Doch wenn es nicht reichte? Wenn all seine Mühe vergebens war?
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SECHS
Er konnte sehen, dass die Untätigkeit, zu der sie verdammt war, ihr nicht gut tat.
Sie schien vor seinen Augen zu zerfallen. Sie wurde blasser und dünner und schwankte zwischen Teilnahmslosigkeit und starker innerer Unruhe.
Die meiste Zeit verbrachte sie auf seinem Sofa, ein Buch auf dem Schoß. Doch es war kein konzentriertes oder gar genussvolles Lesen; fahrig durchwühlte sie die Seiten der Bücher und legte eines nach dem anderen beiseite, bis er den Eindruck gewann, dass es eher eine mechanische Beschäftigung als eine wirkliche Lektüre war.
Stattdessen starrte sie abwechselnd in den Kamin, in dem er auf ihren Wunsch hin ein Feuer entfacht hatte, oder aus dem Fenster.
Dann wieder verzog ihr Gesicht sich zornig und sie ballte die Hände zu Fäusten, bis die Nägel sich tief in das weiche Fleisch ihrer Handflächen bohren mussten.
Wenn sie nicht derart stumm gegen sich selbst wütete, schrie sie ihn an. Sie warf die Bücher, in denen sie las, an die Wand, trat gegen den Tisch und es war ihr deutlich anzusehen, dass sie verzweifelt nach einem Ventil für den unglaublichen Zorn suchte, der in ihr tobte.
Sie bezweifelte dann, dass er sich wirklich bemühte, ihr zu helfen, neidete ihm jeden Augenblick, den er damit verbrachte, eine Scheibe Brot zu essen; einmal hatte sie ihn sogar mitten in der Nacht geweckt und gefordert, er solle sofort weiterarbeiten.
Sie verfolgte wachsam jeden seiner Handgriffe, als wolle sie sicher gehen, dass er nichts vermasselte oder die nötige Sorgfalt missen ließ.
Er machte sich niemals die Mühe, auf ihre Vorwürfe zu reagieren. Er wartete einfach ab, bis sie fertig war und machte sich dann daran, die Dinge, die sie zerstört hatte, wieder zu richten, ohne ein Wort zu sagen. Es fiel ihm beileibe nicht leicht, diese Ignoranz aufrecht zu erhalten. Der Gedanke, dass es ihn keine zwei Minuten kosten würde, ihr den Hals umzudrehen, damit sie endlich Ruhe gab, war überaus verlockend- doch er gab ihm nicht nach. Noch nicht…
Meist brachte dieses gleichmütige Ignorieren sie wieder zu Sinnen und sie entschuldigte sich oder fing an, sich selbst mit Vorwürfen zu überschütten, weil sie dieses verfluchte Päckchen geöffnet hatte oder weil ihr Körper sich nicht ausreichend gegen den Fluch zur Wehr setzte.
Sie verdammte die Eule, die das Päckchen vor zwei Jahren nicht zugestellt hatte- in Hogwarts wäre ein solch gefährlicher Gegenstand wahrscheinlich niemals zu ihr gelangt...
Er empfand es als unsagbar anstrengend und ermüdend, ihr bei diesem Lamento zuzuhören.
Ihre Anfälle verliefen stets nach demselben Muster. Sie kamen immer am frühen Abend und diese Vorhersehbarkeit machte es ihm leichter, zu verhindern, dass sie erfolgreich war in ihren Bemühungen, sich das Leben zu nehmen. Das Messer würde ihre bevorzugte Waffe bleiben und so orientierte sie sich immer in Richtung Labor, wenn es soweit war. Er hatte es mit Bannen geschützt, so dass es ihr unmöglich sein würde, noch einmal etwas daraus zu zerstören, doch er musste trotzdem wachsam sein. Einmal versuchte sie, sich in die Standuhr zu stürzen, wohl in der Hoffnung, sich an dem zersplitternden Glas der Tür schneiden zu können. Am nächsten Abend begann sie damit, ihren Kopf wieder und wieder gegen eine Wand zu schlagen. Sie hatte eine große Beule an der Stirn davongetragen, bevor er zu ihr gelangt war und sie davon abhalten konnte. Er begann sich zu fragen, ob die Salbe, die er für solche Vorfälle vorrätig hatte, ausreichen würde, um all ihre Verletzungen zu heilen, die sie sich noch zufügen würde, bis er das Gegenmittel fertig hatte. Bedauerlicherweise konnte er ja keine Magie an ihr anwenden und so war er gezwungen, auf diese ganz und gar unmagische Salbe zurückzugreifen, die allein durch ihre pflanzlichen Bestandteile wirkte. Natürlich konnte er damit nicht die gleichen Erfolge erzielen wie mit Magie, doch für seine Zwecke würde es hoffentlich ausreichen. Solange er nur schnell genug war, um sie rechtzeitig aufzuhalten.
