EINS
Sie hatte keine Ahnung, was in dem Päckchen sein mochte, das sie gerade vom Postamt in der Winkelgasse abgeholt hatte. Es war bereits zwei Jahre alt. Die Frau, die es ihr überreicht hatte, hatte gesagt, dass es sehr selten vorkam, dass eine Eule verunglückte und eine Sendung deshalb ihren Empfänger nicht erreichte. Irgendjemand hatte das Päckchen gefunden und in der Winkelgasse abgegeben. ‚Hermine Granger, Hogwarts' stand darauf. Die Schrift war sehr stark verwischt, das ganze, etwa schuhkartongroße Päckchen sah ziemlich mitgenommen aus. Wo hatte es in den letzten zwei Jahren wohl gelegen? Und, wichtiger noch, wer mochte es ihr geschickt haben?
Sorgsam wich sie den Pfützen aus, die sich auf dem Gehweg gebildet hatten. Gelbe Blätter schwammen darin und es roch schon wieder nach Regen, obwohl die Sonne sich bemühte, noch einmal ein bisschen Kraft zu entfalten und den kalten Oktober zu erhellen.
Es würde nichts nutzen, die Wolken drängten sich immer dichter um sie herum und man konnte ihnen ihre feuchte Last an ihren dicken schwarzen Bäuchen ansehen.
Hermine war es gleich, ob es regnete oder nicht. Sie hatte heute ihren letzten Arbeitstag im Ministerium gehabt und würde für vier lange Wochen nicht dorthin zurückkehren.
Mit einem kleinen Frohlocken begrüßte sie diese Aussicht, sie hatte diesen Urlaub wirklich bitter nötig.
Mit einem Schuldgefühl, das beinahe größer war als das Frohlocken, dachte sie daran, dass sie diesen Urlaub alleine verbringen würde. Ron hatte es nicht verstanden, dass seine Freundin diese Auszeit brauchte, und dass sie sie allein brauchte. Er verstand so einiges nicht...
Die Tasche mit dem Päckchen schlug gegen ihre Beine, als ihr Schritt wie von selbst beschwingter wurde.
Zu Hause würde sie es noch rasch auspacken, weil sie zu neugierig war, um damit einen Monat lang zu warten.
Von wem mochte es stammen? Von ihren Eltern? Wer sonst hätte ihr etwas in die Schule geschickt?
Hogwarts....
Ihre Schulzeit schien ewig lange her zu sein, und doch war es erst zwei Jahre her, seit sie dem alten Schloss endgültig den Rücken gekehrt hatte.
Die Bilder der großen Schlacht suchten sie noch immer in ihren Träumen heim, aber wenn sie wach war bemühte sie sich, andere Erinnerungen an Fred, Remus, Tonks und all die Anderen herbeizurufen. Sie wollte sie nicht vor sich sehen, wie sie blass und still aufgebahrt in der großen Halle gelegen hatten. Sie wollte sie in ihrem Kopf lebendig erhalten.
Ihre Abschlussprüfung hatte sie gemeinsam mit Harry und Ron im Ministerium nachgeholt, und dort machte sie auch ihre Ausbildung in der Abteilung für die Führung und Beaufsichtigung magischer Geschöpfe.
Nicht daran denken! Jetzt lag das alles hinter ihr- zumindest für eine Zeit lang.
Die gepackten Koffer begrüßten sie, als sie ihre Wohnung betrat.
Sie lebte seit über einem Jahr hier und noch immer genoss sie die Großzügigkeit ihrer beiden Räume. Die Zeit im Zelt war furchtbar gewesen. Vielleicht hatte sie es übertrieben in dem Bedürfnis, sich jeden Komfort zu gönnen, den sie damals hatte missen müssen, doch sie mochte es nun einmal weich und ein bisschen plüschig. Und vor allem hatte sie endlich Platz für ihre Bücher.
An jeder Wand, die nicht mit Fotos ihrer Familie oder ihrer Freunde bedeckt war, stand ein Regal, um die Unmengen an Literatur aufzunehmen, die sich angesammelt hatten.
Gleich würde sie ihre Koffer nehmen und sich auf das kleine Cottage in den Highlands konzentrieren, das sie gemietet hatte. Niemand hatte die Adresse und sie würde dort endlich ein bisschen Ruhe finden.
