Er hätte wissen müssen, dass es ein Fehler war, sie so nahe an sich heranzulassen- in jeder Beziehung. Es konnte doch zu nichts führen...

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DREIZEHN

Als am nächsten Abend die Zeit des Fluches heranrückte beobachtete Severus Hermine wachsam. Noch einmal würde er sich nicht überrumpeln lassen wie ein dummer Schuljunge. Die Kette mit der Phiole lag sicher verwahrt in seinem Zimmer, sie würde dort auf ihn warten, bis es soweit war...

Plötzlich warf Hermine ihre Schreibfeder auf den Tisch und sah sich nach ihm um. Mit einem gefährlichen Glitzern in den Augen erhob sie sich langsam und kam auf ihn zu.

„Du solltest mal eine Pause machen, Severus", gurrte sie und strich mit einer Hand seinen Arm hinauf.

Verdammt! Er brauchte nur noch einen kleinen Moment, um diesen Versuch abzuschließen, dann konnte er sich um sie kümmern.

Sie war hinter ihn getreten und begann, seine Schultern zu massieren, während Severus leicht über den Tisch gebeugt dastand und die Muster auf der sich entwickelnden Kymatographie beobachtete.

Unwillig versuchte er sie abzuschütteln, doch Hermine lachte nur leise und ihre Hände glitten über seine Brust.

„Entspann dich doch! Ich will dir nur etwas Gutes tun- du könntest ein bisschen Lockerung vertragen"

Geschickt fanden ihre Hände den Weg unter sein Hemd und strichen über seine Haut. Severus biss die Zähne so fest aufeinander, dass sein Kiefer schmerzte, doch es lenkte ihn wenigstens von der Tatsache ab, dass Hermines Berührungen ihm gefielen. Wie erbärmlich! Er wusste, dass sie nach der Phiole suchte und doch konnte er sich nicht gegen die angenehmen Empfindungen wehren, die ihre suchenden Hände in ihm auslösten.

Nur einen winzigen Moment noch! Er richtete all seine Konzentration auf die Glasplatte vor sich, die noch immer leise vibrierte. Das Bild musste jeden Augenblick fertig entwickelt sein...

Dieses Mal würde es gelingen. Wenn diese Aufnahme fertig war, würde er der Lösung des Problems sicher ein ganzes Stück näher kommen können.

Schon waren die ersten hauchzarten Linien zu erkennen, doch er konnte sich nicht mehr darauf konzentrieren. Hermines Nähe drängte sich zu stark in seine Gedanken.

Heftig fuhr Severus herum und griff nach Hermines Handgelenken.

„Fass mich nicht an!", zischte er.

Sie zwinkerte noch nicht einmal. „Sag nicht, dass es dir nicht gefällt", erwiderte sie in schmeichelndem Tonfall.

Sein Mund verzog sich zu einem spöttischen Lächeln. „Du suchst übrigens vergebens. Ich trage sie nicht mehr bei mir."

Enttäuschung flackerte kurz über ihr Gesicht, aber dann lächelte Hermine wieder, entwand ihm ihre Handgelenke und trat dichter an ihn heran, die Hände auf seine Brust gelegt.

Unwillkürlich wich Severus zurück. Sie folgte ihm, seine Scheu vor einer Berührung ausnutzend, um ihn weiter zurück zu treiben.

Als er an die Tischkante stieß, griff Hermine blitzschnell um ihn herum.

Er hörte es klirren und mit Entsetzen musste Severus sehen, dass Hermine eine große, glitzernde Scherbe in der Hand hielt. Sie hatte die Kymatographie zerschlagen!

Wieder griff er nach Hermines Handgelenken und musste sich mit aller Macht beherrschen, um die junge Frau nicht zu schlagen. Die Kraft, mit der er sie festhielt, ließ sie schmerzerfüllt aufschreien. Die Scherbe fiel zu Boden und zerbrach in tausend kleine Stücke.

„Du Närrin!", rief Severus, mühsam seinen Zorn kontrollierend.

„Du würdest mich am liebsten erwürgen, nicht wahr?", keuchte sie und trat wieder dichter an ihn heran. „Tu es!", hauchte Hermine dicht an seinen Lippen. „Ich habe es verdient und werde mich nicht wehren"

Severus spürte, wie das Adrenalin durch seinen Körper gepumpt wurde und die Ader an seiner Stirn pulsierte. Das war nicht Hermine. Nicht sie hatte ihn gerade die Arbeit eines ganzen Tages gekostet. Er musste sie nur festhalten, es würde bald vorbei sein und sie würde sich wieder in die echte Hermine verwandeln. Doch bis dahin konnte er sie nicht ansehen, aus Furcht, schließlich doch noch die Beherrschung zu verlieren.

