„Gar nichts weißt du", seufzte er schließlich und schloss die Augen. „Aber ich danke dir trotzdem..."
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ZWÖLF
Severus erwachte später als üblich an diesem Morgen, und der Stuhl, auf dem Hermine gestern Nacht gesessen hatte, war leer. Seufzend ließ Severus sich noch einmal in sein Kissen zurücksinken.
Es hatte sich merkwürdig angefühlt, von Hermine umsorgt zu werden.
Er gestattete sich selten eine Schwäche, und wenn doch, machte er das üblicherweise mit sich selbst aus. Er hasste den Gedanken, dass andere ihn verletzbar sehen könnten. Verletzbarkeit war etwas, das ihn in den letzten Jahren das Leben hätte kosten können. Aber gestern hatte Severus es sich einfach erlaubt, sich für einen Moment fallen zu lassen.
Der kühle Waschlappen hatte seinen rasenden Kopfschmerz ein wenig gelindert. Einen Schmerz, der dadurch, dass er nutzlos war, nur noch quälender empfunden wurde.
Aber Hermine hatte viel mehr als das gelindert. Es war die Sorge in ihren Augen gewesen, die ihn getröstet hatte.
Es hatte einfach nie einen Moment in seinem Leben gegeben, in dem er einen anderen Menschen daran hätte teilhaben lassen können oder wollen. Es war ihm nie wie ein besonders schwerer Verzicht vorgekommen und es hatte diesen furchtbaren Fluch gebraucht, um ihm zu zeigen, wie es aussehen konnte, wenn zwei Menschen einander... zugetan waren.
Natürlich hatte Hermines Besorgnis um ihn nicht nur selbstlose Motive. Sie wusste, dass sie ohne ihn verloren war. Und doch....
Etwas in ihrem Blick, in ihren Gesten hatte ihn glauben lassen, dass es sie kümmerte, wie es ihm ging. Sie hatte nicht mehr für sich fürchten müssen, als Severus ihr gesagt hatte, dass es vorbei war- und Hermine war trotzdem geblieben.
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In dem Gesichtsausdruck, mit dem sie ihn am nächsten Morgen begrüßte, lag etwas Wachsames, doch sie erwähnte die gestrigen Geschehnisse mit keinem Wort, und er hatte sicher kein Bedürfnis, darüber zu sprechen.
Severus fürchtete, Worte könnten die kleine Blase des Wohlgefühls zerstören, die er irgendwo in der Nähe seines Magens spürte. Er schämte sich ein bisschen dafür, weil es ihm unpassend erschien, sich wohl zu fühlen, nachdem sein Versuch, mehr über die Trankzusammensetzung herauszufinden, misslungen war und er nun weiterhin völlig ahnungslos nach den passenden Komponenten fahnden musste.
Wieder und wieder starrte er auf die Kymatographie und wartete darauf, dass sie ihm auf wundersame Weise plötzlich alle Bestandteil preisgeben würde. Doch natürlich wartete er vergebens. Fieberhaft versuchte er Probe um Probe. Nichts erschien ihm zu unwahrscheinlich, um nicht wenigstens getestet zu werden, und schließlich, als die Dunkelheit schon begann, ins Zimmer zu kriechen, konnte er einen Erfolg verbuchen. Die letzte tierische Komponente war entschlüsselt, und der winzige Moment der Zuversicht verblasste erst, als er die schmale Sichel eines neuen Mondes durch das Fenster hereinscheinen sah.
Mit einer beinahe zornigen Geste schlug Severus die Fensterläden zu. Er begann den Mond zu hassen, der nie mehr als ein Himmelskörper für ihn gewesen war. Jetzt wurde er zu einem leuchtenden Anzeiger der Zeit, die unter seinen Händen zerrann, ohne dass Severus etwas dagegen hätte tun können.
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Es beruhigte Hermine, zu sehen, dass die Vorfälle der letzten Abende offensichtlich keine Folgen für Severus' Gesundheit gehabt hatten.
Er arbeitete wie besessen und schien sich keinen Augenblick der Ruhe zu gönnen, als wollte er wett machen, dass seine Versuche mit diesen Phiolen misslungen waren.
Sie zwang sich, nicht daran zu denken, dass alles schon vorüber sein könnte, hätte er Erfolg gehabt. Der Gedanke war zu quälend. Dass Severus stattdessen nur schlimme Erinnerungen zurückerhalten hatte, tat ihr Leid.
Er nahm so viel auf sich, um ihr zu helfen- und all das nur, weil er sich in ihrer Schuld fühlte für etwas, dass sie kaum Mühe gekostet hatte.