Auf dem großen runden Esstisch in ihrem Wohnzimmer legte sie das Päckchen ab und nahm eine Schere aus einer Schublade unter dem Tisch. Sorgfältig und behutsam durchtrennte sie damit das morsche Papier und die Schnüre, die es noch zusammenhielten. Eine kleine Holzkiste kam zum Vorschein.
Hermine öffnete den filigranen Verschluss und hob den Deckel der Kiste an. Darin lag etwas, das ebenfalls eingewickelt war.
Sie schlug das braune Packpapier zur Seite und hielt schließlich zu ihrer großen Verblüffung ein Messer in der Hand.
Irritiert runzelte sie die Stirn und drehte es hin und her, um es zu betrachten.
Es war ein kunstvoll verzierter Dolch aus Silber. Fein ziselierte Schlangen schienen über die Klinge zu gleiten, während das Heft mit blutroten Steinen verziert war.
Wer sollte ihr so etwas vor zwei Jahren geschickt haben? Nirgendwo fand sich ein Absender oder ein Kärtchen.
Plötzlich leuchtete der Dolch auf und wurde glühend heiß. Mit einem erschrockenen Laut ließ sie ihn fallen und besah sich ihre Handfläche.
Für einen kurzen Moment meinte sie, den Umriss einer Schlange darin aufglühen zu sehen, doch dann war er verschwunden und nichts blieb zurück, kein Mal, keine Brandblase, kein Schmerz- nur weiche, helle Haut.
Eine große Wolke musste sich vor die Sonne geschoben haben, denn plötzlich schien das Zimmer sich zu verdunkeln. Alle Farbe wich aus dem Raum, als habe sich ein schwarzer Schleier auf ihn herabgesenkt.
Ein klopfendes Geräusch drang an ihre Ohren. Ein vielstimmiges Wispern gesellte sich dazu, doch sie schenkte beidem keine Beachtung.
Dort auf dem Teppich vor ihr lag das glänzende Messer.
Hermine nahm es auf und wog es einen Augenblick lang in ihrer rechten Hand, bevor sie den linken Arm ausstreckte, um ihr Handgelenk zu entblößen.
Ohne eine weitere Sekunde zu zögern setzte sie die scharfe Klinge auf und zog sie in einer fließenden Bewegung und mit festem Druck durch die Haut unterhalb ihres Handballens. Mit einem Seufzer der Erleichterung begrüßte sie das dunkle rote Blut, das zu strömen begann.
-
Sie spürte, wie sie erwachte. Zuerst ihr Geist in einem nach wie vor tauben Körper.
Was war geschehen?
Sie erinnerte sich, dass sie das Ministerium verlassen hatte, beim Postamt in der Winkelgasse gewesen und dann nach Hause gegangen war, um das Päckchen dort auszupacken. Doch dann?
Jetzt lag sie weich und warm. Das Knistern eines Feuers drang an ihre Ohren, ebenso wie ein leises Klappern und Klirren.
Sie fühlte sich benommen, es fiel ihr schwer, einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen.
Mühsam öffnete sie die Augen.
Ihr Blick fiel auf eine weiße, relativ niedrige Decke, die von schmalen, schwarzen Balken durchzogen war. Es war ihr nicht möglich, den Kopf zu drehen, doch aus den Augenwinkeln konnte sie erkennen, dass sie auf einem Sofa lag.
Auf ihrer linken Seite war ein Kamin, sie konnte das Feuer flackern sehen. Es war bereits dunkel und die tanzenden Flammen verursachten unruhige Schatten auf der Zimmerdecke.
Auch auf ihrer rechten Seite bewegte sich etwas, von dort kamen die übrigen Geräusche.
Endlich schaffte sie es, den Kopf ein wenig zu drehen, um einen besseren Blick auf die Szene zu ihrer Rechten zu erlangen.
Ein großes, dunkles Regal nahm beinahe die komplette Raumseite ein, und in ihm stapelten sich Bücher und Pergamentrollen, sowie Unmengen von Glasbehältern in allen möglichen Formen. Schmale Phiolen standen neben dicken bauchigen Ampullen, beschriftete Dosen aus Metall in verschiedenen Größen reihten sich fein säuberlich in einem der oberen Bretter nebeneinander auf.