Manchmal schien ihr Zorn auf ihn überzugehen und es kostete ihn dann seine ganze Beherrschung, um sie nicht zu packen und anzubrüllen, sie solle endlich damit aufhören. Es hätte ja nichts genutzt- er wusste schließlich, dass sie das alles nicht freiwillig tat, und doch...
Es war wahrscheinlich ein Glück, dass sie im Anschluss an die Anfälle das Bewusstsein verlor und diese Bewusstlosigkeit dann irgendwann in Schlaf überging. So hatte er genug Zeit, um sich von ihrer überaus anstrengenden Anwesenheit zu erholen, bevor sie am nächsten Morgen wieder im Türrahmen stand und einen prüfenden Blick über seine Arbeit schweifen ließ. Nicht, dass sie sie hätte beurteilen können. Er hatte ihr erklärt, was er tat, doch er hatte kaum Hoffnung, dass irgendetwas davon sie wirklich erreicht hatte.
Dabei tat er wirklich sein Bestes. Er hatte die Ergebnisse eines ganzen Tages verloren, als sie sein Labor zerstört hatte. Wieder hatte er das Messer einlegen und die Lösung reduzieren müssen, um daraus die Bestandteile analysieren zu können. Außerdem hatte es einen ganzen Tag lang gedauert, bis die Kymatographie fertig geworden war.
Das war nicht überraschend, denn das Muster des Trankbildes war überaus komplex. Es würde nicht leicht werden, doch er war zuversichtlich, dass es zu schaffen war. Es musste einfach gelingen!
Der erste Hinweis, den er durch die Kymatographie erhalten hatte, war der auf die verwendete Basis, und er macht sich sofort daran, die passende Grundlage für seine Versuche herzustellen.
Doch auch diese mussten reifen und so blieb ihm für ein paar Stunden nichts weiter zu tun, als abzuwarten.
Sein Blick glitt hinüber zu seiner Patientin, die wieder einmal mit einem Buch auf dem Sofa saß, in dem sie nicht las.
Er trat zu ihr und räusperte sich. Mit fragendem Blick sah sie zu ihm auf.
„Ich muss jetzt ein paar Stunden warten, bevor ich fortfahren kann. Die Basen müssen reifen..."
Er suchte nach Worten, die ihm helfen würden, sich nicht so hilflos zu fühlen. Er hatte keine Übung in so etwas...
„Ich werde jetzt ein wenig ans Meer gehen...", versuchte er es erneut.
Sie senkte ihren Blick wieder auf ihr Buch.
„Oh, wir sind am Meer. Wie interessant", murmelte sie verdrießlich. „Ich hatte schon gedacht, es wäre das melodische Rauschen einer Autobahn, das selbst durch die geschlossenen Fenster zu hören ist"
Er stöhnte innerlich auf und war kurz davor, sein Vorhaben aufzugeben.
„Wenn Sie mitkommen möchten?", presste er trotzdem zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Sie sind seit Tagen nicht aus dem Haus herausgekommen…"
Überrascht blickte sie erneut auf und als er das Aufleuchten in ihren Augen sah, ärgerte er sich darüber, dass er nicht schon viel eher auf diesen Gedanken gekommen war. Ein wenig Bewegung an frischer Luft würde ihr wahrscheinlich gut tun- und sie wäre danach vielleicht ein wenig umgänglicher.
Er selbst war, seit sie hier wohnte, immer wieder für kurze Besorgungen unterwegs gewesen, abends, wenn sie erschöpft von ihrem Anfall bewusstlos auf ihrem Bett lag. Es war unumgänglich gewesen, sie allein zu lassen, er hatte einige Zutaten auffüllen müssen.
Sie jedoch hatte das Haus seit beinahe einer Woche nicht verlassen- die Banne, die er darauf gelegt hatte, hatten es ihr unmöglich gemacht.
Er war sich nicht völlig sicher, ob er ihr vertrauen konnte, doch ohne Zauberstab waren ihre Möglichkeiten von hier zu entkommen gleich null.
„Wollen wir also?", fragte er.
Abrupt stand sie auf.
„Ja, wir wollen", antwortete sie und erstmalig, seit sie bei ihm war, entdeckte er so etwas wie ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht.
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Endlich sah sie das Cottage, in dem sie seit sechs Tagen gefangen war, von außen.
Es war ein unscheinbares, typisches kleines Häuschen, wie es deren unzählige in Großbritannien gab.
Es stand in einer einsamen Gegend und war scheinbar tatsächlich nicht weit von der Küste entfernt, denn bereits zehn Minuten, nachdem sie aufgebrochen waren, erreichten sie einen niedrigen Felsgürtel, über den sie kletterten und hinter dem sie einen kleinen Sandstrand betraten.
Der Strand war ebenso menschenleer wie die Gegend, durch die sie gewandert waren.
