippen erneut.

"Nein, Potter...nein!", hörte er eine Stimme, die ihm vertraut vorkam.

Ohne die Frau anzusehen, wusste er, dass sie flammend rotes Haar hatte und selbst ihr Name blitzte durch seine Gedanken: Aurorin Rebecca McEllis.

Die Frau, die ihn jedesmal, wenn er sie im Ministerium gesehen hatte, unwillkürlich an Ginny Weasley erinnert hatte.

Sie wäre es nun also, die ihn festnehmen oder sogar töten würde...eine schöne und gleichsam intelligente Frau...ein aberwitzig tröstlicher Gedanke.

"Nehmt ihn fest! Nehmt ihn doch endlich fest!", schrie sie auch sofort und Harry dachte darüber nach, wie ihr hübscher Mund sich vermutlich gerade durch den Schrei verzog und ihrem Gesicht etwas Hartes verlieh, das man der kleinen Person sonst gar nicht zutraute.

Harry riss sich von den Gedanken los - er musste handeln...jetzt...sofort!

"Avada Keda..."

"Nein, Potter...HARRY!", schrie McEllis abermals und ehe er sich recht versah, hatte die zierliche Frau sich quer durch den Raum gestürzt, riss ihn um und presste seinen Arm zu Boden. Harry starrte ihr in die funkelnden grünen Augen und er wusste, dass er sich zu lange gedanklich mit ihrem Aussehen beschäftigt hatte, um den wichtigsten Fluch seines Lebens...den wichtigsten Fluch für die Zaubererwelt Zustande zu bringe.

Eine tosende Welle der Verzweiflung brandete durch ihn und McEllis sah ihn mit diesen Augen an, als würde sie verstehen - Zum Teufel! Nichts verstand sie - GAR NICHTS!

"Ist okay, Harry...ist okay", murmelte sie und gab den Rest seines Körpers frei, wobei sie jedoch immer noch seine Hand niederdrückte, mit der er den Zauberstab umklammert hielt.

"Lass ihn los, dann kann ich auch dich endlich los lassen", sagte sie leise und sehr ernst, ließ jedoch erkennen, dass sie sich wirklich wünschte, er würde endlich nachgeben.

Hinter ihnen hörte Harry die Stimmen der anderen Auroren. Er hörte Wilburs Protest und jetzt erst wurde Harry klar, dass sie nicht ihn selbst hatten festnehmen wollen, sondern gerade dabei waren, Wilbur Haines mit magischen Fesseln zu versehen.

Harry ließ seinen Zauberstab los, indem er die Finger mühsam öffnete, die sich regelrecht darum gekrallt hatten.

"Gut Harry...so ist es gut", sagte McEllis und ihre Augen funkelten jetzt eine Nuance wärmer.

Sie nahm den Zauberstab an sich, gab Harry komplett frei und streckte ihm eine Hand hin, um ihm aufzuhelfen.

Harry zögerte, die kleine Person ihm auf diese Art behilflich sein zu lassen, doch McEllis packte ihn kurzerhand an den Oberarmen und half ihm überraschend kraftvoll auf die Beine.

"Unterschätze mich besser nie, Potter", sagte sie mit einem Augenzwinkern.

Harry war immer noch verwirrt über die Vorgängen im Raum und Wilburs Blick traf ihn vernichtend und wanderte dann zu McEllis, die offensichtlich die Leiterin dieser Mission war.

"Sie machen einen Fehler!", sagte Haines eisig, "Sie werden sehen, dass der Minister Ihr Vorgehen nicht unterstützen wird! Ich bin schneller wieder frei, als sie glauben, und dann reiße ich Ihnen den Arsch auf, McEllis!"

Die Rothaarige Frau erwiderte den Blick des Gefangenen emotionslos, doch ihre Stimme klang noch eisiger als die seine.

