"Ich rette Ihr Leben", sagte er schließlich sanft.

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ZWEI

Sie wollte auflachen. Das war absurd!

Doch sein ernster Blick und etwas in seinem Tonfall verursachten ihr eine leichte Gänsehaut.

„Wie bitte?", brachte sie schließlich hervor.

„Ich werde Ihr Leben retten", wiederholte er. „Das Messer, das Sie heute erhalten haben war verflucht. Sie haben versucht, sich damit die Pulsadern zu öffnen."

Unwillkürlich hob Hermine ihre Arme, um ihre Handgelenke zu mustern. Sie entdeckte keinerlei Spuren darauf.

„Natürlich ist nichts zu sehen", schnaubte er, ihre Bewegung beobachtend. „Ich war gezwungen die Wunden zu verschließen. Sie hätten sonst nicht mehr lange genug gelebt, um Sie hierher bringen zu können, und außerdem wollte ich nicht riskieren, dass Sie mir meinen Teppich vollbluten."

Er verließ seinen Platz hinter dem Tisch und Hermine wich instinktiv zurück. Er kam jedoch nicht auf sie zu, sondern nahm Platz auf dem Sessel, der neben dem Sofa stand.

In einer nonchalanten Geste schlug er die Beine übereinander und wischte eine imaginäre Staubfluse von seinen schwarzen Hosenbeinen.

„Sie haben wirklich nichts vor mir zu befürchten", sagte er ohne aufzusehen. „Ich werde Ihnen Ihre Fragen beantworten und es Ihnen dann freistellen zu gehen, wenn Sie das dann immer noch wollen"

Unschlüssig blieb Hermine an der Türe stehen.

Er war offensichtlich verrückt geworden, doch ihr schien keine direkte Gefahr zu drohen. Sie musste Informationen erhalten, um die Situation besser einschätzen zu können. ‚Rede mit ihm!', schoss es ihr durch den Kopf.

„Wo bin ich hier?"

Mit einer weitausladenden Geste wies Snape in den Raum.

„Sie sind hier in meinem Haus, Miss Granger", erklärte er. „Ich habe es gekauft und mich hierher zurückgezogen, nachdem ich endlich aus dem St. Mungo entlassen wurde. Es ist ein kleines, einsames Cottage im ruhigen Nirgendwo."

Keine guten Aussichten für eine Flucht also....

„Was soll das für ein Fluch sein?", stellte sie die nächste Frage, die ihr einfiel.

„Er heißt Thanatos und ist kaum jemandem bekannt. Ich bezweifle, dass Sie davon gehört haben?" Er hob fragend die Augenbrauen.

Woher sollte ich einen Fluch kennen, der nur in Ihrer kranken Phantasie existiert?', dachte sie, doch sie schüttelte lediglich den Kopf.

„Das dachte ich mir", schnaubte er. „Es ist gut möglich, dass Sie die zweifelhafte Ehre haben, sein erstes Opfer zu sein. Grob vereinfacht kann man sagen, dass er den Verfluchten dazu bringt, sich selbst das Leben zu nehmen."

Obwohl sie keines seiner Worte glaubte, schauderte sie unwillkürlich.

„Woher kennen Sie ihn?"

Er zögerte und strich mit den Händen über die lederne Lehne des Sessels.

„Sie haben nicht vergessen, in welchen Kreisen ich mich bewegt habe, nein? Er war als nützliches Mittel gedacht, um Leute aus dem Weg zu räumen, ohne dass das Zutun eines Außenstehenden sichtbar wurde."

„Warum sollte mir jemand jetzt einen solchen Fluch zukommen lassen?", warf sie mit gerunzelter Stirn ein. „Die finsteren Zeiten sind vorbei, niemand könnte sich von meinem Tod etwas versprechen"

„Sie dürfen nicht vergessen, dass dieses Päckchen zwei Jahre alt ist", wandte er mit derselben scheinbar geduldigen Nachsicht ein, die er damals schon für Schüler verwandte, die seinem Unterrichtsstoff nicht folgen konnten.

„Damals hätten einige Leute es sicher amüsant gefunden, wenn die Potter- Freundin sich selbst das Leben genommen hätte. Eine gewisse demoralisierende Wirkung auf die Menschen in Ihrer Umgebung wäre wahrscheinlich eine erwünschte Nebenwirkung gewesen"

Nachdenklich nickte Hermine. Er hatte sich seine Geschichte gut zurechtgelegt, doch sie war sich sicher, dass sie eine Schwachstelle entdecken würde, wenn sie nur lange genug bohrte. Aber machte es Sinn, mit einem Wahnsinnigen über Logik zu diskutieren? Im Moment fiel ihr schlicht und einfach nichts Besseres ein.