Der Wind blies ihnen stürmisch entgegen und Hermine wickelte die Jacke fester um sich. Sie fühlte sich fremd an. Snape hatte sie ihr leihen müssen, als sie gemerkt hatte, dass ihr Koffer keine enthielt. Sie war schwarz und aus einem festen Tweed- Stoff, der sie am Hals kitzelte, aber sie hielt den Wind ab und sie warm.
Der Himmel war bedeckt und das Meer grau und unruhig. Tief atmete sie die salzige Luft ein, die ihr entgegen blies.
Es war, als puste der Wind, der an ihren Haaren zerrte, auch die düsteren Gedanken aus ihrem Kopf, zumindest den Zorn, dem sie sich so hilflos ausgeliefert gefühlt hatte.
Natürlich entbehrten die Vorwürfe, die sie Snape gemacht hatte, jeglicher Grundlage, aber in diesen Momenten hatte es sich gut und richtig angefühlt, ihn anzuschreien. Schlimmer war die Wut gegen sich selbst zu ertragen gewesen, ihr Hass auf ihren schwachen Körper, der sich gegen sie wandte.
Die Anfälle waren noch immer nicht mehr als nebelhafte Erinnerungen an Grauen und Hoffnungslosigkeit, und sie war dankbar, dass Snape sich darüber ausschwieg, was genau in diesen Phasen passierte, in denen sie nicht sie selbst war. Er schien es jedenfalls mittlerweile recht gut zu schaffen, sie von schlimmen Verletzungen abzuhalten, denn die Schnitte heilten gut und es waren keine neuen zu erkennen. Sogar die Beule an ihrer Stirn war rasch verheilt.
Er schritt mit gesenktem Kopf neben ihr her, die Hände auf dem Rücken verschränkt. In ihrem Zorn hatte seine unerschütterliche Ruhe sie erbittert, doch jetzt war sie dankbar dafür. Es erfüllte sie mit einem winzigen Funken Zuversicht, dass er unbeirrt von ihrem Toben daran arbeitete, ihr zu helfen.
„Es tut mir leid, dass...", begann sie zögerlich zu sprechen.
Er schüttelte den Kopf ohne aufzusehen.
Hermine verstand. Ihm lag nichts an einer Entschuldigung.
„Die Kymatographie ist fertig. Die passenden Basen sind hergestellt. Es geht gut voran...", sagte er schließlich, nachdem sie eine Weile lang stumm nebeneinander hergelaufen waren.
Hermine erwiderte nichts. Er warf ihr einen kurzen prüfenden Blick zu und schnalzte ungeduldig mit der Zunge.
„Sie haben mir nicht zugehört, als ich Ihnen erläutert habe, wie ich vorgehe, nicht wahr?"
Sie biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf.
Er seufzte.
„Deswegen habe ich es so gehasst, Lehrer zu sein..."
Es erschien ihr ein unpassender Moment, um ihm an den Kopf zu werfen, dass er vielen Schülern quälende, angsterfüllte Stunden erspart hätte, wenn er es aufgegeben hätte, Lehrer zu sein. Und schließlich wusste sie auch, dass er keine Wahl gehabt hatte...
Schweigen dehnte sich zwischen ihnen aus und es kostete sie Mühe, die Stille zu durchbrechen, doch sie musste es einfach wissen.
„Kannten Sie den Schöpfer des Fluchs persönlich?", fragte sie leise.
Sie konnte erkennen, dass er die Stirn runzelte und die Lippen fest aufeinander presste.
„Ja", sagte er schließlich nach langem Zögern. „Ja, ich kannte ihn. Er ist schon lange tot"
Sein Ton schien jede weitere Erörterung zu verbieten, doch sie ignorierte das.
„Was war er für ein Mensch? Wie konnte er nur einen so furchtbaren Fluch erfinden?"
Plötzlich schritt er rascher auf dem feuchten, festen Sand aus und Hermine musste sich beeilen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Sie glaubte schon, er würde ihre Frage einfach ignorieren, als er schließlich doch sprach.
Seine Stimme klang leise und beherrscht, als wollte er verhindern, dass ihm eine Emotion anzumerken war.
„Er war sehr jung, und er hat gehasst, abgrundtief gehasst. Er wollte dem Objekt seines Hasses Schaden zufügen. Erst in letzter Sekunde hat er erkannt, was er da tat, denn ich weiß, dass er diesen Fluch niemals gegen einen Menschen eingesetzt hat. Er ist gestorben, kurz nachdem ihm bewusst wurde, welches Unheil er da erschaffen hat"
Er blieb plötzlich stehen und blickte in den Himmel.
„Wir sollten langsam umkehren. Es ist schon spät und Sie werden bald..."
Er vollendete den Satz nicht, doch Hermine wusste, was ihn zu dem abrupten Themenwechsel veranlasst hatte.
Es war schon spät und es würde nicht mehr lange dauern, bis Thanatos sie in seine Umarmung zog. Und der schreckliche Gedanke daran löschte alle weiteren Fragen aus ihrem Kopf.
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tbc
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A/N: Was eine Kymatographie ist wird noch erklärt! ;0)
