Und mit diesen Worten ließ er sie allein.

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DREI

Als er die Tür hinter sich schloss, schwankte sie für einen Moment zwischen Verzweiflung und gänzlich unpassender Heiterkeit.

Das konnte doch alles nicht wahr sein! Es war ihr völlig schleierhaft, wie Snape dazu kam, sie mit einer so abstrusen Geschichte hier zu behalten und wozu das Ganze dienen sollte.

Bei aller Merkwürdigkeit fühlte sie sich dennoch nicht wirklich bedroht. Die Fenster in diesem Raum waren ihr ebenso unzugänglich wie die Tür im Wohnraum- sie konnte die Griffe nicht bewegen. Doch die Zimmertür ließ sich ohne Widerstand öffnen und sie konnte durch den Flur leise Geräusche vernehmen, die ihr verrieten, dass Snape noch in seinem Labor arbeitete.

Behutsam schloss sie die Tür wieder und setzte sich auf den Stuhl, der direkt daneben stand.

Selbstverständlich würde sie nicht schlafen. Sie würde warten bis Snape selbst zu Bett gegangen war und sich dann in Ruhe in diesem Haus umsehen. Vielleicht fand sie etwas, das ihr helfen könnte hier herauszukommen.

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Sie hatte wirklich nicht einschlafen wollen, doch als sie aufschreckte, hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass mehr als nur wenige Augenblicke vergangen waren, seit sie die Augen geschlossen hatte.

Es war noch dunkel draußen, doch die Kerze, die auf dem Nachttisch neben dem Bett stand, war beinahe gänzlich heruntergebrannt und sie konnte Vögel hören, die den Sonnenaufgang begrüßten.

Ansonsten war das Haus still, auch bei geöffneter Tür konnte sie kein anderes Geräusch hören, als das monotone Ticken der großen Standuhr im Wohnraum. Snape schlief offenbar noch.

Leise schlich sie sich aus dem Zimmer und tapste auf Zehenspitzen an der Tür vorbei, hinter der sie sein Schlafzimmer vermutete.

Das frühe Tageslicht war noch schwach und sie fand sich nur mühsam in den übrigen Räumen zurecht.

Es war nur eine kleine Hoffnung, aber sie musste wenigstens versuchen ihren Zauberstab wiederzubekommen.

Sie entdeckte ein kleines Bad und eine ebenso kleine Küche, doch ihre Suche dort blieb ergebnislos. Natürlich würde er ihren Zauberstab bei sich im Zimmer aufbewahren.

Als nächstes versuchte sie einen anderen Ausgang zu finden, doch mit zunehmender Verzweiflung musste sie feststellen, dass ihr alle Zugänge nach draußen ihr verwehrt waren.

Auch das Küchenfenster gab nicht nach und so begann sie ziellos in den Schränken herumzustöbern, in der vagen Hoffnung, irgendetwas zu finden, dass sie gegen Snape verwenden konnte.

„Was suchen Sie?"

Sie erschrak furchtbar und fasste sich an die Brust, als sie herumfuhr und Snape böse anblitzte, der im Türrahmen lehnte und sie beinahe amüsiert musterte.

„Ich suche Kaffee, nichts weiter", schnappte sie. „Ich habe ja keinen Zauberstab mehr, sonst könnte ich ihn mit ‚Accio' aufrufen!"

Er ignorierte diese kleine Spitze und machte sich schweigend daran, ihnen beiden jeweils einen großen Becher Kaffee zuzubereiten.

„Morgen können Sie ihn gerne machen", sagte er, als er zu ihr trat und ihr einen davon reichte.

Morgen werde ich sicher nicht mehr hier sein', schoss es ihr durch den Kopf, doch sie schluckte diese Bemerkung herunter und nahm die Tasse stumm entgegen. Sie wartete, bis Snape einen Schluck getrunken hatte und nippte dann gierig an der schwarzen, heißen Flüssigkeit. Ohne Kaffee war sie nur ein halber Mensch.

„Erinnern Sie sich an den gestrigen Abend?", fragte er nach einer Weile, in der sie sich schweigend ihren Getränken gewidmet hatten.

„Hm, lassen Sie mich mal überlegen", sagte Hermine in gespielt nachdenklichem Ton und legte eine Zeigefinger an ihre Lippen, während sie den Kopf schief legte und mit gekrauster Stirn an die Decke sah.