Vor diesem monströsen Möbel stand ein langer, breiter Tisch. Sie kannte die meisten der Gerätschaften die darauf versammelt waren. Waagen, Kessel, Destillationsapparate- das alles gehörte zu einem Zaubertranklabor.
Und jetzt betrat der Mann die Szene, den sie untrennbar mit dieser Ausstattung verband: Severus Snape.
Er schien sich nicht bewusst zu sein, dass sie die Augen geöffnet hatte und ihn ansah, denn er beachtete sie nicht im Geringsten, sondern griff in das Regal, holte eine der kleineren Dosen heraus und löffelte etwas braunes Pulver auf eine Messingwaage. Konzentriert wog er etwas davon ab, schüttete den Inhalt der Waagschale in einen der Kessel und griff nach einer Feder, um eine Notiz in ein Buch zu schreiben.
Was tat er da? Und warum zur Hölle war sie hier?
Sie hatte ihn nicht mehr gesehen seit sie ihn ins St. Mungo geschafft hatte.
Nach dem Ende der Schlacht um Hogwarts, kurz nachdem Harry ihr und Ron von den Snapes Erinnerungen erzählt hatte, war sie in die heulende Hütte gelaufen, um dafür zu sorgen, dass der Mann, den sie alle falsch eingeschätzt hatten, eine würdige Ruhestätte finden würde. Sie wollte ihn in die Große Halle zu all den anderen legen, die sie während des Kampfes verloren hatten. Er verdiente es mindestens genau so sehr, wie die übrigen Opfer.
Erschrocken hatte sie feststellen müssen, dass er trotz Naginis Biss noch lebte. Der Blutverlust und das Gift der Schlange hatten ihn furchtbar geschwächt, doch es war ohne Zweifel noch ein Funken Leben in ihm. In Sekundenschnelle hatte sie eine Entscheidung getroffen und war mit dem Bewusstlosen in das St. Mungo- Hospital appariert, um ihn den dortigen Heilern anzuvertrauen. Erst als sie nach Hogwarts zurückgekehrt war, hatte sie ihren Freunden davon erzählt.
Es war merkwürdig für Harry gewesen, zu erfahren, dass Snape noch lebte und Hermine hatte ihn später zu einem Besuch im St. Mungo überreden müssen. Sie hatte gedacht, dass es zwischen den beiden Männern eine Menge zu klären geben müsste, doch sie waren abgewiesen worden.
Snape wollte keine Besuche empfangen und ihr lag zu wenig an ihm, als dass sie sich lange darum bemüht hätte.
Eine kurze Mitteilung im Propheten informierte darüber, dass Severus Snape den Krieg überlebt hatte, sämtliche Anschuldigungen gegen ihn fallengelassen wurden und er sich von der magischen Welt zurückziehen wollte. Das war das letzte Lebenszeichen, das sie von ihm erhielten- und es hatte ihr genügt.
Er lebte und sie würde ihm nicht wieder begegnen.
Doch offensichtlich hatte sie sich geirrt!
Jetzt schien er zu bemerken, dass sie sich bewegte.
Er hielt in seinen Verrichtungen kurz inne und sah auf. Kalte schwarze Augen begegneten ihrem Blick und glitten dann wieder über die Notizen auf dem Tisch.
„Ah, schon wach?", sagte er lapidar und ohne erneut aufzublicken. „Machen Sie sich nicht die Mühe nach Ihrem Zauberstab zu suchen- den habe ich. Es wird nicht mehr lange dauern bis Sie wieder sprechen können, und ich will die mir verbleibende ruhige Zeit nutzen. Also entschuldigen Sie mich."
Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu und Hermine wollte empört aufschreien, doch kein Laut kam über ihre Lippen.
Sie beobachtete, wie er seelenruhig weiterarbeitete, als habe er nicht gerade eine ehemalige Schülerin betäubt und entführt.
War er verrückt geworden? Welchen Grund konnte es für ihn geben, sie mit einem Fluch zu belegen und hierher zu entführen? Hatte er sie doch alle getäuscht? War er doch ein Todesser geblieben und wollte sich jetzt an ihr für den Fall Voldemorts rächen? Sie wusste nicht mehr, was sie von ihm halten sollte, zu oft hatte sie ihre Meinung über ihn ändern müssen.