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Sie tauchte ein in die Welt John Helmonds und schaffte es, mit eiserner Disziplin, ihm tatsächlich ein kleines Stück seines Geheimnisses abzuringen. Interessanterweise hatte dieser Mann, der Jahre seines Lebens unter kirchlichem Arrest verbringen musste, auch die Bibel dazu benutzt, um seinen Code zu erschaffen. Einige Symbole wiesen auf bestimmte Bibelstellen hin, doch auch Hinweise auf ägyptische und babylonische Schriften schienen sich darin zu verbergen.
Das winzige Bruchstück, das sie entziffern konnte, verstärkte ihre Vermutung, dass es sich um ein Heilmittel handeln musste. Die Worte „Körper „ und „Herz" kamen am häufigsten vor. Helmond war Arzt gewesen und daher war die Bestätigung dieser Vermutung nicht wirklich eine Überraschung gewesen, doch immerhin... Sie kam voran und auch Severus konnte ihr eine erfreuliche Mitteilung über einen Fortschritt machen- kurz bevor der Thanatos sie wieder übernahm.
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Als Hermine viel später wieder erwachte, erinnerte sie sich mit Schaudern daran, was sie gesagt und getan hatte.
‚Ich muss verrückt gewesen sein, dich zu pflegen', hatte sie Severus angeschrien, als er sie wieder einmal davon abhielt, sich etwas anzutun.
Er hatte keine Miene verzogen und auch nicht eine Sekunde lang den Griff um ihre Handgelenke gelockert.
‚Ich hätte dir einfach ein Kissen auf das Gesicht drücken sollen, dann hätten wir beide es jetzt hinter uns! Warum bist du eigentlich noch hier? Niemand weiß, dass du noch lebst- und niemanden kümmert es!'
Hermine wusste, dass es nur der Fluch gewesen war, der aus ihr gesprochen hatte, doch sie schämte sich trotzdem zutiefst dafür, Severus so behandelt zu haben.
Langsam erhob sie sich von ihrem Bett, auf dem Severus sie abgelegt hatte, und lauschte. Kein Geräusch verriet, ob er noch wach war oder schon schlief.
Der Wohnraum lag in vollkommener Dunkelheit da, nur im Kamin flackerte ein kleines Feuer, das die Gestalt auf dem Sofa unruhig beleuchtete. Severus war da!
Ohne eine Sekunde lang nachzudenken trat sie auf ihn zu und setzte sich neben ihn. Er zögerte nur kurz, dann hob er seinen Arm, um es ihr zu ermöglichen, sich darunter an seine Brust zu lehnen. Ein befriedigendes Gefühl machte sich in ihr breit, als hätte sie den Bauch voll mit süßer Milch, und die Zuversicht, um die sie so verzweifelt hatte ringen müssen, stellte sich von ganz alleine ein. Sie würde leben. Er würde es nicht zulassen, dass sie starb. Woher diese Gewissheit kam- sie konnte es nicht sagen und eigentlich war es ihr auch egal.
Wie von selbst legte sich ihre Hand auf seine Brust. Dabei berührten ihre Fingerspitzen etwas, das unter seinem Hemd verborgen war.
Sie ertastete die kleine Phiole, die er an der Kette um den Hals trug. Unwillkürlich stutzte sie und konnte spüren, wie Severus sich plötzlich versteifte und nach ihrer Hand griff, die den Anhänger umschlossen hielt.
„Du hast gesagt, du würdest es nicht noch einmal versuchen...", begann sie zögerlich und richtete sich ein wenig auf, um ihm in die Augen zu sehen.
Severus nickte. „Und so ist es auch. Ein weiterer Versuch würde höchstwahrscheinlich dauerhafte Schäden in meinem Hirn anrichten, und ich würde dir kaum noch nutzen", gab er mit einem schiefen Lächeln zurück.
„Aber was ist dann…?"
Seine Lippen wurden schmal und in seinen Blick trat etwas Gehetztes.
„Das ist etwas anderes!", schnappte er. „Ein Trank, den ich geschaffen habe kurz bevor du kamst. Mein Ausweg!"
Das Verständnis dämmerte langsam in Hermine auf, und ihre Augen weiteten sich in Entsetzen.
„Du willst dir damit das Leben nehmen!"
Es war eigentlich keine Frage, und doch gab Severus' Gesichtsausdruck Hermine eine Antwort.
In ihrem Kopf überstürzten sich die Gedanken. Was für eine Ironie! Während sie hier um ihr Leben kämpfte, trug er seinen eigenen Tod um den Hals.
Severus verstärkte den Druck um ihre Hand, die er noch immer unter seiner geborgen hielt.
