Und der Gedanke, dass es vermutlich tatsächlich das erste Mal war, dass er sich jemanden derart anvertraute, ließ einen dicken Kloß in ihrem Magen erscheinen.

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ELF

Wieder und wieder warf Severus sich einen Schwall kalten Wassers in Gesicht und griff schließlich nach dem Handtuch, um sich abzutrocknen. Er musste Ruhe bewahren. Es ging voran. Quälend langsam zwar, aber er machte Fortschritte. Und was er heute tun würde, würde ihn der Lösung hoffentlich ein ganzes Stück näher bringen.

Langsam ließ er das Handtuch sinken und starrte in den Spiegel über dem Waschbecken.

Ein blasses, schmales Gesicht starrte zurück.

Severus hatte nie Wert auf seine äußere Erscheinung gelegt, wozu auch? Die Schüler hatten ihn sowieso gehasst, und die Kollegen hatten ihn auch am liebsten von hinten gesehen.

Er hatte Menschen immer auf Abstand gehalten. Wenn er nichts von ihnen wusste, konnte er sie leichter ignorieren und sie konnten ihm nicht weh tun, wenn sie ihn nicht kannten.

Es war einfacher so.

Aber jetzt war sie hier...

Severus fühlte, dass sie in ihn hineinkroch. Langsam und beständig schlich Hermine sich in seine Gedanken, selbst wenn sie gerade einmal nicht leibhaftig um ihn war. Egal, ob sie auf ihrem täglichen Spaziergang war oder ob er Dinge in der Winkelgasse besorgen musste- irgendetwas erinnerte ihn immer an sie, ließ sie zuverlässig in seinem Kopf erscheinen. Oft waren diese ungebetenen Gedanken von einem warmen Gefühl begleitet.

Es machte ihn zufrieden, an sie zu denken. Er fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft. Diese ungewohnten abendlichen Szenarien, die sich eingeschlichen hatten waren etwas, auf das er sich freute, ohne dass er einen Grund dafür hätte angeben können. Vielleicht versöhnten sie ihn mit den kräftezehrenden Anfällen, die ihnen immer vorausgingen.

Severus wusste schon längst, dass es in seinem Leben nicht viel Freude geben konnte und doch verspürte er eine leise Wehmut bei dem Gedanken, dass er Abschied von diesen vertrauten Abenden nehmen musste. Heute war Schwarzmond!

Ihm blieb nichts anderes übrig. Die Zeit schien ihm zwischen den Fingern zu verrinnen. Er hatte die lang ersehnten Antworten auf die Anfragen erhalten, mit denen er die Eule losgeschickt hatte.

Nach meiner Ansicht ist es nahezu undenkbar, einen derartigen Fluch in der vorgegebenen Zeit zu brechen, weil es unmöglich ist, die Zwischenschritte auf ihre Richtigkeit zu testen. Wenn nur ein Faktor in dem endgültigen Antidot fehlerhaft ist, wird der Fluch nicht gebrochen, sondern beschleunigt. Die Patientin hätte dann eine noch kürzere Lebenserwartung'

Er hatte den Brief mit einer zornigen Geste zerknüllt, bevor er ihn in Brand gesteckt hatte.

Die Patientin! Hier war die Rede von einem Menschen, der an der Schwelle des Todes balancierte und dessen einziger Halt die Hoffnung auf einen Erfolg war! Die Rede war von.... Hermine.

Er war noch längst nicht bereit die Hoffnung aufzugeben. Dieser sogenannte Experte wusste nichts von dem Kymatographen und er wusste nichts von der winzigen Chance, die Severus sich von dem heutigen Abend erhoffte.

-o-o-o-

Helmond war widerspenstig an diesem Tag. Keiner der Schlüssel, die sie anzuwenden versuchte, brachte auch nur den geringsten Erfolg und so ließ Hermine schließlich mutlos die Feder sinken. Es war schon spät. Für heute würde sie Schluss machen und sich stattdessen in dem Buch vertiefen, das sie gestern Nacht zu lesen angefangen hatte.