"Der Minister ist tot, Haines. Er starb an den Folgen Ihres Angriffes! Wir haben die Ereignisse im Büro des Ministers zurückverfolgen können. Wir kennen Ihren Streit in Sachen Hermine Granger. Wir wissen, dass Sie sogar bereit sind, an der Frau ein Verbrechen zu verüben, welches Sie lautstark angekündigt haben. Der Minister wollte Sie nicht mehr unterstützen. Er nannte Sie einen Wahnsinnigen, und genau das sind Sie, Haines! Sie griffen den Minister an, und während er im Sterben lag, bedankten Sie sich für seine zukünftige Unterstützung. Entweder sind Sie der größte Zyniker, der mir je untergekommen ist, oder Ihr Verstand ist so sehr am Ende, wie ich vermute. Wir werden das in St. Mungos abklären lassen, doch so oder so, werden Sie unter Verschluss bleiben, Haines. Ob in St. Mungos oder in Askaban, wird sich noch zeigen."

Sie machte eine kurze Pause und fügte dann an ihre Männer gewandt an: "Führt ihn weg. Und wenn nötig, benutzt einen Schweigezauber, falls er euch von seiner 'Freundschaft und seinen guten Beziehungen' zum Minister erzählt."

Als die Männer mit Haines den Raum verlassen hatten, senkte Harry den Blick auf seinen Arm und zog einen der Holzsplitter heraus.

"Woher wussten Sie, dass Haines bei mir war?", fragte er mit brüchiger Stimme, ohne aufzusehen.

"Ein inoffziell gegründeter Stab kontrolliert ihn schon seit ein paar Tagen, Mr. Potter. Eigentlich könnte man sagen, dass ein paar Kollegen sich Sorgen um seine Beziehung zum Minister machten, und auf eigene Faust entschieden haben, die Sache näher im Auge zu behalten. Aber bislang waren es nur Entscheidungen des Ministeres, die uns Sorgen bereiteten...keiner von uns hätte geglaubt, dass das Leben des Ministeres durch Haines tatsächlich in akuter Gefahr ist...eine Unterschätzung, die ihn das Leben gekostet hat. Ich wollte gerne vermeiden, dass Ihnen das Gleiche passiert, Mr. Potter, und da wir ohnehin etwas länger gebraucht hatten, Haines' Spur zu finden, waren wir bei unserer Ankunft vielleicht etwas...ungestüm."

Sie streckte ihre Hand aus und entfernte mit zwei Fingern vorsichtig einen weiteren Splitter aus seinem Arm, dann ließ sie ihre Hand auf seinem Unterarm ruhen und bewegte sanft die Fingerspitzen über die unverletzte Haut.

Harry blickte verwirrt auf und traf auf diese grünen Augen, die nun warm funkelten.

"Es hat mir besser gefallen, als Sie meinen Vornamen benutzt haben, Aurorin McEllis", sagte er leise.

Sie lächelte ihn an und erwiderte: "Es könnte mir ebenfalls gefallen, wenn Sie mich Rebecca nennen würden."

Auch Harry lächelte, doch er hatte das eindeutige Gefühl, dass es etwas verunglückt wirkte.

So viele Emotionen hatten ihn in den letzten Minuten durchströmt, dass er nicht ganz sicher war, ob diese hier nicht nur eine merkwürdige Verdrehung in seinem emotional überlasteten Gehirn darstellte. Aber vielleicht würde er Zeit haben, dies näher zu erkunden...denn vor wenigen Augenblicken hatte sein neues Leben begonnen.

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Der Rauswurf dreier Slytherinschüler war Gesprächsthema Nummer Eins am nächsten Morgen. Hermine sah Severus tadelnd von der Seite an, als sie am Lehrertisch in der Großen Halle saßen, weil auch sie erst durch Dumbledore von Severus' Rolle bei dem Schulverweis von McNeil, Robert und Wilson erfahren hatte.

Sie dachte darüber nach, was Severus dunkle Augen heute morgen mehr zum Funkeln brachten, die Tatsache, dass er sie nur einen Tag zuvor auf diesem Tisch gevögelt hatte, oder der Umstand, dass er endlich auch in dieser Zeitebene den widerlichen Übergriff der drei Schüler ahnden konnte, und diesmal ganz offiziell dafür hatte sorgen können, dass sie der Schule verwiesen wurden.

