Sie wollte nichts mehr sehen.

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FÜNF

Als sie ihren Blick wieder vom Denkarium abwandte, hatte sie sich verändert. Ganz still war sie. Eine erfreuliche Abwechslung zu ihrem Verhalten in den letzten beiden Tagen.

Lange stand sie vollkommen regungslos da und schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Er wusste, dass sie versuchte, zu fassen, was sie im Denkarium beobachtet hatte. Sie begann zu begreifen, dass er ihr die Wahrheit gesagt hatte. Nun, zum größten Teil zumindest....

Ihre Hände sanken langsam herab und er fürchtete, sie könnte das Denkarium fallen lassen, also trat er hinzu und nahm es ihr ab.

Sie blickte verwundert auf, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

Dass sie die Dinge jetzt in einem klareren Licht sah, würde ihm helfen, mit ihr umzugehen, aber für sie musste es eine schreckliche Erfahrung sein.

Vielleicht wäre es besser gewesen, sie in dem Zustand gnädiger Unwissenheit zu belassen? Sie hätte ihn dann in Ruhe hassen können, für das, was sie vermutete, was er ihr antat.

Ihm lag nichts daran, was sie über ihn dachte. Die Meinung anderer war ihm schon lange gleichgültig geworden.

Es war ihm nicht möglich gewesen, Leute für sich zu gewinnen- und er hatte es schnell aufgegeben. Wenn er für seine Arbeit geachtet wurde, tat ihm das wohl, aber er hatte erkannt, dass es töricht war, sich mehr zu erhoffen. Sein Leben war nicht dazu bestimmt gewesen, Freunde zu haben.

Er griff nach der Tür. „Ich werde sie jetzt schließen, es ist kalt draußen. Sie bleiben?", fragte er knapp.

Sie nickte langsam und schien sich noch nicht zu trauen, etwas zu sagen, doch er machte sich keine Hoffnung, dass dieser Zustand lange anhalten würde.

„Gehen Sie jetzt zu Bett, wir sprechen uns morgen"

Erstaunlich fügsam war sie geworden, die junge Frau, die vor wenigen Augenblicken noch sein Eigentum verwüstet hatte. Ohne ihn noch einmal anzusehen ging sie in das Zimmer, dass er ihr angewiesen hatte und überließ es ihm, das Chaos zu beseitigen, das sie angerichtet hatte.

Seufzend hob er den Zauberstab und murmelte ein paar Sprüche, die alles wieder richten würden.

Alles bis auf die Zutaten, die sie unwiederbringlich ruiniert hatte. Das würde ihn einen ganzen Tag kosten. Verflucht! Am liebsten hätte er selbst noch etwas an die Wand geworfen, um seinem Ärger Ausdruck zu verleihen, doch sie war gründlich genug gewesen, und er hatte ausreichend damit zu tun, die Spuren ihres Zorns zu eliminieren.

Er hatte das alles nicht gewollt, ganz sicher nicht... doch er hatte keine Wahl gehabt.

Bei einem seiner seltenen Besuche in der Winkelgasse hatte er sie gesehen. Sie war aus dem Postamt gekommen, und er war ihr gefolgt ohne lange darüber nachzudenken. Vielleicht war da ein ungutes Gefühl gewesen, vielleicht wollte ihm das auch nur im Nachhinein so erscheinen. Er würde niemals erfahren, ob er tatsächlich mit ihr gesprochen hätte, wenn er nicht den dumpfen Aufprall ihres Körpers durch die Wohnungstür, vor der er stand, gehört hätte.

Es war dieses verfluchte Band gewesen, das ihn dorthin geführt hatte, diese Verbindung, die entstand, wenn ein Zauberer einem anderen das Leben rettete. Es hatte ihn nicht in Ruhe gelassen, dass er in ihrer Schuld stand- und Ruhe war das, wonach er sich am meisten sehnte. Er brauchte diese Ruhe, um sein Projekt zu vollenden, sein größtes Werk als Meister der Zaubertränke.