Hermine ging in ihr Zimmer, um es zu holen und spürte, wie der dunkle Schleier des Thanatos angekrochen kam. Sie wollte rufen, doch kein Wort kam über ihre Lippen. Wie ein Gift kroch der Fluch langsam in ihren Körper hinein und lähmte jede Gegenwehr.

Welchen Sinn hatte es, um ihr elendes Leben zu kämpfen? Stimmen wurden wieder in ihr laut, sie konnte sie einfach nicht ignorieren.

Die Stimmen ihrer Eltern wurden leiser. Andere, schmerzhaft vertraute, wurden dagegen lauter und bohrten sich in ihren Kopf. Da war Ron. Er warf ihr vor, ihn nicht so zu lieben, wie er es verdient hätte. Seine Stimme war am schwersten zu ertragen, weil sie wusste, dass er Recht hatte.

Seine Anklage mischte sich mit der von Harry, und sie warfen ihr gemeinsam vor, sie damals unter Bellatrix' Folter beinahe verraten zu haben. Es nutzte nichts, dass sie innerlich dagegen hielt, dass sie schließlich doch geschwiegen hatte- der bloße Gedanke, der zu jener Zeit durch ihr gequältes Gehirn gehuscht sei, war in den Augen ihrer Freunde schon Verrat genug.

Da war Dobby, der kleine tapfere Hauself, der die irrige Idee in ihr erweckt hatte, alle Elfen wollten frei sein. Er seufzte, dass sie einfach nicht genug Mühe aufwende, um seine Artgenossen aus ihrer Sklaverei zu erlösen. ‚Ich kann es nicht schaffen, Dobby. Sie wollen es doch gar nicht. Es war nur der Plan eines ideologischen Teenagers! Ich kann doch nicht mein ganzes Leben darauf festgelegt werden, was ich im Alter von dreizehn Jahren tun wollte!', schluchzte sie, doch weder der Hauself noch die anderen ließen von ihr ab.

Du hast es nicht verdient zu leben!", wiederholten sie immer wieder. „Mach dem Ganzen einfach ein Ende. Bring es hinter dich und du hast Ruhe!"

Hermine wusste nicht, was sie tat. Ein winziger Teil von ihr konnte sich selbst beobachten, wie sie in ihre Haare griff und daran zog, um Schmerz spüren zu können. Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle, eine Mischung aus Wut und Grauen. Sie würde es nicht mehr aushalten hier gefangen zu sein.

Die Tür zu ihrem Zimmer schlug auf und Snape stand im Türrahmen. Seine schwarzen Augen huschten über sie, wie sie von Grauen geschüttelt auf dem Boden saß und sich hin und her wiegte.

„Bitte, lass es mich beenden!", schrie sie ihn an. „Ich ertrage dieses Gefühl nicht, verflucht! Ich will es nicht, ich kann es nicht!"

Er kniete sich neben ihr auf den Boden und griff nach ihren Oberarmen. Er packte sie so fest, dass Hermine sehnsüchtig unter dem Schmerz aufseufzte.

„Töte mich!", flüsterte sie. Sie fühlte sich gepackt und auf ihr Bett hochgehoben. Sie wollte nicht schlafen, sie wollte sterben! Und sie musste Snape zu ihrem Verbündeten machen.

„Es würde dich nicht viel kosten", hauchte sie leise und verschwörerisch. „Verlasse einfach dieses Zimmer und lass mich tun, was ich tun muss" Sie beobachtete, dass Severus die Zähne fest zusammenbiss.

Zögerte er? Würde er tatsächlich...?

Nein, er hielt sie fest, als sie probehalber versuchte, sich aufzurichten. Sie hatte keine Chance, ihn in dieser Position zu überwältigen, sie würde taktischer vorgehen müssen... beim nächsten Mal…

-o-o-o-

Severus konnte sehen, wie es in ihrem Hirn nach einer Möglichkeit suchte, ihn zu überlisten.