„Ich bin noch hier, oder?", sagte er leise.
Er maß sie mit einem beschwörenden Blick, und Hermine presste den Mund zusammen, um eine Erwiderung zu unterdrücken.
Wenn er es tun wollte, würde nichts, was sie jetzt sagte, ihn davon abhalten können.
Und mit welchem Recht konnte sie über sein Leben bestimmen? Sie hasste es, dass der Schöpfer des Fluches die Entscheidung über ihr Leben gefällt hatte. Niemand anderes als sie selbst sollte darüber entscheiden dürfen. Musste sie Severus nicht das Gleiche zugestehen? Sie musste darüber nachdenken.
Noch war er hier....
Die Wärme seiner Hand drang ihren Arm hinauf und breitete sich langsam in ihr aus.
Noch war er hier und tat alles, um ihr zu helfen...
Und obwohl der Gedanke, dass es Severus irgendwann nicht mehr geben könnte, ein schrecklich krampfendes Gefühl in ihrem Magen verursachte, ließ Hermine sich ohne ein Wort wieder in seine Umarmung sinken.
Sie löste den Griff um die Phiole unter seinem Hemd und griff stattdessen nach den Fingern seiner Hand, die auf der ihren lagen.
Mit einem leisen Seufzen entspannte Severus sich wieder und verstärkte für einen kleinen Moment den Druck auf ihre ineinander verschränkten Finger.
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So nahe Hermine ihm an den Abenden war, so entfernt schien sie ihm am Tage zu sein.
Es war etwas grundsätzlich anderes, einen trostsuchenden Menschen im Arm zu halten und demselben Menschen am helllichten Tag in die Augen zu blicken. Allein der Gedanke, sie zu berühren erschien ihm dann absurd. Severus teilte notgedrungen seinen Alltag mit ihr, und es kam ihm nicht in den Sinn, sich ernsthaft mehr zu wünschen.
Vielleicht lag es daran, dass sie ihn so sehr an eine Schülerin erinnerte, wenn sie über ihre Aufzeichnungen gebeugt dasaß.
Und jetzt, da sie von seinen Plänen wusste, die er vor ihrem Auftauchen gefasst hatte, schien sie ihm noch weiter weggerückt zu sein.
Auf der einen Seite war Severus dankbar, dass Hermine nicht weiter darauf eingegangen war, dass ihr seine Versicherung, er würde für sie da sein, solange sie ihn brauchte, ausreichte.
Aber auf der anderen Seite war er ein bisschen enttäuscht. Sie hätte nicht so deutlich machen müssen, dass es ihr nur um seine Hilfe ging. Er hatte gedacht... gehofft... ihre Sorge um ihn, als er an den Folgewirkungen der Tränke litt...
Kümmerte sein Leben sie tatsächlich so wenig?
Severus fürchtete, dass sie die Enttäuschung in seinen Augen lesen könnte, also vermied er es, sie anzusehen.
Die Euphorie des gestrigen Tages über den Fund des letzten tierischen Bestandteils war längst verpufft, als er sich vor eine neue, ungleich schwierigere Aufgabe gestellt sah. Das Muster auf der Kymatographie war nicht eindeutig zu entziffern. Severus hatte keine Ahnung zu welcher Zutatengruppe die übrigen Bestandteile gehörten, geschweige denn, welche es waren.
Er konnte lediglich blind vor sich hin testen, und er hasste es.
Die Scheibe auf dem Kymatographen vibrierte leise vor sich hin. Er hatte eine neue Aufnahme des Trankes gemacht, in der Hoffnung, diesmal ein aussagekräftigeres Bild zu bekommen. Frustriert starrte Severus auf die sich langsam bildenden Linien und schrak zusammen, als Hermine plötzlich neben ihm auftauchte.
„Severus", flüsterte sie. In ihren Augen schienen Tränen zu glitzern, und eine Sekunde später hatte Hermine mit einem Aufschluchzen ihre Arme um seinen Hals geschlungen und drückte sich dicht an ihn.
Im ersten Augenblick war Severus zu verdutzt, um reagieren zu können, doch dann legte er behutsam seine Arme um sie.
Was war denn nur los mit ihr?
Er hatte sich an das Gefühl ihres Körpers gewöhnt, der sich abends an den seinen schmiegte, doch das hier war... so anders. Die Art, in der Hermine sich an ihn presste, hatte nichts Trostsuchendes an sich, und auch ihr Schluchzen war verstummt. Severus wurde sich seiner Hände merkwürdig bewusst, während er sie so hielt, und die Stellen, an denen ihre Körper sich berührten, schienen wärmer zu sein als andere. Es drängte ihn, diese Wärme überall zu spüren, und er zog sie ein kleines bisschen dichter an sich.