„Hatten Sie etwas mit dem Päckchen zu...?"

„Nein!", rief er, ehe sie ausgesprochen hatte und in seinem Blick lag plötzlich ein gefährliches Glitzern. „Ich habe Ihnen dieses Päckchen weder damals noch heute zukommen lassen wollen!" wild

Einen Augenblick lang war Hermine versucht, ihm zu glauben, so heftig und unmittelbar kam sein Leugnen. Er war wirklich gut! Doch er hatte es geschafft, Voldemort zu täuschen- er musste ein guter Schauspieler sein!

„Kennen Sie einen Gegenfluch?", fuhr sie deshalb auf der Suche nach einer Schwachstelle fort.

Er rutschte unbehaglich auf seinem Sitz herum.

„Es gibt keinen...", gab er schließlich zu. „Der Thanatos ist ein wenig anders konzipiert als die üblichen Flüche. Sie können sich das wie ein Gift vorstellen, das mithilfe von Flüchen auf das Messer aufgebracht wurde. Eine Art intelligentes Gift, das sich in Ihrem Körper ausbreitet und Kontrolle über ihn erlangt. Sie haben heute eine erste Kostprobe bekommen, als Sie auf Ihrem Wohnzimmerboden zu verbluten drohten, bevor ich Sie gefunden habe"

Hermine wickelte ihre Arme fester um ihren Körper.

Irgendwie war sie hierher gekommen! Sie vermutete, dass das Messer tatsächlich vergiftet war, denn das Auspacken des Päckchens war ihre letzte Erinnerung. Doch es hatte sie wahrscheinlich bloß betäubt, lange genug, damit er in ihre Wohnung eindringen und sie entführen konnte. Allein der Gedanke verursachte ihr eine Gänsehaut.

„Wie kommt es, dass Sie bei mir waren? Wie sind Sie überhaupt in meine Wohnung gekommen?", wollte sie in einem forschen Ton wissen, der das Unbehagen aus ihrer Stimme vertreiben sollte.

Er lachte leise und unfroh.

„Dass ich zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle war, können Sie meinetwegen Ihrem unverschämten Glück zuschreiben- und in Ihrer Wohnung zu gelangen war nicht schwer. Sie waren lange genug bewusstlos. Das, was heute mit Ihnen passiert ist, wird Ihnen wieder zustoßen. Ich vermute, dass Sie von jetzt an jeden Tag zur gleichen Zeit das unwiderstehliche Verlangen verspüren werden, sich das Leben zu nehmen. Sie sind sozusagen eine Gefahr für sich selbst!"

Eine eiskalte Hand schien nach ihrem Magen zu greifen. Jetzt kamen sie langsam zu dem für sie interessanten Teil...

„Warum halten Sie mich hier fest? Sie wissen, was mit mir geschieht. Lassen Sie mich gehen, entwickeln Sie ein Gegenmittel- und Sie können sich meiner Dankbarkeit gewiss sein."

„Ich tue das nicht um Ihrer Dankbarkeit willen!", zischte er. „Daran bin ich nicht im Geringsten interessiert. Ich helfe Ihnen aus demselben Grund, aus dem ich überhaupt erst zu Ihnen gekommen bin und Sie dann bewusstlos und blutend auf dem Boden Ihrer kleinen Wohnung gefunden habe: um eine Schuld zu begleichen! Sie haben mir das Leben gerettet und ich hasse es, in Jemandes Schuld zu stehen. Ich werde Sie retten und wir sind quitt. Sie können gehen, wohin Sie wollen und wir werden einander nicht wiedersehen müssen!"

Das war es? Er hielt sie hier fest, um das Gefühl los werden zu können, in ihrer Schuld zu stehen? Sie befeuchtete ihre Lippen. Jetzt hieß es, diplomatisch sein.

„Sie müssen das nicht tun. Sie haben unser aller Leben gerettet, mehrere Male, wir sind schon längst quitt. Sie sind mir nichts mehr schuldig"

Mit einem müden Lächeln ließ er sich wieder in den Sessel zurücksinken, aus dem er vorhin beinahe aufgesprungen war.