Es war furchtbar zuzusehen, wie sehr diese Frau sich unter dem Einfluss des Fluches veränderte, doch ihr Anblick gab ihm die nötige Entschlossenheit, es nicht länger aufzuschieben, sondern noch heute zu beginnen, was unvermeidlich war.

Er wartete, bis die Bewusstlosigkeit, die den Anfällen immer folgte, Hermine in sich zusammensinken ließ und verließ sie dann, um sich in sein eigenes Zimmer zurückzuziehen.

In ein paar Stunden würde sie wieder aufwachen. Sie tat es immer und in den letzten Tagen war sie dann zu ihm gekommen. Doch heute würde sie nur ein leeres Wohnzimmer vorfinden.

Es drängte ihn, Hermine zu erklären, warum er den gemeinsamen Abenden auswich, warum er sie beenden musste, obwohl sie ihr doch offensichtlich so gut taten, obwohl sie ihm so gut taten....

Doch er hatte geschwiegen und er würde es weiterhin tun. Sie hätte ihm nicht so nahe kommen sollen, und es war mit Sicherheit besser, wenn sie sich auf der alten Ebene wiedertrafen. Höflich, aber mit einer gewissen Distanz.

Doch auch dadurch, dass Severus es wie ein Mantra immer wiederholte, schaffte es er nicht, wirklich daran zu glauben.

-o-o-o-

Als Hermine zu sich kam, lauschte sie instinktiv nach den Geräuschen, die üblicherweise aus dem Wohnraum zu ihr hinüber klangen. Das leise Fauchen des Kesselfeuers, das zarte Klirren der Vorratsbehälter, das mechanische Klackern des Kymatographen- es erfüllte sie nach ihren Anfällen mit einem Gefühl der Zuversicht, dass Severus wach war und arbeitete.

Doch jetzt war etwas anders. Sie hörte lediglich das monotone Ticken der Uhr- sonst nichts.

Hermine rappelte sich auf und öffnete ihre Tür. Das Haus war komplett in Dunkelheit gehüllt und das Sofa, auf dem sie gehofft hatte, Severus zu finden, war leer.

Die Enttäuschung nahm ihr für einen Moment den Atem.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie nicht später erwacht war als üblich. Severus war heute also einfach früher zu Bett gegangen.

Es war sicher unvernünftig, ihm deswegen zu grollen. Er war müde, und das sollte sie nicht überraschen. Seit zwei Wochen arbeitete er jeden Tag viele Stunden lang intensiv daran, die Bestandteile dieses Giftes zu analysieren und hatte auch schon Erfolge zu verbuchen- sie sollte ihm diese Ruhepause wirklich gönnen.

Es war nur... Die Aussicht, an diesem Abend keine Möglichkeit zu haben, mit ihm über den Anfall und all die anderen Dinge zu sprechen, die aufkommen mochten, machte sie traurig. Die Gespräche hatten ihr geholfen, sich nicht so einsam zu fühlen. Der Gedanke, dass er so etwas wie ein Freund geworden war, half ihr das Ganze leichter zu überstehen. Zu wissen, dass er ihr nicht übel nahm, was während der Anfälle vorfiel, tat ihr gut.

Hermine schüttelte den Kopf über sich selbst. Wie eigennützig war sie geworden. Er wollte einfach einmal früher zu Bett gehen und sie dachte nur daran, was ihr dadurch entging.

Leise schlich sie zu dem großen Tisch, auf dem ihre Unterlagen waren, in denen sie lesen wollte, bis sie wieder müde genug zum Schlafen war.

Auf dem Weg zurück in ihr Zimmer hielt sie vor seiner Tür kurz inne. Sie glaubte, ein unterdrücktes Stöhnen wahrzunehmen, doch als sie lauschte, war nichts mehr zu hören- und sie ging zu Bett.