Er wirkte nicht wahnsinnig, soweit sie das beurteilen konnte. Sie verfolgte jeden seiner Handgriffe, die so akkurat und präzise waren, wie sie sie aus ihrer Schulzeit in Erinnerung hatte. Auch schien er sich nicht großartig verändert zu haben. Vielleicht war er ein bisschen schmaler geworden, vielleicht ein bisschen blasser, möglicherweise wirkte das aber auch nur so, weil er keinen Umhang trug, sondern lediglich seinen schwarzen Gehrock über der üblichen schwarzen Hose.
Er wog und rührte und schrieb zwischendurch immer wieder in sein Notizbuch, zügig, aber nicht hastig. Er arbeitete offensichtlich an irgendetwas, aber es war unmöglich zu erraten, was es war- oder warum sie ihm dabei zusehen sollte.
Schließlich verschwand er aus ihrem Blickfeld. Sie hörte das Öffnen einer Tür und dann nichts mehr.
Langsam kehrte in ihre Hände das Gefühl zurück, sie bewegte sie probeweise und stellte erleichtert fest, dass sie nicht gefesselt war. Es dauerte ewig, bis sie sich in der Lage fühlte, sich aufzusetzen. Neugierig sah sie sich um.
Das hier schien eine Art Wohnzimmer zu sein. Ein großer Raum, der neben dem braunen Ledersofa auf dem sie saß, noch einen Sessel, einen kleinen Tisch und viele leere Regale enthielt, außerdem einen Esstisch mit Stühlen, eine große, uralt aussehende Standuhr und eben das Laboratorium, in dem sie Snape zuvor gesehen hatte.
Drei Türen gingen von diesem Raum ab. Durch die Eine war Snape vorhin verschwunden und bisher nicht zurückgekehrt, eine Zweite sah aus, als würde sie in den Garten führen und die Letzte war offenbar die Eingangstür.
All ihre Kraft zusammennehmend erhob sie sich und wankte auf diese Tür zu.
Sie wusste nicht, was ihr ehemaliger Professor von ihr wollte, doch sie würde nicht hier bleiben, um es herauszufinden. Wenn er etwas von ihr wollte, konnte er sich wie ein zivilisierter Mensch mit ihr in Verbindung setzen, statt sie hierher zu verschleppen.
Sie erreichte die Tür und griff nach dem Knauf, doch sie konnte ihn nicht drehen. Er war nicht verschlossen, zumindest konnte sie das nicht sagen, nein, ihre Hand verweigerte den Dienst. Sie konnte die Drehbewegung, die nötig war um die Tür zu öffnen, nicht durchführen.
„Ich dachte mir, dass Sie das tun würden", erklang eine Stimme hinter ihr und sie fuhr herum.
Snape lehnte im Türrahmen und beobachtete ihre fruchtlosen Versuche mit ausdrucksloser Miene.
„Sie werden feststellen, dass Ihnen das nichts nutzt. Ich war gezwungen, ein oder zwei Banne zu sprechen."
Ihre weit aufgerissenen Augen machten ihm wohl ihr Entsetzen deutlich, denn ein kleines Lächeln kräuselte seine schmalen Lippen.
„Ich werde Ihnen alles erklären, doch zunächst muss ich Sie bitten, sich noch ein wenig zu gedulden. Setzen Sie sich!"
Mit untergeschlagenen Armen ignorierte Hermine seine Aufforderung und starrte ihn stattdessen trotzig an.
Er zuckte mit den Schultern.
„Oder bleiben Sie stehen. Mir ist es gleich", sagte er und trat wieder an seinen Tisch.
„Was wollen Sie von mir?", kam es plötzlich über ihre Lippen. Der Fluch, mit dem er sie betäubt hatte, war endgültig von ihr gewichen.
Snape hielt in seiner Tätigkeit inne, seufzte tief und legte die Schreibfeder beiseite bevor er aufsah. Er musterte sie mit unheimlich blitzenden Augen.
Sie fröstelte unwillkürlich unter diesem Blick und fühlte sich schutzlos und ausgeliefert. Was konnte sie ohne Zauberstab schon gegen ihn ausrichten?
„Ich rette Ihr Leben", sagte er schließlich sanft.
