Zufrieden bemerkte sie, wie er unter ihrer respektlosen Anrede zusammenzuckte.

Geschah ihm Recht.

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VIER

Als sie erwachte wusste sie beinahe sofort wo sie war.

Es war noch sehr dunkel draußen und die Stille im Haus ließ sie vermuten, dass es mitten in der Nacht war.

Langsam setzte sie sich auf und sah sich um. Sie wusste nicht, wie sie hierher gekommen war. Das Letzte, an das sie sich erinnern konnte war, dass sie sich in Snapes Bücher vertieft hatte. Sie hatte einfach nicht widerstehen können. Und jetzt lag sie auf einem Bett, vollständig bekleidet, wie sie mit nicht geringer Erleichterung feststellte. Er musste sie hierher getragen haben.

Verflucht! Sie hatte warten wollen, bis Snape ins Bett ging, um sich noch einmal in Ruhe in seinem Haus umsehen zu können, doch wie schon gestern kam ihr anscheinend jedes Mal ein übergroßes Schlafbedürfnis in die Quere. Das war doch lächerlich! Sollte sie sich hier tatsächlich von diesem Mann festhalten lassen?

Stöhnend fuhr sie sich durch die Haare und hielt in der Bewegung inne. Da stimmte etwas nicht. Ruckartig hielt sie sich ihre Handgelenke vor das Gesicht, um in dem schwachen Licht des Mondes, der durch das Fenster schien, besser sehen zu können.

Sie waren verbunden. Mit zitternden Fingern zerrte Hermine ungeduldig an dem Verbandsstoff und starrte entsetzt auf die blutverkrusteten Schnitte, die sich deutlich auf ihren Unterarmen abzeichneten.

Das ging zu weit!

Sie hatte angenommen, es handele sich um eine relativ harmlose Spinnerei. Snape hatte durch seine selbstgewählte Einsamkeit oder durch die Verletzung Naginis oder aus sonst irgendeinem Grund den Verstand verloren und meinte, sich so Gesellschaft verschaffen zu müssen. Sie hatte sich nicht direkt bedroht gefühlt und seine Monologe an sich vorüber rauschen lassen, ohne ihnen Beachtung zu schenken. Früher oder später hätte sie einen Fehler von ihm nutzen können, um hier raus zu kommen.

Doch das durfte nicht sein! Sie würde nicht zulassen, dass er sie verletzte!

Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett und versuchte, wie schon am vorherigen Abend, die Fenster zu öffnen, doch es gelang ihr nicht. So sehr sie sich auch bemühte, es war ihr einfach unmöglich, den Griff des Fensters zu bewegen. Sie konnte ihn umfassen, doch dann versagte ihre Hand ihr den Dienst.

Wutentbrannt nahm sie sich einen Stuhl und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen das Fenster.

Mit lautem Poltern fiel der Stuhl zu Boden, ohne der Scheibe den geringsten Schaden zugefügt zu haben. Hermine hätte beinahe laut aufgeheult vor Frustration.

„Was zur Hölle soll das?"

Snape stand in der Tür und seine Augen funkelten zornig. Seine Stimme hingegen war eiskalt.

Sie fuhr herum und überlegte nur eine Sekunde lang. Dann stieß sie ihn beiseite und rannte in den Flur. Sein Schlafzimmer! Dort war der Bann sicher nicht wirksam.

Ohne vorher zu versuchen, das Fenster zu öffnen, griff sie gleich nach einem Stuhl, schleuderte ihn so fest es ging gegen das Glas und musste entsetzt zusehen, wie er auch dort nutzlos von der Scheibe abprallte.

Im nächsten Moment fühlte sie sich grob an der Schulter gepackt.

„Hören Sie sofort auf, meine Einrichtung zu zerstören!", zischte seine Stimme an ihrem Ohr.

Für einen kurzen Moment schloss Hermine die Augen.

Er war auch nur ein Mann...

Sie ballte ihre Fäuste und rammte ihm dann ihren Ellenbogen kraftvoll dorthin, wo sie hoffte, ihm wirklich weh zu tun.

Snape sank stöhnend zusammen und sie nutzte den Augenblick, in dem er sie losließ, um aus dem Zimmer zu laufen.

Im Wohnraum blieb sie einen Augenblick lang stehen und blickte sich panisch um.