Auch Mira erhielt nun endlich die Hilfe, die sie benötigte, und dies wiederrum gab Hermine ein gutes Gefühl.

An diesem Vormittag schien die Welt ein wenig besser geworden zu sein, doch Hermine wusste, dass ihr ein schrecklicher Weg noch bevorstand, denn sie musste dafür sorgen, dass sich nicht schon bald endgültige dunkle Schatten über ihr und Severus' Leben legten.

Severus würde an diesem Tag mit Sicherheit noch von so manchem Blick verfolgt werden, und Hermine war sich sicher, dass vor allem die Mädchen den verhassten Lehrer nun aus einem anderen Blickwinkel sahen. Die Jungen hingegen würden wohl noch intensiver vor dem panthergleichen Lehrer auf der Hut sein. Hermine wusste, dass das Vorgehen von McNeil und seinen Freunden durchaus geheime Bewunderer gefunden hatte - diese Bewunderer senkten jetzt beschämt die Blicke, als Dumbledore den Fall nach dem Frühstück kurz zur Sprache brachte und zu einer der widerwärtigsten Handlungen überhaupt zählte, die nur von Tätern durchgeführt wurden, die nicht nur kriminell, sondern auch überaus primitiv seien.

Hermine hoffte, dass der ein oder andere testosterongesteuerte Teenager begriff, dass ein solches Täterbild ihm nicht gut zu Gesicht stehen würde, und sich Gedanken um das eigene Verhalten machte.

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Severus hatte die Große Halle bereits verlassen, um seinen Unterricht anzutreten, als eine verspätete Eule Hermine einen Brief überbrachte.

Als Hermine Harrys Schrift erkannte, schlug ihr Herz plötzlich bis zum Hals. Vielleicht hatte er es sich anders überlegt, und entzog ihnen seine Unterstützung nun wieder...vielleicht hatte das Ministerium ihn weichgekocht.

Mit schnellen Blicken überflog Hermine die wenigen Zeilen und erkannte, dass nichts darin stand, außer der Ankündigung seines Besuches für den selben Vormittag.

Im Laufe der nächsten Stunde sah Hermine diesem Treffen immer nervöser entgegen, und als Harry endlich eintraf, war sie so aufgeregt, dass ihre Stimme versagte, als sie ihn hereinbat.

Kaum befand er sich im Raum, legte er wortlos die Arme um Hermine und zog sie an sich.

Sie konnte spüren, dass diese Umarmung eine ganz besondere Bedeutung für ihn hatte, und kein Versuch war, sie zurückzuerobern. Im Gegenteil, es fühlte sich nach Abschied an, und so ließ sie ihn nicht nur gewähren, sondern schmiegte sich an ihn, in der plötzlichen Erkenntnis, dass auch sie diese Nähe zum Abschluss ihrer Ehe brauchte.

Als sie sich schließlich voneinander lösten, entstand eine Stille, die Hermine nicht mit Fragen durchbrechen wollte.

"Ich habe gute Nachrichten für euch", sagte Harry und beendete damit das große Schweigen.

"Die würde ich überaus gerne hören", erwiderte Hermine und bat ihrem Gast einen Sitzplatz an.

Er erzählte ihr von Haines' überraschendem Besuch und der dramatischen Entwicklung.

Als Harry erzählte, dass Wilbur Haines festgenommen wurde, durchströmte Hermine eine Erleichterung, die sie nicht in Worte fassen konnte.

"Er wird dir niemals etwas anhaben können", sagte Harry und entschied sich, Haines' abgrundtief widerliches Verhalten im Krankenhaus als ein letztes Geheimnis in sich zu vergraben und niemals preiszugeben.