Mit einem Ruck drehte Severus sie vor sich herum, so dass ihre Arme vor ihrem Körper überkreuzt waren. Bestimmt schob er Hermine vor sich her in ihr Zimmer.

Sie wehrte sich, und er hatte gerade die Zimmertür erreicht, als sie in sich zusammensank.

Severus zögerte, seinen Griff zu lockern. Sie hatte ihn erst gestern mit ihrer Bewusstlosigkeit getäuscht. Mit einer plötzlichen Bewegung ließ er Hermine los- und sie schlug hart auf dem Boden auf.

Diese Bewusstlosigkeit war sicher nicht vorgetäuscht, nicht der Hauch einer Körperspannung hatte ihren Fall gebremst!

Hastig kniete Severus neben Hermine nieder und barg sie vorsichtig in seinen Armen, um sie auf dem Bett abzulegen.

Auf ihrer Stirn bildete sich langsam eine Beule und mit Schaudern sah er die roten Striemen, die sein Griff um ihre Handgelenke hinterlassen hatte. Grell zeichneten sie sich neben den noch nicht gänzlich verheilten Schnittwunden ab, die Hermine sich früher zugefügt hatte.

Was hatte er ihr angetan? Sicher, er hatte sie vor Schlimmerem bewahrt, doch die Zeichen seiner Brutalität an ihrem Körper erschreckten Severus dennoch.

Dort lag sie vor ihm, in einem tiefen erschöpften Schlaf, nachdem der Fluch sie aus seinen Fängen entlassen hatte.

Auch er selbst war erschöpft.

Die Aussicht, die Arbeit des heutigen Tages noch einmal wiederholen zu müssen würgte ihn, und unwillkürlich schweifte sein Blick zum Fenster hinaus. Die blasse Sichel am dunklen Abendhimmel schien ihn zu verhöhnen. ‚Gib es auf!', schien sie ihm zuzurufen. ‚Du kannst es nicht schaffen!'

Mit finsterer Entschlossenheit trat Severus wieder an seinen Labortisch und machte sich daran, einen neuen Versuch vorzubereiten. Die Wut, die noch immer in ihm kreiste, ertränkte er in einem hastig hinuntergestürzten Glas Wein. Es würde seine Bewegungen gerade so weit verlangsamen, wie es nötig war, um die zierlichen Glasgefäße nicht zwischen seinen Fingern zu zerdrücken.

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„Ist es... sehr schlimm?"

Er fuhr herum und sah Hermine im Türrahmen stehen. Sie war blass und das Schuldbewusstsein stand ihr in jede Linie ihres Gesichtes geschrieben. Sie wusste, was sie getan hatte. Die bläulich verfärbte Beule auf ihrer Stirn wiederum erinnerte ihn daran, was er getan hatte.

Severus versetzte den Kymatographen in Bewegung und wandte sich ihr seufzend zu.

„Es kostet mich einen Tag, das Bild zu ersetzen", sagte er schlicht.

Sie wurde noch ein wenig blasser und trat an den Tisch, auf dem noch der Scherbenhaufen lag, den sie verursacht hatte.

Hermine hob eines der Bruchstücke auf.

„Kann man es nicht wieder zusammensetzten? Mit Reparo?", schlug sie schüchtern vor, doch Severus lachte nur unfroh.

„Ich habe es versucht! Es ist leider unmöglich. Du warst sehr gründlich!"

Sie zuckte zusammen und ließ die Scherbe wieder fallen.

Stirnrunzelnd bemerkte er, dass sie sich offenbar geschnitten hatte, denn sie besah sich aufmerksam ihren Finger, aus dem ein einzelner Blutstropfen hervorquoll.

„Zeig her!", brummte Severus und griff nach ihrer Hand, um sich den Schnitt anzusehen.

Hermine fuhr erschrocken zusammen und Severus ahnte, dass sie sich an seine vorhergegangen Misshandlungen erinnerte. Er konnte es an dem Ausdruck ihrer Augen erkennen.

Sofort ließ er sie los und schluckte hart.

„Hermine, es tut mir leid...", begann er, doch sie schüttelte mit einem kleinen Lächeln den Kopf. „Das muss es nicht. Ich bin furchtbar in diesen Momenten und du hast keine andere Wahl"

Sie hielt ihm ihre Hand hin und er wusste, dass sie ihm beweisen wollte, dass sie keine Angst vor ihm hatte, und dass sie ihm sein Verhalten nicht übel nahm.