Severus sah schlecht aus am nächsten Morgen.

Als sie den Raum betrat blickte er auf und murmelte eine Erwiderung auf ihren kurzen Morgengruß. Einen Augenblick lang schien es, als ob er noch etwas sagen wollte, doch dann beugte er sich wieder über seine Arbeit und Hermine setzte sich an ihren Text.

Es hätte den gestrigen Ereignissen zu viel Gewicht beigemessen, wenn sie ihn darauf angesprochen hätte, also beschloss sie, es dabei zu belassen. Und doch konnte Hermine den ganzen Tag über nicht anders, als sich zu fragen, ob Severus ihr heute Abend wieder ausweichen würde.

Es war so... erbärmlich, dass sie sich nach diesen kurzen Momenten des Trostes derart sehnte, und sie entschied sich dafür, an diesem Abend gar nicht erst ins Wohnzimmer zu gehen. Wenn sie ihn hörte- vielleicht, aber wenn es still war, würde sie sich einfach ihr Buch nehmen und lesen.

Tatsächlich hörte Hermine ihn leise werkeln, als sie nach dem abendlichen Anfall aufwachte, doch gleich darauf hörte sie, wie seine Tür sich schloss. Seufzend ließ sie sich zurück in ihre Kissen fallen, aus denen sie sich schon erwartungsvoll aufgerichtet hatte. Die Enttäuschung schmeckte bitter in ihrem Mund.

Gut, es würde wieder ein einsamer Abend werden. Kein Problem! Sie würde Severus sicher nicht darum anbetteln, sie kurz im Arm zu halten, damit sie sich nicht so einsam und verlassen fühlte.

Sie schlüpfte aus ihrer Kleidung und zog sich um, um sich dann gemütlich ins Bett zu kuscheln.

Es gelang ihr nicht recht, sich wirklich auf das Buch zu konzentrieren, und sie hatte gerade erst ein paar Seiten gelesen, als sie ein Geräusch vernahm, das nur aus Severus' Zimmer kommen konnte. Wieder dieses unterdrückte Stöhnen, das sie gestern schon zu hören geglaubt hatte.

Leise stieg sie aus ihrem Bett, als ein schweres Poltern sie zusammenfahren ließ. Es klang, als ob ein Körper zu Boden gegangen wäre.

Wenn ihm etwas passierte!

Ohne zu zögern eilte Hermine zu seiner Tür und klopfte an.

„Severus?", rief sie laut. „Ist alles in Ordnung?"

Es dauerte eine Weile, bevor sie eine Antwort bekam und sie rüstete sich schon dafür, einfach in sein Zimmer einzudringen, als seine Worte sie innehalten ließen.

„Verschwinde! Lass mich allein, verflucht!"

Der Schreck ließ ihr Herz heftig klopfen und seine Worte verletzten sie. Brüsk wandte sie sich ab und kehrte in ihr Zimmer zurück, dessen Tür sie laut ins Schloss warf.

Sie wollte sich ihm sicher nicht aufdrängen, es war bloße Sorge gewesen, die sie getrieben hatte. Doch offensichtlich war er wohlauf und hatte sich von ihr gestört gefühlt. Sie würde ihn nicht wieder darauf ansprechen.

Sie tat es auch am nächsten Morgen nicht, doch dieses Mal war er es, der etwas sagte.

„Es war nichts" Er spie die Worte beinahe aus, als wäre er froh, es hinter sich zu haben. Das war so nahe an einer Entschuldigung, wie Hermine es niemals von ihm erwartet hätte.

„Ist schon gut" Sie zuckte mit den Schultern und setzte sich an ihre Arbeit.

Doch die Übersetzung schaffte es nicht, sie von ihrem Gedankenkarussell abzulenken.

Immer wieder glitt ihr Blick hinüber zu Severus.