"Er hat also den Minister getötet", sagte Hermine schaudernd, und erinnerte sich an ihre ersten Begegnungen mit Charles Grant, bei denen er ihr wie ein zerstreuter und höchst junger Professor erschienen war. Sein Wahn war langsam schleichend vorangeschritten und auch als Wilbur Haines hatte er sich lange im Hintergrund gehalten, bis seine überaus gestörte Seite schließlich zum Vorschein gekommen war, und zum ersten mal fühlte Hermine Schuld, dass vielleicht sie selbst an seiner Entwicklung nicht ganz unschuldig war, denn je länger sie über Haines' Absturz nachdachte, desto mehr hatte sie das Gefühl, dass er nur eine Figur in einem Spiel gewesen war. Er war eingesetzt worden, um sie in die Ecke zu drängen...und er war nicht der einzige, der von der höheren Macht manipuliert wurde.

Doch Hermine hatte die Spur aufgenommen, die sie zu dem übermächtigen Spieler selbst führen konnte, der nur auf den richtigen Moment wartete, um sie alle vom Spielbrett zu fegen. Sie wusste nun, dass er seine Tore, die in Form der Bilder existierten, einerseits zu verbreiten suchte, andererseits jedoch seit Jahrhunderten mindestens zwei auf immer Verlorene mittels dieser Tore durch die Zeit peitschte und immer wieder aufs Neue mit seinen teuflischen Aufgaben unter die Menschen schickte.

Wie auch immer diese dunkle Macht sich selbst nannte, Hermine war entschlossen, sich mitten ins Reich dieses Satans zu begeben.

Sie würde der Stachel in seinem Fleisch sein. Und vielleicht wäre sie in der Lage, als dieser Stachel dem Wesen der ewigen Düsternis eine tödliche Verletzung zuzufügen.

"Was hast du vor, Hermine?", fragte Harry, der mit jeder Sekunde mehr Entschlossenheit auf ihrem Gesicht ablesen konnte.

Hermine betrachtete ihn einen Moment lang schweigend und erwiderte schließlich entschlossen: "Du kennst doch den Spruch, dass man das Übel an der Wurzel packen muss. Ich kenne eine dieser Wurzeln...eine uralte Wurzel, die hoffentlich den Weg freigibt, den ich mir erhoffe", 'und überaus fürchte', fügte sie in Gedanken an.

"Ich werde dich begleiten", sagte Harry in ihre Gedanken hinein.

Hermine lächelte ihn an, doch ihre Stimme klang fest, als sie sagte: "Ich muss diesen Weg alleine gehen. Nur wenn ich alleine bin, kann ich stark genug sein, um mein Ziel vielleicht zu erreichen", und etwas sanfter fügte sie an: "Severus sagte einmal zu mir, dass meine Liebe zu ihm ihn schwach macht, für die Aufgaben, die er beim Lord erfüllen muss...ich verstehe nun, was er damit meinte, denn wenn mich einer von euch begleiten würde, wäre ich angreifbar, verstehst du? Und du darfst nicht vergessen, dass ich nicht allein bin...", Hermine legte eine Hand auf ihren Unterleib und fügte leise an: "...Nathaniel ist bei mir."

Harry hätte ihr gerne gesagt, dass gerade die Tatsache, sie in schwangerem Zustand allein kämpfend zu wissen, ihm den meisten Kummer bereitete, aber er begriff, dass dies nicht seine Aufgabe war. Seine Rolle in diesem schicksalsträchtigen Spiel schien tatsächlich beendet zu sein, und Hermine unterstrich das Gefühl, indem sie ihn liebevoll aber sehr bestimmt verabschiedete.

Als Harry sie schließlich verlassen hatte, stand Hermines Entscheidung so fest, wie nie zuvor.

Es bewegte sich etwas, und das Machtgefüge des Bösen war ins Wanken geraten - nie war der Zeitpunkt für Widerstand so erfolgversprechend gewesen, wie jetzt!

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Über der Kirche erstrahlte die Sonne in der Erwartung, bis zum Mittag ihre volle Kraft entfalten zu können.

Hermine sah am Rande der Wiese einen Gärtner, der einige Hecken schnitt, die das Gotteshaus säumten.

Sie senkte den Kopf, als sie an ihm vorüberging.