„Gut. Nehmen wir einmal an, das genügt mir und ich lasse Sie jetzt gehen. Wo, denken Sie, finden Sie einen Menschen, der vertraut genug ist mit Zaubertränken und dunkler Magie- und willens, Ihnen zu helfen? Wer will heute noch in irgendeiner Weise mit der verbotenen Kunst in Verbindung gebracht werden? Es dürfte Ihnen schwer fallen, eine solche Person aufzutreiben- vor allem, da der Fluch nach einem Mondzyklus unumkehrbar wird- was nichts anderes, als Ihr Todesurteil bedeutet."

Sie schluckte. So also zog er das Netz langsam dichter um sie.

„Aber Sie könnten mir das Mittel schicken...", machte sie noch einen Versuch.

„Leider reagiert der Fluch auf angewandte Magie. Sie könnte bislang inaktive Bestandteile aktivieren- und je mehr Bestandteile aktiv sind, desto schwieriger wird es, ein Gegenmittel zu finden. Das sehen Sie sicher ein! Ich war heute gezwungen, einen Heilzauber und eine Seit- an- Seit- Apparation durchzuführen. Sie sollten wirklich keinen weiteren Zaubern ausgesetzt werden! Und auf ein Gegenmittel könnten Zauber ebenfalls Auswirkungen haben!"

Was für ein teuflisches Konzept! Ein Fluch, der aus einer Kombination von Flüchen und Giften bestand und der auf Zauber reagierte.

Hermine musste zugeben, dass die Geschichte gut durchdacht war, wenn ihr auch völlig schleierhaft blieb, was er damit bezwecken wollte.

„Was wollen Sie also von mir?", fragte sie müde.

Er schnalzte ungeduldig mit der Zunge.

„Eigentlich wollen Sie hier etwas von mir! Aber das wollen wir für diesen Moment mal dahingestellt lassen. Sie werden hier bleiben müssen, bis ich ein Gegenmittel gefunden habe. Ich habe in diesem Haus noch ein Gästezimmer, in dem Sie so lange wohnen können. Ich habe es bisher nicht genutzt, weil ich... selten Gäste habe", erklärte er mit einem schiefen Grinsen.

„Ich werde Ihnen morgen erläutern, wie ich den Fluch zu brechen gedenke, denn das ist das Einzige, was ich von Ihnen will- auch wenn Sie mir jetzt offensichtlich noch kein Wort glauben", fügte er noch hinzu, bevor er aufstand und auf eine der Türen wies, die von dem Wohnraum, in dem sie sich befanden, abging.

„Ich zeige Ihnen jetzt ihr Zimmer."

Verzweifelt zermarterte sie sich ihr Hirn, um einen Ausweg aus dieser absonderlichen Situation zu finden. Doch jeder Gedanke schien in eine Sackgasse zu führen.

Sie fühlte sich zu erschöpft, um vernünftig überlegen zu können.

Der Fluch, mit dem er sie belegt haben musste um sie hierher zu schaffen, machte sich offenbar noch immer bemerkbar. Es hatte keinen Sinn mit ihm zu diskutieren. Er hatte für jeden Einwand die passende Antwort parat und es würde ihr nicht gelingen, ihn auf diese Weise zu überlisten. Wahrscheinlich war das eh nur eine sehr schwache Hoffnung gewesen. Mit Verrückten verhandelte man nicht, man versuchte ihnen einfach so schnell wie möglich zu entkommen!

Im Moment sah sie keine Möglichkeit, ohne Zauberstab etwas gegen die Banne zu unternehmen, doch so schnell würde sie nicht aufgeben. Vorerst würde sie ihn denken lassen, dass sie seinen Worten Glauben schenkte.

Sie folgte ihm in einen kleinen Flur, von dem wiederum vier Türen abgingen.

Eine der Türen war geschlossen, die anderen führten in eine Küche, ein Bad und in einen kleinen Raum, in dem nichts weiter als ein Bett, eine Kommode und ein Stuhl standen und die Koffer, die sie in Erwartung eines erholsamen Urlaubs gepackt hatte! Es war beinahe tröstlich, etwas Vertrautes zu sehen, obwohl sie sie eigentlich unter gänzlich anderen Umständen hatte gebrauchen wollen. Siedend heiß fiel ihr in diesem Augenblick ein, dass niemand nach ihr suchen würde. Alle glaubten wahrscheinlich, dass sie, wie geplant, ihren Urlaub angetreten hätte.

„Es ist ein bisschen karg", mischte Snapes Stimme sich in ihre unerfreulichen Gedankengänge. „Aber wenn alles gut geht, werden Sie nicht lange genug bleiben, um das als störend zu empfinden. Sie haben ja vorsorglicherweise schon gepackt. Gute Nacht!"

Und mit diesen Worten ließ er sie allein.

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tbc