Was sollte sie tun? Wie konnte sie ihm entkommen? Die Türen würden ihr genauso verwehrt sein wie die Fenster. Sie hörte Snape leise ächzen und dann seine Schritte, die sich näherten. Verzweifelt suchte sie Deckung hinter seinem Labortisch.

Er war weiß vor Zorn und seine Augen glühten.

„Lassen Sie mich hier raus oder ich zerstöre sämtliche Ampullen!", schrie sie schrill.

Sie konnte sehen, dass seine Hände sich zu Fäusten ballten und er sie immer wieder öffnete und schloss.

„Hören Sie mir zu...", begann er mit schrecklich ruhiger Stimme, in der deutlich der mühsam unterdrückte Zorn mitschwang.

„Gar nichts werde ich!", rief sie, griff nach einer kleinen Phiole, die auf dem Tisch stand und warf sie an die Wand, wo sie klirrend zerbrach.

Ruckartig wandte er sich um, blickte lange auf den feuchten Fleck an der Wand und die Splitter auf dem Boden, bevor er begann, erneut zu sprechen.

„Ich will Ihnen nur helfen..."

„Indem Sie mir die Handgelenke aufritzen?" Ihre Stimme überschlug sich fast. „Sie sind verrückt! Lassen Sie mich sofort gehen!"

Mit einer Handbewegung fegte sie den Tisch leer, so weit sie reichen konnte.

Fluchend versuchte Snape, einige Dinge aufzufangen, doch es war zu spät- alles ging zu Bruch.

Die Ader an seinem Hals pochte fürchterlich und die Hände öffneten und schlossen sich in schnellerem Rhythmus.

„Hören Sie auf, verdammt!", donnerte er los. „Sie haben sich diese Schnitte selbst zugefügt, und ich kann es Ihnen beweisen"

Sie zögerte nur eine Sekunde, sofort sprach er in ruhigerem Ton weiter.

„Lassen Sie mich Ihnen zeigen, was heute Abend hier geschehen ist. Sie können sich nicht mehr daran erinnern, nicht wahr? Ich kann es Ihnen zeigen. Ich zeige Ihnen meine Erinnerung an diesen Abend in einem Denkarium"

In seinem Blick lag etwas Beschwörendes und Hermine blinzelte, um nicht das Opfer irgendeiner Einflüsterung zu werden.

Er macht einen Schritt auf sie zu, doch sie griff nach der nächsten Phiole aus dem Regal hinter sich.

„Sie bleiben genau da stehen, Snape", fauchte sie. „Zuerst nehmen Sie den Bann von der Haustür- dann werden wir weitersehen"

Mit einem tiefen Seufzen nahm er seinen Zauberstab und murmelte einen Spruch in Richtung Haustür.

„Es könnte Ihnen einen kleinen Hinweis geben, dass ich Sie nicht einfach mit einem Fluch handlungsunfähig gemacht habe, Sie dummes Kind!", knurrte er. „Ich will Ihnen nicht schaden. Seien Sie endlich vernünftig und lassen Sie mich an das Regal. Die Schale steht dort oben"

Er wies auf das oberste Regalbrett, auf dem eine kleine weiße Schale stand.

Zögernd trat Hermine zurück. Einen Schritt nach dem anderen näherte sie sich der Haustür, Snape nicht aus den Augen lassend. Sie versuchte fieberhaft, sich an den letzten Abend zu erinnern, aber es stimmte, was er gesagt hatte: sie wusste nichts mehr davon. Da war nur eine vage Ahnung von Farblosigkeit und dieses Gewisper... nicht mehr. Wie schon an dem Abend zuvor, schienen ihr einige Stunden zu fehlen.

Schritt für Schritt rückte sie auf die Tür zu. Sie griff nach dem Knauf- und diesmal öffnete sie sich mit einem leisen Klicken. Hermine ließ sie aufschwingen und sog tief die kühle Nachtluft ein.

„Meinen Zauberstab!", forderte sie.

Wieder kam von Snape dieses leise, ungute Lachen.

„Sie müssen mich wirklich für ziemlich beschränkt halten", gab er mit geringschätzig herabgezogenen Lippen zurück. „Sie werden ihn bekommen, wenn Sie sich das hier angesehen haben"

Er legte die Spitze seines Zauberstabs an seine Schläfe und zog einen Faden des silbrig wirbelnden Gases heraus, den er in die Schale auf dem Labortisch legte und mit dem Zauberstab anstupste.