Ohne zu zögern legte sie ihre Hand auf die schwere Klinke und öffnete die große Tür zur Kirche. Ein kalter Hauch wehte ihr entgegen und gegen das Sonnenlicht wirkte das Innere des Gotteshauses fast wie eine düstere Höhle.

Doch nicht die Kirche selbst barg das Unheil, sondern vielmehr das Pfarrhaus, das im Schatten des christlichen Gebäudes stand und scheinbar all das Dunkle beherbergte, das im Hause Gottes so mühsam bekämpft wurde.

Hermine blickte sich in der Kirche um und erkannte die Gestalt Berengers, der vor dem Altar niederkniete, um ein christliches Ritual durchzuführen, das ihn mit seinem Gott verbinden sollte. Unwillkürlich fragte sich Hermine, ob es für den Pater einen Unterschied machte, ob er gerade dem Gott diente, für den er sein Gelübde abgelegt hatte, oder Gottes Gegenspieler, der in diesem Jahrhundert in Gestalt von Voldemort seine ewigen Diener um sich scharte und sie dazu ermächtigte, die Seelen derer einzufangen, die sie willig gaben, wenn sie dafür nur ihre perversen Begierden nach Gewalt, Macht und die Unterdrückung anderer erfüllt bekamen.

Der Pater schreckte hoch, als Hermine die wenigen Stufen nahm und unmittelbar hinter ihm stand.

Ohne sich von den Knien zu erheben, sagte er mit sanft tadelnder Stimme: "Wenn Sie beten möchten, dann begeben Sie sich bitte in eine der Bankreihen, der Altar ist..."

"Ich bin nicht hergekommen um zu beten", unterbrach ihn Hermine energisch.

Der Pater sah sie irritiert an und sagte unsicher: "Ich verstehe nicht..."

"Ich bin hergekommen um mir das Bild anzusehen."

Eine steile Falte bildete sich auf der Stirn des Gottesmannes, und es war offensichtlich, dass er es immer noch für höchst unschicklich hielt, dass diese junge Frau einfach in diesen Bereich der Kirche eindrang.

"Von welchem Bild sprechen Sie?"

"Von einem Bild, das in Ihrem Haus hängt."

"Dort hängen viele Bilder. Ich muss Sie nun wirklich bitten..."

"Bilder, die von Peter gemalt worden, nehme ich an", sagte Hermine herausfordernd und fügte dann an: "Ich möchte gerne alle sehen."

"Peter...Sie kennen Peter?", fragte Berenger und war noch verwirrter als zuvor.

Plötzlich öffnete sich die Kirchentür mit einem langgezogenen Quietschen und der Gärtner trat ein. Der Mann blieb im hinteren Teil des Gotteshauses stehen und beäugte die Szene am Altar kritisch, bevor er sagte: "Pater Berenger, ich bin mit der Arbeit hier fertig. Soll ich die Hecke, die das Pfarrhaus umgibt, auch gleich stutzen?"

Hermine kam dieser Zuhörer gerade gelegen, um Berenger unter Druck zu setzen, und so erwiderte sie unerbittlich: "Ja, ich kenne Peter. Ich würde mal sagen, wir haben einiges gemeinsam, Sie und ich. Peter ist sehr flexibel was die Dinge der fleischlichen Lust angeht, nicht wahr?, " fügte sie aufreizend leise an und lächelte verbindlich.

Der Blick des Paters flackerte zwischen Hermine und dem Gärtner hin und her, bevor er an den Mann gerichtet hervorstieß: "Nein danke, Geoffrey, die Hecke am Pfarrhaus kann bis zum nächsten mal warten. Sie sollten jetzt nach Hause gehen."

"Aber es ist noch so früh, Pater Berenger. Ich könnte statt dessen die Blumenbeete von Unkraut befreien."

"Nein...nein, wirklich nicht. Gönnen Sie sich für den Rest des Tages Ruhe, Geoffrey. Am Pfarrhaus gibt es heute für Sie nichts zu tun!"

Hermine fragte sich, ob der Gärtner von dort aus wo er stand, den Schweiß auf der Stirn Berengers sehen konnte.