Wenn ihm etwas zustieße, gäbe es auch für sie keine Hoffnung mehr!

„Hast du... machst du Aufzeichnungen über deine Versuche?", fragte sie in einem möglichst beiläufigen Ton.

Er runzelte die Stirn und lächelte dann ein unfrohes Lächeln.

„Du meinst, damit jemand anderes meine Arbeit fortsetzen könnte, falls ich vorzeitig ins Gras sollte?"

Bevor Hermine darauf reagieren konnte, winkte er ab.

„Schon gut, du hast ja Recht. Ja, ich mache Aufzeichnungen, du kannst sie gerne lesen. Und du musst dir keine Gedanken machen. Es waren wirklich nur Kopfschmerzen- und ich werde nicht daran sterben"

Es gab nichts, was sie darauf hätte erwidern können, so schwieg sie und beugte sich mit einem unguten Gefühl im Bauch wieder über ihren Text.

In dieser Nacht war sie fest entschlossen, Severus' seltsames Verhalten zu ignorieren, mochte kommen was wollte.

Doch der Schrei, der in dieser Nacht an ihr Ohr drang, machte alle diesbezüglichen Pläne wieder zunichte.

Er ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren und klang so gequält, dass sie ihn nicht ignorieren konnte. Kein normaler Kopfschmerz konnte einen Menschen dazu bringen, derart zu schreien!

Zitternd stand sie einen Moment lang vor seiner Tür, und als erneut ein unartikulierter Ruf an ihre Ohren drang, trat sie einfach ein.

Severus kniete auf dem Boden. Den Kopf zwischen den Händen geborgen, wiegte er sich seufzend und stöhnend hin und her.

Hermine kniete sich neben ihn und legte zaghaft eine Hand auf seine Schulter. Er fuhr schrecklich zusammen und starrte sie an, als würde er sie nicht kennen.

„Verschwinde!", krächzte er dann. „Du sollst nicht... ich kann nicht..."

Plötzlich sank er vornüber auf den Boden und eine kleine Phiole löste sich aus seinem Griff.

Die Angst schnürte Hermine die Kehle zu. Hastig kniete sie neben Severus nieder, um sich zu vergewissern, dass er noch lebte. Seine raschen, flachen Atemzüge beruhigten sie für einen Moment und sie kroch der Phiole hinterher, die in eine Ecke gerollt war. Sie war nicht beschriftet und sie war leer. Vorsichtig roch Hermine daran. Ein schwacher bitterer Geruch entstieg dem zierlichen Glasgefäß. Sorgfältig steckte Hermine es ein und wandte sich der liegenden Gestalt wieder zu, die sich jetzt mit einem leisen Stöhnen bewegte.

„Severus", flüsterte sie angstvoll und bemühte sich, seine Versuche sich aufzurichten, zu unterstützen.

„Geh weg", murmelte er, doch sie ignorierte diesen Wunsch und schließlich ließ er es zu, dass sie ihm half sich ins Bett zu legen.

Severus war totenblass und seine Stirn glänzte schweißnass. Die Augen hatte er geschlossen und ein dunkler Schatten lag unter ihnen.

Hermine huschte ins Badezimmer und kehrte mit einem feuchten Waschlappen zurück, den sie behutsam auf seine Stirn legte, die zu glühen schien.

Er stöhnte auf und hob eine Hand, um sie zu verscheuchen, doch dann ließ er den Arm wieder kraftlos sinken.

Am Rand seines Bettes blieb sie sitzen und stand erst auf, als seine Atemzüge wieder einigermaßen tief und regelmäßig waren. Sorgfältig prüfte sie den Puls an seinem Handgelenk . Er schlug ein bisschen zu schnell, aber nicht so, dass sie sich große Sorgen darum gemacht hätte.

Severus schien in einen unruhigen Schlaf geglitten zu sein, und Hermine verließ sein Zimmer nur kurz, um den Waschlappen wieder in kaltes Wasser zu tauchen.