Plötzlich erschien es ihm falsch, sie auf diese Weise zu halten. Er trat einen Schritt zurück, um Abstand zwischen sie beide zu bringen, doch sie ließ ihn nicht los.
„Halt mich fest", hauchte Hermine an seinem Hals, und sowohl ihr warmer Atem an seiner Haut als auch der Klang ihrer Stimme verursachte ihm eine Gänsehaut.
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schauer eiskalten Wassers. Er war so ein gottverdammter Idiot! Es war der Fluch!
Hastig löste er sich von ihr und hielt sie auf Armeslänge von sich, um ihr prüfend in die Augen zu blicken.
Hermine lächelte. „Was ist? Magst du es nicht, wenn ich dich umarme?"
Alles, was er eben noch empfunden haben mochte, verschloss Severus jetzt hinter einer eisigen Maske.
„Ich weiß nicht, was du dir davon erhoffst, aber es wird nicht funktionieren", gab er kalt zurück. Es war nicht Hermine, zu der er sprach, es war der Thanatos, nichts weiter.
Ihr Lächeln wurde breiter. Dann schloss sie die Augen und begann zu schwanken. Severus konnte sie gerade noch auffangen, bevor sie die Besinnung verlor.
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Nachdem er Hermine auf ihrem Bett abgelegt hatte, kehrte er an seine Arbeit zurück, doch es fiel ihm schwer, sich darauf zu konzentrieren. Er hätte beinahe ihren abendlichen Anfall verpasst! Er war so sehr damit beschäftigt gewesen, ihrem Blick auszuweichen, dass er die Veränderungen an ihr nicht mitbekommen hatte. Wenn Hermine nicht zu ihm gekommen wäre... Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können. Doch sie war zu ihm gekommen... und plötzlich sah Severus glasklar, was hier gerade eben passiert war. Eine Verwünschung ausstoßend, stürzte Severus zurück in ihr Zimmer und fand seine schlimmste Befürchtung bestätigt.
Hermine hatte die Ohnmacht nur vorgetäuscht, saß nun auf dem Bett, den Kettenanhänger, den sie ihm unbemerkt gestohlen hatte, in den Händen, und bemühte sich, die winzige Phiole zu öffnen.
„Es wird dir nicht gelingen", sagte er grimmig. „Sie ist mit einem Passwort versiegelt"
Ein fürchterlich triumphierendes Lächeln entstellte ihr Gesicht, und sie hob die Phiole an ihre Lippen.
„Lily", flüsterte sie kaum hörbar. Mit einem leisen Zischen öffnete sich der Verschluss, doch da war Severus schon bei ihr und entwand ihr die das zierliche Glasgefäß.
„Die ist nicht für dich!", keuchte er, während er Hermines Handgelenke mit einer Hand auf das Bett presste und mit der anderen das todbringende Behältnis verschloss und es in seiner Jackentasche verbarg.
Noch während Hermine ihn giftig anfunkelte ließ der Fluch endlich endgültig von seinem Opfer ab, und mit einem leisen Seufzen glitt es hinüber in die Bewusstlosigkeit.
Nach einer kleinen Weile lockerte Severus seinen Griff und stieg von dem Bett hinunter, auf dem er gekniet hatte, erschrocken über die Wut, die noch immer in ihm kochte.
Mit zitternden Händen fühlte er nach, ob die Phiole sicher bei ihm verwahrt war, wandte sich dann abrupt ab und verließ, ohne sich noch einmal umzusehen, das Zimmer.
Severus wusste, dass es nicht Hermine gewesen war, mit der er soeben gekämpft hatte, sondern dass der Fluch es war, der sie so handeln ließ. Seine eigene Hilflosigkeit machte ihn wütend. Es war erschreckend, wie ihr Wissen über ihn zu einem Werkzeug des Thanatos wurde. Er hätte wissen müssen, dass es ein Fehler war, sie so nahe an sich heranzulassen- in jeder Beziehung. Es konnte doch zu nichts führen...
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tbc
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A/N: Ich habe mich schrecklich über die Reviews zum letzten Kapitel gefreut, sie waren ein tolles Geburtstagsgeschenk und ich danke euch herzlich dafür!
Denjenigen, denen ich nicht persönlich antworten konnte, möchte ich an dieser Stelle ganz besonders danken, es ist fantastisch, ein solches Feedback darüber zu bekommen, wie meine Geschichte bei euch ankommt.
Jedes Kapitel ist eins meiner Babys, und ich bin natürlich immer neugierig darauf, wie es euch gefällt. ;0)
Liebe Grüße von
Tamsyn
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