Zögerlich antwortete der Mann: "Gut, dann gehe ich jetzt heim. Wenn Sie es sich anders überlegen, können Sie mich anrufen."

Berenger nickte knapp und gemeinsam mit Hermine sah er zu, wie der Mann die Kirche unzufrieden kopfschüttelnd verließ.

Die Augen des Pfarres hefteten sich auf Hermine, kaum dass die schwere Tür sich hinter Geoffrey geschlossen hatte.

"Peter hat nie auch nur ein Wort von Ihnen erwähnt", sagte er dann und Hermine erkannte, dass der Pfarrer nicht länger vorhatte, den Ahnungslosen zu spielen.

"Nun, das wundert mich nicht. Er weiß eben Situationen zu seinem Vorteil zu nutzen. Sie wissen, dass es so ist, Pater...wie oft hat er Ihnen schon das Herz gebrochen?"

Tatsächlich war für einen kurzen Moment ein verräterisches Funkeln in Berengers Augen zu sehen, das Hermines Vermutung bestätigte, dass Deeping mit den Gefühlen des Pfarrers spielte, jedesmal, wenn eine Frau sich in die verbotene Beziehung der beiden Männern drängte.

Es war offensichtlich, dass Deeping seine sadistische Neigung sogar auf den Mann ausweitete, der ihm mit Haut und Haaren verfallen war, und ihn damit quälte, dass er sowohl Männer, als auch Frauen nahm, während Berenger selbst seinen Betrug vor Gott damit rechtfertigte, dass es nur EINEN Menschen gab, dem er nicht widerstehen konnte.

Hermine musste sich nicht fragen, warum dieser Mensch ausgerechnet Peter Deeping war, denn das Geheimnis um die Bilder und deren frühere Besitzer, ließ Hermine erkennen, dass der Pfarrer seinem Geliebten ebenso ausgeliefert war, wie dieser ihm.

Die Zeit und das unergründlich Böse hatte den Pater und den sadistischen Künstler aneinander gebunden.

Und so wie Lucius Malfoy für einen kurzen Zeitraum ebenfalls zu dem mörderischen Gespann gehört hatte, hatte es sicher im Laufe der Jahrhunderte viele gegeben, die an der Seite von Berenger und Deeping getötet hatten, und demjenigen gehuldigt, der stets in verschiedenen Gestalten auftrat, und der doch immer nur dasselbe wollte...die Vernichtung des Guten und die Herrschaft über eine Welt die in völliger Düsternis lag.

Eine Welt, in der die Menschen alle zu Monstern wie seine ewig Zeitreisenden verkommen waren, war leicht zu lenken, und für ein Wesen wie den höllischen Satan versprach sie wohl das, was er als eine Menge Spaß bezeichnen würde.

Hermine ahnte, dass auch einige Frauen den Weg der beiden Männer als mordende Kumpaninnen begleitet haben mochten, und sie glaubte zu spüren, dass jede Frau an Deepings Seite den Pater weitaus mehr hatte aufschrecken lassen, als dessen Beziehung zu anderen Männern. Eine Frau zwischen ihnen bedeutete vielleicht Ehe, Kinder, und damit vielleicht Peters völlige Abkehr von seinem Geliebten.

In jeder einzelnen dieser Existenzen über die Jahrhunderte hinweg, durchlebte der Pater immer wieder die gleichen Ängste, den Menschen zu verlieren, dem er jedes mal aufs Neue verfiel.

Die Rituale, die Hermine im Pfarrhaus erlebt hatte, waren sicher unter anderem ein Versuch des Gottesmannes, Peter die Freiheit zu geben, sich anderweitig auszutoben, in der Hoffnung, ihn auf diese Art nicht zu verlieren.

Hermine verstand nun, wie erleichtert der Pater gewesen sein musste, als Grant in Deepings Gestalt ihren Körper verschmäht hatte, und sie begriff, wieso Berenger nicht gezögert hatte, seiner Freude darüber Ausdruck zu verleihen, indem er selbst den vermeintlichen Deeping voller Lust genommen hatte.