Doch dieses Projekt würde warten müssen, bis er Hermine Granger das Leben gerettet hatte, und so langsam begann er zu befürchten, dass das nicht so einfach ablaufen würde, wie er gedacht hatte.

Wenn er nur eine Minute länger nachgedacht, wenn er auch nur ansatzweise vorausgesehen hätte, wie anstrengend es für ihn sein würde, sie hier zu haben- er hätte wahrscheinlich auf der Stelle kehrtgemacht, magisches Band hin, magisches Band her.

Doch jetzt hatte er sie am Hals- und die überaus komplizierte Aufgabe, ein Gegenmittel für einen Trank zu entwickeln, dessen Zusammensetzung er nicht kannte. Von den Zaubern, die hineingewoben waren und die es zusätzlich noch zu brechen galt, gar nicht zu sprechen.

Er hatte Naginis Angriff überlebt und sich seitdem mehr als einmal gefragt: Warum?

Warum hatte er nicht einfach sterben können, nachdem seine Aufgabe erledigt war? Das hier wäre ihm erspart geblieben und so vieles andere mehr.

Die Heiler hatten ihn wissen lassen, dass er sein Überleben einer gewissen Miss Granger verdankte, die mit ihm aus der heulenden Hütte direkt ins Hospital appariert war und die ihnen geraten hatte, den Patienten mit dem gleichen Gegengift zu behandeln, dass Arthur Weasley damals geholfen hatte.

Miss Granger hatte er es also zu verdanken, dass er zurückgekehrt war in einen geschwächten Körper, der Monate gebraucht hatte, sich wieder zu regenerieren.

Er hatte das junge Mädchen dafür gehasst. Diesen Hass hatte er festgehalten, bis er von einer sonderbaren Gleichgültigkeit ersetzt wurde, während die magische Welt draußen vor den Toren des Hospitals in einen Freudentaumel über die Befreiung von Voldemort gefallen war.

Er hatte keinen Anteil an dieser Begeisterung gehabt. Stumm hatte er den Jubel über sich ergehen lassen. Die Besuche von Minerva McGonagall, die gemeint hatte, eine Entschuldigung loswerden zu müssen. Die Rede von Kingsley Shaklebolt, der ihm als Zaubereiminister großzügig zugesagt hatte, dass keines seiner Verbrechen geahndet würde.

Albus hatte Aufzeichnungen hinterlassen, in denen er ihn, Severus, vollkommen entlastete und die das Ministerium in dem Augenblick erhalten hatte, als Voldemort starb.

Erst als die Heiler nach seiner körperlichen Genesung damit beginnen wollten, die vermeintliche Sprachstörung zu heilen, hatte er gesprochen.

„Ich gehe jetzt!", hatte er gesagt. Und er hatte es getan.

Er war gegangen. Weg aus dem St. Mungos. Weg aus London.

Ein einsames kleines Cottage an der Küste war sein Refugium geworden. Niemand kannte seine Adresse und so sollte es auch bleiben.

Dieser kleine Zwischenfall mit Miss Granger würde nichts an seinen eigentlichen Plänen ändern. Er bedeutete lediglich einen Aufschub, nichts weiter. Er würde sich von seiner Schuld befreien und sie konnte dann ihrer Wege gehen, wo immer sie sie auch hinführen mochten.

Mit leisem Bedauern räumte er die Scherben der Phiole weg, die zu Bruch gegangen war.

Er würde morgen früh wieder von vorne anfangen müssen...

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Sie wusste nicht, was sie fühlen sollte. Erst war da nur Taubheit. Sie stolperte in ihr Zimmer zurück und legte sich auf das Bett, von dem sie vor etwa einer halben Stunde erst aufgesprungen war. Eine halbe Stunde! Alles hatte sich in dieser halben Stunde verändert und nichts würde mehr so sein, wie es vorher gewesen war.