Behutsam griff er erneut nach ihr und warf einen Blick auf die winzige Wunde.

„Das ist wirklich nichts Schlimmes. Du wirst morgen nichts mehr davon sehen", murmelte er und sein Blick glitt hinauf zu Hermines Stirn. „Die Beule wirst du allerdings sehr wohl noch sehen. Ich wünschte, ich könnte sie mit einem Zauber verschwinden lassen"

Severus unterdrückte das Bedürfnis, mit einem Finger darüber zu streichen. Es war widersinnig. Die Berührung würde ihr Schmerzen bereiten und ihr nicht helfen.

Mit einem Mal wurde ihm bewusst, wie nahe sie vor ihm stand, beinahe so wie vorhin und doch ganz anders. Wenn sie ihn jetzt so berühren würde, wie sie es vor kurzem erst getan hatte…

Hastig ließ er ihre Hand los und machte sich unnötigerweise an seinem Tisch zu schaffen, während Hermine sich auf das Sofa setzte.

Am liebsten wäre er einfach zu Bett gegangen, doch sie wartete auf ihn. Hermine wartete auf seinen Trost und die Gewissheit, dass er ihr nicht übel nahm, was während der Anfälle geschah.

Um Zeit zu gewinnen holte Severus die Flasche Wein hervor und goss zwei Gläser ein, bevor er sich zu ihr setzte.

Er zögerte, sich zurückzulehnen. Sie würde sich wieder an ihn schmiegen, wie sie es jeden Abend tat. Doch die Erinnerung an ihr heutiges Verhalten während des Anfalls war noch zu frisch. Severus wusste, wie ihre Hand sich auf seiner Haut anfühlte...

Wenn er Hermine jetzt in den Armen hielt... er könnte nicht an den Trost denken, den er ihr damit spendete, sondern würde sich wünschen, sie wieder so zu spüren. Nicht das Fluch-Opfer, sondern die Hermine, die jetzt neben ihm saß und die ihn mit einem warmen Ausdruck in den Augen ansehen würde, während sie ihm nahe kam...

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Der klare Himmel, den Severus an den Abenden verfluchte, weil er den zunehmenden Mond so deutlich hervortreten ließ, war Hermine mehr als willkommen, weil sie ihre Spaziergänge am Strand beibehalten konnte.

Es beruhigte sie auf merkwürdige Weise, dass das Meer ewig weiterrauschen würde, egal, was mit ihr passierte. Sie hatte aufgehört, mit sich selbst zu verhandeln. Es blieben nur noch zehn Tage, bis der Fluch unumkehrbar werden würde und sie hatte gestern vermutlich selbst dazu beigetragen, dass Severus es nicht mehr rechtzeitig schaffen konnte.

Heute früh hatte sie begonnen, Briefe an ihre Lieben zu schreiben, die auf den Weg geschickt werden sollten, wenn sie nicht mehr war. Der Gedanke an ihren Schmerz, wenn sie von ihrem Tod erfahren würden, bereitete Hermine Kummer und sie wollte sich bemühen, die Briefe so tröstend wie möglich zu gestalten. Sie sollten nicht trauern. Es würde ihr den Weg, den sie gehen musste, nur noch schwerer machen. Flüchtig war Hermine der Gedanke gekommen, sie noch einmal sehen zu wollen, doch sie verwarf ihn rasch. Sie brauchte all ihre Kraft für sich selbst und sie war ja nicht allein...

Ihr Blick glitt hinüber zu der dunklen Gestalt, die schweigend neben ihr her lief. Sie hatte Severus dazu überredet, sie zu begleiten, weil er sowieso nichts hätte tun können, bis die Kymatographie entwickelt war, und sie hatte gesehen, dass die erzwungene Untätigkeit ihn wahnsinnig machte.

Es hatte gestern lange gedauert, bis er sich endlich so weit beruhigt hatte, dass sie ihm wieder nahe kommen konnte, so wie sie es jeden Abend tat. Es war vermutlich kindisch, dass sie diese Art der Bestätigung brauchte, dass Severus ihr nicht böse war wegen der Dinge, die sie während ihrer Anfälle tat. Es erschreckte Hermine immer noch, im Nachhinein daran zu denken, doch die Stimmen, die sie in diesen Momenten quälten wurden ihr langsam vertraut. Sie wehrte sich nicht mehr gegen sie.