Als der kühle Stoff erneut seine Stirn berührte, zogen seine Augenbrauen sich zusammen, doch er wachte nicht auf.

Schweigend zog Hermine sich einen Stuhl an das Bett heran und setzte sich mit gefalteten Händen darauf.

Es war dunkel und das einzige Geräusch, das zu hören war, waren seine seufzenden Atemzügen vom Bett her und das Klopfen ihres eigenen Herzens.

Sie hatte Angst. Und es dauerte eine ganze Weile, bis sie begriff, dass diese Angst in erster Linie Severus galt. Die Tatsache, dass ihr eigenes Leben verwirkt war, wenn ihm etwas zustieß, wurde verdeckt von der Sorge darum, was er sich hier gerade antun mochte. Diese Phiole... Sie nahm sie erneut zur Hand, doch noch immer konnte sie sich nicht vorstellen, was darin gewesen war- oder warum er sie geleert hatte. Sie war sich sicher, dass es das war, was ihn an den letzten Abenden von ihr ferngehalten hatte. Severus wollte ungestört diese Substanz zu sich nehmen- was immer sie auch bewirken sollte.

In der Dunkelheit konnte sie lediglich die Umrisse seines Körpers ausmachen. Er lag bewegungslos dort und von einer plötzlichen Panik getrieben stand sie auf und legte ihr Ohr auf seine Brust, um sich zu vergewissern, dass er noch immer atmete.

Der beständige Herzschlag beruhigte sie und erinnerte sie an die Abende auf dem Sofa, wenn er es erlaubt hatte, dass sie in seinen Armen Trost suchte.

Durch den Stoff des Hemdes drückte sich etwas gegen ihre Wange und sie erinnerte sich an den Abend, an dem sie entdeckt hatte, dass er eine Kette trug. Sie war verblüfft gewesen. Schmuck und Severus Snape waren Dinge, die in ihrem Kopf niemals zusammen gepasst hatten, doch sie hatte es lediglich als eine weitere kleine Überraschung genommen, die er nicht aufhörte, ihr unbewusst zu bereiten. Der Anhänger war unter seinem Hemd verborgen. Verstohlen ertastete sie seine Form und erkannte eine weitere, kleinere Phiole. Was trug er darin mit sich herum?

Und was war es, was ihn diese Substanzen zu sich nehmen ließ? War es eine Art Droge, die ihm die trügerische Linderung brachte, die er sonst nirgendwo bekam?

Dort vor ihr lag der Mann, ohne den es niemals gelungen wäre, Voldemort zu stürzen. Er hatte sein Leben dieser Aufgabe gewidmet, all ihre Folgen getragen und zum Dank war ihm nichts als Ablehnung begegnet.

Sie dachte an Harry, der immer der berühmte "Junge-der-überlebte" gewesen war und der jetzt als der noch berühmtere Voldemort- Besieger gefeiert wurde. Auch er hatte ein Schicksal zu tragen, doch es hatte immer Menschen geben, die sich um sein Wohlergehen gesorgt hatten- mehr als ihm manchmal lieb war.

Doch niemanden kümmerte es wirklich, ob Severus Snape lebte oder starb.

Sie schluckte. Wie konnte er das ertragen? Für ihn gab es kein Happy- End. Er war ein einsamer, verbitterter Mann. Waren diese kleinen Phiolen tatsächlich sein einziger Trost? Hermines Herz zog sich schmerzhaft zusammen bei diesem Gedanken.

Sanft tupfte sie erneut seine Stirn ab, die sich noch immer heiß anfühlte. Sie legte den Waschlappen beiseite und nahm ihre Wache auf dem Stuhl neben dem Bett wieder ein.

Sie musste eingenickt sein, denn sie schreckte auf, als Severus leise ihren Namen sagte.

Er lag unverändert auf dem Bett, doch sein Gesicht war ihr zugewandt und seine Augen ruhten mit einem undeutbaren Ausdruck auf ihrem Gesicht.