Die erschütternde Erkenntnis, dass Snape die Wahrheit gesagt hatte, ließ sie nicht zur Ruhe kommen und nach einer unruhigen Nacht ohne Schlaf kam die Hilflosigkeit. Niemals hatte Hermine sich so ohnmächtig gefühlt wie jetzt, da sie ihrem eigenen Körper wehrlos ausgeliefert war, der sterben wollte, während ihr Geist danach schrie, weiterleben zu dürfen.

Am nächsten Morgen stand sie auf, ohne zu wissen, wofür das gut sein sollte.

Die Tatsache, dass sie ihr Leben in die Hände eines Mannes legen musste, dem sie kaum vertrauen wollte, machte sie beinahe wahnsinnig. Snape sprach sie nicht an; er beobachtete sie lediglich wachsam und sah weg, wenn ihre Blicke sich begegneten.

Es war ihr nicht möglich, sich mit irgendetwas zu beschäftigen oder abzulenken. Unweigerlich stellten sich die immer wieder gleichen Gedanken ein. Warum sie? Womit hatte gerade sie so etwas verdient? Wer wollte ihr so etwas Schreckliches antun?

Zum ersten Mal in ihrem Leben hasste sie inbrünstig. Sie hasste den Menschen, der ihr das angetan hatte mit einer Leidenschaft, die ihr selbst unheimlich war. Sie verbrachte Stunden damit, sich auszumalen, was sie ihm antun würde, wenn sie ihn in ihre Hände bekommen könnte. Keine Strafe erschien ihr grausam genug, um ihn büßen zu lassen für das, was sie empfand. Und immer wieder kam ihr der bittere Gedanke, dass sie wahrscheinlich gar keine Zeit haben würde, um den Übeltäter zu suchen, weil sie nämlich vorher schon elendig zugrunde gehen würde an diesem verdammten Fluch.

Wer konnte sich so etwas ausdenken? Welches kranke Hirn kam auf den Gedanken, einen so perfiden Fluch zu entwickeln?

In manchen Momenten war sie bereit, Snape zu glauben. Seine Darstellung der Ereignisse ergab einen Sinn und sie konnte keinen Grund erkennen, warum er sie hier festhalten sollte, wenn nicht aus der Verpflichtung heraus, ihr die Rettung seines Lebens zu vergelten. Sie hatte erlebt, wie stark diese Verpflichtung sein konnte- Wurmschwanz hatte es bewiesen.

Es wäre ihr nie eigefallen, etwas dafür zu fordern, dass sie ihn ins Hospital gebracht hatte, doch schien es, als würde diese Tat sich jetzt auszahlen.

Dann wieder zweifelte sie an der Richtigkeit des Szenarios, das Snape entworfen hatte. Konnte der Fluch nicht seine Wirksamkeit verloren haben? Vielleicht würden die Anfälle von selbst aufhören, wenn sie nur ein wenig Geduld hätte. Vielleicht war die Endgültigkeit gar nicht zwangsläufig? Doch jedesmal, wenn sie Snape auf diese Möglichkeiten ansprach, schüttelte er nur stumm den Kopf.

Sie sehnte sich nach ihrer Familie und ihren Freunden. Es war sicher besser, dass sie von all dem nichts mitbekamen. Sie wären außer sich vor Sorgen und könnten doch nichts tun, aber Hermine wollte sie trotzdem bei sich haben, nur um sich nicht so allein zu fühlen. Wenn sie jetzt nicht eigennützig handeln durfte, wenn ihr Leben auf dem Spiel stand, wann dann?

Doch dann wieder war sie froh, dass keiner ihrer Lieben um sie war. Sie wusste, dass sie sie dafür gehasst hätte, dass sie unbehelligt durchs Leben gehen konnten, während sie selbst für jeden Tag dankbar sein musste.

So war es nur Snape, der um sie war, und ihn konnte sie hassen, ohne sich schuldig fühlen zu müssen.