Es war riskant für sie, nun eine Liebschaft mit Deeping vorzugeben, doch ein erneutes vorsichtiges Einschleichen in das Haus des Pfarrers schien ihr eindeutig zu zeitaufwändig, vor allem aber auch zu riskant zu sein. Und so musste sie Berengers Vertrauen erringen, so schnell ihr dies möglich war, denn was immer hinter den Bildern lauerte, es wusste bereits jetzt, dass sie kommen würde!

Der Pater war sehr still geworden, nachdem Hermine ihm die schmerzhafte Frage nach Deepings Untreue gestellt hatte.

"Lassen Sie mich die Bilder sehen", wiederholte sie sanft.

Er schüttelte den Kopf: "Wozu? Was wollen Sie? Ich kenne nicht einmal Ihren Namen."

"Wenn ich die Bilder gesehen habe, werde ich aus Ihrem Leben wieder verschwinden, Pater Berenger...und auch aus dem von Peter...ich gebe Ihnen mein Wort."

"Ich verstehe nicht...", setzte er erneut an.

"Hören Sie zu, Pater...was kostet es Sie, mir die Bilder zu zeigen? Ich weiß, welcher Art die Gemälde von Peter sind. Sie müssen sie nicht vor mir verbergen, denn ich kenne seine Kunst, das Schöne in Hässlichkeit zu wandeln...seine Fertigkeit, die darzustellen, die Tugendhaftigkeit heucheln und dabei ihre Münder weit öffnen und die Beine umso weiter spreizen, wenn Peter sie mit seinem Zeichenstift entlarvt."

"Hat Peter SIE gemalt?", fragte Berenger und beobachtete genau ihre Reaktion.

"Ja...ja, er hat mich gemalt", antwortete sie wahrheitsgetreu.

Ein kurzes Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht des Paters und Hermine ahnte, dass er gerade zu dem Schluss gekommen war, dass sie keine wirkliche Bedrohung für ihn darstellte. Mit einem Schaudern erkannte Hermine, dass Deeping dazu neigte, die überaus heftigen Beziehungen zu seinen Modellen mit einem Mord zu beenden.

Glücklich konnten sich wohl diejenigen schätzen, die er nur aus dem Gedächtnis heraus malte, und die dem diabolischen Künstler somit entkamen.

"Kommen Sie ins Haus", sagte Berenger plötzlich in Hermines Gedanken hinein, und fügte milde lächelnd an: "Wir werden sehen, ob wir Sie auf einem der Bilder wiedererkennen."

Obwohl die Sonne inzwischen warm vom Himmel strahlte, fröstelte Hermine auf dem Weg zum Pfarrhaus.

Das Gebäude selbst sah so einladend aus wie schon bei ihrem Besuch in der anderen Zeitlinie und für einen kurzen Moment hatte Hermine fast das Gefühl, das Haus selbst würde sie wiedererkennen, während sie für Berenger eine völlig Fremde zu sein schien.

Selbst der Geruch im Inneren schien Hermine so vertraut, als wolle das Haus sie in Sicherheit wiegen.

Als sie in das Wohnzimmer blickte, in dem sie sich in einer anderen Realität selbst blutig gegeißelt hatte, versuchte sie die Erinnerungen so gut wie möglich zurückzudrängen, doch ihr kam unwillkürlich der füchterliche Gedanke, wie endgültig Charles Grant sich damals in die Klauen des Bösen begeben hatte, als er Deepings Identität übernommen hatte - er gehörte zu den Verlorenen...in jener UND in dieser Realtität.

Hermine folgte dem Pater, der sie die schmale Treppe hinaufführte. Die Stufen knarrten unter jedem ihrer Schritte und verliehen dem Haus selbst etwas Lebendiges.

"Peter hat mir immer wieder Bilder geschenkt. Er weiß, dass ich nicht alle mag, aber noch weniger mag ich es, ihn zu enttäuschen."

Als sei damit alles erklärt, stieß er eine Zimmertür auf und bedeutete Hermine, den Raum zu betreten.

tbc