„Ich erinnere mich daran, dass Sie mir eine Menge Unsinn erzählt haben über einen Fluch, der mich dazu bringen soll, mir selbst das Leben zu nehmen. Und falls mir das nicht gelingen sollte, wird das Gift, das dieser Fluch wirksam gemacht hat, mich nach einem Monat so oder so töten. Richtig?"

„Nach einem Mondzyklus", verbesserte er sie trocken. „Und er wird sie nicht direkt töten, sondern lediglich nicht mehr abwendbar sein. Er wird an Intensität zunehmen, bis er sein Ziel, den Suizid, erreicht hat. Aber ansonsten weitgehend korrekt. Doch das war nicht das, was ich meinte. Ich dachte eher an die Sache mit dem Dolch, die gestern in Ihrer Wohnung passiert ist. Ich hatte gehofft, dass vielleicht eine Erinnerung daran zurückgekehrt ist..."

Mit großen Augen starrte sie ihn an.

„Warum tun Sie das?", fragt sie dann leise, ohne auf seine Frage einzugehen. „Warum erzählen Sie mir solche Dinge? Sie wissen doch, dass sie nicht stimmen. Ich will mir nicht das Leben…"

„Miss Granger, Sie würden es uns beiden einfacher machen, wenn Sie mir glauben würden", fiel er ihr ins Wort. „Ich bin nicht der böse Todesser, für den Sie mich gehalten haben, schon vergessen? Gewöhnen Sie sich an den Gedanken- zumindest so lange Sie hier mein Gast sein werden. Wir wollen beide hoffen, dass es nur für kurze Zeit sein wird"

Hermine nahm sich vor, diese Zeit tatsächlich so kurz wie irgend möglich zu halten. Bei der nächsten Gelegenheit würde sie fliehen.

Kurioserweise schien ihre Anwesenheit Snape zu stören, was ihr seine Motivation für die Entführung umso unerklärlicher erscheinen ließ.

Immer wieder stutzte er, wenn sein Blick zufällig auf sie fiel, als habe er vergessen, dass sie anwesend war.

Er bedrohte sie nicht, sondern ging ihr sogar aus dem Weg wo er konnte- doch die Möglichkeiten in diesem Haus waren begrenzt. Er konnte ihr nicht wirklich ausweichen.

Offensichtlich arbeitete er an irgendetwas, machte Versuche und Notizen, doch es blieb ihr völlig unklar was er tat, und sie fragte auch nicht danach.

Vorerst beschränkte sie sich darauf, zu beobachten, um vielleicht einen Hinweis zu erhalten, wie sie ihn überlisten konnte.

Das war sicher nicht der heldenhafteste Plan, aber es war der einzige, der ihr im Moment praktikabel erschien.

„Nehmen Sie sich ein Buch und hören Sie auf, mich so anzustarren", schnauzte er, als er ihrem Blick zum wiederholten Male begegnet war.

„Und woher soll ich das Buch nehmen?", fauchte sie zurück und wies auf die vielen leeren Regale im Raum. „ Ich hatte leider keine Zeit mehr, um mir welche einzupacken, bevor Sie mich betäubt und entführt haben!"

Er schien sich gewaltsam eine Bemerkung zu verbeißen, sie konnte sehen, dass er die Zähne fest aufeinander presste und die Adern an seinem Hals deutlich hervortraten.

„Meine Bücher sind da drin", knurrte er schließlich und wies auf einen Stapel Kisten. „Nehmen Sie sich meinetwegen eines von denen, aber geben Sie endlich Ruhe! Und wagen Sie es ja nicht, mir Eselsohren oder ähnliches hineinzumachen"

Für diesen Zusatz warf sie ihm nur einen verächtlichen Blick zu, ging aber auf den Kistenstapel zu, öffnete den obersten hölzernen Behälter und begann, ein paar Bücher herauszunehmen.

„Ein Buch, habe ich gesagt!", zischte er, als sie einige der Bücher neben sich auf den Boden gelegt hatte.

„Ich werde sicher nicht ‚Tausend Zauberpilze' lesen. Etwas Spannenderes hätte ich dann doch gerne, um mich von meinem tragischen Schicksal abzulenken", brummte sie trotzig.

Sie konnte sehen, dass er wieder eine Bemerkung unterdrückte, um keine Diskussion mit ihr anfangen zu müssen.

„Natürlich", sagte er dann mit schlecht verborgenem Widerwillen. „Durchwühlen Sie ruhig meine privaten Literaturbestände"

„Danke, das werde ich mit Vergnügen tun", gab sie ungerührt zurück und widmete sich wieder den Kisten und den darin enthaltenen Büchern.