Zögernd trat er mit einem auffordernden Blick zurück und Hermine näherte sich daraufhin misstrauisch. Er hatte Recht. Mit seinem Zauberstab hätte er sie schon längst handlungsunfähig machen können, und sie brauchte erst ihren eigenen Stab zurück, bevor sie von hier verschwinden konnte.

Sie würde sich ansehen, was immer er ihr zeigen wollte, doch sie würde es nahe einer Fluchtmöglichkeit tun.

Vorsichtig nahm sie die Schale und trug sie zu der noch immer geöffneten Tür. Nach einem letzen Blick auf Snape, der scheinbar gelassen an der gegenüberliegenden Wand lehnte, beugte sie sich über die Schale, darauf bedacht, nur die Oberfläche zu betrachten und nicht hineinzufallen.

Zunächst sah sie nur undeutliche Wirbel, erst nach einiger Zeit begannen sich Konturen zu formen. Sie erkannte den Wohnraum, in dem sie jetzt stand und sie erkannte… sich selbst. Sie saß auf dem Boden neben den Kisten mit Büchern. Daran erinnerte sie sich. Sie hatte Snapes Bücher durchgesehen, auf der Suche nach etwas, das ihr Erklärungen liefern würde- oder das sie wenigstens ablenkte von ihrer scheinbar ausweglosen Situation.

Es war merkwürdig fremd, sich so sehen. Nicht wie in einem Spiegel, eher wie durch eine Videokamera, die ihr Vater eines Tages mal angeschleppt hatte. Sie sah sich selbst, wie sie ihre Nase tief in das Buch steckte und gedankenverloren an einer Haarsträhne zupfte, die ihr in die Stirn gefallen war.

Rasch wandte sie ihren Blick von sich selbst ab und beobachtete Snape, der mit flinken Bewegungen an seinem Labortisch zu arbeiten schien.

Sie erkannte das Messer wieder, das in ihrem Päckchen gewesen war. Snape hatte es in einer Schale mit Wasser oder einer anderen durchsichtigen Flüssigkeit eingelegt, nahm es jetzt mit einer großen Pinzette heraus und legte es in eine Holzkiste, die er sorgfältig verschloss. Dann goss er die Flüssigkeit aus der Schale in ein Fläschchen um, verkorkte und beschriftete es und stellte es beiseite, bevor er an das Waschbecken trat, um die Schale auszuwaschen. Sie erkannte das Fläschchen. Es war das, welches jetzt zerschmettert auf dem Boden lag.

Dann sah sie sich wieder selbst.

Sie hatte eine merkwürdig starre Haltung eingenommen und schien auf etwas zu lauschen.

„Miss Granger?", hörte sie den Snape im Denkarium vom Waschbecken her sagen, doch sie schien ihn nicht wahrzunehmen, denn sie zeigte keine Reaktion. Hermine sah sich aufstehen und mit unsicheren Schritten auf die Tür zugehen. Nachdem sie erfolglos an dem Griff gerüttelt hatte, wandte sie sich wieder ab und ließ einen leeren Blick durch den Raum schweifen. Snape näherte sich ihr unterdessen vorsichtig und mit wachsamem Blick. Er hatte jedoch keine Chance, sie daran zu hindern, sich eine Ampulle aus dem Regal zu schnappen, sie zu zerbrechen und sich mit der Scherbe Schnitte zuzufügen.

Schaudernd beobachtete Hermine diese Szene in der kleinen Schale. Sie sah, dass Snape fluchend auf ihr vergangenes Ich zusprang, ihm die Scherbe entwand und es dann mit beiden Armen umschlungen hielt, um zu verhindern, dass es zu weiteren Verletzungen kam.

Es fiel ihm nicht leicht, denn die Frau in seinen Armen, die Hermine nur mühsam als sich selbst erkannte, schrie und wehrte sich und an seinem schmerzverzerrten Gesicht konnte sie erkennen, dass sie ihn heute mit ihrem Ellenbogen nicht zum ersten Mal verletzt hatte.

Nach einigen Minuten sank die Tobende schließlich schlaff in sich zusammen. Snape legte sie auf dem Sofa ab und kontrollierte mit gerunzelter Stirn die Schnittwunden der Bewusstlosen. Er holte eine Salbe, strich sie darauf, verband sie und ging dann zum Tisch, um sich Notizen zu machen.

Hermine löste ihren Blick von den Bildern aus der Schale. Sie wollte nichts mehr sehen.

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tbc

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