Die Tage vergingen und ein unseliger Rhythmus spielte sich ein. Sie verbrachte Stunden in fieberhafter Unruhe, die sich mit Phasen absoluter Lethargie abwechselten, in denen sie bloß aus dem Fenster starrte und die Welt dort draußen verfluchte, die sich weiterdrehte, während sie hier eingeschlossen war und auf den nächsten Anfall wartete.

Sie war gefangen, in diesem Haus und in ihrem Körper. Manchmal glitt ihr Blick wie suchend umher, als würde sich wunderbarerweise irgendwo ein Ausgang auftun, aber da war nur Dunkel und hinter ihm lauerte die grässliche Fratze des Todes auf sie. Es war ihr, als könnte sie die Finsternis spüren, die zielsicher auf sie zu kroch. Sie legte sich schwer auf ihre Brust und presste langsam allen Atem aus ihr heraus. Sie konnte sie verscheuchen, wenn auch nur kurz, indem sie zornig wurde. Es half ihr, wenn sie wütete, wenn sie schrie, wenn sie Dinge durch die Gegend warf, weil sie dann fühlte, dass sie einen Körper besaß, dass er sich noch nicht aufgelöst hatte in der drohenden Schwärze. Es war das hilflose Toben eines Kindes, das sich mit den Tatsachen nicht abfinden will und doch wollte ein Teil von ihr diesen Zorn nicht missen. Es war besser ihn zu verspüren als gar nichts. Solange sie wütend war wusste sie wenigstens noch, dass sie lebte.

Snape ertrug ihre Ausbrüche in diesen Tagen mit einer stoischen Gelassenheit, die sie nur noch mehr erbitterte. Sie wünschte sich, er würde sie anschreien, sie festhalten, irgendetwas tun, damit sie fühlen würde, dass sie noch ein menschliches Wesen war, doch seine Ignoranz ließ sie daran zweifeln. Sie würde langsam zu einem Schatten werden, schleichend, bis sie nur noch eine Erinnerung war.

Auf das Toben folgte unweigerlich eine tiefe Verzweiflung, in der sie sich genau das wünschte. Sich einfach auflösen zu können, um den Schmerz, der in ihrem Inneren tobte, nicht mehr ertragen zu müssen. Das waren die Momente, in denen sie die abendlichen Anfälle geradezu herbeisehnte. Sie spürte meist, wie der schwarze Schleier sich auf sie herabsenkte, wie Thanatos seine Fackel löschte und ihr das Licht nahm, in dem sie alles klar erkennen musste. Sie hörte auf, sich dagegen zu wehren, sondern begrüßte ihn wie einen lang ersehnten Freund, der ihr wenigstens einige Augenblicke der qualvollen Bewusstheit nehmen und ihr gnädige Ohnmacht schenken würde.

Die Arbeit am Gegenmittel ging scheinbar nur langsam voran. Snape erklärte ihr, was er tat, doch sie konnte ihm nicht zuhören.

Zu verstehen, wie er vorging, würde die Erkenntnis, dass ihr Leben bedroht war auf eine Verstandesebene befördern. Es war ihr schon zu viel, das Gefühl aushalten zu müssen, dass sie möglicherweise sterben würde. Sie war noch nicht bereit, es auch zu begreifen.

Er hörte irgendwann auf, ihr von seinen Verrichtungen zu erzählen, doch er arbeitete beharrlich weiter und schien kaum einmal zu sitzen oder zu essen. Meist stand er hinter seinem Labortisch und hantierte mit den verschiedensten Zutaten. Sie konnte ihn hören, wenn sie nachts aufwachte, ohne eine Erinnerung daran, wie sie ins Bett gelangt war. Doch wenn es nicht reichte? Wenn all seine Mühe vergebens war?

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tbc

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A/N: Ich möchte meinen Lesern an dieser Stelle ganz herzlich für die Reviews danken!

Dieses Kapitel ist zwar relativ „actionfrei", aber Snape kommt zum ersten Mal zu Wort- und außerdem war es mir wichtig, Hermines Gedankenwelt in dieser erschreckenden Situation darzustellen. Ich hoffe, das ist mir gelungen. ;0)

Tamsyn

9