Wären die Umstände anders gewesen, hätte sie sich wie an Weihnachten gefühlt. Sie entdeckte Bücher, nach denen sie zum Teil schon lange gesucht hatte. Natürlich waren da Bücher zum Thema Trankbraukunst, aber diese Kiste suchte sie nur hastig durch. Es hatte nie zu ihren Lieblingsfächern gehört. Die anderen hingegen bargen wahre Schätze und sie konnte nicht anders, als sich darin zu vertiefen. Da waren Bücher über schwarze Magie, die sie zum Teil aus der verbotenen Abteilung der Hogwarts- Bibliothek kannte, Bücher über Kräuterkunde, über Verteidigung gegen die dunklen Künste- beinahe zu jedem Fach, das in Hogwarts unterrichtet wurde, besaß er eine recht umfangreiche Auswahl an Lesematerial. Sie blätterte viele der Bücher nach einem Hinweis auf einen Thanatos- Fluch durch, konnte jedoch nichts finden, was dem auch nur nahegekommen wäre.

Erst in der letzen Kiste wurde sie fündig, wenn auch nicht in der Form, die sie sich gewünscht hätte. Es gab keine Aufzeichnungen über einen Fluch mit dem Namen Thanatos, doch in einem Buch über griechische Mythologie, das sie staunend hervorzog, wurde Thanatos erwähnt.

Er war der Gott des Todes und der Bruder des Schlafs.

Eine Abbildung war vorhanden. Ein schöner Jüngling mit finsterem Blick, großen schwarzen Flügeln und einer erloschenen Fackel. Der Sohn der Nacht und der Finsternis.

Sie bemerkte, dass Snape sie musterte, während sie in dem dicken Buch las, doch sie sah nicht zu ihm auf, und er widmete sich wieder seiner Arbeit.

Aus den Augenwinkeln jedoch erkannte sie, dass er das Messer, das sie geschickt bekommen hatte, mit Handschuhen vorsichtig aus einer Schale nahm, in der es in einer durchsichtigen Flüssigkeit eingelegt gewesen war.

„Sie haben es mitgenommen!", rief sie aus, unfähig bei dem Anblick der Waffe in seiner Hand ein leichtes Schaudern zu unterdrücken.

Er platzierte den Dolch in einer anderen Schale, die ebenfalls mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war und wandte sich dann langsam zu ihr um.

„Natürlich habe ich es mitgenommen", versetzte er mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Wie sonst sollte ich die Bestandteile des Giftes ermitteln, um dann ein Gegenmittel entwickeln zu können?"

Unfähig den Blick von der glänzenden Klinge zu lösen, verfolgte sie, wie er die Schale auf ein Gestell setzte, unter dem er ein kleines Feuer entfachte.

„Ich dachte, Sie kennen den Fluch..."

Er lachte leise auf eine Art, die bewirkte, dass ihre Nackenhaare sich aufstellten.

„Dass ich den Fluch kenne, bedeutet leider nicht, dass mir seine Zusammensetzung bekannt ist. Ich muss erst sämtliche Bestandteile benennen können, bevor ich ein Gegenmittel erstellen kann", antwortete er mit hochgezogenen Augenbrauen.

Gewaltsam löste sie ihren Blick, von der nun leise siedenden Flüssigkeit, und biss sich auf die Lippen.

„Wie lange soll das Ganze denn dauern?" Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen gleichgültigen Klang zu verleihen, doch sie konnte ein kleines Beben darin nicht verhindern.

„Ich weiß es nicht", sagte er schlicht. „Aber keinesfalls länger als einen Mondzyklus würde ich sagen. Entweder habe ich es bis dahin geschafft, das Gift zu entschlüsseln und ein Gegenmittel zu entwickeln, oder..."

Er beendete den Satz nicht, doch Hermine wusste, was er damit sagen wollte. Sie hatte seinen unheilschwangeren Ton noch genau im Ohr, mit dem er ihr verkündet hatte, der Fluch würde nach Ablauf eines Mondzyklus unumkehrbar sein und sie sicher in den Tod treiben.

Genervt rollte sie mit den Augen.

„Hören Sie schon auf mit Ihren Schauermärchen, Snape", brummte sie unwillig und wandte sich dem Buch wieder zu. Zufrieden bemerkte sie, wie er unter ihrer respektlosen Anrede zusammenzuckte.

Geschah ihm Recht.

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tbc

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