Sie brauchte diese Augenblicke der menschlichen Wärme, um wieder die Sicherheit zu gewinnen, dass die Stimmen logen. Niemand wünschte ihr den Tod und niemand dachte, dass sie ihn verdient hatte.

Und doch würde er kommen. Früher, als sie gedacht und gehofft hatte...

„Was wirst du mit meiner Leiche machen?", fragte sie und sah, wie Severus unter der unvermittelten Ansprache zusammenzuckte.

Er blieb stehen und sah sie an, als wäre sie verrückt geworden.

„Du wirst nicht sterben", grollte er und vergrub seine Hände noch tiefer in den Taschen seiner Jacke.

„Es ist doch sinnlos, sich etwas vorzumachen! Ich will... ich muss wissen..."

Er setzte sich wieder in Bewegung und verfiel in einen Sturmschritt, der es Hermine schwer machte, ihm zu folgen.

„Severus! Bitte!"

Er blieb stehen und wandte sich ruckartig zu ihr um. „Was willst du hören?", rief er aufgebracht. „Dass ich dich im Garten verscharre?"

Hermine biss sich auf die Lippen und überlegte. Was wollte sie hören?

„Es ist nur... ich finde die Vorstellung so furchtbar, dass ich etwas zurücklassen muss. Ich gehe und mein Körper bleibt zurück. Warum ist es nicht anders? Warum kann er sich nicht einfach auflösen, wenn ich ihn nicht mehr brauche? Ich will ihn nicht hier lassen"

Sie konnte sich nicht helfen. Es klang albern, doch der Gedanke quälte sie.

„Ich weiß natürlich, dass ich dann nur noch eine Hülle bin und das es mir wahrscheinlich herzlich egal sein wird, was mit meinem Körper geschieht, aber jetzt ist es mir noch nicht egal", versuchte Hermine zu erklären. „Und das Sterben", fuhr sie nach einem Moment des Nachdenkens fort, „warum ist es so ungewiss? In den Momenten, in denen ich mich danach sehne, ist es mir völlig gleich, ob ich Schmerzen empfinde. Ich will nur noch, dass die Qual sofort aufhört. Aber wenn ich in den wachen Momenten daran denke habe ich Angst. Ich will nicht sterben! Und wenn ich es doch tun muss, dann will ich keine Schmerzen haben. Ich will nicht langsam daran zugrunde gehen, dass ich meine Adern geöffnet habe. Zuzusehen, wie langsam das Leben aus mir rinnt muss schrecklich sein... wenn es tatsächlich passiert... und es ist nicht mehr umzukehren... und ich werde verschwinden und mein Körper wird zurückbleiben..."

Hermine schlang die Arme um sich, um das Schaudern zu unterdrücken, dass sie befiel, als sie diese Gedanken, die sie schon so lange mit sich herumtrug, laut ausgesprochen hörte.

Severus runzelte die Stirn und betrachtete sie, als sähe er sie zum ersten Mal.

„Das klingt verrückt, nicht wahr?", gab Hermine leise zu. „Aber ich..."

„Ich verstehe, was du meinst", unterbrach er sie. „Ich habe die selben Gedanken gehabt", fuhr er langsam fort. „Du weißt von dem Trank, den ich entwickelt habe. Er schenkt einen sanften Tod und löst den Körper anschließend auf, bis nichts mehr übrig bleibt. Ich habe ja niemanden, der sich um meine Leiche kümmern würde und die Vorstellung, wochen- oder monatelang zu zerfallen, bis sich irgendwann mal ein Schafhirte in mein Haus verirrt, hat mir nicht besonders behagt. Ich wollte restlos von dieser Welt verschwinden. Deshalb habe ich ihn so konzipiert..."

Severus verstummte und schien mit sich zu ringen.

„Obwohl es völlig sinnlos ist, weil es nicht passieren wird, verspreche ich dir, dass ich dir den Trank gebe, wenn es doch nötig sein sollte"

Das war... so merkwürdig rührend, dass Hermine einen dicken Kloß in ihrem Hals spürte. Er gab ihr seinen Ausweg!

„Aber was ist dann mit dir?", wisperte sie.

Er lächelte grimmig. „Ich kann ihn neu erschaffen, wenn ich will. Ein weiter Aufschub, nicht mehr"

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tbc

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A/N:

Und wieder an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die „unsignierten" Reviewer und selbstverständlich noch eines an die übrigen! Ihr seid klasse, und ich bin euch sehr dankbar für euer tolles Feedback!

Liebe Grüße von

Tamsyn