„Hermine", sagte er erneut. „Geh zu Bett. Es ist gut jetzt"

Sie schüttelte den Kopf, um die Benommenheit ihres Schlafes abzuschütteln und stand auf, um seine Stirn zu fühlen. Er zuckte zusammen, als sie ihn berührte. „Du hast Fieber", murmelte sie entschuldigend.

Severus schloss für einen Moment die Augen.

„Es ist gut jetzt", wiederholte er.

Hermine biss sich auf die Lippen. „Was hast du genommen?", platzte die Frage dann doch aus ihr heraus.

Ein leises und brüchiges Lachen erklang. „Du glaubst, ich wollte mich berauschen?"

Sie antwortete nicht, doch er schien zu wissen, dass er Recht hatte.

Severus schwieg lange. Dann sagte er: „Es war ein Versuch, mehr nicht. Es hat nicht funktioniert. Die Nebenwirkungen haben dich erschreckt und das tut mir leid, aber es war das letzte Mal und ist jetzt vorbei"

„Was wolltest du damit erreichen?", fragte Hermine leise.

Wieder schien er lange nachzudenken, bevor er antwortete.

„Es sollte dir helfen. Ich wollte ein paar Erinnerungen zurückholen, doch es ist mir nicht gelungen und ich kann das Mittel nicht noch einmal nehmen. Ich hatte nur diese drei Versuche!" Beinahe zornig hatte er den letzten Satz hervorgestoßen und gleich darauf verzog sich sein Gesicht. Er musste starke Schmerzen haben.

„Wie soll es mir helfen, wenn du dich hier auf dem Boden windest?", fragte sie ärgerlich und kopfschüttelnd. Doch er presste die Lippen fest zusammen und schloss die Augen.

Eine vage Ahnung dämmerte in Hermine auf. „Es sei denn...", überlegte sie halblaut. „Du hast gesagt, du kanntest den Schöpfer des Fluches. Du kanntest Details... und du hast sie vergessen und versuchst dich nun daran zu erinnern?"

Zögerlich nickte Severus. „Ich musste es versuchen", flüsterte er mit noch immer geschlossenen Augen. „Dieses Mittel kann verschüttete Erinnerungen zurückbringen und das hat auch funktioniert- leider. Ich habe alle möglichen Erinnerungen wiederbekommen, nur nicht die, auf die ich gehofft hatte. Und die, die ich wiederbekommen habe..." Er lächelte freudlos. „… auf die hätte ich lieber verzichtet"

Er warf ihr einen entschuldigenden Blick zu.

„Es tut mir wirklich leid, dass ich keinen Erfolg vorweisen kann, Hermine", sagte er leise.

„Schsch", machte sie wie bei einem kleinen Kind, das beruhigt werden musste und legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Ich bin dir dankbar und ich vertraue dir. Ich weiß, dass du alles versucht hast, und ich weiß, dass du weiterhin alles tun wirst, was in deiner Macht liegt"

Lange blickte er auf ihre Hand, die auf seinem Arm lag.

„Gar nichts weißt du", seufzte Severus schließlich und schloss die Augen. „Aber ich danke dir trotzdem..."

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tbc

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A/N: Weil ich heute Geburtstag habe, und weil ich mich so sehr über das Feedback zum letzten Kapitel gefreut habe, verteile ich an dieser Stelle einer Runde virtueller Kekse- die bestimmt nicht von Hermine gebacken wurden! ;0)

Ein Extra-Keks geht an diejenigen, die ein unsigniertes Review hinterlassen haben und denen ich nicht persönlich danken konnte.

Natürlich geben mir auch die bloßen Leserzahlen die Gewissheit, dass meine Geschichte nicht ignoriert wird, aber ein Review ist einfach eine viel schönere Belohnung! Vielen Dank noch mal an alle Leser!

Liebe Grüße von

Tamsyn